Eine Tradition der Biennale in Venedig sind die Pavillons, die von über 100 Ländern der Welt eigenverantwortlich mit Kunst bestückt und einem Wettbewerb ausgesetzt werden. Dies gilt als „Kunst-Olympiade“ und wird immer wieder heiß kritisiert. Ist solch ein Prinzip heute nicht zu nationalistisch? Passen freie Kunst und Zuordnung zu einem Staat und seiner Politik überhaupt zusammen? Es gibt ja im Vergleich zum Sport keine messbaren Bewertungskriterien!
In diesem Jahr prallten diese unterschiedlichen Positionen – wie bereits berichtet – im Vorfeld und zur Eröffnung mit multiplen politisch motivierten Protestaktionen erneut aufeinander. Doch es gibt auf der Weltkunstausstellung auch Pavillons, deren Kunst hervorragend heraussticht.
LETTLAND/LATVIA:
Bruno Birmanis und Performer
Ein Paradebeispiel, wie die Geschichte und Gegenwart eines Landes künstlerisch präsentiert werden kann, ist der Pavillon von Lettland/Latvia (Arsenale). Industrielle Kleiderständer sind in großer Menge eng zusammengestellt, künstlerisch verbogen, verknotet oder stolz in die Höhe ragend, versetzt mit symbolischen Accessoires: leere Kleiderbügel, Stoffe mit gedruckten Fotos der revolutionären Bewegung der 90ger Jahre, kleine Metallvögel. Vögel sind die Zeichen der Freiheit, doch Freiheit bekommt man nicht geschenkt, sondern muss immer wieder dafür kämpfen. Der Künstler und Dozent für Textildesign der Uni Riga Bruno Birmanis hatte Ende der 80ger Jahre die „Untamed Fashion Assemblies“ (ungezähmte Modeschauen) gegründet. Die Gruppe veranstaltete wilde Shows mit verrückten provokativen Textil-Kunstwerken. Junge Menschen liefen bei lauter Musik tanzend auf den Straßen über Barrikaden oder Riesen-Traktoren. Hier entwickelte sich aus und mit Kunst eine relevante Protestkultur, die wesentlich zur Befreiung des Landes vom Sowjetregime beitrug. Die Filmsequenzen des Archivs Birmanis werden hinter einem Vorhang herrlich in ebenso wilden Schnitten gezeigt, wie die Aktionen damals abliefen. Die Kleiderständer-Installation gestalteten jedoch die aktuell jungen Designer*Innen der Uni mit dem Titel „Backstage of Utopia“. Auch heute ist die neue Generation im Backstagebereich, also hinter den Kulissen wild und aktiv, um ihr Land angesichts der aktuellen Bedrohung durch russische militärische Angriffe zur Wiedererweiterung des alten Staatsgebietes zu schützen und bereit, um die Freiheit zu kämpfen.
Barrikade?UFA-Archivbilder
Der Pavillon strahlt nicht nur ästhetische Finesse aus, sondern auch inhaltliche Stärke und Willen zum Widerstand. Er ist eine veritable Barrikade, die das einfache Durchgehen zum nächsten Raum verhindert. Diese Verbindung eines Kunstwerkes mit kraftvoller empathischer Verbundenheit mit dem eigenen Land und den Menschen ist wirklich „bemerkenswert“!
GERMANY:
Bemerkungen über den deutschen Pavillon sind hier auf keinen Fall allein Lokalpatriotismus, sondern künstlerisch absolut unverzichtbar. Es findet sich dort endlich keine Auseinandersetzung mit der zwar schrecklichen, aber uralten Nazizeit, sondern die Thematisierung unserer neueren Geschichte, nämlich der Zeit des geteilten Landes und besonders der Situation der Menschen in der EX-DDR.
Die leider vor kurzem verstorbene Henrike Naumann führt deutlich vor Augen, wie trist und obrigkeitsgesteuert mit Einheitsmöbeln und staatlich zensierter Kunst die Bürger leben mussten. Auch hier geht es um Befreiung; die Erinnerung, welches Glück es darstellt, dass diese Wende erkämpft worden ist.
Die zweite Künstlerin Sung Tieu, die mit ihren Eltern als Gastarbeiter in die ehemalige DDR kam, zeigt, wie ausgegrenzt vor der Wende und danach völlig allein gelassen diese Menschen lebten. Sie symbolisiert das durch die subtil dramatische Umwandlung der Fassade des Pavillons. Mit kleinteiligen Mosaiksteinchen wurde das Gebäude zu einem tristen typischen DDR-Plattenbau.
Vorbild war der Wohnblock, in dem Sung Tieu mit viel zu vielen Menschen als Kind mit ihrer Mutter überleben musste, weil die Arbeit in den Industriebetrieben wegen sofortiger „Abwicklung“ weggefallen war. Der Pavillon präsentiert empfindsam die Stimmung der Wendezeit. Gleichzeitig signalisieren die Werke, dass der Kampf um Respekt und Menschenwürde immer weiter geht, auch wenn uns die Geschichte eine große Chance auf Neubeginn und positive Lebensqualität gegeben hat.
TÜRKEI:
Die türkische Künstlerin Nilbar Güres hat ihren Raum mit fantastischen Textil-Skulpturen mit deutlich feministischer Ausstahlung gestaltet.
UKRAINE:
Tiefgründig ist auch für die Ukraine die Dokumentation der Reise der Skulptur eines Hirsches, 2019 von Zhanna Kadyrova gestaltet. Sie wurde tausende Kilometer durch Länder und zu politischen Gross-Veranstaltungen, jetzt nach Venedig transportiert. Die Figur sieht zart aus wie eine Origami-Figur aus Papier, ist jedoch faktisch aus hartem widerstandfähigem Beton. Das Symbol ist eindeutig!
TAIWAN:
…. zeigt seinen Beitrag im ehemaligen venezianischen Gefängnis, das durch die Seufzer-Brücke mit dem Dogenpalast verbunden ist. Deshalb Vorsicht: hier wird es eng und chaotisch durch Unmengen von Touristen. Doch innen ist das Werk einer digitalen KI-generierten Kunstrichtung zu entdecken. In einem skurril-gruseligen Animationfilm erklärt ein geschlechtsloser KI-Gnom, wie der Film entstanden ist.
LÖi Yi-Fan
Zum Opening gab es als Ergänzung eine -komplett reale- Performance. Eine junge Performerin zeigte mit einer Puppe ein Zusammenspiel zwischen Kampf und liebevoller Umwerbung. Der Künstler Li Yi-Fan wirkte wie ein junger IT-Freak, lächelte fröhlich, überlies aber das Sprechen und Erklären dem Moderator. Natürlich gehört auch diese Kunstrichtung zu einer Biennale, doch die Faszination empfinden möglicherweise eher Technik-Fans.
ÖSTERREICH: Über die extreme Präsentation im österreichischen Pavillon von Florentina Holzinger wurde bereits im vorherigen Beitrag berichtet.
SÜDAFRIKA: Ebenso soll hier der Vollständigkeit halber noch einmal „Elegy“, der vom südafrikanischen Staat zurückgezogene, trotzdem präsentierte eindringliche Beitrag von Gabrielle Goliath in der Kirche San Antonin erwähnt werden.
USA: Nur eine flüchtige Randnotiz gilt dem US-Pavillon. Alma Allen wurde von neu eingesetzten Trump-nahen Organisatoren beauftragt und hat mehrere Skulpturen aus Marmor, Bronze oder Stahl nach Venedig gebracht. Ein US-amerikanischer Kunstkritiker bezeichnete sie als geeignet für Supermärkte oder Einkaufsmeilen.
Es ist nicht zu bestreiten, dass auch in mehreren der zig weiteren Länderpavillons bestimmt großartige Kunst zu entdecken ist. Es macht einen Riesenspaß, sich durch die ganze Stadt zu bewegen auf der Suche nach unerwartetem Kunstgenuss. Nehmen Sie die Herausforderung an und voten Sie später für Ihren Favoriten bei der diesjährigen Wahl des besten Länderpavillons. Der Link kommt per Email auch zu Ihnen.
Biennale Arte di Venezia: 9.Mai bis 22. November 2026
Die Biennale di Venezia beginnt schon bald: am 9. Mai diesen Jahres. Deshalb heißt es genau jetzt: das Hotel reservieren und die Flüge buchen, denn ein Besuch der Biennale ist für Freunde zeitgenössischer Kunst ein absolutes Muss.
In diesem Jahr heißt das Motto der Kuratorin Koyo Kouoh: „In Minor Keys“. Die leider im letzten Jahr plötzlich verstorbene Kuratorin leitete zuvor das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt und war auch an international wichtigen Ausstellungen, z.B. der Documenta 12 und 13 kuratorisch beteiligt. Das Konzept und die Künstler*innenliste für Venedig hatte Koyo Kouoh bereits vor ihrem Tod bei den Organisatoren eingereicht, so dass es von ihrem Mitarbeiterteam verwirklicht werden kann. Dass es gelingen kann, ein Konzept eines verstorbenen Kurators erfolgreich zu realisieren, hat bereits Sheikha Hoor al-Qasimi mit ihrer Sharjah-Biennale 2022 bewiesen, als sie eine eindruckvolle Ausstellung nach den Ideen von Okwui Enwezor präsentierte.
Koyo KouohHoor al-Qasimi Photo: Sebastian Böettcher
„In minor Keys“ soll ein „Hinwenden zu der Moll-Tonart in der Kunst sein und als Aufruf zum Entschleunigen, Zuhören und Zusammenkommen zu verstehen sein,“ erklärt das kuratorische Team. Das Konzept sei mit einem tiefen Glauben in die Fähigkeit der Kunst und in die Künstler*innen verbunden, neue Relationen und Möglichkeiten zu eröffnen. Es soll eine sinnliche, weniger eine didaktische Ausstellungsatmosphäre kreiert werden.
Rory Tsapayi, Assistent von Koyo Kouoh, zitierte sie noch einmal: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Wo kann man das schöner als in Venedig?!
Der Deutsche Pavillon
Deutscher PavillonHenrike Neumann
Deutschland wird durch ein Berliner Trio vertreten: die Kuratorin Kathleen Reinhardt vom Georg Kolbe Museum präsentiert zwei junge Frauen mit ostdeutscher Biografie: Henrike Naumann und Sung Tieu.
Aktueller tieftrauriger Nachtrag: Henrike Naumann in gestorben! Die Familie gab bekannt, dass eine viel zu spät erkannte Krebserkrankung ursächlich war. Auch wir trauern mit der Kunstwelt um die begabte, kreative Künstlerin, die mit ihren Werken aufrüttelte und zum Nachdenken anregte. Hoffentlich hat auch sie ihr Konzept für Venedig schon so weit vorbereitet, dass wir es trotzdem sehen und würdigen können.
Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren. Sie nutzt Möbel und Design in ihren Installationen, um über Gesellschaft und Politik zu sprechen. Oft verwendet sie Möbel aus DDR-Beständen, aber auch aus Wohnidyllen der BRD und der Zeit nach der Wende, aber ohne Oberschicht-Glamour, womit sie wortlos sonst ungesehene Lebenssituationen an die Oberfläche bringt. Henrike Naumann war auch Teil der Gruppe Atis Rezistans auf der Documenta 15, wo sie eine „Trance“-Orgel aus einem Kleiderschrank heraus präsentierte. Zuvor hatte sie an der Ghetto-Biennale der Künstlergruppe auf Haiti teilgenommen. Ihre Werke sind global ausgestellt worden, von New York bis in die „Plattenbau“-Ausstellung im Potsdamer „Minsk“.
Henrike Naumann, Trance-OrgelSung Tieu im KW Berlin
Sung Tieu wurde 1987 in Hải Dương, Vietnam geboren und ist eine vietnamesisch-deutsche Künstlerin, die zwischen politischen Systemen aufwuchs und heute in Berlin lebt und arbeitet. Sie beschäftigt sich mit den Bedingungen und dem Schicksal vietnamesischer Vertragsarbeiter, die ab 1980 durch das Anwerbeabkommen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam nach Deutschland kamen. In ihren Arbeiten schildert Sung Tieu deren Situation vor, während der Wendezeit und danach mit all seinen Härten und Ungewissheiten, aber auch koloniale Verflechtungen. Sung Tieu arbeitet multimedial mit Skulpturen, Fundstücken, Klang, Video, Fotos und Text.
Demo Pro-GAZA Giardini 2024Russland verleiht Pavillon an Bolivien 2024
Skandale?
Es ist schon fast Tradition, dass um die Länderpavillons, deren Präsentationen die Ursprungs-Nationen allein verantworten, politische Debatten entstehen. Auch in diesem Jahr wird schon jetzt heiß diskutiert, ob einzelne Kunstschaffende wirklich geeignet sind, ihr Land zu vertreten. „Cancel Cultur“ im Kontrast zur Kunstfreiheit beschreibt diese Polarisierung. Sollte eine staatliche Institution schon im Vorfeld aus Angst vor negativen Kommentaren in einer Art vorrauseilendem Gehorsam Kunst zensieren dürfen? Aktuelle Beispiele:
Südafrika:
Wenige Tage vor der Deadline für die Einreichung der Länderbeiträge zur 61. Biennale di Venezia hat der Kunstminister Gayton McKenzie in Südafrika den Beitrag der Künstlerin Gabrielle Goliath abgelehnt. Nun wurde die Teilnahme der Künstlerin endgültig abgesagt. Wer den Pavillon stattdessen bespielen wird, ist offen.
“Für die Biennale greift Goliaths vorgeschlagene Version von „Elegy“ auf ihr ähnlich betiteltes, zehnjähriges Projekt zurück, das sich auf Femizid und die Tötung von LGBTQI+-Personen in Südafrika bezieht; Frauen, die von deutschen Kolonialtruppen in Namibia während des Ovaherero- und Nama-Genozids Anfang des 20. Jahrhunderts getötet wurden, sowie auf das Sterben von Zehntausenden Frauen und Kindern, die seit Oktober 2023 von den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) in Gaza getötet wurden. Der dritte Abschnitt der künstlerischen Arbeit enthalte ein Gedenkgedicht zu Ehren der beliebten palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die während des Beschusses von Gaza getötet wurde.”
Gabrielle Goliath reagierte verärgert über McKenzies Äußerung, dass Künstler „verpflichtet seien, nationalistische, mythenbildende Kunst zu schaffen, die sich mit „sozialem Zusammenhalt beschäftigt und das Beste Südafrikas der Welt präsentiert”. Sie weigerte sich, ihr Werk zu verändern, um ihre Teilnahme zu sichern. Inzwischen hört man aber auch andere Regierungsmitglieder, die sich für die Teilname von Gabrielle Goliath engagieren.
USA 2024, Jeffrey GibsonUSA 2022, Simone Leigh
USA:
Die USA haben für die diesjährige Biennale schon frühzeitig die Organistion, die die Präsentation im US-Pavillon entscheidet, ausgetauscht. Das nun hierfür ausgewählte American Arts Conservancy wurde erst in diesem Jahr neu gegründet und erhielt ihr Mandat direkt vom US-Außenministerium.
Der Kurator Jeffrey Uslip wird die Ausstellung „Alma Allen: Call Me the Breeze” im amerikanischen Pavillon 2026 verantworten. Der Künstler kommt aus Joshua Tree in Kalifornien und arbeitet momentan in Tepotzlán in Mexiko. Er wird Werke zeigen, die „die alchemistische Transformation von Materie hervorheben“. Bekannt sei Alma Allen für seine Skulpturen, die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegen und von Landschaften sowie natürlichen Materialien inspiriert sind. Alma Allen war bisher unter anderem auf der Whitney Biennale 2014 in New York und im Van Buuren Museum in Brüssel zu sehen. Er ist eher wenig bekannt, doch vielleicht überrascht er uns sogar mit interessanten Werken. Die offensichtliche poltitische Einmischung lässt jedoch an der Kunstfreiheit in den USA Zweifel aufkommen.
Australien 2024, Archie MooreAustralien 2015, Fiona Hall
Australien
Der Australische Pavillon wird dieses Jahr auf der 61. Biennale von Venedig möglicherweise zum ersten Mal NICHT bespielt, meldete die Zeitung „The Guardian“
Den Zuschlag hatten zunächst der im Libanon geborene australische Künstler Khaled Sabsabi und der Kurator Michael Dagostino bekommen. Doch „Creative Australia“, die staatliche Kunstorganisation Australiens, forderte gleich, den Vertrag wieder aufzukündigen. Auslöser des Eklats war das Bekanntwerden früherer Werke des Künstlers, die den verstorbenen Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah darstellen. Creative Australia hatte daraufhin beschlossen, dass “eine langwierige und spaltende Debatte über das Auswahlergebnis 2026 ein inakzeptables Risiko für die öffentliche Unterstützung der australischen Kunstgemeinschaft darstellt.” Von den weiteren möglichen Künstlern Australiens will offenbar keiner aus Protest ein Angebot als Ersatz annehmen.
Auch der Künstler und Kurator Archie Moore, der Australien letztes Jahr auf der Biennale in Venedig vertrat und den Goldenen Löwen gewann, zeigte sich entsetzt und fordert die Wiedereinsetzung des Künstlers und des Kurators.
Sabsabi selbst sagte gegenüber dem Guardian: “Wir wollten in Venedig ein transformatives Werk präsentieren, eine Erfahrung, die alle Zuschauer in einem offenen und sicheren gemeinsamen Raum vereint.”
Israel 2024, Ruth Patir, blieb geschlossen
Israel:
Bei der vergangenen Biennale 2024 war der israelische Pavillon nicht geöffnet worden, obwohl bereits die Installation von Ruth Patir vollständig aufgebaut war. Zu laut waren die Proteste gegen die kriegerischen Ereignissse zwischen Israel und Palästina in Gaza.
Jetzt hat Israel die Teilnahme an der diesjährigen Biennale bestätigt. Belu-Simeon Fainaru soll sein Werk aber nicht im israelischen Pavillon in den Giardini installieren, da dieser noch renoviert werde, sondern im Arsenale.
Umgehend haben bereits Aktivistengruppen den Ausschluss Israels gefordert und einen breiten Boykott angekündigt.
Österreich 2022, Knebl/ScheirÖsterreich 2024, Anna Jermolaewa
Österreich:
Einen globalen politischen Skandal wird der österreichische Pavillon wohl nicht auslösen, doch die designierte Künstlerin hat bereits für erhebliche ethisch-ästhetische Aufregungen gesorgt.
Florentine Holzinger wird als Performance-Künstlerin angekündigt, doch sie hat bisher besonders die Theaterwelt mit ihren Inszenierungen aufgerüttelt und schockiert. So ist sie auch in diesem Jahr für das renomierte Berliner Theatertreffen mit ihrem Stück: „A year without Summer“ nominiert: ein wirklich skuriles, gewaltiges Epos über den Verfall des Planeten am Beispiel der Vergänglichkeit des Menschen mit abschließender „feministischer Kunst-Fäkal-Orgie“ (Zitat des Theatertreffens). Ob wir Besucher bei ihrem Kunstprojekt in Venedig weniger Schockmomente aushalten müssen, bleibt die große Frage.
Holzingers Projekt heißt „Seaworld Venice“. „Wasser in Bezug auf Körper“ wird ihr Thema sein, wie sie auf der Pressekonferenz erklärte, „die Menschen werden nass werden.“, denn sie will in partizipatorischen Aktionen ihren Beitrag vom Pavillon bis in die Lagune ausweiten. Wie sich letztlich die aktuelle Politik in Österreich zu dem Projekt stellt, ist bisher noch offen. Jedoch ist hier ja die rechtsorientierte FPÖ noch nicht an der Macht.
Externe Ausstellungen
Gleichzeitig zur Biennale präsentieren die großen Kunsthäuser Venedigs auch wieder ganz besondere Ausstellungen.
Wir erinnern uns an das spektakuläre Chaos, das der Schweizer Künstler Christoph Büchel in in der Fodazione Prada in seinem inszenierten Auktionshaus zur Biennale 2024 veranstaltet hat. Das alles wieder auszuräumen und zu putzen war garantiert eine Mammutaufgabe. Es macht besonders neugierig, wie die diesjährige Präsentation das Haus in einem bestimmt völlig veränderten Ambiente wirken läßt.
2026 erwartet uns im Ca’ Corner della Regina, der Fondazione Prada, die von Nancy Spector kuratierte Ausstellung „Helter Skelter“ (Hals über Kopf) von Arthur Jafa und Richard Prince.
Arthur JafaFoto: Albertina Wien
„Das Projekt 2026 bringt Arthur Jafa und Richard Prince in einen Dialog, zwei der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, die, obwohl sie zehn Jahre auseinander geboren wurden, einen radikalen Ansatz für die Aneignung von Bildern aus der amerikanischen Populärkultur, von Filmen bis zu sozialen Medien, teilen. Während Jafa über seine eigene afroamerikanische Identität nachdenkt, um die schwarze Kunst zu stärken, analysiert Prince die weiße Männlichkeit und die dunkle Seite der amerikanischen Psyche.“ Arthur Jafa gewann den Goldenen Löwen der Venedig Biennale 2019 für das Video „The White Album“ und zeigte zusätzlich Skulpturen aus Monster-Reifen.
LAS Art Foundation aus Berlin und Amos Rex aus Helsinki. verantworten gemeinsam ein bemerkenswertes Projekt. Die zwei Kunstinstitutionen sind in den letzten 10 Jahren gegründet worden, um neue künstlerische Praktiken im technologischen Zeitalter zu fördern. Sie zeigen die Multimedia-Installation der Künstlerin Natasha Tontey, die die Geschichte einer Widerstandskämpferin in Indonesien in den 1950er Jahren erzählt. Unter dem Titel „The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs“ wird die Arbeit im Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Arti – der Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst – am Campo San Fantin in Venedig gezeigt.
Palazzo Grassi und Punta della Dogana
Beide Museen gehören dem französischen Multimiliardär Francois Pinault und verspechen stets spannende, manchmal überraschende künstlerische Positionen.
Im Palazzo Grassi zeigt die Pinault Collection Werke des in Kenia geborenen Malers Michael Armitage (geb. 1984), die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. „Hier vermischen sich Bezüge zu Ostafrika mit Mythologie und westlicher Kunstgeschichte“. Wir können wirklich ausdrucksvolle Gemälde erwarten. Nur bleibt zu hoffen, dass nicht wie 2024 mit Julie Mehretu das Haus völlig überladen mit extrem ähnlichen Werken wirkt.
Nur Julie Mehretu: Grassi 2024
2026 wird die Punta della Dogana eine große Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson widmen. Ihre frühen Werke konzeptualer Fotografie mit Kritik im amerikanischen Kontext, wo „Rasse und Geschlechterkonstruktionen die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer den Fokus bilden“, werden ebenso gezeigt, wie ihre späteren und aktuellen Gemälde über „die Erosion und das Wiederaufleben der Erinnerung, das Versagen der Repräsentation und die Instabilität von Erzählungen.“
Auf der oberen Ebene der Punta della Dogana lädt der brasilianische Künstler Paulo Nazareth die Besucher ein, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Seit mehr als fünfzehn Jahren bereist er methodisch den amerikanischen und afrikanischen Kontinent, meist barfuß, um durch Betreten des selben Bodens seinen versklavten Vorfahren Respekt zu zollen, denen als Symbol der Unterwerfung das Schuhwerk genommen wurde.
Aperol Spritz geht immer
Dies sind die ersten Vorab-Informationen über die großartige Kunst, die uns anläßlich der neuen 61. Biennale in Venedig geboten wird. Aus eigener Erfahrung führt die Konfrontation mit einer so großen Fülle fantastischer Präsentationen stets zu mentaler und optischer Überforderung. Planen Sie 4-6 Tage oder gleich einen zweiten Besuch, vielleicht im Herbst ein, um mit Freude und allen Sinnen die Kunst und das Ambiente von Venedig zu genießen.
La Biennale d’Arte di Venezia vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini und dem Arsenale von Venedig sowie multiplen Venues in der Stadt.
Marisol: zu diesem klangvollen Namen gehört eine Künstlerin, die zunächst die Kunstwelt in den 1960ger Jahren begeisterte, aber bald vergessen wurde. Doch nicht auf ewig, denn aktuell werden die einzigartigen scharfsinnigen Kunstwerke der beachtenswerten Künstlerin erstmals in Europa, im Louisiana-Museum in Dänemark gezeigt.
Die Geschichte von Marisol Escobar begann mit ihrer Geburt 1930 in Paris. Ihre Eltern stammten aus Venezuela, doch die Famile zog mehrfach um, in andere Länder, andere Kontinente. Von Paris nach New York oder Caracas. Als Marisol 11 Jahre alt war, starb ihre Mutter durch Suizid. In der Folge sprach das Mädchen über mehrere Jahre kein Wort. Aber sie zeichnete gern und studierte später an mehreren Kunstschulen, ab 1950 in New York.
Die schöne junge Frau wurde von vielen damals renomierten Künstlern entdeckt und gefördert. Ja! Hier wird nicht gegendert, denn es waren ausschließlich Männer! Hans Hofmann war ihr Lehrer an seiner School of Fine Arts. Mit Willem de Kooning, dem Vorreiter des Abstrakten Expressionismus war sie befreundet. Sie entwickelte aber rasch ihren eigenen Stil, der auch von der Kunst der Indiokulturen Südamerikas beeinflusst war. Es entstanden die ersten Skulpturen aus Holz, Kunststoff und diversen Fundstücken aus dem Alltag. Nicht nur der einflussreiche Galerist Leo Castelli war begeistert und ermöglichte ihr Ausstellungen.
Marisol zog auch eine Zeit lang für neue Ideen nach Italien, doch sie kam 1960 wieder zurück nach New York. Dort wurde sie bald vom Freundeskreis der POP-Art-Künstler begeistert entdeckt: Robert Indiana, Claes Oldenburg, James Rosenquist und Andy Warhol. Er förderte sie besonders, indem er sie in eigene Projekte einband, nannte sie für einen Film „One of the 13 most beautiful women“. Glücklicherweise war Marisol eher schüchtern und ließ sich nicht in die Party-Szene der Factory hineinziehen. Sie arbeitete stattdessen!
Ein großer Erfolg war 1968 die Teilnahme an der Biennale in Venedig, wo sie Venezuela mit einer Soloshow repräsentierte. Auch ein Auftritt bei der Documenta 4 im gleichen Jahr krönte ihren Erfolg.
Marisol musste in der damaligen Männerwelt der Kunst oft für ihre Anerkennung kämpfen. Als Schönheit aus Südamerika bekam sie zwar viel Aufmerksamkeit, doch ihre künstlerische Leistung im Bereich der Pop-Art wurde von den Männern als folkloristisch abgewertet.
„If you call my work folk art, it is only, because you are prejudiced about my South American background. Folk you!“
In Humlebaek, in dem wunderbaren Louisiana-Museum für Moderne Kunst wird Marisol jetzt ein fulminantes Comeback bereitet, bei dem jedem deutlich wird, dass sie große Kunst mit ihrem eigenen POP-ART-Stil geschaffen hat. Viele Objekte sind eine ironisch humorvolle Persiflage auf den Zeitgeist der Pop-Generation der 60ger Jahre. Aus heutiger Sicht könnte man ihr vorwerfen, sie sei für Abholzung des tropischen Regenwaldes mitverantwortlich gewesen, doch andererseits ist es ein Glücksfall, weil die Edelhölzer ihrer Werke für die lange Haltbarkeit der hervorragenden Skulpturen verantwortlich sind.
Vielleicht war Marisol mit ihrer Kunst zu gut, weckte Neid bei den Kollegen und Skepsis bei Galeristen und potentiellen Käufern. Bis heute wird ja für Kunst von Männern deutlich mehr bezahlt. Jedenfalls wurde es stiller um sie, während Warhol für Millionen gehandelt wurde. Hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass ihre Schönheit mit zunehmendem Alter weniger aufregend für die patriarchale Gesellschaft wurde?
1995 gab es noch eine Retrospektive in Japan. Ab 2006 bemerkte sie selbst zunehmende Gedächtnisstörungen, eine Alzheimer-Erkrankung. Da war sie in der Kunstwelt schon fast vergessen. 2016 starb sie und vermachte ihr Werk dem Museum in Buffalo.
Der Weg nach Humlebaek lohnt sich wirklich, um die Kunstwerke von Marisol zu besuchen. Von Berlin sind es nur knapp 7 Stunden mit dem Auto über die Fähre von Rostock. Die Ausstellung wandert aber auch demnächst nach Zürich.
MARISOL: Louisiana-Museum, Humlebaek bei Kopenhagen: 1.Okt.2025 bis 22.Febr. 2026.
Comics und Werbung lieferten die Vorlagen für die Gemälde eines der wichtigsten Begründer der POP-Art. Neben Andy Warhol, Keith Haring und James Rosenquist war Roy Lichtenstein der berühmteste Künstler dieses Genre. Die Albertina in Wien zeigt aktuell eine Soloshow mit nahezu 100 Werken aus allen Schaffensperioden.
LichtensteinVorlage
Das erste Bild „Look Mickey“ in seinem typischen Stil malte Lichtenstein nach dem Disney-Comic 1962 und hatte das Glück, von dem einflussreichen Galeristen Leo Castelli entdeckt zu werden. Lichtensteins Maltechnik imitierte mit den Punkten und Rastern die Technik des Offset-Druckes, er blieb aber konstant bei der Malerei, punktete mittels Blechschablonen und gestaltet so Unikate.
Später nahm er klassische Gemälde von z.B. van Gogh oder Picasso als Vorbilder, die er neu mit seinen Stilmitteln und nur in den Grundfarben schuf. Doch auch ein simpler abstrahierter Pinselstrich zeigte auf großformatiger Leinwand in dieser Darstellung eine völlig innovative besondere Wirkung.
Roy Lichtenstein wurde 1923 in New York geboren, studierte klassische Malerei und wurde 1943 zum Militär eingezogen. Er war dabei in mehreren europäischen Ländern stationiert und arbeitete als Konstruktionszeichner. Nach dem Krieg wollte er in Paris weiter studieren, doch er zog wegen der Erkrankung seines Vaters zurück in die USA. Er nahm im Weiteren eine Assistenzprofessur für Industriedesign an und lehrte an der Universität in New Jersey Kunst.
Heute herrscht ein Zeitgeist, in dem besonders Künstler präsentiert werden, die entweder aus indigener Herkunft stammen oder eine Non-Hetero-Sexualität leben. So wird auch in Wien parallel in der Albertina Modern eine Ausstellung unter dem Titel „Beauty of Diversity“ gezeigt. Ebenso sind für die Venedig-Biennale, die in wenigen Tagen öffnet, vorzugsweise Kunstschaffende dieser Kategorien vom Kurator Adriano Pedrosa angekündigt, alternativ Künstler*Innen mit Migrations-Lebenslauf, People of Colour oder zumindest Frauen. Es scheint eine Mode-Tendenz zu sein, die bereits mit der Documenta 15, damals noch als Novum begonnen hatte.
Roy Lichtenstein gehörte zu keiner dieser besonderen Gruppen. Er war ein weißer US-Amerikaner und hatte aus zwei heterosexuellen Ehen zwei Söhne. Trotzdem reüssierte er als Künstler. Kreativer einzigartiger Wiedererkennungswert und malerische Qualität waren offenbar zumindest in den 60er bis 90er Jahren erfolgversprechend. Roy Lichtenstein malte passend dazu in seinen späteren Jahren viele Frauenbilder.
Er starb 1997 im Ort seiner Geburt, in New York.
Es ist eine große Freude, in Wien beschwingt und fröhlich durch die farbenfrohen großen Bilder im Comic-Stil zu spazieren, auch weil sie die postmoderne Lebensfreude ausstrahlen, die in jenen Jahren besonders in Amerika vorherrschte. Die Erinnerung an deren Ausstellung 1995 in den riesigen Deichtorhallen in Hamburg hat sich jedoch noch beeindruckender und überwältigender im Gedächtnis eingebrannt, weil sich in dem Ambiente die Wirkung der Vergrößerung noch intensiver entfalten konnte. Trotzdem ist die Wiener Präsentation ein absoluter Highlight-Tipp für diesen Sommer.
Roy Lichtenstein, Albertina Wien, Albertinaplatz 1, 8.März bis 14.Juli 2024