Biennale Venedig 2026 Bemerkenswerte Pavillons / Bemerkungen über Pavillons

Eine Tradition der Biennale in Venedig sind die Pavillons, die von über 100 Ländern der Welt eigenverantwortlich mit Kunst bestückt und einem Wettbewerb ausgesetzt werden. Dies gilt als „Kunst-Olympiade“ und wird immer wieder heiß kritisiert. Ist solch ein Prinzip heute nicht zu nationalistisch? Passen freie Kunst und Zuordnung zu einem Staat und seiner Politik überhaupt zusammen? Es gibt ja im Vergleich zum Sport keine messbaren Bewertungskriterien!

In diesem Jahr prallten diese unterschiedlichen Positionen – wie bereits berichtet – im Vorfeld und zur Eröffnung mit multiplen politisch motivierten Protestaktionen erneut aufeinander. Doch es gibt auf der Weltkunstausstellung auch Pavillons, deren Kunst hervorragend heraussticht.

LETTLAND/LATVIA:

Ein Paradebeispiel, wie die Geschichte und Gegenwart eines Landes künstlerisch präsentiert werden kann, ist der Pavillon von Lettland/Latvia (Arsenale). Industrielle Kleiderständer sind in großer Menge eng zusammengestellt, künstlerisch verbogen, verknotet oder stolz in die Höhe ragend, versetzt mit symbolischen Accessoires: leere Kleiderbügel, Stoffe mit gedruckten Fotos der revolutionären Bewegung der 90ger Jahre, kleine Metallvögel. Vögel sind die Zeichen der Freiheit, doch Freiheit bekommt man nicht geschenkt, sondern muss immer wieder dafür kämpfen.   Der Künstler und Dozent für Textildesign der Uni Riga Bruno Birmanis hatte Ende der 80ger Jahre die „Untamed Fashion Assemblies“ (ungezähmte Modeschauen) gegründet. Die Gruppe veranstaltete wilde Shows mit verrückten provokativen Textil-Kunstwerken. Junge Menschen liefen bei lauter Musik tanzend auf den Straßen über Barrikaden oder Riesen-Traktoren. Hier entwickelte sich aus und mit Kunst eine relevante Protestkultur, die wesentlich zur Befreiung des Landes vom Sowjetregime beitrug. Die Filmsequenzen des Archivs Birmanis werden hinter einem Vorhang herrlich in ebenso wilden Schnitten gezeigt, wie die Aktionen damals abliefen. Die Kleiderständer-Installation gestalteten jedoch die aktuell jungen Designer*Innen  der Uni mit dem Titel „Backstage of Utopia“. Auch heute ist die neue Generation im Backstagebereich, also hinter den Kulissen wild und aktiv, um ihr Land angesichts der aktuellen Bedrohung durch russische militärische Angriffe zur Wiedererweiterung des alten Staatsgebietes zu schützen und bereit, um die Freiheit zu kämpfen.

Der Pavillon strahlt nicht nur ästhetische Finesse aus, sondern auch inhaltliche Stärke und Willen zum Widerstand. Er ist eine veritable Barrikade, die das einfache Durchgehen zum nächsten Raum verhindert. Diese Verbindung eines Kunstwerkes mit kraftvoller empathischer Verbundenheit mit dem eigenen Land und den Menschen ist wirklich „bemerkenswert“!  

GERMANY:

Bemerkungen über den deutschen Pavillon sind hier auf keinen Fall allein Lokalpatriotismus, sondern künstlerisch absolut unverzichtbar. Es findet sich dort endlich keine Auseinandersetzung mit der zwar schrecklichen, aber uralten Nazizeit, sondern die Thematisierung unserer neueren Geschichte, nämlich der Zeit des geteilten Landes und besonders der Situation der Menschen in der EX-DDR.

Die leider vor kurzem verstorbene Henrike Naumann führt deutlich vor Augen, wie trist und obrigkeitsgesteuert mit Einheitsmöbeln und staatlich zensierter Kunst die Bürger leben mussten. Auch hier geht es um Befreiung; die Erinnerung, welches Glück es darstellt, dass diese Wende erkämpft worden ist.

Die zweite Künstlerin Sung Tieu, die mit ihren Eltern als Gastarbeiter in die ehemalige DDR kam, zeigt, wie ausgegrenzt vor der Wende und danach völlig allein gelassen diese Menschen lebten. Sie symbolisiert das durch die subtil dramatische Umwandlung der Fassade des Pavillons. Mit kleinteiligen Mosaiksteinchen wurde das Gebäude zu einem tristen typischen DDR-Plattenbau.

Vorbild war der Wohnblock, in dem Sung Tieu mit viel zu vielen Menschen als Kind mit ihrer Mutter überleben musste, weil die Arbeit in den Industriebetrieben wegen sofortiger „Abwicklung“ weggefallen war. Der Pavillon präsentiert empfindsam die Stimmung der Wendezeit. Gleichzeitig signalisieren die Werke, dass der Kampf um Respekt und Menschenwürde immer weiter geht, auch wenn uns die Geschichte eine große Chance auf Neubeginn und positive Lebensqualität gegeben hat.

TÜRKEI:

Die türkische Künstlerin Nilbar Güres hat ihren Raum mit fantastischen Textil-Skulpturen mit deutlich feministischer Ausstahlung gestaltet.

UKRAINE:

Tiefgründig ist auch für die Ukraine die Dokumentation der Reise der Skulptur eines Hirsches, 2019 von Zhanna Kadyrova gestaltet. Sie wurde tausende Kilometer durch Länder und zu politischen Gross-Veranstaltungen, jetzt nach Venedig transportiert. Die Figur sieht zart aus wie eine Origami-Figur aus Papier, ist jedoch faktisch aus hartem widerstandfähigem Stahl. Das Symbol ist eindeutig!

TAIWAN:

…. zeigt seinen Beitrag im ehemaligen venezianischen Gefängnis, das durch die Seufzer-Brücke mit dem Dogenpalast verbunden ist. Deshalb Vorsicht: hier wird es eng und chaotisch durch Unmengen von Touristen. Doch innen ist das Werk einer digitalen KI-generierten Kunstrichtung zu entdecken. In einem skurril-gruseligen Animationfilm erklärt ein geschlechtsloser KI-Gnom, wie der Film entstanden ist.

Zum Opening gab es als Ergänzung eine -komplett reale- Performance. Eine junge Performerin zeigte mit einer Puppe ein Zusammenspiel zwischen Kampf und liebevoller Umwerbung. Der Künstler Li Yi-Fan wirkte wie ein junger IT-Freak, lächelte fröhlich, überlies aber das Sprechen und Erklären dem Moderator. Natürlich gehört auch diese Kunstrichtung zu einer Biennale, doch die Faszination empfinden möglicherweise eher Technik-Fans.

ÖSTERREICH: Über die extreme Präsentation im österreichischen Pavillon von Florentina Holzinger wurde bereits im vorherigen Beitrag berichtet.

SÜDAFRIKA: Ebenso soll hier der Vollständigkeit halber noch einmal „Elegy“, der vom südafrikanischen Staat zurückgezogene, trotzdem präsentierte eindringliche Beitrag von Gabrielle Goliath in der Kirche San Antonin erwähnt werden.

USA: Nur eine flüchtige Randnotiz gilt dem US-Pavillon. Alma Allen wurde von neu eingesetzten Trump-nahen Organisatoren beauftragt und hat mehrere Skulpturen aus Marmor, Bronze oder Stahl nach Venedig gebracht. Ein US-amerikanischer Kunstkritiker bezeichnete sie als geeignet für Supermärkte oder Einkaufsmeilen.

Es ist nicht zu bestreiten, dass auch in mehreren der zig weiteren Länderpavillons bestimmt großartige Kunst zu entdecken ist. Es macht einen Riesenspaß, sich durch die ganze Stadt zu bewegen auf der Suche nach unerwartetem Kunstgenuss. Nehmen Sie die Herausforderung an und voten Sie später für Ihren Favoriten bei der diesjährigen Wahl des besten Länderpavillons. Der Link kommt per Email auch zu Ihnen.

Biennale Arte di Venezia: 9.Mai bis 22. November 2026


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