Die MANIFESTA16 RUHR ist keine große Biennale


Es ist nicht so sehr die Kunst mit Weltrang, die bei der Manifesta16 im Ruhrgebiet den Focus bildet. Vielmehr steht der zweite Aspekt, den die Gestalter*Innen der Manifesta verfolgen, in diesem Jahr im Vordergrund: Urbane Strukturen sollen durch Kunst unter umfangreicher Mitwirkung der Bevölkerung verändert und damit verbessert werden. Für diese „Urban Vision“ ist Josep Bohigas aus Barcelona, Architekt und Urbanist verantwortlich. Er ist 2026 der „First Creative Mediator“. Lange im Vorfeld führte er umfangreiche Recherchen über die Region nach stadtplanerischen Aspekten durch. Analysen der Verkehrsverbindungen sowie Zugehörigkeiten und Lebenswirklichkeiten der Bewohner*Innen wurden berücksichtigt. Eine Erkenntnis war, dass in den Stadtteilen kaum noch nicht kommerzielle Treffpunkte für Zusammenkünfte existieren.



Eine Ursache sei, dass die Kirchen, die in der Nachkriegszeit genau für diese Aufgabe in großen Mengen gebaut worden waren, ihre Funktion inzwischen verloren haben. Doch auch im entweihten Zustand sind die verwaisten Kirchen architektonisch interessante, große, kühle Gebäude geblieben, die danach rufen, für das Quartier wiederbelebt zu werden. So entstand das Projekt : „This is not a Church“
Unter den 12 Haupt-Locations finden sich zwei Arten: diejenigen, die Installationen zeitgenössischer Kunst schwerpunktmäßig beinhalten und andere, die vor allem die Partizipation der Menschen aus der Umgebung anlocken möchten.


In Duisburg ist die Liebfrauenkirche schon länger eine Stätte für Kultur-Events. Im Zentrum der mächtigen, jetzt weltlichen Oberkirche hat der britisch-iranische Künstler Abbas Zahed eine Art Orgel installiert. Aus ausrangierten Orgelpfeifen mehrerer europäischer Kirchen arrangierte er aufragende Bündel wie Raketenwerfer in einem Kreis. Mit Ingenieurshilfe werden sie mit Luftdruck erneut zum Leben erweckt, jedoch in einer Mischung aus Techno- und Trance-Musik. Das Werk wird ergänzt durch weitere Installationen deformierter Orgelpfeifen, die aus Kriegsgebieten, vor allem der Ukraine stammen und die Geschichte kriegerischer Zerstörung in sich tragen. Eine überwältigende Inszenierung, insbesondere, weil sie so perfekt mit den wagerechten Trompeten-Orgelpfeifen der ursprünglichen Orgel korrespondiert.

Ein künstlerisches Highlight ist auch St. Marien in Essen. Die dunkle Backsteinkirche, die so typisch mit der Ruhrpott-Architektur der Hochöfen und Fördertürme harmoniert, ist im Inneres dunkel wie unter Tage . Es ist ein Trauerspiel, dass sie nur noch auf ihren Abriss wartet. Der erste Gedanke beim Betreten ist: Die Putzkolonne ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Doch der gemischte Schmutz auf dem Boden ist eine bewusste künstlerische Anordnung, die auf den zweiten Blick ein buntes Farbenspiel entfacht, gepaart mit intensivem Duft nach Jasmin und Lavendel.

Mit der Klanginstallation von William Engelen unterhalb der Nischen der früheren Orgel kann und soll jeder Besucher experimentieren. Die Metallröhren ergeben nicht nur ein schönes Bild eines asymmetrischen Vorhanges, sondern sie klingen ausgesprochen harmonisch, obwohl man erfolglos nach einem Prinzip der Hängung sucht.Es sind keine Klaviertasten und keine Tonleitern, doch sie bringen wieder Musik in die Leere des Raumes.


Außerdem finden sich in St Marien drei Skulpturen von Alicja Kwade. Es sind Bronze-Abgüsse von aufeinander gestapelten Smartphones, die eine Doppelhelix bilden in Analogie zu unser DNA. Biologisch sind in unseren Genen alle Informationen über uns gespeichert. Doch erfährt man heutzutage nicht mehr über einen Menschen, wenn man sein Smartphone entschlüsselt.

Viele hervorragende Kunstwerke sind auch in St.Gertrud im Stadtzentrum von Essen zu finden. Wie St. Marien wurde diese Nicht-Kirche höchst ansprechend von René Block zusammen mit der jungen Kuratorin Leonie Herwig kuratiert. Vor dem Portal fällt der „Security-Tree“ von Halil Altindere sofort ins Auge, der interpretatorisch für sich selbst spricht. Im Inneren hängt im Vorraum ein Wandrelief von Olaf Metzel, ein gefaltetes Aluminiumblech mit einer Fotocollage aus Straßenszenen aus Essen mit dem Titel: „Café Bagdad 2026“. Eyse Erkmen schuf einen gläsernen schalldichten Würfel mit einem großen weißen Flatscreen im Inneren verbunden mit einem Dialog-Programm zum Beichten. Ob dieser KI-Beicht-Stuhl seine besondere entlastende Funktion aber wirklich erfüllen kann?


Ein weiterer Bau mit vielen künstlerischen Positionen ist Christ König in Bochum. Hier imponiert die Textil-Installation von Malgorzata Mirga-Tas im Bereich des früheren Altars. Das einfühlsame Video über Derealisation und seelische Dissoziation durch Einsamkeit oder Trauma von Albe Hamiti berührt ebenso auf ganz besondere Weise. Fast monumental wirkt der gefaltete Vorhang an der Längsseite mit verfremdeten Filmszenen aus einem Film von Leni Riefenstahl, gestaltet von Luc Tuymans.


In Bochum findet sich die wirklich gelungene Kombination eines Kunstwerks und einer verlockenden Partizipation. Für St. Ludgerus kuratierte Josep Bohigas mit dem Künstlerpaar „Cabosanroque“ eine schicke musikalische Sportanlage. Jeder Fehlschuss auf ein Tor oder Fehlwurf auf einen Basketball-Korb erzeugt schöne Klänge, entweder aus der Orgel oder vom Resonanzboden eines Klaviers.



In Gelsenkirchen gehöhen vier ehemalige Kirchen zur Manifesta16, drei davon bekamen Zusatztitel im Andenken an türkische Gastarbeiter*Innen, die vierte greift Probleme der kurdischen Mitbürger auf. Das klingt befremdlich: ein neues Gemeinschaftszentrum in einem ehemals christischen Gotteshaus in einer Stadt mit über 30% islamischer Bevölkerung? Doch die Manifesta berichtet, dass intensive Umfragen vorrausgegangen seien, die zeigten, dass es keine religionsbedingten Vorbehalte für die Idee gebe.


St. Josef in Gelsenkirchen soll im Inneren eine Umwandlung in eine Strandlandschaft zeigen. Penique-Production haben mit Josep Bohegas einen riesigen blauen Folienballon in das Mittelschiff eingelassen und mit einem Gebläse angenehm kalter Luft entfaltet. Der Boden ist mit Sand gefüllt und aus Kirchenbänken wurden Strandmöbel gebaut. Eine schöne Idee, wenn auch nicht so idyllisch, wie auf Zeichnungen vorab simuliert. Doch der Raum wird mit Sicherheit durch weitere Events und feiernde Menschen fröhlich belebt werden.
Leider fehlt dieser Manifesta ein Leuchtturm-Projekt wie es die „Las Tres Chimeneas“ , die drei Schornsteine in Barcelona waren. Das alte Gaskraftwerk bot die Möglichkeit riesige faszinierende Kunstwerke von weit bekannten Künstlern und Künstlerinnen zu präsentieren in einer Umgebung von Sand, Wind und Meer. Schade, dass im Ruhrgebiet nicht einer der so prägenden wunderschönen Bohrtürme für den künstlerischen Hotspot dieser Manifesta genutzt wird.



Trotzdem ist die Manifesta16 ist ein guter Anlass, einmal in und durch das Ruhrgebiet zu fahren. Für Kunstinteressierte gibt es auch weitere attraktive Ziele: in Duisburg zeigt das Lehmbruck-Skulpturen-Museum z.B. eine Sonder-Show von Anish Kapoor. Die Museen Küppermühle und Folkwang sowie das Aalto-Theater in Essen lohnen sich immer. Und wer mit offenen Augen durch die Region fährt, findet beispielsweise auch in den Zechen Zollverein oder Nordstern Kunst im öffentlichen Raum. Viel Freude bei Ihrer Sommer-Tour 2026!

MANIFESTA16 RUHR, „This is not a Church“, 21.6. bis 4.10.2026, von Duisburg über Essen und Gelsenkirchen bis nach Bochum