Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt in seiner riesigen Haupthalle, die nach langen Monaten der Dunkelheit (Leandro Erlich, Utopia, Julian Charriere) wieder hell und lichtdurchflutet zum Strahlen gebracht wird, eine Zusammenstellung hervorragender Kunstwerke . Keine Frage, dass es ein Genuss ist, sich von Installationen, tollen Videos bis zum entspannenden Schaukeln auf diesen Besuch einzulassen.
„Tell Me Where Home Is“ wird von Künstler*Innen unterschiedlich dargestellt.
Den Empfang bildet Nevin Aladags „Resonator“, eine Skulptur, die aus Musikinstrumenten aller großen Kulturkreise zusammengesetzt ist. Nein, bitte nicht ausprobieren. Der Resonanzkörper entfaltet seinen komplezen vereinigenden Klang nur beim Zusammenspiel erfahrener Musiker.
Beeindruckend ist der Stapel von einer Million deutscher Reisepässe, die Alfredo Jaar wie ein Mahnmal aufgebaut hat: für die einen das Symbol deutscher Bürokratie, für andere jedoch ein Sehnsuchtsprodukt, von dem sie sich Sicherheit und Überleben versprechen. Der Künstler bezieht sich bewundernd auf Angela Merkel, die 2015 während des Bürgerkriegs in Syrien diese Zahl an Flüchtenden aufnahm.
Detail des KunstwerkesTracy ScellingKinder-Workshop
Eine große Wand aus bunten Quadraten zieht in der Halle die Blicke auf sich. Tracy Snelling aus Oakland in den USA baute hier „One Thousand Shacks“, eine liebevoll mit kleinen Videoelementen gespickte bunte senkrechte Art von Favela. Das Museum veranstaltet auch Workshops, wo besonders Kinder angeregt werden, ähnliche Papphäuschen zu gestalten.
Kader Attia bringt mit kiloweisen Gewürzen, besonders Nelken die Erinnerung an seine Herkunft aus Algerien zu Ausstellung. In einem Betonmischer werden sie ständig gemischt und verbreiten so intensiv ihren Duft. Auch Kader Attia blieb nicht in seinem Geburtsland. Er wuchs in Paris auf, lebt viel in Berlin und ist in der Kunst-WELT weltweit neu „beheimatet“. Demnächst kuratiert er die Kochi-Biennale in Indien.
Yael Bartana möchte ihre Leuchtschrift „HOME SICK“ doppeldeutig verstanden wissen. Einerseits gebe es schon HEIMWEH, auch wenn sie Home nicht mehr an einen Ort gebunden fühlt. Auf der anderen Seite könne HOME auch krank = sick machen.
Ein wenig fremdeln läßt einen jedoch, dass unbedingt ein Thema eine Verbindung der Werke erzwingen soll. Gerade „Heimat“ ist in unserem Land ja höchst umstritten und wird teils nationalistisch missbraucht. Die Ausstellungsmacher weichen wohl deshalb auf eine andere Sprache aus und verwenden den englischen Titiel: „Tell me where Home is“. „Home“ kann man als „Zuhause“ übersetzen, was lange nicht dasselbe ist, eher : meine Wohnung, meine Familie, meine Nachbarschaft. Heimat jedoch hat etwas mit tiefer innerer Verwurzelung, mit „der Erde“ zu tun und ist geografisch fest verortet. Da dies jedoch unserer heutigen Lebenssituation global unendlich wenig entspricht, wird es von den Kuratoren einfach zum Plural abgewandelt und verwischt damit den eigentlichen Inhalt. Gesprochen wird plötzlich von „HEIMATEN“. Gemeint sei die Frage, ob sich nach Migration oder auch einfachem Umzug erneut ein Heimatgefühl an einem neuen Ort, in einer neuen Kultur entwickeln kann, ob ein Mensch zwei Heimaten haben könne. Selbst wenn hierzu eine gute Motivation besteht, ist andererseits auch der Clash unterschiedlicher Kulturen vorprogrammiert.
Zugegeben gibt es bei einigen Menschen auch das Phänomen der Traumatisierung durch Verlust von Heimat. Warum aber ist Heimat in Wolfsburg ein Thema? Niemand hier lebt über Jahrhunderte mit einem verwurzelten Heimatgefühl. Als die Stadt nach dem 2.Weltkrieg zur Blüte kam, waren es ehemalige Kriegsgefangene oder Menschen, die aus den Ostgebieten – nicht nur freiwillig – hierher kamen, weil es Arbeit gab. Bald darauf wurden Gastarbeiter aus Italien angeworben, um das VW-Werk und die Stadt aufzubauen. Für sie alle ist Wolfsburg ein Ort geworden, in dem sie gemeinsam gern leben. Es ist eine frische moderne lebendige Stadt mit herausragender zeitgenössischer Architektur und einem ebenso innovativen Kunstmuseum. Doch gerade deshalb ist „Heimat“ hier kein Thema und sollte auch in keinerlei Richtung ideologisch überfrachtet werden.
Alex Müller: Jacke des aus der DDR geflohenen VatersOlaf Metzel :Heimatkunde
Trotzdem: Nehmen Sie sich die Zeit und schauen sich die wunderbaren Werke einzeln an, die alle etwas zu sagen haben: über ihre Herkunft, ihr Lebensgefühl und auch die Chance, sich an unterschiedlichen Orten der Welt absolut wohl zu fühlen.
„Tell Me Where Home Is“ läuft im Kunstmuseum Wolfsburg noch bis 17.Januar 2027
Den Künstler Ibrahim Mahama traf INArtberlin anlässlich der Ausstellung im AMOS Rex in Helsinki. Sein soziales und damit poltisches Engagement in seinem Heimatland Ghana zeichnet ihn besonders aus. Für seine Kunstwerke ist die Verwendung von alltäglich verwendeten gebrauchten Materialen der Arbeitswelt ein Markenzeichen. Mahama ist ein Sammler von Gegenständen, weil er überzeugt ist, dass darin die Geschichte einer Gesellschaft gespeichert ist. Die selbstgebauten Schuhputzkästen der alleinstehenden Frauen ohne soziale Versorgung in Ghana stapelte er zu einer riesigen Wand für „Unlimited“ der ART Basel. Sein individuelles Markenzeichen sind aber Jutesäcke, die mit Aufdrucken, Blei-Plomben, sowie mit dem Schweiß der Sackträger und Salzwasser getränkt von den historischen Handelswegen des Kakaos erzählen. Aktuell finden sich große Nadeln in den Wandverkleidungen, mit denen fleißige Hände Jutesäcke zusammennähten oder reparierten. Doch er verwendet auch runde Metallscheiben, die abgesägten Böden großer Blechschalen, mit denen jeglich Waren in Ghana auf dem Kopf transportiert werden. INArtberlin sprach mit Ibrahim Mahama über Hintergründe seiner Kunst und weitere künstlerische Interventionen.
Die Bedeutung des Materials für die Kunstwerke
INArtberlin: Schön, dass wir uns ausführlich unterhalten können, obwohl du weltweit sehr gefragt bist. Uns interessieren zunächst deine Ideen hinter den Materialien deiner Kunstwerke. Da stehen an erster Stelle die gebrauchten Jutesäcken, mit denen du riesige Gebäude verkleidet hast, beispielsweise in Osnabrück.
Ibrahim Mahama: In ihnen steckt die ganze Geschichte Ghanas. Traditionell wurden diese Säcke zu Beginn des 20. Jahrhunderts während der Kolonialzeit nach Ghana gebracht, um Kakao zu transportieren. Es gab ursprünglich diese Schienenbahnen, auf die die Kakaobohnen in den Säcken geladen und zur Küste geschoben wurden. Dort wurden sie dann auf kleine Boote verladen, die zu Schiffen gerudert und entladen wurden. Dabei kam es jedoch zu Verunreinigungen. Man beachte das Salzwasser! Deshalb wurde der Bau eines Hafens vorgeschlagen, der 1924 in der westlichen Region Ghanas in einer Stadt namens Takrade fertiggestellt wurde. Und das hat die Art und Weise, wie Kakao exportiert wurde, grundlegend verändert. Kakao wurde in Ghana erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts angebaut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Ghana bereits einer der weltweit führenden Kakao-Produzenten. Das hat die wirtschaftliche Lage erheblich verändert. Als Ghana 1957 die Unabhängigkeit erlangte, hielt Kwame Nkrumah es für sehr wichtig, dies auszubauen, etwa durch den Bau von Silos zur Lagerung von Kakaobohnen und anderen Gütern. Doch dazu kam es nie. Deshalb stehen diese Gebäude einfach nur da, wie riesige Geister. Sie sind keine Monster, aber da sie so lange verlassen waren, begann sich in den Gebäuden ein Ökosystem zu entwickeln, auch in Tamale. Als wir das eine Silo für unsere Arbeit bekamen und bagannen, es von der Zuschüttung leer zu schaufeln, fanden wir große Familien von Flughunden. Das sind rieige Fledermäuse, die für Ghana typisch sind.
Blei-Plombe als Siegel der SäckeBöden von TransportschalenFlughunde als Motiv
I.B.: Du sprichst viel über die Vergangenheit.
I.M. Ich denke, es ist unsere Pflicht als Künstler*innen, als Kulturschaffende, das Verlorene aus der Vergangenheit aufzunehmen und es der Zukunft als Geschenk zu überreichen. Vor allem geht es mir um Fähigkeiten des Handwerks und von Produktionsmöglichkeiten. Wenn ich also beim Arbeiten in meinem Atelier bin, geht es um die Frage: Was bedeutet es, in die Vergangenheit zurückzukehren, um ein verlorenes Potenzial wiederzugewinnen – selbst wenn dieses Potenzial von Verfall, Scheitern und Chaos durchdrungen ist? So entwicklele ich meine Projekte zunächst mit der Suche nach den unterschiedlichen Materialien.
„The Harvest-Season“ in Paris , Fondacion Cartier
Ein ebenfalls typisches Zeichen der Kunst von Ibrahim Mahama sind Materialien, die zwar neu hergestellt werden, aber in landestypischer Manufaktur-Tradition. Die Fabriken gibt es nicht mehr, doch er reaktivierte sie extra für seine Arbeiten.
I.B.: Außer dieser Ausstellung in Helsinki ist dein aktuelles Projekt der Großauftrag für die Fondacion Cartier in Paris ab nächster Woche. Was wirst du dort zeigen? Ich habe gehört, es ist auch eine Gruppenausstellung, aber du bist der Chef.
I.M.: Ich würde nicht sagen, dass es eine Gruppenausstellung ist. Es ist keine Einzelausstellung, aber auch keine Gruppenausstellung. Ich sehe es eher als ein gemeinsames Projekt. Natürlich wurde ich vor drei Jahren eingeladen, diese Ausstellung zu gestalten. Zusammen mit dem Direktor, Chris Dercon, und den dortigen Kuratoren überlegten wir, was möglich wäre, um irgendwie die Idee meines Ateliers im Kontext der Fondation Cartier zu gestalten. Tatsache ist, dass mein Atelier ein Raum ist, der anderen Künstler*innen offensteht. Alle Künstler*innen, die ich dazu eingeladen habe, sind Menschen, mit denen ich schon gearbeitet habe oder bereits im Gespräch für eine Zusammenarbeit war: von James Barnor über Zohra Opoku bis hin zu Gideon Appah, CATPC, Dorothy Akpene Amenuke und die anderen. Wir entwarfen ein Zentrum für die Ausstellung für die größeren Interventionen. Das wird wie in meinem Studiokomplex „Das Parlament of Ghosts“. Die vielen traditionellen Hocker auf der Treppenkonstruktion stehen für die „Geister“, die dort Politik machen sollen. Doch wir werden auch mit Besuchern, dies sich dort setzen können, intensive Diskussionen veranstalten. Die weiteren künstlerischen Arbeiten von uns allen werden darum herum aufgebaut.
Die „Sudden Stools“, die Hocker aus dem Süden, von denen, wie ihr wisst, während der Kolonialzeit viele Objekte geplündert wurden. Zum Beispiel im Jahr 1898, als Benin geplündert wurde, war auch das Ashanti-Königreich davon betroffen, ebenso wie viele andere Königreiche. Die meisten dieser Objekte findet man aus ethnografischer Sicht in europäischen Museen. Also habe ich diese Hocker überall gesammelt, sie restauriert und dabei die Narben und alles andere bewahrt, und sie dann zum ersten Mal in dieser Menge nach Europa gebracht. Sie kommen nicht aus einer kolonialen Perspektive. Sie kommen als Geschenk. Denn wir haben dieses Parlament errichtet, das für öffentliche Programme genutzt werden soll. Man kann kommen, sich darauf setzen, um Gespräche zu führen, zu diskutieren oder an Workshops teilzunehmen. Ich wollte also unbedingt ein Werk schaffen, das auch eine andere Beziehung zu diesen Objekten herstellt – Objekte, die den Menschen zwar bekannt sind, aber normalerweise nur aus ethnografischer Perspektive betrachtet werden. Das ist also der Ausgangspunkt.
Dann haben wir in Paris textile Werke, wie wir sie hier im Amos Rex auch zeigen. Weiterhin bauen wir eine Skulptur, die aus die auch Glasobjekten und Terrakottaformen besteht. Und diese Glasobjekte sind grüne Glasflaschen, die aus einer Fabrik stammen, die Kwame Nkrumah Anfang der 60er Jahre errichten ließ. Sie stand im Zusammenhang mit dem Volta-River-Projekt, denn Nkrumahs Hauptziel war die industrielle Revolution, die Autonomie der afrikanischen Industrie. Das Wasserkraftwerk des Stausees erzeugt Strom. Lasst uns Fabriken bauen, lasst uns unsere eigenen Dinge herstellen, lasst uns die Rohstoffe produzieren und die Rohstoffe auf dem Kontinent verarbeiten. Und es gab ein zweites Unternehmen außerhalb des Lebensmittelvertriebs namens Gihok, die Ghana Industrial Holdings Corporation. Sie hatten eine Abteilungsstruktur: Leder, Farbe, Glas. Die Glasabteilung wurde von 1961 bis 1965 aufgebaut. 1966 wurde sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Genau 19 Tage, nachdem Nkrumah seine Fabrik in Betrieb genommen hatte, wurde er gestürzt. Die Fabrik produzierte viele Jahre lang Glasplatten für Gebäude, Glasflaschen für Schnaps, Coca-Cola, Malz, was auch immer. Erst vor fast einem Jahrzehnt, wurde die Fabrik stillgelegt und vor einigen Jahren wegen des Materials, der großen Menge an Eisen, aus dem die Fabrik bestand – als Schrott verkauft.
Die Ausstellung trägt den Titel „The Harvest Season“. Meine Idee war, darüber nachzudenken, was es bedeutet, diese verlorenen Träume, Potenziale und Misserfolge „ernten“ zu können. Also kaufte ich einen Teil der Fabrik und wir brachten ihn nach Tamale in mein Atelier, um ihn dort wieder aufzubauen. Jetzt haben wir diese Teile nach Paris gebracht und einen Teil davon im Cartier wieder aufgebaut. Wenn man also hereinkommt und hindurchgeht, ist die Ausstellung buchstäblich das Fabrikgebäude, das sich innerhalb dieser Architektur befindet. Wir haben auch große Mengen der grünen Glasflaschen für die künstlerischen Installationen verwendet.
Verantwortung der Kunst für die eigene Gesellschaft
I.B..Gibt es weitere Projekte, die du in naher Zukunft planst?
I.M.: Nun, derzeit konzentriert sich meine Arbeit hauptsächlich auf die Frage nach der Erweiterung unseres Kunstinstituts um weitere Gebäude. Ich denke in dem Zusammenhang wirklich darüber nach, was es bedeutet, die Defizite der Geschichte am Beispiel alter Gebäude – irgendwie zu durchbrechen.
Ich denke auch über die Möglichkeiten der Organisations-Form nach, denn wir brauchen alle möglichen Arten von Kunst-Institutionen auf der Welt, aber ganz besonders in Afrika. Bisher gibt nicht viele, weder moderne, noch traditionelle, noch zeitgenössische. Da ist seit kurzem das MOA, das Museum of West African Art in Nigeria, das letztes Jahr eröffnet wurde. Wir brauchen mehr Museen wie dieses. Natürlich ist auch mein Atelier schon seit einigen Jahren tätig, wenn es darum geht, Kunst zu verbreiten und der lokalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir haben sonst noch in Ghana das Nkyinkyim Museum in Accra, aber wir selbst bauen auch noch ein Museum. Weiterhin gibt es das Nairobi Contemporary Art Institut (NCAI) von Michel Armitage. In Lagos gibt es die G.A.S Foundation von Yinka Shonibare für Residenz-Programme und die African Artist Foundation (AAF) mit Azu Nwagbogu. Auch Biennalen: in Lagos und Dakar und vielleicht wird die Johannisburg-Biennale reaktiviert. Wir haben Räume in Sambia, ebenso wie in Uganda. Es ist also sehr interessant im Hinblick darauf, was möglich sein kann, wenn wir plötzlich alle aktiv werden. Doch dazu brauchen wir auch eine neue Generation von Künstler*innen und die müssen WIR erstmal inspirieren und lehren.
Mir ist wichtig, dass Künstler*innen nicht nur daran denken, ihre eigene Praxis zu entwickeln, sondern auch den Aufbau einer neuen Institution als eigenes Kunstwerk zu begreifen. Ich bin der Überzeugung, dass wir Künstler – so prekär es für uns auch sein mag – uns auch bewusst machen müssen, dass es ein extremes Privileg ist, als Künstler tätig zu sein. Als Geschäftsmann kann man reich werden oder viele andere Dinge tun, die in der Welt Sinn ergeben durch Geldverdienen. Doch wenn man erst einmal Künstler geworden ist, ist das schon prekär. Wenn man aber das Glückt hat, mit Kunst Geld zu verdienen, ist das ein kleiner Luxus, der sich aber auch in einem Verantwortungsbewusstsein niederschlagen sollte.
Die Ethik rund um die künstlerische Praxis ist meiner Meinung nach etwas, das in den kommenden Generationen noch etwas stärker in den Vordergrund gerückt werden muss – es geht nicht nur darum, darüber nachzudenken, was die eigene Arbeit für die Kunstwelt und den Kunstmarkt bedeutet, sondern auch darum, was sie für die Welt selbst bedeutet.
Primäre Motivation für die Arbeit in Tamale mit jungen Menschen
I.B.: Wie kamst du eigentlich dazu, ein Zentrum für Kunst in Tamale zu errichten mit einem Schwerpunkt auch auf Bildung von Kindern und jungen Menschen? Was war der Anstoß?
I.M.: Als ich an der Kunsthochschule der Kwame-Nkrumah-Universität für Wissenschaft und Technologie in Kumasi (KNUST) studierte, lag ein starker Schwerpunkt auf Bildung. Unsere Professoren, zum Beispiel unter der Leitung des unglaublichen Professor Karikacha Seidou. Er und vieler seiner damaligen Kollegen hielten es für sehr wichtig, Kunst als ein Geschenk, als Begabung zu betrachten. Aber noch wichtiger ist es für uns, Werke für eine andere Generation schaffen zu können. Wenn man von einem Geschenk spricht, dann ist es auch etwas, das man vererben kann. Es kann gut oder schlecht sein. Aber man kann es auch interpretieren und an die nächste Generation weitergeben. Und wie könnte man die Sicht auf die Welt besser verändern als durch Bildung? Und die bildende Kunst – wir sagen zwar, bei der bildenden Kunst geht es darum, wie wir Kunst sehen, aber eigentlich geht es darum, wie wir die Welt selbst sehen. Wie schafft man in den Köpfen junger Menschen Bilder, die sie dazu bringen, die Welt, in der sie sich befinden, anders zu sehen? Ich stamme zufällig aus Tamale, wurde dort 1987 geboren und bin in Accra aufgewachsen. Doch als ich gerade mein Kunststudium abschloss, führte ich ein Gespräch mit meinem Mentor Karikacha über den Aufbau eines Ateliers. Und ich erinnere mich, dass er zu mir sagte: „Warum baust du nicht ein Atelier im Norden, in Tamale?“ Ich fragte ihn: „Aber wer hätte denn Zugang zu den Werken?“ Und er antwortete: „Stell dir vor, es gibt Kinder, die in diesen Gemeinden leben – und seien es auch nur zwei Kinder. Das Atelier beeinflusst ihre Sicht auf die Welt und verändert dadurch, wie sie ihr Leben im Verhältnis zur Beschaffenheit der Welt betrachten. Das ist als künstlerische Praxis bereits Erfolg genug.“ Das war für mich sehr tiefgreifend. Also beschloss ich: Okay, warum nicht ein Atelier in Tamale bauen?
Also fingen wir an. Die Hauptfrage war: Wie baut man und wie verteilt man seine Zeit? Während des Baus geht es also nicht nur darum, ein Haus zu bauen, es fertigzustellen und dann kommen die Leute, um die Objekte anzuschauen, zu kaufen oder was auch immer. Man arbeitet auch auf einer Art Bauernhof und die Ernte muss dann auch gerecht verteilt werden. Schließlich begann Nkrumah in den 1960er Jahren mit dem Aufbau der Food Distribution Corporation, die der Ernährungssouveränität und vielen anderen Zielen dienen sollte. Für mich war es daher sehr wichtig, darüber nachzudenken, was das bedeutete. Wie vermitteln wir die Sensibilität für Kunst, während wir sie schaffen? Und Kinder sind das beste Beispiel, der beste Weg, dies zu vermitteln, denn wir möchten ihnen die Weitsicht schenken, die Welt auf ganz andere Weise zu sehen, aber auch sich selbst als einen ganz wesentlichen Teil der Welt zu begreifen. Denn die meisten Kunstwerke, die im Globalen Süden entstehen, landen schließlich im Globalen Norden in Ausstellungen. Natürlich befinden wir uns jetzt hier im Amos Rex, einer wunderschönen Ausstellung. Aber manchmal lautet die grundlegende Frage: Wie viele dieser Kunstwerke werden auf dem afrikanischen Kontinent oder an den Orten gezeigt, aus denen diese Werke stammen? Und Kinder, die an diesen Orten aufwachsen – deren Eltern, deren Familiengeschichte und deren Arbeitsbedingungen dazu beitragen, Künstler zu inspirieren, die Formen zu schaffen, die sie schaffen –, würden diese Werke jemals Teil ihrer Bildsprache oder ihres visuellen Vokabulars sein? Und ich denke, genau das ist die Rolle, die das Künstler-Atelier einnehmen soll. Es soll kein einsamer Raum sein, sondern ein politischer Ort, ein Raum, der sich der Hinterfragung öffnet und sich als Raum der Geschenke versteht – so, als wäre er ein Geschenk an die Gesellschaft. Und ich betone noch einmal: Junge Menschen, insbesondere Kinder, sind das beste Geschenk, das wir in dieser Welt jemals haben. Die Zukunft entwickelt sich stets aus der Vergangenheit. Die müssen wir genau betrachten und daraus lernen, sonst wird die Zukunft einfach nur katastrophal.
Wir können also buchstäblich eine Zeitreise unternehmen, in die Vergangenheit zurückkehren und dann Dinge materiell neu gestalten, die es uns ermöglichen die Zukunft anders, ohne die alten Fehler zu gestalten.“
Helsinki Okt. 2026Sharjah Biennale 2023
Dass Ibrahim Mahama über seine Kunst ein Botschafter seines Landes ist und auch ein enthusiastischer Kämpfer für die Kunst ist großartig und mitreißend. Die Investitionen seiner Einkünfte und Preisgelder in die Bildung der jungen Generation in Ghana ist vorbildlich und beweist seine Glaubwürdigkeit.
Die Verleihung des Arnold-Bode-Preises erfolgt am 29.10.2026 in Kassel.
Helsinki, die oft übersehene Hauptstadt Finnlands, überrascht mit einer blühenden zeitgenössischen Kunstszene, die es wert ist, entdeckt zu werden. Die Museen KIASMA, das Helsinki Art Museum (HAM) und besonders das innovative AMOS Rex präsentieren regelmäßig Ausstellungen auf internationalem Niveau. Letzteres, ein bemerkenswertes Beispiel für architektonische Kreativität, ist in den futuristischen Ausstellungsräumen im Untergeschoss einer ehemaligen Kinoanlage aus den 60ern untergebracht, die sich mitten im Herzen der Stadt versteckt.
AMOS REX Foto: Frank Ossenbrink
Aktuell läuft die Gruppenausstellung „The Other Side of the Mountain“, die metaphorisch dazu einlädt, die Kunst jenseits gewohnter Horizonte zu betrachten. Im Mittelpunkt stehen Werke von elf Künstlerinnen und Künstlern mit afrikanischen Wurzeln, die in der internationalen Kunstszene hohes Ansehen genießen. Diese Ausstellung eröffnet einen Dialog über die bemerkenswerten Konzepte und Ideen, die sowohl in Afrika als auch in der afrikanisch geprägten Diaspora entstanden sind.
Allen voransteht Ibrahim Mahama, der 2025 von der englischen Kunstzeitschrift ArtReview bereits als einflussreichste Persönlichkeit der Kunstszene unter den TOP100 ausgezeichnet wurde. Museen und Institutionen reißen sich danach, ihm hohe Auszeichnungen zu verleihen. Zuhause in Ghana bekam er diplomatische Ehren und nächste Woche erwartet ihn Kassel die Vergabe des Arnold-Bode-Preises im Andenken an der legendären Gründer der Documenta. Kurz bevor seine neue riesige Show in der Fondacion Cartier in Paris beginnt, hat sich Helsinki noch Mahamas Teilnahme gesichert.
Für Amos Rex gestaltete er eine Wandverkleidung des breiten einladenden Treppenabganges aus pinkfarbenen Textil-Gummibändern. Zur Herstellung hatte er eine ehemalige Gummifabrik in seiner Heimat Ghana reaktiviert, weil eins seiner vorragigen Anliegen die Erhaltung handwerklicher Fähigkeiten für weitere Generationen ist. Außerdem verwendet Mahama in seinen Kunstwerken stets gebrauchte oft benutzte Materialien aus dem Leben oder den Produktionsstätten seiner Heimat, in diesem Fall Hunderte von großen Nadeln, mit denen die von ihm typischerweise oft verwendeten Jutesäcke zusammengenäht und repariert wurden.
Emeka Ogboh stammt aus Nigeria, lebt aber vorwiegend in Berlin. Seine Kunst-Aktion für diese Ausstellung war die Reise mit einem für Nigerias Hauptstadt Lagos typischen „DANFO-Bus“ von Berlin über Kopenhagen und Stockholm nach Helsinki. Auf dem Weg veranstaltete er kleine fröhliche Events, bei denen Ogboh dem Norden Europas afrikanische Lebensfreude und Kultur nahebringen wollte. Der Dokumentarfilm darüber ist in der Heckscheibe des Busses zu sehen. Emeka Ogboh ist auch bekannt als Bier- Künstler. Sowohl zur Documenta 14 als auch zur Afrika-Ausstellung in der Völklinger Hütte hatte er jeweils eine Biersorte kreiert und brauen lassen („Sufferhead original“ und „ROST“). Für Helsinki schuf er eine eigene Gin-Sorte („Migratory Notes“ von Nordic Premium Beverages). Hier veranstaltet Emeka Ogboh zusätzlich ein Artist-Dinner. Für 45€ werden Tickets verkauft für ein Essen in exklusiver kleiner Runde mit dem Künstler inklusive Gin-Tasting: wieder eine neue inovative Variante eines Kunstwerkes, eine Art „Soziale Plastik“ in der Tradition von Joseph Beuys. Am 27.10.2026 können Tickets über die Museumsseite gebucht werden.
Sandra Mujinga, in der Demokratischen Republik Kongo geboren und mittlerweile in Oslo ansässig, fasziniert mit ihrer Serie „Skin to Skin“. Ihre Werke, die in den athmosphärischen Räumen des AMOS Rex inszeniert sind, spielen mit Sound und Spiegelungen und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Mit ihrem Auftritt bei der Biennale Venedig 2022 hat sie sich bereits international einen Namen gemacht.
Lungiswa Gqunta (Kapstadt)
Diese Ausstellung verdeutlicht, dass afrikanisch geprägte Kunst ein unverzichtbarer Teil der globalen zeitgenössischen Kunstlandschaft ist. „The Other Side of the Mountain“ ist eine Einladung, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen und die Vielfalt und Tiefe der afrikanischen Perspektiven zu schätzen.
Jeanette Ehlers (Dänemark)
Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. März 2027 im AMOS Rex – eine unmissverständliche Gelegenheit, sich mit der dynamischen und transformierenden Kraft der afrikanischen Kunst auseinanderzusetzen. Erleben Sie selbst die beeindruckenden Werke und lassen Sie sich von der kreativen Vision der Künstler inspirieren.
“The Other Side of the Mountain” – Notes from African an Afro-Nordic Perspecties: AMOS REX,14.Okt.2026 -21.März 2027
Christoph Schlingensief (1960-2010) ist bereits 16 Jahre tot, doch es existieren noch viele Devotionalien und Dokumentionen seiner Aktionen, die in den 1990 ger und 2000 der Jahren laut, schrill und intensiv die Gesellschaft irritierten. Hieraus speist sich die neue Ausstellung im Gropiusbau. Seine Auftriite, auch im öffentlichen Raum schockierten und verstörten damals viele Menschen, aber sie bewirkten bei einem künstlerisch interessierten Publikum auch große Bewunderung. Die hemmungslose freche unbändige Energie, die er ausstrahlte und mit der er sich für Themen seiner Zeit einsetzte, waren schon ansteckend. Er nutze hierfür alle möglichen Genres: Film, Theater, Oper, Demonstrationen und Plakatmalerei. Heute würde man sagen: multimediale Performances.
Schnell schleicht sich der Gedanke ein, dass seine Aktionen schwerlich als Kunstwerk einzuordnen sind. Doch spätestens Joseph Beuys hatte den Kunstbegriff ja schon erweitert. In dem Sinn schuf Schlingensief „Soziale Plastiken“. Ihm war dabei die Partizipation der Menschen extrem wichtig. Christoph Schlingensief (1960-2010) war Autor, Künstler und Regisseur. Er wollte sein Publikum nicht beruhigen, sondern überfordern. Seine Kunst sollte Fragen zu Angst, Politik, Religion und gesellschaftlicher Verantwortung stellen.
2003 schuf er die „Church of Fear“, eine parodistische Glaubensgemeinschaft, deren einzige Ideologie der „Glaube an die Angst“ sein sollte. Schlingensief predigte darüber in ritualhaften Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum. Die Idee knüpfte an die Ereignisse von 9/11 an und den Beginn der fragwürdigen Angriffe der USA auf den Irak: beides Ereignisse, die das Ende unserer Illusion weltweiten friedlichen Zusammenlebens erschütterten. Die kleine hölzerne Kirche stand auf der Venedig-Biennale 2003 und ist jetzt im Gropiusbau in Berlin erneut aufgebaut. Sie ist Eyecatcher der großen Schlingensief-Ausstellung und trifft durchaus auch den heutigen Zeitgeist angesichts der aktuellen kriegerischen Handlungen. Ob aber heute noch große Mengen der Gesellschaft von der Aktion der „Church of Fear“ schockiert wären, bleibt mehr als fraglich. Laute Proteste prägen aktuell unsere gesellschaftliche Situation, jedoch im Gegensatz zu Schlingensief nicht nur gegen Ungerechtigkeit und für die Freiheit der Kunst.
Da Schlingensief stets sich selbst als wesentlichen Bestandteil seiner Aktionen inszenierte, sind seine Auftritte nicht wiederholbar. So wirken die Filmeausschnitte in der Ausstellung sehr historisch und können die damalige Energie nicht wirklich nachfühlbar darstellen.
Ein Projekt Schlingensiefs war 1998 die Gründung der Partei „Chance 2000“ zur Bundestagswahl. Das Ziel des Künstlers war, die Sichtbarkeit von Behinderten und anderen Menschen am Rande der Gesellschaft zu vergrößern. Provokative Wahlplakate mit „Wähle dich selbst“ oder „Macht Fehler“ sind Bestandteil der Ausstellung.
1998 war eine progressive politische Zeit. Gerhard Schröder wurde in einer Rot-Grünen Koalition Bundeskanzler. Möglicherweise war Schlingensief auch Vorreiter, eine Parteigründung als künstlerisch kabarettistische Position zu nutzen. Martin Sonneborn gründete 2004 „Die Partei“, die später sogar 2 Sitze im Europa-Parlament bekam. Entstanden aus dem Satire-Magazin TITANIK bot sie politische Agitation ganz in Schlingensief- Tradition.
Christoph Schlingensiefs letztes großes Projekt wurde das Operndorf in Afrika, in Burkina Faso/Westafrika. Er wollte endgültig die Oper aus der Welt priviligierter intellektueller Eliten herauslösen und für Menschen aller Couleur erlebbar machen. Seine Lebenspartnerin Aino Laberenz berichtet anläßlich der aktuellen Ausstellung in Berlin, dass sich das Projekt langsam, aber kontinuiertlich entwickle. Eine Grundschule sei dort auch entstanden, die jetzt sogar offiziell staatlich sei.
War Christoph Schlingensief vielleicht nur ein moderner Hofnarr? Letztlich ist sich die Kunstwelt aber einig geworden über seine Einzigartigkeit als Künstler. Größte Ehre und ein endgültiger Ritterschlag wurde ihm posthum mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Biennale 2011 zuteil. Sein Entwurf einer „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ füllte wie eine Kathedrale den Deutschen Pavillon 2011 mit einem wirklich überfordernden, aber großartigen Konvolut vieler seiner Werke. Die Atmosphäre vermittelte hervorragend die Mischung aus Protest, Traurigkeit und trotzdem Zuversicht. Der Ausspruch Schlingensiefs, der jetzt Titel der Ausstellung ist, entstand zwar in einem anderen Zusammenhang, doch passt er hierzu hervorragend:
„Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine!“
Christoph Schlingensief, Gropiusbau, Berlin , 9.Oktober 2026 bis 17.Januar 2027
Ansprechende Kunst erleben und das in unverbrauchter frischer Luft: das gibt es im hohen Norden Finnlands in der Umgebung von Oulu, der europäischen Kulturhauptstadt Europas 2026.
Antti Laitinen ist einer der bekanntesten Künstler Finnlands. Inartberlin traf ihn im Erholungsgebiet Koiteli Rapids in Kiiminki, nördlich von Oulu. Dort präsentiert er sein künstlerisches Projekt für Oulu 2026. Es ist Teil des „Climate Clock Art Trail“, eine Route zu 7 Orten, an denen Künstler*Innen Werke in beeindruckenden landestypischen Naturgebieten geschaffen haben.
Die Kunstwerke von Antti Laitinen bestehen aus Materialien des Waldes und befinden sich hier direkt in der urtypischen finnischen Natur, mitten in tiefen Wäldern zwischen Felsen, die von strömenden kleinen Flüssen umspült werden.
Antti Laitinens Beitrag sind zwei Arten von Kunstwerken, die er in Kiimiki erstellt hat. So gestaltete er mehrere kreisrunde „Fenster“ aus Ästen, die dauerhaft an ihrem Standort bleiben und so auch weiterleben. Mit primärer Hilfe eines Eisenringes entstanden Rahmen, die unseren Blick auf die dahinterliegenden natürlichen Formationen schärfen. Sie sind wie ein Auge oder ein Schlüsselloch, das unseren Blick neugierig in eine ganz besondere geheimnisvolle andere Welt lenkt. Wir sehen entweder besondere Pflanzenformationen, ein anderes Mal kleine Wasserfälle oder auffällig skurile Felsformationen.
Daneben gestaltete der Künstler auch Kugeln, die aus Ästen geformt und mit einer konzentrierten Lösung aus verschiedenen Flechtensorten getränkt wurden. Je nach Lichteinfall entwickeln sich dort Gebilde wie Bärte aus einem fadenförmigen Geflecht dieser speziellen Lebensform aus einem Pilz, Algen und Bakterien. Sie sind ein sensibler Marker für Umweltbelastungen. Doch in den weiten finnischen Wäldern treffen sie auf ein hervorragendes Millieu für ihr Wachstum und werden so zu einer Art Naturkunstwerk.
Antti Laitinen macht es möglich, dass aus natürlichen Materialien Kunst entsteht, die in ihrer ursprünglichen Umgebung bleibt und mit ihr eine Einheit bildet. Dabei dient das natürliche Sonnenlicht dazu, die Werke je nach Lichteinfall und Tageszeit komplett unterschiedlich erscheinen zu lassen: manchmal werden sie bei trübem Licht fast unsichtbar. Ein anderes Mal glitzern sie mit Tau in der Morgensonne wie von tausenden Glühwürmchen umschwärmt.
Antti Laitinnen stammt aus Oulu, lebt jetzt aber im Süden Finnlands. Er berichtet, dass er eigentliche Fotograf gelernt habe und den Beruf auch politisch ausüben wollte. Doch das wurde ihm zu langweilig, so dass er sich zunehmend konzeptuellen künstlerischen Arbeiten widmete. 2013 nahm er – erstmals auf internationalem Parkett – an der Biennale in Venedig teil. Er zeigte im Finnischen Pavillon drei fast unauffällige Fotografien. Doch um sie herzustellen hatte er im Wald ein Quadrat von 10 x 10 m Bäume gefällt und Waldboden abgetragen. Alle Materialien: Äste, Stämme, Blätter, Nadeln, Moos und Wurzeln sortierte Laitinen fein säuberlich und arrangierte sie grafisch in einem großen Quadrat, das er fotografisch festhielt. „Tree Reconstructions“ war der Titel.
Frage: „Ist es nicht schwierig, Ihre Kunstwerke zu verkaufen?
A.T.: „Nein, die Fotos waren und sind bis heute beliebt. Ein Sammler hat eins in seinem Wohnzimmer hängen und hat mir gerade den Auftrag erteilt, ein rundes „Fenster“ aus den Ästen seiner Bäume im Garten zu konstruieren. Die kreisrunden Gebilde bleiben dann auch – ebenso wie hier im Climate Clock Art Trail- dauerhaft bestehen. Natürlich müssen sie immer wieder nachbearbeitet werden, weil sie sonst zuwachsen, doch das kann später auch jeder Gärtner.“
„Ich möchte keine Natur zerstören. Meine Werke verschärfen einfach den Blick, die Einstellung und Beziehung von uns Menschen zu den Besonderheiten unserer natürlich schönen Umgebung.“
Die Einzelteile der „Tree Reconstruction“ hat der Künstler getrennt viele Jahre aufbewahrt und erst vor kurzem erneut in einem Museum ausgelegt. Im Unterschied zu damals seien nur die grünen Anteile getrocknet und somit deutlich verblasst.
Im EMMA-Museum in Espoo bei Helsinki gab es bis August diesen Jahres einen klingenden Wald von Antti Laitinnen. „Wir haben abgefallene Äste gesammelt, von der Rinde befreit, getrocknet und in kleinere Stücke zerteilt. Die lagen zunächst nur im Atelier herum. Doch ich merkte, dass sie schöne Töne erzeugen, wenn sie aneinander schlagen. So baute ich Ketten daraus, die ich mit einem kleinen Motor an die Decke hängte. Der Motor stammt aus Disco-Kugeln, die sich auch an der Decke hängend drehen. Das Holz klingt sehr natürlich, aber auch geheimnisvoll. Es gefiel dem Museum so gut, dass sie ganz viele davon für ihren großen Raum haben wollten.“
Zum Climate-Clock-Trail gehören noch weitere Natur-Orte, die für Oulu26 mit Kunstwerken bereichert wurden. Zwei davon sind besonders zu erwähnen.
SuperflexRanti Bam
Die nigerianische Künstlerin Ranti Bam zeigt um das Kierikki Science Center in Yli-li Ton-Skulpturen, die sie mit Hilfe ihres ganzen Körpers besonders geformt hat.
Von Superflex aus Dänemark wurde für den Fischereihafen von Oulu eine Skulptur gestaltet, die den Blick auf das Wasser und die Ferne sehr schön umrahmt.
Oulu2026 war neben dem Climate Clock Art Trail und Antti Laitinen außerdem eine Reise wert, weil neben vielen Festen wie der Luftguitarren-Weltmeisterschaft auch das Museum für Moderne Kunst tolle Ausstellungen bietet. So füllte das ganze Haus für mehrere Monate Mode, die nicht wirklich zum normalen Gebrauch gedacht ist, sondern eher als „tragbare Skulpturen“ bezeichnet werden sollte: Kunstwerke aus edlen Stoffen und künstlerischen Accessoires.
Auch der „Environmental Art Trail Pikinen Poloku“ ist zu erwähnen, weil er zufuß ein toller Spaziergang von Kunstwerk zu Kunstwerk ist, von lokalen Künstler*Innen gestaltet.
Der Titel Europäische Kulturhauptstadt ist für alle Städte eine große Chance, aber auch schwierige Herausforderung, denn sie müssen über viele Monate hinweg immer wieder kulturelle Events anbieten. Wie auch 2025 in Chemnitz entstand auch in Oulu der Eindruck, dass sich die lokale Bevölkerung intensiv freute, feierte und erleben durfte, dass kulturelle Projekte eine wunderbare Chance für das zwischenmenschliche Miteinander sind. Gäste aus dem Europäischen Ausland finden jedoch nicht, wie man vielleicht erwarten würde, überregional hoch relevante Kunst in großem Stil. Trotzdem ist es in jedem Jahr eine schöne Möglichkeit, unsere europäischen Nachbarn in all ihrer Besonderheit und ihrem speziellen Lebensraum näher kennenzulernen.
Wir freuen uns jetzt auf 2027 und auf den Besuch in Lettland, in der Küstenstadt LIEPAJA!
Die Lyon-Biennale hat sich – natürlich deutlich kleiner als Venedig – zu einer der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst etabliert. Sie wird in diesem Jahr zum 18. Mal an drei Hauptschauplätzen präsentiert: in den „Les Grandes Locos“ ehemaligen Eisenbahnhallen, im „macLYON: Musée d’art contemporain“ und im „Musée des Tissus et des Arts décoratifs“. Zusätzlich sind einzelne Werke an verschiedenen Orten der Stadt verstreut, wobei das „Musee des Confluence“ als fantastisches Bauwerk am spannendsten ist, auch wenn lediglich drei Werke von Monira Al Qadiri das Foyer schmücken.
Unter dem Titel „Passer d’un rêve à l’autre“ („Von einem Traum zum nächsten gleiten“) kuratierte Catherine Nichols die diesjährige Lyon-Biennale. Sie möchte das Thema Wirtschaft thematisieren und bekam außerdem den Auftrag, einen Schwerpunkt auf Oceanien, insbesondere auf Australien und Neuseeland zu legen. Die Betonung der Länder ist mehrfach erkennbar, doch glücklicherweise befinden sich auch hervorragende Künstler*Innen und Werke aus anderen Weltregionen in der Ausstellung. Das Wirtschaft-Thema ist allerdings schwerer erkennbar. Allerdings möchte Catherine Nichols dies auch metaphorisch interpretieren lassen: „Ökonomie im weiteren Sinn“. „Wir verhandeln den politischen Rahmen zwischen uns nicht aggressiv politisch, sondern widmen uns fundamentalen philosphischen Fragen des Miteinander.“
Angesichts der Fülle der großen Präsentation werden hier ganz subjektiv nur einige wenige Highlights vorgestellt.
Mikhail Karikis bekommt die erste Stelle. Er ist an 3 Orten vertreten, wobei besonders seine großartige Multimedia-Installation, die – perfekt mit Chor und Orchester aufgenommen- sein Projekt „Sound of a Revolution“ dokumentiert. (Musée des Tissus et des Arts décoratifs). Er arbeitete über 2 Jahre in Lissabon mit 50 Jugendlichen, die mit Gesang den Satz „We are together, because…“ wiederholen und unterschiedlich ergänzen. Es geht um Zusammenhalt und die Stärke und Macht, die hierdurch erwächst.
„Es ist wichtig, mit Jugendlichen an so einer Sache für den Gemeinschaftssinn zu arbeiten, bevor sie wählen dürfen. In Portugal haben gerade die Erstwähler rechts gewählt.“ „Ich wurde gewarnt, nicht mit Kindern oder Tieren zu arbeiten, doch gerade die Jugendlichen haben das Projekt wunderbar mit ihren eigenen kreativen Ideen erst vervollständigt. Man sieht ihnen ihr ehrliches Engagement deutlich an.“ Die Inszenierung ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern entwickelte sich während der Arbeit daran auch als wertvolle sozialpädagogische Arbeit.
Mikhail Karikis
Mikhail Karikis ist 1975 in Griechenland geboren, lebte später in New York und London und fand jetzt seinen Lebensmittelpunkt in Lissabon. Seine jungen Protagonisten singen daher auf Portugisisch. Für den Klang- und Performance-Künstler steht Gesang im Mittelpunkt, den er mit Sound und Video ergänzt, um seine Message auszudrücken.
Beim Eintreten in die riesigen „Grandes Locos“ irritiert sofort der Anblick multipler Container, die vermeintlich wahllos im Raum verteilt sind, als ob alles noch nicht fertig arrangiert ist. Dies unterstreicht den „Industrial Look“ des Ortes, denn es ist offensichtlich eine bewußte Austellungsarchitektur, um den Kunstwerken eigene abgegrenzte Areale zu ermöglichen, aber eben keine „White Cubes“ mit dem fragwürdigen Charme von Messeständen. Gerade den Video-Installationen innnerhalb einiger Container bietet sich auf diese Weise ein ungestörter Raum.
Laure Prouvost: Man kann hineingehen in einen riesigen atmenden Organismus. Dabei kommt rasch das Gefühl auf, im Magen eines Wals zu sein, der unseren ganzen Wohlstandsmüll mit den Resten von Meerespflanzen permanent versucht zu verdauen. „Hovering Caress amere“ bedeutet etwa „Eine schwebende Umarmung“. Die Brüsseler Künstlerin (1978) erstellt auch hier wieder eine neue gigantische, faszinierende multitechnologische Installation, wofür sie bekannt ist.
Miguel Rothschild: Der argentinische Künstler, der 1963 in Buenos Aires geboren wurde, stellt den sagenumwobenen Fluss „Rio de la Plata“ seiner Heimat künstlerisch mit seinen Wellen dar, die durch filigrane Aufhängung entstehen. Der spezielle Stoff schimmert je nach Beleuchtung silbrig oder rot. Geschichten erzählen, dass am Ende des Flusses ein riesiger Silbervorrat existiere, der dem Wasser den silbernen Glanz verleiht. Argentinien erhielt seinen Namen übrigens von Argentum (AG) = Silber. Die Annahme großer Silbervorkommen im Land blieb bis heute jedoch unbestätigt. Historisch belegt ist jedoch, dass Gefangene aus Flugzeugen in diese breite Flussmündung fallen gelassen wurden und nie wieder auftauchten. So ist er auch ein blutgetränkter roter Fluss.
Candrani Yulis hat die riesige Halle der Grand Locos mit einer herrlichen Spirale aus Kleiderbügeln und Stoffstreifen verschönert. Die Künstlerin wurde 1995 in Indonesien geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Ihr Werk ist leicht zu interpretieren, denn es entstehen sofort Gedanken an Fließbandarbeit, die bedrohte Textilindustrie, aber auch die Rolle von Frauen als ausgebeutete Näherinnen.
Akwasi Bediako Afrane, geboren 1990 in Ghana, wo er auch heute lebt und arbeitet, schenkt der Lyon-Biennale ein Haus im Haus, das aus lauter Elektroschrott gebaut ist. „Dance of Dialogue“ (2026) nennt er eine Komposition aus den wertlos gewordenen Einzelkomponenten alter elektronischer Geräte. Der Künstler arangiert Kollagen änlicher Bestandteile so, dass sie ein neues rein künstlerisches Ensemble bilden ohne ihre ursprüngliche Funktion. Das macht extrem neugierig, auf Entdeckungsreise durch die Gänge zu wandeln. Müll in Kunst zu verwandeln ist Transformation und eine Form von Nachhaltigkeit. Besucher*Innen können auf Fahrradergometern Strom erzeugen und als Interaktion eine zusätzliche Disco-Illumination einschalten. Außerdem ist dieses Werk richtig anregend, selbst etwas Ähnliches nachzubauen.
Mette Sterre: Ihr Werk bekam den Titel: „Hummelmania Paradise: Extreme Dreams Depend on Teams“ „ Extreme Träume hängen von Teams ab.“ Mette Sterre versetzt uns in ein völlig veraltetes Großraumbüro mit benutzten, leeren Kaffetassen und vertrockneten Planzen. Darin jubeln Figuren menschlicher Mitarbeiter einem Höheren Wesen zu, das als riesige aufgeblasene Hand von der Decke hängt. Der Gott der Bürokratie? Bei einer Performance kommt ein haariges Wesen in den Raum. Es ist der Hummelmann, eine groteske Verwaltungskreatur und ein augenzwinkernder Gott des Büroalltags und Kontrollzwangs. „Er ist zurückgelassen worden, der Gott der Arbeitswelt und des Bürowahnsinns. Sein Freund Mammon ist gestorben, daher gibt es keine Arbeitsplätze mehr und es werden auch keine Büros mehr benötigt.“ So aktuell diese Arbeitsplatz-Situation auf den ersten Blick noch auf uns wirkt, so schnell wird deutlich, wie gerade Büros immer mehr verschwinden zugunsten rein elektronischer Bearbeitung und Archivierung sowie Homeoffice.
Mette Sterre ist1983 in Delft geboren, lebt und arbeitet heute in Amsterdam. Sie arbeitet vorwiegend mit Performance, Skulptur und Installation.
Cathetrine NicholsAlvaro Urbano Natur-Idyll in der Mauer versteckt
Es ist eine Riesenfreude, immer mehr Kunstwerke wie auf einer Schnitzeljagd in den Hallen und in der Stadt verteilt zu entdecken. Mühe macht jedoch, Hinweise zur Bedeutung und Interpretation einzelner Installationen zu finden. Die Schrifttafeln liefern ebenso wie der Katalog nur allgemeine Angaben zum Künstler und höchstens mal den Titel. Wenn man aber Glück hat, begegnet man dem Künstler an seinem Werk und fragt einfach, was absolut inspirierend ist.
Serwah Attafuah Between this World & the NextSelma Selman: Flowers of Life
18. Biennale de Lyon Art contemporain: 19. Sept. – 13. Dez.2026, Lyon, Frankreich
Im Bundeskanzleramt gibt es die berühmte Galerie mit den Portraits der ehemaligen Bundeskanzler und vor kurzem ist jadafür auch das Gemälde von Angela Merkel fertig geworden. Im Bestand der Kunstsammlung des Bundestages gibt es aber zusätzlich Portraits, die ohne staatlichen Auftrag von berühmten Künstlern angefertigt wurden und zwar von besonders prägenden Kanzlerpersönlichkeiten.
Julia Klöckner BundestagspräsidentinAngela Merkel Bundeskanzlerin i.R.
Dass der damals schon hoch gehandelte Maler Oskar Kokoschka Konrad Adenauer portraitierte, ist dem rührigen Galeristen Johannes Wasmuth zu verdanken, der beide dafür gewinnen konnte. Die Bedingung war jedoch, dass das Werk für einen guten Zweck versteigert werden sollte.
In der neuen Ausstellung im Forum Kunst des Bundestags ist Oskar Kokoschkas Adenauer jetzt zu sehen und wird im Kontext anderer Portraits, Zeichnungen und Büsten des Altkanzlers präsentiert. Zur Eröffnung sprach auch Angela Merkel, denn sie ist die „ideelle“ Leihgeberin. Wie jede/r Abgeordnete konnte sie sich aus der Sammlung des Hauses ein Bild für ihre Amtsräume aussuchen. Seit sie Fraktionsvorsitzende der CDU war, begleitet sie das Kokoschka-Gemälde bis heute in all ihre Büros. Frau Merkel erläutert ihre Verbundenheit nicht nur mit dem Gemälde, sondern besonders mit Konrad Adenauer. Seine Entscheidung für die Freiheit der neu gegründeten Bundesrepublik und gegen ein vereinigtes, aber „neutrales“ Deutschland ohne Verankerung im westlichen Wertesystem halte sie bis heute für absolut richtig.
Polaroid
Das zweite besondere Kanzlerportrait der Ausstellung ist kein Gemälde, sondern der farbige Siebdruck von Willi Brandt in der ikonografischen Gestaltung Andy Warhols. Auch er war damals schon ein Star der Kunstszene. Seine Motive suchte Warhol jedoch nach eigenem Ermessen sehr exklusiv aus. So steht Willi Brand in einer Reihe mit Marilyn Monroe, Mick Jagger, Michael Jackson, Jackie Kennedy, Muhammad Ali, aber auch Franz Beckenbauer oder Joseph Beuys. Künstler und Kanzler sind sich nur einmal kurz in einem Hotel begegnet, wo Warhol ihn auf 26 Polaroid-Fotos ablichtete. Eine fertige Grafik wurde wie verlangt für UNICEF versteigert. Zwar hatte die Boulevard-Presse über die Begegnung zwischen dem Friedensnobelpreisträger und und dem amerikanischen Pop-Art-Künstler als Sensation berichtet, doch der Verkaufserlös war nur mäßig. Für die Sammlung des Bundestages war dies jedoch ein Glück für einen günstigen Ankauf.
AdenauerBrandt
Die Geschichte um das später offizielle Portrait Willi Bandts zeigt dagegen deutlich schwierigere Hürden. Helmut Schmidt als Nachfolger musste Brandt mehrmals auffordern, sich einen Maler auszusuchen, wobei zwei Bilder von dem – berechtigt unbekannt bleibenden – Georg Meistermann richtige Reinfälle wurden. Sie sind in der Ausstellung zu sehen, so dass man sich ein eigenes Urteil machen kann. Auch gerade im Kontrast hierzu erkennt man das Geniale an Andy Warhol.
Die von Kristina Volke kuratierte Ausstellung ist nicht nur eine Präsentation zweier Kanzlerbilder, vielmehr entfacht sie Gedanken über den Sinn von Portrait-Malerei angesichts heute verfügbarer Fotografie, Herrschafts-Verehrung , Zeitgeist oder der Identifikation einer Bevölkerung mit ihren gewählten Regierenden.
Extra: Am 5. Januar 2027 wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden.
Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt. Im Forum Kunst des Bundestags, 22. Sept. 2026 – 10.Jan. 2027
In der Berlinischen Galerie eröffnete die koreanische Künstlerin Jeewi Lee (1987) ihre Ausstellung, die ihr der GASAG-Kunstpreis ermöglichte. Er wird aus junge KünstlerInnen vergeben, deren Kunst Schnittstellen zu Wissenschaft und Technik verkörpert.
Bei Jeewi Lee geht es ausschließlich um Sand: den Stoff, der das Silzium für elektronische Geräte ebenso liefert wie auch geliebte Situationen des Lebens prägt, vom Spiel im Sandkasten bis zu entspannten Stunden am Strand. Jeewi Lee ließ einzelne Sandkörner aus aller Welt mit einem bildgebenden MRT-Mikro-Verfahren analysieren und die Daten auf einen 3D-Drucker übertragen. Dieser gestaltete die jetzt vergrößerten Skulpturen aus einer Mischung aus Sand und Weizenkleie als Bindemittel. Zu sehen sind die sehr fragilen Modelle, die zeigen, dass Sand auf keinen Fall aus gleich strukturierten Körnern wie z.B. Kristallen besteht, sondern individuelle komplexe Formen annimmt. Die Projektion von Schichtaufnahmen der MRT-Bilder belegt, dass im Inneren eines Sandkorns auch Hohlräume existieren.
Die Ausstellung ist jedoch nicht nur eine naturkundliche Dokumentation. Vielmehr besticht die Darstellung der Skulpturen durch ästhetische Schönheit, die durch die Installation im Raum zusätzlich gewinnt. Die Beleuchtung in verschiedenen Gelb-Tönen symbolisiert die passende Atmosphäre von Sandstürmen.(1987)
Viele Berliner Kunsthäuser nutzten die Berlin-Art-Week, um ihre Herbstausstellungen zu eröffnen. Diese bleiben uns aber langfristig erhalten. Der Hamburger Bahnhof läd ein zu einem beschaulich contemplativen Besuch eines audiovisuellen Erlebnisses.
Der Japaner Ryuichi Sakamoto (1952-2023) war vorrangig Komponist und Pianist. Er experimentierte viel mit elektronischen Klängen und bekam auch er für den Soundtrack des Films „Der letzte Kaiser“ einen Oskar.
Doch er kombinierte sein Klanggemälde auch mit künstlerischen Videos, gern auch als Gemeinschaftsarbeit mit anderen Künstlern. Zu erleben sind jetzt 7 Werke in 5 Räumen, die genau das Ineinanderfließen der Genres fühlen lassen, wie es der Titel sagt: den Sound sehen und die Zeit hören.
Carten Nicolai, Shiro Takatani und Direktor Sam Baraouil
Besonders eindrucksvoll sind die Arbeiten, die der Dresdner Künstler Carsten Nicolai zur Musik von Sakamoto kombiniert hat.
Eine weitere Installation unter Mitarbeit von Shiro Takatani ist ein Flügel, dem nach Beschädigung im Ukraine-Krieg eine Maschine angepasst wurde, fast wie eine Prothese bei einem Kriegsverletzten.
Ryuichi Sakamoto in Hamburger Bahnhof, Berlin: 11.9.2026 bis 20.6. 2027
Dass Maurizio Cattelan ein gewitzter Tausendsassa in der Kunstwelt ist, war lange bekannt. Doch dass seine Werke in dieser besonderen Konstellation und genau an diesem Ort Berlin eine solch große aktuell politische Brisanz entfalten, bestätigt die hohe Sensibilität des Künstlers für das Zeitgeschehen.
Der Preis der Nationalgalerie ist eine große Ausstellung für den Preisträger und ab heute ist das Geheimnis gelüftet, welche Werke Maurizio Cattelan hierfür mitgebracht hat. Seine Werke sind stets humorvoll, witzig, aber niemals banal. Vielmehr steckt ein tiefer Sinn hinter jeder provokanten Ironie.
Dass viele Werke Cattelans Bezüge zu Deutschland haben, war ihm selbst erst bei der Konzeption der Ausstellung so klar geworden, heißt es. So war es konsequent, dass wir die Ausstellung durch ein 1:5 maßstabsgerecht verkleinertes Brandenburger Tor betreten. Die Ausführung in dunklem Holz mit einer fein ausgearbeiteten grauen Quadriga ist eine meisterliche Handwerksarbeit. Auch werden uns BesucherInnen die geschnitzen Reliefs in den Durchgängen vielleicht erstmals bewußt, weil wir sie auf Augenhöhe betrachten können. Es ist die Herkules-Geschichte. Im Kontrast zum Original nennt Cattelan sein Tor „Purgatory“ = Fegefeuer. Es ist diese Station zwischen Himmel und Hölle, während der nicht klar ist, in welche Richtung es weitergeht.
Hinter diesem Entscheidungs-Tor liegen zunächst in der Blickachse neun Marmor- Figuren wie Verstorbene unter Leichentüchern („All“). Es folgt die Schlüsselfigur der Ausstellung: der kleine kniende Junge, der vor der Installation einer in der Kiste festgenagelten Frauenfigur („Dawn“) an der Stirnseite betet. Die Figur erinnert an eine Kreuzigungsdarstellung. Doch es ist kein unschuldiges Kind, das dort kniet. Wir erkennen das Gesicht Hitlers im Körper eines Kindes, das fast reumütig schüchtern schaut. („Him“). Aber bereut er wirklich, was er verursacht hat? Frappierend ist die Aktualität der Installation gerade heute, wenige Tage nach dem Sieg einer rechtsradikalen Partei in einem – wenn auch winzigen – deutschen Bundesland.
Cattelan meint dazu: „Das Werk ist seit seiner Entstehung 2001 nicht politischer geworden. Die Realität hat sich ihm angenähert.“
Ein neues Werk für Berlin ist ein gefallener Marmor-Adler auf dem Boden („Bones“): riesig, aber doch tot. Die Assoziation mit dem Bundesadler drängt sich vehement auf. Wie bei vielen Arbeiten Cattelans herrschen gleichzeitig Humor und Verstörung nebeneinander.
Vor dem Eingang auf dem Dach trommelt Oskar Matzerat, der Junge, der bei Günter Grass angesichts der schrecklichen Zeit nicht erwachsen werden wollte, auf seiner Blechtrommel („Never“). Hoffentlich weckt er uns alle auf!
Das Dach des Mies van de Rohe -Gebäudes ist von einer riesigen Menge Tauben („People“) besetzt. Wem gehört also die Stadt? Wirklich noch uns Menschen? Als Maurizio Cattelan eine entsprechende Installation in Venedig zeigte, nannte er sie „Tourists“.
Das hängende Pferd ist bereits aus Turin bekannt. Es symbolisiert das geschundene und ermüdete 20. Jahrhundert: „Novecento“. Der Titel bezieht sich aber auch auf den Film von Bernardo Bertolucci, der 1976 den Aufstieg des Faschismus damals in Italien thematisiert.
Brutal und anrührend ist auch „Charlie, don’t surf“. So wie dieses Werk stehen einige weitere eher unscheinbar bis versteckt im Saal: da sind der Feuerlöscher („Dust“), der die echte Asche eines verstorbenen Freundes enthält; außerdem ein beschrifteter Gullideckel vor dem Gebäude und ein Gedicht an der inneren Glaswand. In einer Garderobennische liegen zwei Männerkörper („We“), beide mit dem Gesicht des Künstlers, angezogen nebeneinander in einem Bett. Cattelan sagt dazu: „Manchmal fühle ich mich, als wäre ich zwei Menschen.“ Aber nein, es ist kein Sterbebett, dafür sind die Augen viel zu offen und wach.
Beachtenswert sind auf jeden Fall die Seitenwände, an deren Außenseite eine ausführliche Retrospektive des Künstlers mit niedlichen Miniaturen seiner wichtigsten Werke liebvoll gestaltet wurde.
Ein weiteres neues Werk ist eine große Metallröhre, die regelmäßig wie eine Glocke angeschlagen wird: eine Symbol für die Zeit. Der kleine Hund im Inneren scheint sich aber gut zu fühlen.
Für Cattelan ist die Ausstellung eine inszenierte Kirche: das Gebäude einer Institution, der der Künstler seit seiner Zeit als Messdiener stets kritisch gegenüber steht. Erkennbar ist dies in vielen seiner Kunstwerke, so wie schon damals mit der Figur von Papst Johannes Paul II, der von einem Meteoriten erschlagen wurde.
Es wird nicht allein der Spaßfaktor Maurizio Cattelans Ausstellung zu einem Besuchermagnet machen, sondern es sind kontroverse bis destruktive Kommentare zu erwarten. Kunst hat aber die Aufgabe, wichtige Debatten der Gesellschaft mit künstlerischen Mitteln zu verdeutlichen. Jeglicher Diskurs, der so entfacht wird, sollte hoch willkommen sein.
Maurizio Cattelan: „Night“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 10.Sep.2026 – 7.März 2027