Brillant und Brisant



Dass Maurizio Cattelan ein gewitzter Tausendsassa in der Kunstwelt ist, war lange bekannt. Doch dass seine Werke in dieser besonderen Konstellation und genau an diesem Ort Berlin eine solch große aktuell politische Brisanz entfalten, bestätigt die hohe Sensibilität des Künstlers für das Zeitgeschehen.
Der Preis der Nationalgalerie ist eine große Ausstellung für den Preisträger und ab heute ist das Geheimnis gelüftet, welche Werke Maurizio Cattelan hierfür mitgebracht hat. Seine Werke sind stets humorvoll, witzig, aber niemals banal. Vielmehr steckt ein tiefer Sinn hinter jeder provokanten Ironie.

Dass viele Werke Cattelans Bezüge zu Deutschland haben, war ihm selbst erst bei der Konzeption der Ausstellung so klar geworden, heißt es. So war es konsequent, dass wir die Ausstellung durch ein 1:5 maßstabsgerecht verkleinertes Brandenburger Tor betreten. Die Ausführung in dunklem Holz mit einer fein ausgearbeiteten grauen Quadriga ist eine meisterliche Handwerksarbeit. Auch werden uns BesucherInnen die geschnitzen Reliefs in den Durchgängen vielleicht erstmals bewußt, weil wir sie auf Augenhöhe betrachten können. Es ist die Herkules-Geschichte. Im Kontrast zum Original nennt Cattelan sein Tor „Purgatory“ = Fegefeuer. Es ist diese Station zwischen Himmel und Hölle, während der nicht klar ist, in welche Richtung es weitergeht.



Hinter diesem Entscheidungs-Tor liegen zunächst in der Blickachse neun Marmor- Figuren wie Verstorbene unter Leichentüchern („All“). Es folgt die Schlüsselfigur der Ausstellung: der kleine kniende Junge, der vor der Installation einer in der Kiste festgenagelten Frauenfigur („Dawn“) an der Stirnseite betet. Die Figur erinnert an eine Kreuzigungsdarstellung. Doch es ist kein unschuldiges Kind, das dort kniet. Wir erkennen das Gesicht Hitlers im Körper eines Kindes, das fast reumütig schüchtern schaut. („Him“). Aber bereut er wirklich, was er verursacht hat? Frappierend ist die Aktualität der Installation gerade heute, wenige Tage nach dem Sieg einer rechtsradikalen Partei in einem – wenn auch winzigen – deutschen Bundesland.
Cattelan meint dazu: „Das Werk ist seit seiner Entstehung 2001 nicht politischer geworden. Die Realität hat sich ihm angenähert.“


Ein neues Werk für Berlin ist ein gefallener Marmor-Adler auf dem Boden („Bones“): riesig, aber doch tot. Die Assoziation mit dem Bundesadler drängt sich vehement auf. Wie bei vielen Arbeiten Cattelans herrschen gleichzeitig Humor und Verstörung nebeneinander.
Vor dem Eingang auf dem Dach trommelt Oskar Matzerat, der Junge, der bei Günter Grass angesichts der schrecklichen Zeit nicht erwachsen werden wollte, auf seiner Blechtrommel („Never“). Hoffentlich weckt er uns alle auf!



Das Dach des Mies van de Rohe -Gebäudes ist von einer riesigen Menge Tauben („People“) besetzt. Wem gehört also die Stadt? Wirklich noch uns Menschen? Als Maurizio Cattelan eine entsprechende Installation in Venedig zeigte, nannte er sie „Tourists“.
Das hängende Pferd ist bereits aus Turin bekannt. Es symbolisiert das geschundene und ermüdete 20. Jahrhundert: „Novecento“. Der Titel bezieht sich aber auch auf den Film von Bernardo Bertolucci, der 1976 den Aufstieg des Faschismus damals in Italien thematisiert.



Brutal und anrührend ist auch „Charlie, don’t surf“. So wie dieses Werk stehen einige weitere eher unscheinbar bis versteckt im Saal: da sind der Feuerlöscher („Dust“), der die echte Asche eines verstorbenen Freundes enthält; außerdem ein beschrifteter Gullideckel vor dem Gebäude und ein Gedicht an der inneren Glaswand. In einer Garderobennische liegen zwei Männerkörper („We“), beide mit dem Gesicht des Künstlers, angezogen nebeneinander in einem Bett. Cattelan sagt dazu: „Manchmal fühle ich mich, als wäre ich zwei Menschen.“ Aber nein, es ist kein Sterbebett, dafür sind die Augen viel zu offen und wach.


Beachtenswert sind auf jeden Fall die Seitenwände, an deren Außenseite eine ausführliche Retrospektive des Künstlers mit niedlichen Miniaturen seiner wichtigsten Werke liebvoll gestaltet wurde.


Ein weiteres neues Werk ist eine große Metallröhre, die regelmäßig wie eine Glocke angeschlagen wird: eine Symbol für die Zeit. Der kleine Hund im Inneren scheint sich aber gut zu fühlen.
Für Cattelan ist die Ausstellung eine inszenierte Kirche: das Gebäude einer Institution, der der Künstler seit seiner Zeit als Messdiener stets kritisch gegenüber steht. Erkennbar ist dies in vielen seiner Kunstwerke, so wie schon damals mit der Figur von Papst Johannes Paul II, der von einem Meteoriten erschlagen wurde.
Es wird nicht allein der Spaßfaktor Maurizio Cattelans Ausstellung zu einem Besuchermagnet machen, sondern es sind kontroverse bis destruktive Kommentare zu erwarten. Kunst hat aber die Aufgabe, wichtige Debatten der Gesellschaft mit künstlerischen Mitteln zu verdeutlichen. Jeglicher Diskurs, der so entfacht wird, sollte hoch willkommen sein.



Maurizio Cattelan: „Night“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 10.Sep.2026 – 7.März 2027









































































































































































