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„THIS IS NOT A CHURCH“
MANIFESTA16 RUHR, die europäische Wander- Biennale


Josep Bohigas Es ist nicht so sehr die Kunst mit Weltrang, die bei der Manifesta16 im Ruhrgebiet den Focus bildet. Vielmehr steht der zweite Aspekt, den die Gestalter*Innen der Manifesta verfolgen, in diesem Jahr im Vordergrund: Urbane Strukturen sollen durch Kunst unter umfangreicher Mitwirkung der Bevölkerung verändert und damit verbessert werden. Für diese „Urban Vision“ ist Josep Bohigas aus Barcelona, Architekt und Urbanist verantwortlich. Er ist 2026 der „First Creative Mediator“. Lange im Vorfeld führte er umfangreiche Recherchen über die Region nach stadtplanerischen Aspekten durch. Analysen der Verkehrsverbindungen sowie Zugehörigkeiten und Lebenswirklichkeiten der Bewohner*Innen wurden berücksichtigt. Eine Erkenntnis war, dass in den Stadtteilen kaum noch nicht kommerzielle Treffpunkte für Zusammenkünfte existieren.

Markuskirche Essen 
St Marien Essen 
Thomaskirche Bochum Eine Ursache sei, dass die Kirchen, die in der Nachkriegszeit genau für diese Aufgabe in großen Mengen gebaut worden waren, ihre Funktion inzwischen verloren haben. Doch auch im entweihten Zustand sind die verwaisten Kirchen architektonisch interessante, große, kühle Gebäude geblieben, die danach rufen, für das Quartier wiederbelebt zu werden. So entstand das Projekt : „This is not a Church“
Unter den 12 Haupt-Locations finden sich zwei Arten: diejenigen, die Installationen zeitgenössischer Kunst schwerpunktmäßig beinhalten und andere, die vor allem die Partizipation der Menschen aus der Umgebung anlocken möchten.


Abbas Zahed In Duisburg ist die Liebfrauenkirche schon länger eine Stätte für Kultur-Events. Im Zentrum der mächtigen, jetzt weltlichen Oberkirche hat der britisch-iranische Künstler Abbas Zahed eine Art Orgel installiert. Aus ausrangierten Orgelpfeifen mehrerer europäischer Kirchen arrangierte er aufragende Bündel wie Raketenwerfer in einem Kreis. Mit Ingenieurshilfe werden sie mit Luftdruck erneut zum Leben erweckt, jedoch in einer Mischung aus Techno- und Trance-Musik. Das Werk wird ergänzt durch weitere Installationen deformierter Orgelpfeifen, die aus Kriegsgebieten, vor allem der Ukraine stammen und die Geschichte kriegerischer Zerstörung in sich tragen. Eine überwältigende Inszenierung, insbesondere, weil sie so perfekt mit den wagerechten Trompeten-Orgelpfeifen der ursprünglichen Orgel korrespondiert.

Ein künstlerisches Highlight ist auch St. Marien in Essen. Die dunkle Backsteinkirche, die so typisch mit der Ruhrpott-Architektur der Hochöfen und Fördertürme harmoniert, ist im Inneres dunkel wie unter Tage . Es ist ein Trauerspiel, dass sie nur noch auf ihren Abriss wartet. Der erste Gedanke beim Betreten ist: Die Putzkolonne ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Doch der gemischte Schmutz auf dem Boden ist eine bewusste künstlerische Anordnung, die auf den zweiten Blick ein buntes Farbenspiel entfacht, gepaart mit intensivem Duft nach Jasmin und Lavendel.

Mit der Klanginstallation von William Engelen unterhalb der Nischen der früheren Orgel kann und soll jeder Besucher experimentieren. Die Metallröhren ergeben nicht nur ein schönes Bild eines asymmetrischen Vorhanges, sondern sie klingen ausgesprochen harmonisch, obwohl man erfolglos nach einem Prinzip der Hängung sucht.Es sind keine Klaviertasten und keine Tonleitern, doch sie bringen wieder Musik in die Leere des Raumes.

Alicja Kwade 
Fenster in St. Marien Außerdem finden sich in St Marien drei Skulpturen von Alicja Kwade. Es sind Bronze-Abgüsse von aufeinander gestapelten Smartphones, die eine Doppelhelix bilden in Analogie zu unser DNA. Biologisch sind in unseren Genen alle Informationen über uns gespeichert. Doch erfährt man heutzutage nicht mehr über einen Menschen, wenn man sein Smartphone entschlüsselt.

Olaf Metzel Viele hervorragende Kunstwerke sind auch in St.Gertrud im Stadtzentrum von Essen zu finden. Wie St. Marien wurde diese Nicht-Kirche höchst ansprechend von René Block zusammen mit der jungen Kuratorin Leonie Herwig kuratiert. Vor dem Portal fällt der „Security-Tree“ von Halil Altindere sofort ins Auge, der interpretatorisch für sich selbst spricht. Im Inneren hängt im Vorraum ein Wandrelief von Olaf Metzel, ein gefaltetes Aluminiumblech mit einer Fotocollage aus Straßenszenen aus Essen mit dem Titel: „Café Bagdad 2026“. Eyse Erkmen schuf einen gläsernen schalldichten Würfel mit einem großen weißen Flatscreen im Inneren verbunden mit einem Dialog-Programm zum Beichten. Ob dieser KI-Beicht-Stuhl seine besondere entlastende Funktion aber wirklich erfüllen kann?

Nasan Tur , Kirchenbänke vertikal 
Halil Altindee Ein weiterer Bau mit vielen künstlerischen Positionen ist Christ König in Bochum. Hier imponiert die Textil-Installation von Malgorzata Mirga-Tas im Bereich des früheren Altars. Das einfühlsame Video über Derealisation und seelische Dissoziation durch Einsamkeit oder Trauma von Albe Hamiti berührt ebenso auf ganz besondere Weise. Fast monumental wirkt der gefaltete Vorhang an der Längsseite mit verfremdeten Filmszenen aus einem Film von Leni Riefenstahl, gestaltet von Luc Tuymans.

Christ König 
Luc Tuymans In Bochum findet sich die wirklich gelungene Kombination eines Kunstwerks und einer verlockenden Partizipation. Für St. Ludgerus kuratierte Josep Bohigas mit dem Künstlerpaar „Cabosanroque“ eine schicke musikalische Sportanlage. Jeder Fehlschuss auf ein Tor oder Fehlwurf auf einen Basketball-Korb erzeugt schöne Klänge, entweder aus der Orgel oder vom Resonanzboden eines Klaviers.



In Gelsenkirchen gehöhen vier ehemalige Kirchen zur Manifesta16, drei davon bekamen Zusatztitel im Andenken an türkische Gastarbeiter*Innen, die vierte greift Probleme der kurdischen Mitbürger auf. Das klingt befremdlich: ein neues Gemeinschaftszentrum in einem ehemals christischen Gotteshaus in einer Stadt mit über 30% islamischer Bevölkerung? Doch die Manifesta berichtet, dass intensive Umfragen vorrausgegangen seien, die zeigten, dass es keine religionsbedingten Vorbehalte für die Idee gebe.


St Josef, Gelsenkirchen St. Josef in Gelsenkirchen soll im Inneren eine Umwandlung in eine Strandlandschaft zeigen. Penique-Production haben mit Josep Bohegas einen riesigen blauen Folienballon in das Mittelschiff eingelassen und mit einem Gebläse angenehm kalter Luft entfaltet. Der Boden ist mit Sand gefüllt und aus Kirchenbänken wurden Strandmöbel gebaut. Eine schöne Idee, wenn auch nicht so idyllisch, wie auf Zeichnungen vorab simuliert. Doch der Raum wird mit Sicherheit durch weitere Events und feiernde Menschen fröhlich belebt werden.
Leider fehlt dieser Manifesta ein Leuchtturm-Projekt wie es die „Las Tres Chimeneas“ , die drei Schornsteine in Barcelona waren. Das alte Gaskraftwerk bot die Möglichkeit riesige faszinierende Kunstwerke von weit bekannten Künstlern und Künstlerinnen zu präsentieren in einer Umgebung von Sand, Wind und Meer. Schade, dass im Ruhrgebiet nicht einer der so prägenden wunderschönen Bohrtürme für den künstlerischen Hotspot dieser Manifesta genutzt wird.

Gethsemane Kirche Bochum 
Emil Walde: Fenster aus dem Bahnhof Duisburg 
Evita Vasiljeva „Third Place“ Trotzdem ist die Manifesta16 ist ein guter Anlass, einmal in und durch das Ruhrgebiet zu fahren. Für Kunstinteressierte gibt es auch weitere attraktive Ziele: in Duisburg zeigt das Lehmbruck-Skulpturen-Museum z.B. eine Sonder-Show von Anish Kapoor. Die Museen Küppermühle und Folkwang sowie das Aalto-Theater in Essen lohnen sich immer. Und wer mit offenen Augen durch die Region fährt, findet beispielsweise auch in den Zechen Zollverein oder Nordstern Kunst im öffentlichen Raum. Viel Freude bei Ihrer Sommer-Tour 2026!

Anish Kapoor, Lehmbruck Museum Duisburg MANIFESTA16 RUHR, „This is not a Church“, 21.6. bis 4.10.2026, von Duisburg über Essen und Gelsenkirchen bis nach Bochum
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„A Bird That Cannot Land“
Die Kyiv (-Anti-Kriegs-) Biennale landet in Berlin


Als sich 2015 in der Ukraine das „Visual Culture Research Center“ mit Vasyl Cherepanyn gründete und über das Konzept einer neuen Biennale für Kiew diskutierte, lebten die Menschen noch im Frieden. Seit der russischen Invasion im Februar 2022 wurde die Idee hochpolitisch, denn es herrscht seither Krieg in Kyiv. So ist diese besondere Biennale zu einer künstlerischen Anklage geworden: gegen die aggressiven rücksichtslosen Übergriffe Russlands bzw. historisch der früheren Sovjetunion. Der Titel sagt, dass Vögel, die Symbole für Frieden und Freiheit, im Augenblick keinen Ort finden, wo sie sicher landen können. Die Kyiv Biennale musste aus der Kriegsregion ausweichen und ist eine nomadische Ausstellung geworden, die in mehreren europäischen Städten bereits mit unterschiedlichen Schwerpunkten stattfand. Jetzt ist sie im KW-Institut for Contemporary Art in Berlin eindrucksvoll zu sehen.
Künstlerinnen und Künstler visualisieren gelebte Erfahrungen, teils mit starkem dokumentarischen Charakter, teils symbolisch. In einem Bereich, der „Middle-East-Europe“ genannt wird und über den Balkan bis zum Mittelmeer reicht, thematisiert die Biennale Ereignisse, wie Russland mit Gewalt seinen Einflussbereich vergrößern will.
Die Kunstschaffenden stammen aus der Ukraine, der Türkei, Israel, aber auch aus Palästina Vertriebene, aus Kasachstan, dem Libanon, dem Kosovo, Usbekistan, Rumänien, Georgien, Afghanistan und Deutschland.

Hito Steyerl und Philipp Goll sehen bespielsweise auch im Bau der Gas-Pipelines nord stream 1 und 2 einen „Russisch-Deutschen Pipeline-Kolonialismus“. Eine Mehrkanalvideoprojektion thematisiert dies beeindruckend, verstärkt durch eine verschlungene Röhreninstallation im tiefdunklen Raum.


Daneben ergänzt ein Film aus alten Archivaufnahmen ukrainischer Filmemacher aus den 1980ger Jahren diese These. „Where Russia ends“ heißt eine Art Road-Movie durch Sibirien und den Hohen Norden Russlands, die Oleksiy Radynski 2024 mittels umfangreicher Recherche neu interpretieren konnte. Die Sovietunion führte demnach blutige Kämpfe gegen indigene Bevölkerungsgruppen in Sibirien, um zunächst eine lange Eisenbahnstrecke zu bauen und Ressourcen aus der Erde zu gewinnen. Gleichzeitig dienten Siedlerkolonialismus und Umweltzerstörung auch dem Bau der langen Gas-Pipelines.


Im großen Saal führt uns eine Videoinstallation von Lesia Vasylchenko vor Augen, wie der Himmel mit seinen Sternen über der Ukraine all seine romantische Verklärung verloren hat. Was jetzt am Himmel aufleuchtet, sind Drohnen und Geschosse, die totale Bedrohung. Nur im oberen Teil ist ein wenig Morgendämmerung als Hoffnungsschimmer dargestellt. Die unteren Filmausschnitte stammen aus den Jahren 1918 bis 2025.


Auch Afghansitan wurde von der russischen Armee schon in den 1980ger Jahren überfallen. Davon zeugt der Film von Lida Abdul „In Transit“: ein Flugzeugwrack in der Nähe von Kabul und eine Gruppe von Kindern, die darin und darauf klettern und spielen! Für sie handelt es sich nicht um ein Relikt der Gewalt, sondern um einen Ort zum Austoben.


Doch es gibt auch aethetisch schöne, wenn auch nicht unschuldige Kunstwerke in der Ausstellung: von Mona Hatoum erleutet eine sich drehende orientalische Laterne den Raum, die Bilder an die Wände projeziert. Doch es sind keine Ornamente der Gemütlichkeit, sondern bewaffnete Krieger.


Im Obergeschoss finden sich herrlich bunte Glas-Objekte. Doch auch sie sind Symbole für Verlust, Trauer und Schmerz. Nedia Saedi erinnert an eine traurige Statue „Mutter Heimat“, von der sie Körperfragmente wie eine Hand oder einen gesenkten Kopf als Vorbild genommen hat.
Es ist ein besonders bewegender Besuch dieser Anti-Kriegs-Austellung , die uns deutlich klar macht, dass immer noch in Europa, nicht weit von uns entfernt ein aggressiver Krieg mit vielen Opfern herscht.
Initiator und Co-Kurator ist Vasyl Cherepanyn ist auch designierter Kurator der 2027 stattfindenden Berlin-Biennale. Mit der eindrucksvollen Kiyv-Biennale bekommen wir vielleicht schon einen Hinweis, was uns im kommenden Jahr geboten wird.

Vasyl Cherepanyn 
KYIV-Biennial „A Bird That Cannot Land“, 11.6.2026 bis 13.9.2026 im KW-Institut for Contemporary Art, Auguststr. 69, Berlin
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Ein Plädoyer für die Relevanz von Kunst für eine lebendige Demokratie
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt der Kunst „FREIRAUM“ im Schloss Bellevue

Noch nicht ganz fertig….. Riesig prangt das Motto auf dem Dach der Fassade des ranghöchsten Gebäudes unseres Landes: FREIRAUM KUNST. Wie eine Graffito erinnert es an ein Hausbesetzung. Und das ist es auch. Für 2 Wochen besetzt die Kunst das Schloss Bellevue, den Amtssitz des Bundespräsidenten.

Frank Walter Steinmeier hat Bellevue mit Freude der Kunst überlassen. Er betont in seiner Eröffnungsrede seine ausgewiesene Wertschätzung:
„Für mich ist die Ausstellung schon wichtig, weil die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft inmitten der Debatten, die wir führen, etwas in den Hintergrund geraten scheint.
Kunst und Kultur einzuladen, ihre Gedanken, Reaktionen und Kommentierungen zu gesellschaftlichen Fragen gerade auch in wichtigen Veränderungesprozessen beizutragen, das könnte eigentlich zur Selbstverständlichkeit werden, denn demokratische Gesellschaften leben nun mal von unterschiedlichen Stimmen. Kunst macht unterschiedliche Erfahrungen, Prägungen und Lebenswelten sichtbar. Kunst ist in diesem Sinn eben kein Luxus, sondern essentieller Teil der demokratischen Debatte.
Warum? Weil sie wesentliche Erinnerungen bewahrt. Weil sie den Status Quo hinterfragt. Weil sie den Finger in offene Wunden legt und weil sie in ihrer ganz eigenen Nähe zur Realität manchmal überraschende Perspektiven nach vorne holt.
Kunst spürt in Umbruchsituationen schneller als andere, was in der Luft liegt.
Mit anderen Worten: Wir als Gesellschaft, wir brauchen Kunst! Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik und eine Kunst ohne Freiheit verliert gesellschaftliche Relevanz.
Kunst braucht vielleicht auch Gelegenheiten wie diese : die Einladung in den öffentlichen Raum mit der Bitte sich zu den Zäsuren und Veränderungen im Alltag zu Wort zu melden.“
Weiter zur gezeigten Kunst!


Das Dach-Banner wurde von Christian Awe gestaltet, einem der Mitinitiatoren der Ausstellung.
„Blau als die Farbe der Freiheit, der Sehnsucht, des Träumens und im Hintergrund sind die Wasserelemente: Ich male Wasser als Element des Lebens, als Quelle des Lebens, als kraftvolles Element, das aber auch schnell durch die Hände verrinnt, wie aktuell auch die Demokratie, wofür die Grundlage Toleranz und Dialog sind, was wir hier mit der Ausstellung erreichen wollen. „

Anh-Linh Ngo 
Christian Awe Dass diese Ausstellung in kürzester Vorbereitungszeit organisiert werden konnte, ist der Akademie der Künste zu verdanken mit dessen Vizepräsidenten Anh-Linh Ngo als Kurator. Er hatte 2023 auch vielbeachtet den Deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig 2023 kuratiert.

„Die Bundespräsidentin“ 
Männerdebatten Gleich im Foyer stellt El Bocho – der zweite Initiator der Ausstellung -zwei große Gemälde einander gegenüber: auf der einen Seite die fiktive „Bundepräsidentin“. Ihr gegenüber steht ein männlich dominiertes Netzwerk – ohne Köpfe – wie es die Poltik von heute prägt. Im ursprünglichen Zustand hingen an den Wänden die Portraits bisheriger Bundespräsidenten beginnend bei Friedrich Ebert und Theodor Heuss. Warten wir aber jetzt nicht alle gespannt auf unsere erste Präsidentin?
Vom Christopher Lehmpfuhl , dem dritten Initiator sind zwei Bilder im Treppenhaus zu finden. Mit seinem speziellen dick-pastösen Farbauftrag dokumentiert er nochmal leere Hallen und das Amtszimmer des Präsidenten vor der Sanierung.


Der Langhans-Saal im Schloss ist der Ort, wo der Präsident seine Staats-Reden hält. Er durfte nicht künstlerisch verändert werden, da bis zum Einzug in das Interimsgebäude am Spreebogen möglicherweise noch wichtige Ereignisse eine öffentliche Rede notwendig machen.


Doch die Künstlerin Karin Sander stellte stellvertretend Frank-Walter Steinmeier hier als 1:5 3D-Miniatur auf einen Sockel. Es steckt der Denkanstoß darin, das Spannungsfeld zwischen Person und Amt stets zu bedenken. Dabei begeistert die lebensechte Figur die Besucher*Innen offensichtlich, löst aber auch unterschiedliche Emotionen aus.
Auch die bekannte Berliner Künstlerin Katharina Grosse steuert eine Assemblage von Farbtafeln bei. Sehen wir darin ein buntes Flammenmeer? Oder eine Farbexplosion als Gute Wünsche für eine prächtige Neugestaltung des altehrwürdigen Schlosses?

Katharina Grosse 
Boris Mikhailov Wie gute Kunstwerke im Lauf ihres Lebens auch an Bedeutung Veränderungen erleben können, zeigt beispielhaft das Foto von Boris Mikhailov. „Mutter und Kind“ entstand 1990 in der Ukraine auf der Krim. Damals war es ein Ausdruch von Freiheit und Lebensfreude. 2014 anektierte Russland die Halbinsel Krim und greift seit 2022 die ganze Ukraine militärisch an. Das läßt beim heutigen Anblick des Bildes eher Wehmut und Trauer aufkommen.
Gregor Schneider ist bekannt für seine hintergründige Verdoppelung und Bedeutungsänderung schlichter Räume. Er entdeckte, dass in der Nachbarschaft seines Elternhauses in Rheydt das Geburtshaus des NS-Propagandaminister Joseph Goebbels steht. Der Künstler kaufte es, dokumentierte die Räume per Video und entkernte es langsam fein säuberlich. Auch dieser Prozess wurde per Video festgehalten. Die Filmsequenzen entwickeln im Schloss Bellevue, dem Symbol für unsere freiheitliche Demokratie angesichts der grausamen Geschichte, für die Goebbels wesentlich mitverantwortlich war, einen tiefen Gruselfaktor.



Diese und weitere ausgewählte Kunstwerke befinden sich zweifelsohne in einem politischen Umfeld. Doch auch ohne plakative politische Gestaltung können sie zeigen, dass sie politisch sind. Kunst ist in der Lage, bei ihrer Betrachtung in den Menschen neue kreative Gedanken anzustoßen und die brauchen wir für eine lebendige Demokratie. „Freiraum Kunst“ ist ein wichtiges Bekenntnis zur Relevanz von Kunst für unsere Gesellschaft und absolut sehenswert.
„FREIRAUM KUNST- Akademie der Künste goes Bellevue“, 13. – 28. Juni 2026 Schloss Bellevue, Berlin; Zeitfenster-Tickets online zu buchen
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Jon Rafmans geniales digitales Internet-Gruselkabinett
„Main-Stream-Media“ in Düsseldorf


Es sind nur wenige Stufen ins Untergeschoss und schon versinkt man mittendrin: umschlungen vom Boden bis zur Decke in den Tiefen des Internets! Der canadische Künstler Jon Rafman (46) hat die Räume des K21 in Düsseldorf mit Tapeten, Teppichen und Vorhängen ausgelegt, verhängt und verkleidet und überall sind darauf wilde Collagen aus seinen im Netz gesammelten oder selbst generieren Bilder gedruckt. Man läuft auf Abbildungen von Sperrmüll oder Fantasy-Landschaften, sitzt auf Hockern mit fiktiven Gestalten oder in kleinen Boxen, wo das Mainstream -Media-Network des Künstlers läuft.


Nirgends entkommt man der Bilderflut des Internets, bzw des von Rafman umgestalteten Inhaltes der weltweiten Medienwelt. Er zeigt entstellte Fantasie-Tiere ebenso wie ultraschnelle Fahrten durch schwerste Katastrophen: durch Feuersbrünste aus Süd-Californien oder Kaufhäuser, in die Wasserwellen einstürzen. Die Perspektive ist immer so gewählt, dass man selbst mitten drin steht. Handys recken sich hoch, doch niemand flieht.



Jon Rafman nutzt Fotos und Bildsequenzen, die er im Internet findet, für seine Kunst. Beispielweise sammelt er seit 2008 Bilder, die die Google-Street-view-Kameras weltweit aufgenommen haben. Da entstehen völlig zufällig komische oder auch tragische Zufallsaufnahmen. Diese Serie heißt „Nine Eyes“, weil die Kamera auf den Autos 9 Objektive hat, und wurde zuletzt im Louisiana Museum in Kopenhagen gezeigt.



Hier in Düsseldorf sind zusätzlich Videos zu sehen, die Geschichten einzelner Fotos weitererzählen: Ein schrecklicher Autounfall, ein Mann hockt verzweifelt am Fahrbahnrand:

Der Sprecher (Jon) berichtet er habe 10 Jahre später eine E-Mail bekommen, in der sich der Mann vom Straßenrand massiv beschwert, dass er, Jon Rafmann seinen Unfall einfach öffentlich gemacht hat ohne ihn zu fragen. Man erfährt, dass er bei diesem Unfall seine geliebte Freundin verloren hat. Er sei betrunken gefahren und deshalb zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Es folgt eine Todesdrohung gegen den Künstler. Dies alles ist so echt dargestellt, dass man sich fragt, ob diese Geschichte real ist. In der Ausstellungsbeschreibung erfährt man, dass Jon Rafman mit Leuten zusammenarbeitet, die sich Internet-Stories ausdenken. Mittels einer Software, die „Text to Picture“ verarbeitet, entstanden so aus erfundenen Geschichten auch gleich ganze Videos. Jon Rafman bestätigt, dass er mit der Spannung zwischen Realität und Fiktion spielt.



„Dream Journal 2016-2019“ ist ein Animationsfilm in Spielfilmlänge, der schon auf der Biennale in Venedig 2019 faszinierte. Es zeigt eine Mischung aus Träumen und Alpträumen. Eine junge Frau läuft in immer neue surreale Räumen und Landschaften, trifft auf sich wandelnde Gestalten, mal gut, mal verschlingend. Es ist zeitweise idyllisch schön, dann wieder kommt ein gefräßiges Loch und schluckt alles. Es wird sich erbrochen und es fließen Ströme von Bluttropfen. Rafman vermittelt Emotionen wie Angst und Ekel. Doch wie von Geisterhand landet die junge Frau erneut in einer anheimelnden Atmosphäre. Ich hatte mich sehr gefreut, jetzt in Düsseldorf endlich lange Strecken des Films anzuschauen, denn die Grafik ist herrlich kreativ und bildgewaltig. Doch mit zunehmender Dauer hat es Jon Rafman geschafft, dass ich nur noch fliehen wollte. So immersiv eindringlich wirken die Massen an Bildern, die Überflutung gruseliger Szenen, selbst, wenn sie eindeutig technisch, teils mit KI künstlich generiert sind.

KI generiete Stars 
KI generierte Stars Jon Rafman geht von der These aus, dass es keinen Mainstream mehr gibt, weder in der Musik, denn es gibt kein MTV mehr, noch im kollektiven Informationsbereich. Früher, als wir alle Fernsehen schauten, wusste am Montag der Großteil des Landes, was Samstag bei Wetten Dass? gezeigt oder in der Tagesschau berichtet wurde. Inzwischen bedienen sich die Menschen selbst personalisierter Informationsquellen im Internet. Den Künstler interessiert die Wirkung dieser Entwicklung auf eine Gesellschaft. Finden sich noch gemeinsame Themen, über die man spricht oder zerbricht der Individualismus jedes Wir-Gefühl und einen zwischenmenschlichen Zusammenhalt?

Virtuell 
Real 
Virtuell Digitale Techniken gewinnen in der Kunst zunehmend an Bedeutung. Es werden die gleichen Technologien wie in der Gamer-Szene genutzt, jedoch für künstlerische Darstellungen. So entstehen durchaus Kunstwerke als Ausdruck spezifischer Botschaften und Visionen. Digitale Werke wie die von Jon Rafman werden ihren Platz in der Kunstszene zunehmend erobern, ähnlich wie es auch die künstlerische Fotografie vorgemacht hat.
So vereinnahmend und überbordend die Ausstellung in Düsseldorf auch ist , so fantastisch ist es zugleich, sich dieser verrückten Welt außerhalb der Wirklichkeit auszusetzen und sie genussvoll zu erleben. Es ist ein absolut empfehlenswertes Hightlight der Ausstellungen des Sommers. Sehr angenehm wirkt die aufwändige deutsche Untertitelung vieler Filme, die es sehr erleichtert, die Pointen zu verstehen.

Real 
Virtuell Jon Rafman: „Main-Stream-Media” im K21 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf , 30.5.2026 – 27.9.2026
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Venedig 2026: Die Super-Reichen und ihre Palazzi

Lorna Simpson 
Natasha Tontey 
Arthur Jafa: Männlichkeit? Peggy Guggenheim war die erste. Sie zeigte 1948 ihre weltberühmte Avantgarde-Kunstsammlung auf der Biennale und erwarb danach den unvollendeten Palazzo Venier dei Leoni, wo bis heute Ihre Werke präsentiert werden.
Die wohlhabene Amerikanerin wurde inzwischen Vorreiterin eines Trends. Extrem reiche Menschen erwerben prachtvolle Gebäude in Venedig und stellen dort sich und ihren Reichtum in Form wunderbarer zeitgenössischer Kunst zur Schau. Nun gibt es bestimmt schlechtere Investitionen als die aktuelle Kunstszene zu fördern, doch es muss stets bedacht werden, dass wir dort Werke präsentiert bekommen, die dem Geldgeber gefallen. Um die künstlerische Bewertung kümmern sich glücklicherweise weltweit viele -hoffentlich neutrale- Kritiker.

Ateneo Veneto 
Fond. Prada Francois Pinauld folgte 2005 und erwarb den Palazzo Grassi und 2009 die Punta della Dogana. In beiden fantastisch sanierten Gebäuden zeigt der milliardenschwere französische Kunstmäzen wechselnde Glanzstücke zeitgenössischer Kunst.
Das Ca‘ Corner della Regina ist seit 2011 im Besitz der Konzern-Stiftung des Mode-Familienunternehmens PRADA.
Nicolas Berggruen erlangte sein Vermögen als Finanzinvestor, u.a. durch geschickte Geschäfte mit Übernahme und Weiterverkauf von Karstadt. Als Kunstliebhaber kaufte der den Palazzo Diedo 2022, wo er erstmals 2024 in den Monaten der Biennale zeitgenössische Kunst seines Geschmacks präsentierte.
Seit Mai 2025 reiht sich der belgische Modedesigner Dries van Noten in diese illustre Gesellschaft ein, indem er den Palazzo Pisani Moretta erwarb.
Dagegen haben sich die LAS-Stiftung Berlin gemeinsam mit AMOS REX aus Helsinki mit ihrer ultramodernen Installations-Präsentation von Natasha Tontey im Ateno Veneto nur eingemietet. Doch auch der Ursprung dieser beiden Stiftungen basiert auf dem Privatvermögen reicher Mäzene.


Natasha Tontey 
Die Installation besteht zentral aus einem KI-generierten Video „The Phantom Combatants“ und erzählt die Geschichte einer indonesischen Widerstandkämpferin aus den 50ger Jahren. Sie gehörte wie auch die Künstlerin der Minderheit der Minahasan an. Deren Kultur und Souveränität sollen gezeigt und beschützt werden. Die raumfüllende Arbeit entspricht dem Konzept von LAS und Amos Rex, die Kunstwerke fördern, die aktuelle innovative Technologien nutzen. Das Werk erinnert somit durchaus an die Symbolik und Machart der Gamer-Szene. (Nur bis 25.Oktober 2026)
Da die Ausstellungen der Superreichen trotz der kritischen Einstellung ihnen gegenüber dem kunstaffinen Biennale-Publikum in Venedig viel Erlebnis und vorwiegend Freude vermitteln, bekommen sie hier ihre angemessene Aufmerksamkeit.


Im Palazzo Grassi werden zwei Künstler präsentiert. Den größten Raum nehmen auf 3 Etagen die Gemälde von Michael Armitage ein. „The Promise of Change“ ist der Titel der Retrospektive des 1984 in Nairobi geborenen britisch-kenianischen Malers. Bei ihm sind die beiden Welten seiner Herkunft zu erkennen. Seine Mutter stammt aus Kenia, er selbst zog früh in die Heimat des Vaters nach London, wo er studierte. Die Politik, Probleme und Kultur Ostafrikas werden in den Bildern in seinem ganz besonderen Stil qualitativ hochwertig thematisiert. Schade ist, dass wir Besucher*Innen von der Fülle der Werke (wie bereits 2024 mit Julie Mehretu) überflutet und leicht überfordert werden. Es bietet sich an, sich nur 5 bis 6 Werken intensiv zu widmen.


Amar Kanwar Der zweite Künstler im Palazzo Grassi ist Amar Kanwar (1964). Der indische Dokumentar- und Kunst-Filmer hat bereits bei vielen Großausstellungen fantastische Videos gezeigt. Kanwars jüngstes Werk,“The Peacock’s Graveyard“ (2023), ist eine Siebenkanal-Filminstallation, in der fünf märchenhafte Geschichten in kurzen Bildschirmtexten erzählt werden, unterbrochen von bewegten und unbewegten tollen Bildern. Es gibt Stille und Umgebungsgeräusche – von Regen, einem entfernt vorbeifliegenden Jet –, die zusammen mit den Bildern aufgenommen wurden, in Kombination mit Raga-Hip-Hop aus Indien. Bild und Sound bilden ein einnehmendes immersives Erlebnis, das sich einprägt. Achtung: bitte den unscheinbaren Eingang in den dunklen Video-Raum besonders suchen! (bis 22.11.2026)


In der Punta della Dogana begeistert die untere Ebene der US-Amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson (1960) mit ihrer Ausstellung: „Third Person“. Schon der erste große Raum wird von einer Reihe obsidianfarbener Klangschalen eingenommen, die auf Porphyrstapeln stehen und die die Besucher mit einem Schlägel zum Klingen bringen können. An den Wänden reihen sich gespenstische arktische Landschaften in prächtigen Blau- und Eisgrautönen, die zwischen Abstraktion und Realismus schwanken und aus Simpsons Serie „Ice“ (2018–21) stammen. (bis 22.11.2026)



Die Fondazzione Prada zeigt in diesem Jahr Werke von zwei US-Amerikanischen Künstlern. „Helter Skelter“ von Richard Prince und Arthur Jafa bedient sich medialer Bilder und Filme amerikanischer Herkunft, mit denen sie „Männlichkeit“ thematisieren. Vom Malboro-Man bis zu einem Film, in dem sich schwarze und weiße Männer brutal und blutig mätzeln, entsteht vor allem ein Bild toxischer Männlichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Intention der Künstler als Kritik an diesem Männerbild gemeint ist, was jedoch nicht ganz sicher erkennbar bleibt. Im Vergleich zum langweiligen amerikanischen Pavillon in den Giardini ist hier jedoch deutlich mehr Amerika mit Vielseitigkeit und Mehrdeutigkeit zu finden, was erkundet werden sollte. (bis 23.11.2026)

Palazzo Diedo 
Phillippe Parreno Der Palazzo Diedo von Berggruen Arts & Cultures zeigt seine Sammlung unter dem Titel „Strange Rules“. Die Restaurationsarbeiten sind in den letzten 2 Jahren deutlich fortgeschritten, so dass mehr und andere Kunstwerke präsentiert werden können. Ibrahim Mahama, Lee Ufan, Urs Fischer und Carsten Höller haben z.B. Räume dauerhaft gestaltet. Als Neuerwerbung ist ein mobiles Werk von Phillippe Parreno „The Diambulist Humself“ eine besondere Attraktion. Wunderschön ist auch der Innenhof des Gebäudes mit dem Video von Ayoung Kim für jede Art des Zusammentreffens. (Bis 22.11.2026)

Foto links: Steven Shearer 
Mechanisches Schachspiel Die Sensation der Externen Ausstellungen ist in diesem Jahr jedoch der erstmalige Auftritt des belgischen Modedesigners Dries van Noten mit seiner Fondazzione. Schon der Titel könnte das alternative Hauptmotto für die ganze Welt-Kunst-Show sein, die die Biennale in Venedig traditionell nun mal ist: „THE ONLY TRUE PROTEST IS BEAUTY“. Keine Pussi Riot Aktion oder Pro-Palästina-Demonstrationen, sondern „Schönheit“ als Widerstand und Protest: Wie passend, wo gerade die Weltlage so schwierig erscheint, aber auch provokativ. Von der Kunst wird stets eine wichtige Funktion in der Gesellschaft verlangt: sie soll die Probleme der Welt visualisieren, Kritik üben, Diskussionen anstoßen und am liebsten noch alles zum Positiven wenden. „Schönheit“ steht schon lange nicht mehr auf dem Plan. Deshalb ist diese Ausstellung für sich durchaus schon Protest.

Peter Buggenhout 
Zu sehen ist eine Fülle von künstlerischen Gewändern aus der Design-Schmiede von „Comme des Garçons“, des Ursprungs-Lables des Namensgebers, sowie Schmuck von Christian Lacroix. Kontrastiert wird das Bild von z.B. schmutzigen Blech-Skulpturen von Peter Buggenhout oder riesigen Fotos exzentrischer Menschen des Fotografen Steven Shearer. Dazwischen klassisches beeindruckendes Kunsthandwerk wie das mechanische Schachspiel. Ja, das Haus ist überladen mit Kunsthandwerk und optisch kaum zu erfassen, doch mit den beschriebenen Kontrasten ein absolut sehenswertes Erlebnis. (Nur bis 4. Oktober 2026)


Die Spaziergänge durch Venedig sind immer ein besonderes Highlight des Biennale-Besuchs, gespickt mit externen Länderpavillons, aber auch den zunehmenden Collateral-Ausstellungen. Und es gibt noch viel mehr als die hier beschriebenen Palazzi. Also einfach hineingehen und über die Kombination prachvoller alter Gemäuer und Contemporary Art einfach staunen.

Auch großartig: Julian Charrière, Museo Correr 
Julian Charrière, Museo Correr Arte Biennale di Venezia: 9.Mai bis 22.November 2026
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Biennale Venezia 2026: Protest-Rummel und Publikums-Voting


Die leider verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh versprach uns eine ruhige entspannte Ausstellung „In Minor Keys“, also in Moll-Tonarten. Ihr Assistent zitierte sie im Vorfeld: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Die Realität zeigte bei der Eröffnung zunächst das komplette Gegenteil.


Dass Russland und Israel mit ihren Länderpavillons von der Biennale-Organisation zugelassen wurden, obwohl ihre Länder aggressive Kriege führen, geriet weltweit in die Kritik. Die Freiheit der Kunst sollte hoch gehalten werden. Empört reagierte darauf die Fachjury, die über die Preise des Goldenen Löwen entscheiden sollte. Sie bekannten öffentlich, den beiden Ländern auf keinen Fall einen Preis zuzusprechen. Daraufhin kündigte der Künstler des israelischen Pavillons Belu-Simion Fainaru an, rechtliche Schritte zu prüfen. Die Jury trat sofort komplett zurück. Nun ist der Goldene Löwe von Venedig ein hohes Prestige-Objekt, das unbedingt erhalten werden sollte. Die Organisatoren beschlossen daher, ihn in diesem Jahr als absolutes Novum vom Publikum wählen zu lassen und erst am Ende des Events am 22.11.2026 zu übergeben. Tatsächlich bekamen wir als Besucher gestern – der digitalen Ticket- und Einladungs-Vergabe sei Dank – eine Email mit dem Link zur Stimmabgabe. Wir alle sollten diese Chance unbedingt wahrnehmen, denn üblicherweise werden Besucher in der Kunstwelt als völlig unqualifiziert und unwichtig für die Bewertung von Kunst betrachtet.
Lassen Sie uns die Herrausforderung annehmen, nach Venedig fahren und klarstellen, was WIR künstlerisch wertvoll empfinden!


In der Eröffnungswoche machte die Biennale Schlagzeilen mit lauten Protesten vor dem russischen Pavillon. Pussi Riot aus Russland und Femen aus der Ukraine riefen ihre Verurteilung russischer Kriegsführung mit nacktem Oberkörper und farbigen Rauch-Raketen in die Welt: keinerlei leise Molltöne, sondern lautstark voller Empörung. Am Samstag, dem ersten offenen Tag für alle Biennale-Besuchenden hat Russland seinen Pavillon endgültig geschlossen und zeigt jetzt am Eingang Videos der Demonstration der Frauen. Die ganze „Kunst“, die sie aufgebaut hatten, war offensichtlich pure Provokation, zumal die Kuratorinnen Töchter wichtiger Putin-Gefährten sind.
Über dem Ausstellungsgelände und besonders dem israelischen Pavillon, der diesmal im Arsenale liegt, kreisen täglich laut und störend Überwachungshubschrauber. Wie schon seit lämngerem solidarisieren sich viele Menschen aus dem Kunstbereich für die Bevölkerung in Palästina und gegen die zerstörerischen Angriffe der israelischen Armee. Doch wer darf entscheiden, wann eine Gegenwehr nach einem Überfall durch Terroristen unangemessen brutal wird?


Jedenfalls gab es am Freitag, dem 3. der Preview-Tage eine „Streik“-Aktion vieler Kunstschaffenden. Sie schlossen ihre Länderpavillons komplett oder zumimndes ab dem Nachmittag und zogen zu einer Demonstration auf die Via Garibaldi. Dieser „Künstlerstreik“ war ein echtes Novum!


Der südafrikanische Kulturminister hatte seinen Länderbeitrag letztlich komplett verboten, weil hierin auch die Tötung einer palästinensischen Dichterin durch israelische Soldaten thematisiert wird. Juristische Einsprüche waren im Land nicht erfolgreich, doch es fanden sich private Befürworter und Förderer. „Elegy“ von Gabrielle Goliath ist der unter die Haut gehende Klagegesang über brutale qualvolle Femizide in aller Welt, egal aus welchen Gründen. Man sollte es sich unbedingt in der Kirche San Antonin anschauen, wo Ort und Akustik die Wirkung hervorragend unterstreichen.


Für weitere Schlagzeilen sorgte – wie erwartet – der österreichische Pavillon von Florentina Holzinger. Die Künstlerin hatte mit ihren Theaterinszenierungen schon für krasse Bewertungen gesorgt: „feministische Fäkal-Orgien“ hiess es zuvor in der Presse. Solche Vorurteile zogen riesige Menschenmengen beim Opening an. An dem Tag unterstrich der Dauerregen in Venedig die Wasser-Thematik von „Seaworld Venice“ noch zusätzlich. Doch die Reaktionen waren voller Bewunderung für den konsequenten Mut der Performerinnen, körperlich an ihre Grenzen zu gehen. Florentina Holzinger kletterte persönlich nackt am Seil in die große an einem Kran hängende Glocke und aktivierte sie als menschlicher über Kopf hängender Schlegel. Jede Stunde soll eine neue Zeit eingeläutet werden. Weitere Performances im Pavillon mit lebenden Skulpturen an einer Stange sowie Jetski-Kreisen in einem Bassin aus Urin lassen Fragen offen, doch sie hinterließen auch vorwiegend neugierige Bewunderung.


Wer aber allen Skandalen und Protesten zum Trotz einen entspannten Kunstgenuss finden möchte, findet diesen in den kuratierten Hauptausstellungen der Biennale. Beim Betreten des großen Pavillons in den Giardini ist eine erste Reaktion: Wunderbar, dass Kunst auch wieder einfach schön sein darf! Wer sich dann auch darauf einläßt, den Ideen und Konzepten der Künstlerinnen und Künstler nachzuspüren, die Tafeln und den Katalog zu lesen, merkt schnell, welch tiefe Hintergründe in den Darstellungen enthalten sind. Koyo Kouoh hat vorwiegend Künstler*Innen aus dem sogenannten Globalen Süden ausgewählt, deren Namen es verdienen, bekannter zu werden. Dabei sind Präsentation und Kombinationen der Werke großartig gelungen.




Auch in diesem Jahr ist der Besuch der Biennale in Venedig eine spannende Entdeckungsreise durch alles, was Kunst zeigen und auslösen kann. Ein lebendiges unglaublich vielseitiges Erlebnis im zusätzlich fantastischen Ambiente der Lagunenstadt! Außerdem können Sie sich bald auf weitere Berichte hier bei INArtberlin über mehr Highlights in Venedig freuen!
61. Biennale Arte di Venezia: „In Minor Keys“, 9.Mai bis 22.November 2026
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Wir bauen eine neue Welt…
Lina Lapelytés neue kleine Oper

Aufforderung zum (Wieder-) Aufbau! Draußen tobt die Welt: Kriege, Katastrophen, Klimakrise, Chaos. Doch wir haben diese wunderbare Möglichkeit, hier in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs in die umschmeichelnde Atmoshphäre eines immersiven Kustwerkes einzutauchen. Der Duft frisch geschlagenen Holzes durchdringt den Raum und lässt uns die Schönheit der Natur genießen. Auf 400tausend Holzwürfeln können wir flanieren – umschwebt von dem betörenden und beruhigenden Gesang der 12 Performerinnen und Performer aus aller Welt. Sie singen poetische tiefsinnige Verse; ausgewählt, vertont und choreographiert von der litauischen Künstlerin Lina Lapelyté. Währenddessen herrscht ein ständiges Aufbauen und Umgestalten der vielen kleinen Skulpturen aus Holzwürfeln. Niemand steht still, aber alle Bewegungen und Aktionen verlaufen ruhig, gelassen und trotzdem konstruktiv. Auch wir sind aufgerufen, die Szenerie mitzugestalten. Wir fühlen die Struktur des Holzes, greifen und stapeln immer neue Figuren. Es ist fast wie zu Kindergartentagen und eine Situtlion der Entschleunigung, ein meditatives Erleben mit allen Sinnen.

Singende Performer*Innen 
Lina Lapelyté Die Künstlerin wurde bekannt, als sie mit zwei Kolleginnen auf der Venedig-Biennale 2019 den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon für „Sun and Sea“ gewann, einer Inszenierung einer Strand-Szene mit Operngesängen über Klimawandel und Umweltzerstörung, die in ihrer paradoxen Mischung aus Idylle und krasser Problemdarstellung wahrhaft überwältigend war.



In diesem Jahr soll auf der jetzt beginnenden Biennale in Venedig keine Jury über die Preisvergaben entscheiden. Diese ist nach den politischen Debatten über den Ausschluss von Länderbeiträgen Russlands und Israels gemeinsam zurückgetreten. Die Biennale-Leitung entschied, dass das Publikum per Votum die Preisvergabe bestimmen soll, und zwar bis zum Ende des Events im Herbst. Im Grunde eine revolutionäre, spannende Idee, doch den herrlichen litauischen Länderpavillon von 2019 hätte damals kaum eine ausreichende Zahl von Zuschauern für einen Sieg gefunden. Er befand sich versteckt und schwer erreichbar in einem alten Weftgebäude.

Der Titel: „We make Years Out of Hours“ beschreibt die Idee der Langsamkeit in einer hektischen Zeit. Die philosophischen Gedichte der Lieder sind in dem sehr guten übersichtlichen Katalog des Hamburger Bahnhof nachzulesen. Wir brauchen Zeit und Einfühlungsvermögen, um uns auf diese tiefen Gedanken einzulassen, doch es lohnt sich. „Wie weit ist weit?“, „… Ich habe Angst, rauszugehen….“, „Wenn der Krieg vorbei ist….“ Genau für den Augenblick bauen wir schon mal eine neue bessere Welt!
Lina Lapelyté: „We Make Years Out of Hours“, Hamburger Bahnhof, Berlin, 1.Mai 2026 bis 10.Januar 2027
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Kunst oder Klamauk: Beeples „Regular Animals“ in der neuen Nationalgalerie



Sie waren der absolute Hit auf der ART Basel Miami Beach und rasch ausverkauft: die Roboter-Hunde, die mit den Köpfen berühmter MÄNNER herumtappeln, kleine Papiere drucken und ausscheiden. Alles sei eine künstlerische Demonstration, was eine selbstdenkende Künstliche Intelligenz so könne. Die sehr realistischen Köpfe sind neben dem Künstler selbst Andy Warhol, Pablo Picasso, Kim Jong-un, Elon Musk, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos. Zum Gallery Weekend beschert uns die Neue Nationalgalerie diesen witzigen Spaß, der sicher viele Menschen in das Museum lockt.


Beeple und CCB Doch fehlt da nicht zum Unterschied eines Spektakels für Disneyland ein etwas tieferer philosophischer Background? Hierfür hat die großartige Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev im Artist-Talk fast eine Laudatio beigetragen. Aus ihrer Sicht sei die digitale Kunst eine neue relevante Kunst-Richtung. Gefragt, ob sie so etwas auf ihre Documenta eingeladen hätte, meinte sie: aus heutiger Sicht ja. Doch damals habe es keine NFTs o.ä. gegeben. Sie habe 2012 die Zentrierung der Kunst auf den Menschen aufbrechen wollen und eine Wertschätzung anderer belebter und unbelebter Natur bewirken wollen. Das habe ihr die übertriebene Schlagzeile eingebracht, sie fordere ein Wahlrecht für Erdbeeren. Hätte die digitale Technologie mit Smartphones und KI damals schon eine so erhebliche Verbreitung in der Welt gehabt, hätte sie diesen Aspekt sicher gezeigt.

aus „Everydays:
The first 5000 Days“
Beeple-Werk 
Beeple-Werk Wer aber ist Beeple: Mike Winkelmann ist ein US-amerikanischer Web- und Game-Designer, der sehr früh aus Freude digitale Kunst-Werke produziert hat. Über 5000 Tage stellte er täglich kleine aktuelle Bildchen her, die er in einer Collage zusammenstellte, aber nur virtuell als NFT, dieser berühmten Form des nicht greifbaren „Kunstwerkes“, das aber jeder online anschauen kann. Doch NFTs sind auch käuflich: aber nur als Eintrag in ein hoch gesichertes Register und nur mit Kryptowährung zu bezahlen. Man bekommt den Eintrag , „um damit angeben zu können“. Beeples „Everydays: The first 5000 Days“ entstand 2021 und wurde für 69 Millionen Dollar (laut SPIEGEL) versteigert. Es begann ein wahrer Boom von Spekulationen mit NFTs. Auch Kunstgaleristen versuchten, diese neue „Kunst“-Gattung zu vermarkten und erfanden wundersame kreative Erklärungsversuche über den Wertzuwachs. 2025 crashte der NFT-Markt komplett! Die Blase war geplatzt.

Jetzt begeistern also diverse Roboter nicht nur in Ausstellungen, sondern auch z.B. den Bundeskanzler in China. Und werden momentan nicht auch die schrecklichen Kriege mit Drohnen, also fliegenden Robotern geführt, die extrem zerstörerisch sind? Vielleicht gibt es also doch einen sozialpolitischen Hintergrund, der die Hündchen zu einem Kunstwerk mit warnendem Charakter erhebt?
BEEPLE. „Regular Animals“, Neue Nationalgalerie Berlin, NUR vom 29.4. bis 10.5.2026































