Kulturgeschichte und Gegenwartskunst in der Völklinger Hütte

„The True Size of Africa“ ist ein Fest der Sinne, in das einzutauchen eine wahre Freude ist.
Vor 120 Jahren wurde Afrika in der von Otto von Bismarck berufenen Kongokonferenz in Berlin unter den Kolonialmächten territorial einfach aufgeteilt ohne jegliche Beteiligung der einheimischen Bevölkerung. Es folgte die systhematische Ausbeutung des Kontinents und der dort lebenden Menschen.


Jetzt wird Afrika in der Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte in seiner individuellen Schönheit, aber auch mit den aktuellen Problemfeldern künstlerisch völlig neu vorgestellt.
Über zwanzig Künstlerinnen und Künstler mit afrikanischen Wurzeln räumen auf mit Klischees und stereotypen Ansichten. Sie alle haben bereits in der Kunstwelt einen bedeutenden Namen, stellten bei den Biennalen in Venedig und Sharjah, bzw. der Documenta aus. So bietet die bemerkenswerte Ausstellung ein Ensemble qualitativ hochwertiger künstlerischer Positionen, die im Ambiente der Gebläsehalle des Industriedenkmals mit den riesigen Maschinen und Schwungrädern ihre ästhetische Präsenz besonders entfalten.


Eingestimmt durch die afrikanische Version des Steigerliedes von Emeka Ogboh im Pumpenhaus gelangt man zunächst in den Bereich historischer Artefakte auf Afrika, die mittels Media-Guide eine aktualisierte Geschichte Afrikas berichten.


Zwei Kunst-Reihen aus auf flatternde Textilien gedruckten Fotos begleiten auf beiden Seiten den Weg: Zanele Muholys schwarz-weiße Selbstportraits mit skurrilen Frisuren aus Wäscheklammern oder Ladekabeln sind eine Persiflage auf das Klischee, dass afrikanische Menschen stets exotisch aussehen müssen. Die Schönheit der Künstlerin ist jedoch in allen ihrer Arbeiten auch das Plädoyer gegen die verbreitete Diskriminierung afrikanischer Queer-Menschen.



Auf der anderen Hallenseite hängen die Selbstportraits von Omar Victor Diop, der sich in Outfits berühmter Forscher oder Helden abgelichtet hat; stolz, schön und selbstbewusst. Als Gag haben alle ein Sportutensil bei sich; eine Anspielung, dass heutzutage Persons of Color nur als Spitzensportler Weltruhm erlangen können.


Diop integriert in einer anderen Serie auch Fische, Vögel oder Insekten naturecht in seine Fotocollagen. „Viele meiner Landsleute kennen diese Wesen gar nicht aus ihrer Umgebung. Ich möchte ihnen zeigen, wie schön und schützenswert sie sind, so ähnlich wie ein Biologie-Buch.“



Auf der großen Bühne in der Gebläsehalle stehen glitzernde Figuren aus Kostümen der Gruppe Kongo-Astronauts. Sie sind geschmückt mit Elektroschrott aus Platinen, Tastaturen und PC-Bauteilen. Das Thema ist der für die Arbeiter gefährliche Abbau selnener Erden, Kobalt u.a, die unersetzlich für unsere Elektronikindustrie sind. Es folgt deren Ausfuhr in den Rest der Welt und am Ende kommt alles als Elektronikschrott zurück nach Afrika, wo Kinderhände die Urstoffe mühsam recyclen.


Das gleiche Thema der Wirtschaftskreisläufe seltener Bodenschätze will auch Memory Biwa mit ihrer besonderen Sound- Installation im Untergeschoss ansprechen. Sie dekoriert große Schalen mit rotem Sand ihrer Heimat Namibia mit Klängen aus Städten und dem Bergbau.


Auch die weitere TeinehmerInnenliste enthält Namen weltweit etablierter Künstlerinnen und Künstler, die es in den Nieschen der Gebläsehalle überall zu entdecken gilt:
Zum Beispiel Yinka Shonibares Monument einer Dienerin in seinen bekannten farbenprächtigen Stoffen gekleidet.


Auch die Gruppe der Plantagenarbeiter aus Lusanga CATPC steuert 3 Figuren aus Schokolade bei, wie sie sie im Niederländischen Pavillon in Venedig gerade präsentiert.

Natur- und Umweltthemen sind auch in der Dreikanal-Video-Installation von John Akumfrah zu erleben, allerdings nach einem langen Weg bis in die Erzhalle. Der Künstler, der aktuell auch den britischen Pavillon in Venedig bespielt, zeigt Afrika in allen Schönheiten wie riesigen Sonnenbluhmenfeldern oder Elefantenherden, aber auch mit den Problemen von zerstörten Landschaften, gequälten Tieren oder geschundenen Menschen im Bergbau.
So ist der Parcours zwischen den Turbinen und Rädern der Gebläsehalle bis zur Erzhalle eine wahre Augenweide und Quelle wunderbarer Erlebnisse für jeden Kunstfreund ob mit oder ohne Wunsch auf tiefe Hintergrundinformationen.
„The True Size of Africa“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bei Saarbrücken, vom 9. November 2024 bis 17. August 2025





