Charles Ray in Kassel

Skulpturen, die erzählen können

Das Kasseler Fridericianum geht mit großen Schritten der nächsten, der bereits 16ten Documenta entgegen und stellt mit Charles Ray einen tiefsinnigen Künstler einer früheren Dokumenta-Ausstellung mit einer Soloshow vor, eine Art Sprungbrett für das Großereignis im nächsten Jahr.

Um die Tiefe und Ausstrahlung der Skulpturen von Charles Ray zu ergründen, ist die ganz besondere Inszenierung der einzelnen Werke zueinander wichtig. Obwohl sie zu völlig verschiedenen Zeitpunkten zwischen 1992 und 2026 entstanden, gehen sie jeweils ganz konkret miteinander in Beziehung. Es entsteht ein intensiver Dialog zwischen ihnen, den wir auch ohne Worte nachempfinden können.

 Charles Ray wurde 1953 in Chicago geboren, lebt inzwischen aber in Los Angeles. Er nutzt für seine Figuren oft einen Abdruck seines eigenen Körpers, nicht aus narzistischer Motivation, sondern als neutralen Prototyp.  Diese Praxis ist auch von William Kentridge oder Stefan Balkenhol bekannt.

 Die berühmte ikonische Installation „Oh, Charley, Charley, Charley….“ erregte bei der Documenta 9 1992 noch die Gemüter, denn sie zeigt 7 nackte Männerkörper, die ineinander verflochten eine Art Orgie darstellen.  Sie zog uns Zuschauer neugierig an, verursachte aber gleichzeitig ein Gefühl von Peinlichkeit. Jetzt ist sie nach 34 Jahren erneut ins Fridericianum zurückgekehrt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Zeitgeist steht unterschiedlichen Varianten von Sexualität offener gegenüber. Außerdem bekräftigt der Künstler erneut, dass er das Ringen um die Entdeckung des eigenen Körpers und die Suche nach Identität des jungen Mannes in der Adolescenz darstellen wolle. Charles Ray: „Nein, es geht hier nicht um Homosexualität und auch ich bin es nicht.“ Er  sehe sein Werk eher in der Analogie zu Brancusi. Dessen Skulptur „Der Kuss“ zeigt, wie zwei Wesen in tiefer Liebe zu einer Figur verschmelzen. Bei Ray vereinigen sich die jungen Männer, die immer nur der Künstler selbst sind, letztlich zu einem komplexen Ganzen.

Im langen Saal des Fridericianums gegenüber sitzt ein weiterer Abguss des Künstlers auf einem Sockel, jetzt als erwachsener Mann. 2020 ist er ein Ende 60 Jähriger, der interessiert, aber gelassen und entspannt auf sein früheres Werk und auch damit seine Vergangenheit blickt. Zwischen beiden Installationen liegt ein Häufchen hingeworfener weißer Kleidungsstücke. Es sind seine Kleidungstücke als Aluminium Abguss, weiß bemalt. Wieviele Vorurteile wurden in all den Lebensjahren abgelegt, wieviele Wandlungen des Lebens stehen dazwischen?

Obwohl mehrere seiner Skulpturen weiße Statuen sind,  die wie Gipsabgüsse wirken, arbeitet Charles Ray mit multiplen Materialien: Bronze-Abgüsse oder Polyester-Abformungen wie Schaufensterpuppen. Der ältere Mann ist aus Pappmaschee das leichteste Kunstwerk der Ausstellung mit 4 kg. Das schwerste wiegt 1,1 Tonnen. Versuchen Sie mal zu erraten, welches das ist!

Im zweiten Flügel der Etage steht ein übermenschlich großer Junge mit einem Frosch in der Hand, den er zwar weit von sich hält, aber in einer Mischung aus Neugier und Abneigung kritisch betrachtet. Was wird er jetzt tun? In vielen Schulen weltweit werden Frösche im Biologieuntericht von Schülern seziert, damit auch getötet. Hat er das vor? Oder wirft er ihn gegen eine Wand in der Hoffnung auf eine Prinzessin?

Am gegenüberliegenden Ende des Saales steht die neuste Skulptur von Charles Ray: „Madonna and Child“. Sie ist freundlich, hebt aber warnend den Zeigefinger der rechten Hand, als wolle sie dem Jungen etwas verbieten. Was wird er tun? Die Ambivalenz schwebt deutlich spürbar zwischen den beiden Figuren im leeren Raum.

Der „Boy with Frog“  war 2013 eine Auftragsarbeit an Charles Ray von Francois Pinaud, dem französischen Kunst-Sammler, zur Einweihung der von ihm restaurierten Punta della Dogana in Venedig. Charles Ray hatte ihn noch viel größer geplant, doch als er mit Pinauld den ersten Ortstermin hatte, waren beide erschrocken über die mögliche Dominanz der Skulptur direkt gegenüber vom Markusplatz. Aber auch die dann verkleinerte Version, wie sie jetzt in Kassel steht, erhitzte die Gemüter der Venezianer. Sie sei unpassend vor dem berühmten Stadtbild Venedigs und außerdem wäre eine historische Laterne hierfür demontiert worden, angeblich ein Treffpunkt für Liebespaare. Es hat Vandalismusdrohungen gegeben, so dass der Froschjunge 24 Stunden bewacht werden musste. 2013 wurde er einvernehmlich mit dem Künstler abgebaut.

Auf die Frage heute, wie es denn dem Frosch letztlich ergangen sei, antwortet Charles Ray: „Oh, es ging ihm immer gut. Wir hatten für ihn ein Aquarium, aus dem er immer nur kurz herausgenommen wurde. Aber es war ein wirklich riesig großer Frosch!“

In der Rotunde des Museums steht noch eine stählerne Figur eines Jungen, die der Künstler offensichtlich richtig gern hat. Er zeigt einige Widersprüche des Heranwachsenden: eingehüllt in eine improvisierte Toga des alten Philosophen, aber mit einem aktuellen T-Shirt darunter. Auch trägt er ein Schwert eines Kämpfers, das jedoch im Original aus Plastik war. „Ich bin stolz auf diese wunderbare glänzende glatte Skulptur. Wir haben sie in Gips und Ton geformt, aber dann hat sie eine Robotermaschine aus einem massiven Stahl-Block ausgefräst.- Es hat mich aber viel Überredung gekostet, den Jungen, der Modell stand, davon zu überzeugen, keine Tennisschuhe, sondern die Sandalen anzuziehen.“ Berichtet der sympatische Künstler schmunzelnd.

Die Ausstellung von Charles Ray ist erneut  ein Beweis, welche langfristige Strahlkraft jede Documenta für den Erfolg zeitgenössischer Kunst hatte. Deshalb sollte man auch 2027 die neue Documenta 16 auf keinen Fall verpassen!

Charles Ray: Fridericianum Kassel 22.Aug.2026 bis 3.Januar 2027


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