Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt der Kunst „FREIRAUM“ im Schloss Bellevue

Riesig prangt das Motto auf dem Dach der Fassade des ranghöchsten Gebäudes unseres Landes: FREIRAUM KUNST. Wie eine Graffito erinnert es an ein Hausbesetzung. Und das ist es auch. Für 2 Wochen besetzt die Kunst das Schloss Bellevue, den Amtssitz des Bundespräsidenten.

Frank Walter Steinmeier hat Bellevue mit Freude der Kunst überlassen. Er betont in seiner Eröffnungsrede seine ausgewiesene Wertschätzung:
„Für mich ist die Ausstellung schon wichtig, weil die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft inmitten der Debatten, die wir führen, etwas in den Hintergrund geraten scheint.
Kunst und Kultur einzuladen, ihre Gedanken, Reaktionen und Kommentierungen zu gesellschaftlichen Fragen gerade auch in wichtigen Veränderungesprozessen beizutragen, das könnte eigentlich zur Selbstverständlichkeit werden, denn demokratische Gesellschaften leben nun mal von unterschiedlichen Stimmen. Kunst macht unterschiedliche Erfahrungen, Prägungen und Lebenswelten sichtbar. Kunst ist in diesem Sinn eben kein Luxus, sondern essentieller Teil der demokratischen Debatte.
Warum? Weil sie wesentliche Erinnerungen bewahrt. Weil sie den Status Quo hinterfragt. Weil sie den Finger in offene Wunden legt und weil sie in ihrer ganz eigenen Nähe zur Realität manchmal überraschende Perspektiven nach vorne holt.
Kunst spürt in Umbruchsituationen schneller als andere, was in der Luft liegt.
Mit anderen Worten: Wir als Gesellschaft, wir brauchen Kunst! Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik und eine Kunst ohne Freiheit verliert gesellschaftliche Relevanz.
Kunst braucht vielleicht auch Gelegenheiten wie diese : die Einladung in den öffentlichen Raum mit der Bitte sich zu den Zäsuren und Veränderungen im Alltag zu Wort zu melden.“
Weiter zur gezeigten Kunst!


Das Dach-Banner wurde von Christian Awe gestaltet, einem der Mitinitiatoren der Ausstellung.
„Blau als die Farbe der Freiheit, der Sehnsucht, des Träumens und im Hintergrund sind die Wasserelemente: Ich male Wasser als Element des Lebens, als Quelle des Lebens, als kraftvolles Element, das aber auch schnell durch die Hände verrinnt, wie aktuell auch die Demokratie, wofür die Grundlage Toleranz und Dialog sind, was wir hier mit der Ausstellung erreichen wollen. „


Dass diese Ausstellung in kürzester Vorbereitungszeit organisiert werden konnte, ist der Akademie der Künste zu verdanken mit dessen Vizepräsidenten Anh-Linh Ngo als Kurator. Er hatte 2023 auch vielbeachtet den Deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig 2023 kuratiert.


Gleich im Foyer stellt El Bocho – der zweite Initiator der Ausstellung -zwei große Gemälde einander gegenüber: auf der einen Seite die fiktive „Bundepräsidentin“. Ihr gegenüber steht ein männlich dominiertes Netzwerk – ohne Köpfe – wie es die Poltik von heute prägt. Im ursprünglichen Zustand hingen an den Wänden die Portraits bisheriger Bundespräsidenten beginnend bei Friedrich Ebert und Theodor Heuss. Warten wir aber jetzt nicht alle gespannt auf unsere erste Präsidentin?
Vom Christopher Lehmpfuhl , dem dritten Initiator sind zwei Bilder im Treppenhaus zu finden. Mit seinem speziellen dick-pastösen Farbauftrag dokumentiert er nochmal leere Hallen und das Amtszimmer des Präsidenten vor der Sanierung.


Der Langhans-Saal im Schloss ist der Ort, wo der Präsident seine Staats-Reden hält. Er durfte nicht künstlerisch verändert werden, da bis zum Einzug in das Interimsgebäude am Spreebogen möglicherweise noch wichtige Ereignisse eine öffentliche Rede notwendig machen.


Doch die Künstlerin Karin Sander stellte stellvertretend Frank-Walter Steinmeier hier als 1:5 3D-Miniatur auf einen Sockel. Es steckt der Denkanstoß darin, das Spannungsfeld zwischen Person und Amt stets zu bedenken. Dabei begeistert die lebensechte Figur die Besucher*Innen offensichtlich, löst aber auch unterschiedliche Emotionen aus.
Auch die bekannte Berliner Künstlerin Katharina Grosse steuert eine Assemblage von Farbtafeln bei. Sehen wir darin ein buntes Flammenmeer? Oder eine Farbexplosion als Gute Wünsche für eine prächtige Neugestaltung des altehrwürdigen Schlosses?


Wie gute Kunstwerke im Lauf ihres Lebens auch an Bedeutung Veränderungen erleben können, zeigt beispielhaft das Foto von Boris Mikhailov. „Mutter und Kind“ entstand 1990 in der Ukraine auf der Krim. Damals war es ein Ausdruch von Freiheit und Lebensfreude. 2014 anektierte Russland die Halbinsel Krim und greift seit 2022 die ganze Ukraine militärisch an. Das läßt beim heutigen Anblick des Bildes eher Wehmut und Trauer aufkommen.
Gregor Schneider ist bekannt für seine hintergründige Verdoppelung und Bedeutungsänderung schlichter Räume. Er entdeckte, dass in der Nachbarschaft seines Elternhauses in Rheydt das Geburtshaus des NS-Propagandaminister Joseph Goebbels steht. Der Künstler kaufte es, dokumentierte die Räume per Video und entkernte es langsam fein säuberlich. Auch dieser Prozess wurde per Video festgehalten. Die Filmsequenzen entwickeln im Schloss Bellevue, dem Symbol für unsere freiheitliche Demokratie angesichts der grausamen Geschichte, für die Goebbels wesentlich mitverantwortlich war, einen tiefen Gruselfaktor.



Diese und weitere ausgewählte Kunstwerke befinden sich zweifelsohne in einem politischen Umfeld. Doch auch ohne plakative politische Gestaltung können sie zeigen, dass sie politisch sind. Kunst ist in der Lage, bei ihrer Betrachtung in den Menschen neue kreative Gedanken anzustoßen und die brauchen wir für eine lebendige Demokratie. „Freiraum Kunst“ ist ein wichtiges Bekenntnis zur Relevanz von Kunst für unsere Gesellschaft und absolut sehenswert.
„FREIRAUM KUNST- Akademie der Künste goes Bellevue“, 13. – 28. Juni 2026 Schloss Bellevue, Berlin; Zeitfenster-Tickets online zu buchen