Das Kasseler Fridericianum geht mit großen Schritten der nächsten, der bereits 16ten Documenta entgegen und stellt mit Charles Ray einen tiefsinnigen Künstler einer früheren Dokumenta-Ausstellung mit einer Soloshow vor, eine Art Sprungbrett für das Großereignis im nächsten Jahr.
Um die Tiefe und Ausstrahlung der Skulpturen von Charles Ray zu ergründen, ist die ganz besondere Inszenierung der einzelnen Werke zueinander wichtig. Obwohl sie zu völlig verschiedenen Zeitpunkten zwischen 1992 und 2026 entstanden, gehen sie jeweils ganz konkret miteinander in Beziehung. Es entsteht ein intensiver Dialog zwischen ihnen, den wir auch ohne Worte nachempfinden können.
Katalogfoto
Charles Ray wurde 1953 in Chicago geboren, lebt inzwischen aber in Los Angeles. Er nutzt für seine Figuren oft einen Abdruck seines eigenen Körpers, nicht aus narzistischer Motivation, sondern als neutralen Prototyp. Diese Praxis ist auch von William Kentridge oder Stefan Balkenhol bekannt.
Die berühmte ikonische Installation „Oh, Charley, Charley, Charley….“ erregte bei der Documenta 9 1992 noch die Gemüter, denn sie zeigt 7 nackte Männerkörper, die ineinander verflochten eine Art Orgie darstellen. Sie zog uns Zuschauer neugierig an, verursachte aber gleichzeitig ein Gefühl von Peinlichkeit. Jetzt ist sie nach 34 Jahren erneut ins Fridericianum zurückgekehrt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Zeitgeist steht unterschiedlichen Varianten von Sexualität offener gegenüber. Außerdem bekräftigt der Künstler erneut, dass er das Ringen um die Entdeckung des eigenen Körpers und die Suche nach Identität des jungen Mannes in der Adolescenz darstellen wolle. Charles Ray: „Nein, es geht hier nicht um Homosexualität und auch ich bin es nicht.“ Er sehe sein Werk eher in der Analogie zu Brancusi. Dessen Skulptur „Der Kuss“ zeigt, wie zwei Wesen in tiefer Liebe zu einer Figur verschmelzen. Bei Ray vereinigen sich die jungen Männer, die immer nur der Künstler selbst sind, letztlich zu einem komplexen Ganzen.
Im langen Saal des Fridericianums gegenüber sitzt ein weiterer Abguss des Künstlers auf einem Sockel, jetzt als erwachsener Mann. 2020 ist er ein Ende 60 Jähriger, der interessiert, aber gelassen und entspannt auf sein früheres Werk und auch damit seine Vergangenheit blickt. Zwischen beiden Installationen liegt ein Häufchen hingeworfener weißer Kleidungsstücke. Es sind seine Kleidungstücke als Aluminium Abguss, weiß bemalt. Wieviele Vorurteile wurden in all den Lebensjahren abgelegt, wieviele Wandlungen des Lebens stehen dazwischen?
Brancusi KUSS
Obwohl mehrere seiner Skulpturen weiße Statuen sind, die wie Gipsabgüsse wirken, arbeitet Charles Ray mit multiplen Materialien: Bronze-Abgüsse oder Polyester-Abformungen wie Schaufensterpuppen. Der ältere Mann ist aus Pappmaschee das leichteste Kunstwerk der Ausstellung mit 4 kg. Das schwerste wiegt 1,1 Tonnen. Versuchen Sie mal zu erraten, welches das ist!
Im zweiten Flügel der Etage steht ein übermenschlich großer Junge mit einem Frosch in der Hand, den er zwar weit von sich hält, aber in einer Mischung aus Neugier und Abneigung kritisch betrachtet. Was wird er jetzt tun? In vielen Schulen weltweit werden Frösche im Biologieuntericht von Schülern seziert, damit auch getötet. Hat er das vor? Oder wirft er ihn gegen eine Wand in der Hoffnung auf eine Prinzessin?
Am gegenüberliegenden Ende des Saales steht die neuste Skulptur von Charles Ray: „Madonna and Child“. Sie ist freundlich, hebt aber warnend den Zeigefinger der rechten Hand, als wolle sie dem Jungen etwas verbieten. Was wird er tun? Die Ambivalenz schwebt deutlich spürbar zwischen den beiden Figuren im leeren Raum.
Der „Boy with Frog“ war 2013 eine Auftragsarbeit an Charles Ray von Francois Pinaud, dem französischen Kunst-Sammler, zur Einweihung der von ihm restaurierten Punta della Dogana in Venedig. Charles Ray hatte ihn noch viel größer geplant, doch als er mit Pinauld den ersten Ortstermin hatte, waren beide erschrocken über die mögliche Dominanz der Skulptur direkt gegenüber vom Markusplatz. Aber auch die dann verkleinerte Version, wie sie jetzt in Kassel steht, erhitzte die Gemüter der Venezianer. Sie sei unpassend vor dem berühmten Stadtbild Venedigs und außerdem wäre eine historische Laterne hierfür demontiert worden, angeblich ein Treffpunkt für Liebespaare. Es hat Vandalismusdrohungen gegeben, so dass der Froschjunge 24 Stunden bewacht werden musste. 2013 wurde er einvernehmlich mit dem Künstler abgebaut.
Auf die Frage heute, wie es denn dem Frosch letztlich ergangen sei, antwortet Charles Ray: „Oh, es ging ihm immer gut. Wir hatten für ihn ein Aquarium, aus dem er immer nur kurz herausgenommen wurde. Aber es war ein wirklich riesig großer Frosch!“
In der Rotunde des Museums steht noch eine stählerne Figur eines Jungen, die der Künstler offensichtlich richtig gern hat. Er zeigt einige Widersprüche des Heranwachsenden: eingehüllt in eine improvisierte Toga des alten Philosophen, aber mit einem aktuellen T-Shirt darunter. Auch trägt er ein Schwert eines Kämpfers, das jedoch im Original aus Plastik war. „Ich bin stolz auf diese wunderbare glänzende glatte Skulptur. Wir haben sie in Gips und Ton geformt, aber dann hat sie eine Robotermaschine aus einem massiven Stahl-Block ausgefräst.- Es hat mich aber viel Überredung gekostet, den Jungen, der Modell stand, davon zu überzeugen, keine Tennisschuhe, sondern die Sandalen anzuziehen.“ Berichtet der sympatische Künstler schmunzelnd.
Die Ausstellung von Charles Ray ist erneut ein Beweis, welche langfristige Strahlkraft jede Documenta für den Erfolg zeitgenössischer Kunst hatte. Deshalb sollte man auch 2027 die neue Documenta 16 auf keinen Fall verpassen!
Charles Ray: Fridericianum Kassel 22.Aug.2026 bis 3.Januar 2027
Peggy Guggenheim war die erste. Sie zeigte 1948 ihre weltberühmte Avantgarde-Kunstsammlung auf der Biennale und erwarb danach den unvollendeten Palazzo Venier dei Leoni, wo bis heute Ihre Werke präsentiert werden.
Die wohlhabene Amerikanerin wurde inzwischen Vorreiterin eines Trends. Extrem reiche Menschen erwerben prachtvolle Gebäude in Venedig und stellen dort sich und ihren Reichtum in Form wunderbarer zeitgenössischer Kunst zur Schau. Nun gibt es bestimmt schlechtere Investitionen als die aktuelle Kunstszene zu fördern, doch es muss stets bedacht werden, dass wir dort Werke präsentiert bekommen, die dem Geldgeber gefallen. Um die künstlerische Bewertung kümmern sich glücklicherweise weltweit viele -hoffentlich neutrale- Kritiker.
Ateneo VenetoFond. Prada
Francois Pinauld folgte 2005 und erwarb den Palazzo Grassi und 2009 die Punta della Dogana. In beiden fantastisch sanierten Gebäuden zeigt der milliardenschwere französische Kunstmäzen wechselnde Glanzstücke zeitgenössischer Kunst.
Das Ca‘ Corner della Regina ist seit 2011 im Besitz der Konzern-Stiftung des Mode-Familienunternehmens PRADA.
Nicolas Berggruen erlangte sein Vermögen als Finanzinvestor, u.a. durch geschickte Geschäfte mit Übernahme und Weiterverkauf von Karstadt. Als Kunstliebhaber kaufte der den Palazzo Diedo 2022, wo er erstmals 2024 in den Monaten der Biennale zeitgenössische Kunst seines Geschmacks präsentierte.
Seit Mai 2025 reiht sich der belgische Modedesigner Dries van Noten in diese illustre Gesellschaft ein, indem er den Palazzo Pisani Moretta erwarb.
Dagegen haben sich die LAS-StiftungBerlin gemeinsam mit AMOS REX aus Helsinki mit ihrer ultramodernen Installations-Präsentation von Natasha Tontey im Ateno Veneto nur eingemietet. Doch auch der Ursprung dieser beiden Stiftungen basiert auf dem Privatvermögen reicher Mäzene.
Natasha Tontey
Die Installation besteht zentral aus einem KI-generierten Video „The Phantom Combatants“ und erzählt die Geschichte einer indonesischen Widerstandkämpferin aus den 50ger Jahren. Sie gehörte wie auch die Künstlerin der Minderheit der Minahasan an. Deren Kultur und Souveränität sollen gezeigt und beschützt werden. Die raumfüllende Arbeit entspricht dem Konzept von LAS und Amos Rex, die Kunstwerke fördern, die aktuelle innovative Technologien nutzen. Das Werk erinnert somit durchaus an die Symbolik und Machart der Gamer-Szene. (Nur bis 25.Oktober 2026)
Da die Ausstellungen der Superreichen trotz der kritischen Einstellung ihnen gegenüber dem kunstaffinen Biennale-Publikum in Venedig viel Erlebnis und vorwiegend Freude vermitteln, bekommen sie hier ihre angemessene Aufmerksamkeit.
Im Palazzo Grassi werden zwei Künstler präsentiert. Den größten Raum nehmen auf 3 Etagen die Gemälde von Michael Armitage ein. „The Promise of Change“ ist der Titel der Retrospektive des 1984 in Nairobi geborenen britisch-kenianischen Malers. Bei ihm sind die beiden Welten seiner Herkunft zu erkennen. Seine Mutter stammt aus Kenia, er selbst zog früh in die Heimat des Vaters nach London, wo er studierte. Die Politik, Probleme und Kultur Ostafrikas werden in den Bildern in seinem ganz besonderen Stil qualitativ hochwertig thematisiert. Schade ist, dass wir Besucher*Innen von der Fülle der Werke (wie bereits 2024 mit Julie Mehretu) überflutet und leicht überfordert werden. Es bietet sich an, sich nur 5 bis 6 Werken intensiv zu widmen.
Amar Kanwar
Der zweite Künstler im Palazzo Grassi ist Amar Kanwar (1964). Der indische Dokumentar- und Kunst-Filmer hat bereits bei vielen Großausstellungen fantastische Videos gezeigt. Kanwars jüngstes Werk,“The Peacock’s Graveyard“ (2023), ist eine Siebenkanal-Filminstallation, in der fünf märchenhafte Geschichten in kurzen Bildschirmtexten erzählt werden, unterbrochen von bewegten und unbewegten tollen Bildern. Es gibt Stille und Umgebungsgeräusche – von Regen, einem entfernt vorbeifliegenden Jet –, die zusammen mit den Bildern aufgenommen wurden, in Kombination mit Raga-Hip-Hop aus Indien. Bild und Sound bilden ein einnehmendes immersives Erlebnis, das sich einprägt. Achtung: bitte den unscheinbaren Eingang in den dunklen Video-Raum besonders suchen! (bis 22.11.2026)
In der Punta della Dogana begeistert die untere Ebene der US-Amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson (1960) mit ihrer Ausstellung: „Third Person“. Schon der erste große Raum wird von einer Reihe obsidianfarbener Klangschalen eingenommen, die auf Porphyrstapeln stehen und die die Besucher mit einem Schlägel zum Klingen bringen können. An den Wänden reihen sich gespenstische arktische Landschaften in prächtigen Blau- und Eisgrautönen, die zwischen Abstraktion und Realismus schwanken und aus Simpsons Serie „Ice“ (2018–21) stammen. (bis 22.11.2026)
Die Fondazzione Prada zeigt in diesem Jahr Werke von zwei US-Amerikanischen Künstlern. „Helter Skelter“ von Richard Prince und Arthur Jafa bedient sich medialer Bilder und Filme amerikanischer Herkunft, mit denen sie „Männlichkeit“ thematisieren. Vom Malboro-Man bis zu einem Film, in dem sich schwarze und weiße Männer brutal und blutig mätzeln, entsteht vor allem ein Bild toxischer Männlichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Intention der Künstler als Kritik an diesem Männerbild gemeint ist, was jedoch nicht ganz sicher erkennbar bleibt. Im Vergleich zum langweiligen amerikanischen Pavillon in den Giardini ist hier jedoch deutlich mehr Amerika mit Vielseitigkeit und Mehrdeutigkeit zu finden, was erkundet werden sollte. (bis 23.11.2026)
Palazzo DiedoPhillippe Parreno
Der Palazzo Diedo von Berggruen Arts & Cultures zeigt seine Sammlung unter dem Titel „Strange Rules“. Die Restaurationsarbeiten sind in den letzten 2 Jahren deutlich fortgeschritten, so dass mehr und andere Kunstwerke präsentiert werden können. Ibrahim Mahama, Lee Ufan, Urs Fischer und Carsten Höller haben z.B. Räume dauerhaft gestaltet. Als Neuerwerbung ist ein mobiles Werk von Phillippe Parreno „The Diambulist Humself“ eine besondere Attraktion. Wunderschön ist auch der Innenhof des Gebäudes mit dem Video von Ayoung Kim für jede Art des Zusammentreffens. (Bis 22.11.2026)
Foto links: Steven ShearerMechanisches Schachspiel
Die Sensation der Externen Ausstellungen ist in diesem Jahr jedoch der erstmalige Auftritt des belgischen Modedesigners Dries van Noten mit seiner Fondazzione. Schon der Titel könnte das alternative Hauptmotto für die ganze Welt-Kunst-Show sein, die die Biennale in Venedig traditionell nun mal ist: „THE ONLY TRUE PROTEST IS BEAUTY“. Keine Pussi Riot Aktion oder Pro-Palästina-Demonstrationen, sondern „Schönheit“ als Widerstand und Protest: Wie passend, wo gerade die Weltlage so schwierig erscheint, aber auch provokativ. Von der Kunst wird stets eine wichtige Funktion in der Gesellschaft verlangt: sie soll die Probleme der Welt visualisieren, Kritik üben, Diskussionen anstoßen und am liebsten noch alles zum Positiven wenden. „Schönheit“ steht schon lange nicht mehr auf dem Plan. Deshalb ist diese Ausstellung für sich durchaus schon Protest.
Peter Buggenhout
Zu sehen ist eine Fülle von künstlerischen Gewändern aus der Design-Schmiede von „Comme des Garçons“, des Ursprungs-Lables des Namensgebers, sowie Schmuck von Christian Lacroix. Kontrastiert wird das Bild von z.B. schmutzigen Blech-Skulpturen von Peter Buggenhout oder riesigen Fotos exzentrischer Menschen des Fotografen Steven Shearer. Dazwischen klassisches beeindruckendes Kunsthandwerk wie das mechanische Schachspiel. Ja, das Haus ist überladen mit Kunsthandwerk und optisch kaum zu erfassen, doch mit den beschriebenen Kontrasten ein absolut sehenswertes Erlebnis. (Nur bis 4. Oktober 2026)
Die Spaziergänge durch Venedig sind immer ein besonderes Highlight des Biennale-Besuchs, gespickt mit externen Länderpavillons, aber auch den zunehmenden Collateral-Ausstellungen. Und es gibt noch viel mehr als die hier beschriebenen Palazzi. Also einfach hineingehen und über die Kombination prachvoller alter Gemäuer und Contemporary Art einfach staunen.
Auch großartig: Julian Charrière, Museo CorrerJulian Charrière, Museo Correr
Arte Biennale di Venezia: 9.Mai bis 22.November 2026
Die Biennale di Venezia beginnt schon bald: am 9. Mai diesen Jahres. Deshalb heißt es genau jetzt: das Hotel reservieren und die Flüge buchen, denn ein Besuch der Biennale ist für Freunde zeitgenössischer Kunst ein absolutes Muss.
In diesem Jahr heißt das Motto der Kuratorin Koyo Kouoh: „In Minor Keys“. Die leider im letzten Jahr plötzlich verstorbene Kuratorin leitete zuvor das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt und war auch an international wichtigen Ausstellungen, z.B. der Documenta 12 und 13 kuratorisch beteiligt. Das Konzept und die Künstler*innenliste für Venedig hatte Koyo Kouoh bereits vor ihrem Tod bei den Organisatoren eingereicht, so dass es von ihrem Mitarbeiterteam verwirklicht werden kann. Dass es gelingen kann, ein Konzept eines verstorbenen Kurators erfolgreich zu realisieren, hat bereits Sheikha Hoor al-Qasimi mit ihrer Sharjah-Biennale 2022 bewiesen, als sie eine eindruckvolle Ausstellung nach den Ideen von Okwui Enwezor präsentierte.
Koyo KouohHoor al-Qasimi Photo: Sebastian Böettcher
„In minor Keys“ soll ein „Hinwenden zu der Moll-Tonart in der Kunst sein und als Aufruf zum Entschleunigen, Zuhören und Zusammenkommen zu verstehen sein,“ erklärt das kuratorische Team. Das Konzept sei mit einem tiefen Glauben in die Fähigkeit der Kunst und in die Künstler*innen verbunden, neue Relationen und Möglichkeiten zu eröffnen. Es soll eine sinnliche, weniger eine didaktische Ausstellungsatmosphäre kreiert werden.
Rory Tsapayi, Assistent von Koyo Kouoh, zitierte sie noch einmal: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Wo kann man das schöner als in Venedig?!
Der Deutsche Pavillon
Deutscher PavillonHenrike Neumann
Deutschland wird durch ein Berliner Trio vertreten: die Kuratorin Kathleen Reinhardt vom Georg Kolbe Museum präsentiert zwei junge Frauen mit ostdeutscher Biografie: Henrike Naumann und Sung Tieu.
Aktueller tieftrauriger Nachtrag: Henrike Naumann in gestorben! Die Familie gab bekannt, dass eine viel zu spät erkannte Krebserkrankung ursächlich war. Auch wir trauern mit der Kunstwelt um die begabte, kreative Künstlerin, die mit ihren Werken aufrüttelte und zum Nachdenken anregte. Hoffentlich hat auch sie ihr Konzept für Venedig schon so weit vorbereitet, dass wir es trotzdem sehen und würdigen können.
Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren. Sie nutzt Möbel und Design in ihren Installationen, um über Gesellschaft und Politik zu sprechen. Oft verwendet sie Möbel aus DDR-Beständen, aber auch aus Wohnidyllen der BRD und der Zeit nach der Wende, aber ohne Oberschicht-Glamour, womit sie wortlos sonst ungesehene Lebenssituationen an die Oberfläche bringt. Henrike Naumann war auch Teil der Gruppe Atis Rezistans auf der Documenta 15, wo sie eine „Trance“-Orgel aus einem Kleiderschrank heraus präsentierte. Zuvor hatte sie an der Ghetto-Biennale der Künstlergruppe auf Haiti teilgenommen. Ihre Werke sind global ausgestellt worden, von New York bis in die „Plattenbau“-Ausstellung im Potsdamer „Minsk“.
Henrike Naumann, Trance-OrgelSung Tieu im KW Berlin
Sung Tieu wurde 1987 in Hải Dương, Vietnam geboren und ist eine vietnamesisch-deutsche Künstlerin, die zwischen politischen Systemen aufwuchs und heute in Berlin lebt und arbeitet. Sie beschäftigt sich mit den Bedingungen und dem Schicksal vietnamesischer Vertragsarbeiter, die ab 1980 durch das Anwerbeabkommen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam nach Deutschland kamen. In ihren Arbeiten schildert Sung Tieu deren Situation vor, während der Wendezeit und danach mit all seinen Härten und Ungewissheiten, aber auch koloniale Verflechtungen. Sung Tieu arbeitet multimedial mit Skulpturen, Fundstücken, Klang, Video, Fotos und Text.
Demo Pro-GAZA Giardini 2024Russland verleiht Pavillon an Bolivien 2024
Skandale?
Es ist schon fast Tradition, dass um die Länderpavillons, deren Präsentationen die Ursprungs-Nationen allein verantworten, politische Debatten entstehen. Auch in diesem Jahr wird schon jetzt heiß diskutiert, ob einzelne Kunstschaffende wirklich geeignet sind, ihr Land zu vertreten. „Cancel Cultur“ im Kontrast zur Kunstfreiheit beschreibt diese Polarisierung. Sollte eine staatliche Institution schon im Vorfeld aus Angst vor negativen Kommentaren in einer Art vorrauseilendem Gehorsam Kunst zensieren dürfen? Aktuelle Beispiele:
Südafrika:
Wenige Tage vor der Deadline für die Einreichung der Länderbeiträge zur 61. Biennale di Venezia hat der Kunstminister Gayton McKenzie in Südafrika den Beitrag der Künstlerin Gabrielle Goliath abgelehnt. Nun wurde die Teilnahme der Künstlerin endgültig abgesagt. Wer den Pavillon stattdessen bespielen wird, ist offen.
“Für die Biennale greift Goliaths vorgeschlagene Version von „Elegy“ auf ihr ähnlich betiteltes, zehnjähriges Projekt zurück, das sich auf Femizid und die Tötung von LGBTQI+-Personen in Südafrika bezieht; Frauen, die von deutschen Kolonialtruppen in Namibia während des Ovaherero- und Nama-Genozids Anfang des 20. Jahrhunderts getötet wurden, sowie auf das Sterben von Zehntausenden Frauen und Kindern, die seit Oktober 2023 von den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) in Gaza getötet wurden. Der dritte Abschnitt der künstlerischen Arbeit enthalte ein Gedenkgedicht zu Ehren der beliebten palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die während des Beschusses von Gaza getötet wurde.”
Gabrielle Goliath reagierte verärgert über McKenzies Äußerung, dass Künstler „verpflichtet seien, nationalistische, mythenbildende Kunst zu schaffen, die sich mit „sozialem Zusammenhalt beschäftigt und das Beste Südafrikas der Welt präsentiert”. Sie weigerte sich, ihr Werk zu verändern, um ihre Teilnahme zu sichern. Inzwischen hört man aber auch andere Regierungsmitglieder, die sich für die Teilname von Gabrielle Goliath engagieren.
USA 2024, Jeffrey GibsonUSA 2022, Simone Leigh
USA:
Die USA haben für die diesjährige Biennale schon frühzeitig die Organistion, die die Präsentation im US-Pavillon entscheidet, ausgetauscht. Das nun hierfür ausgewählte American Arts Conservancy wurde erst in diesem Jahr neu gegründet und erhielt ihr Mandat direkt vom US-Außenministerium.
Der Kurator Jeffrey Uslip wird die Ausstellung „Alma Allen: Call Me the Breeze” im amerikanischen Pavillon 2026 verantworten. Der Künstler kommt aus Joshua Tree in Kalifornien und arbeitet momentan in Tepotzlán in Mexiko. Er wird Werke zeigen, die „die alchemistische Transformation von Materie hervorheben“. Bekannt sei Alma Allen für seine Skulpturen, die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegen und von Landschaften sowie natürlichen Materialien inspiriert sind. Alma Allen war bisher unter anderem auf der Whitney Biennale 2014 in New York und im Van Buuren Museum in Brüssel zu sehen. Er ist eher wenig bekannt, doch vielleicht überrascht er uns sogar mit interessanten Werken. Die offensichtliche poltitische Einmischung lässt jedoch an der Kunstfreiheit in den USA Zweifel aufkommen.
Australien 2024, Archie MooreAustralien 2015, Fiona Hall
Australien
Der Australische Pavillon wird dieses Jahr auf der 61. Biennale von Venedig möglicherweise zum ersten Mal NICHT bespielt, meldete die Zeitung „The Guardian“
Den Zuschlag hatten zunächst der im Libanon geborene australische Künstler Khaled Sabsabi und der Kurator Michael Dagostino bekommen. Doch „Creative Australia“, die staatliche Kunstorganisation Australiens, forderte gleich, den Vertrag wieder aufzukündigen. Auslöser des Eklats war das Bekanntwerden früherer Werke des Künstlers, die den verstorbenen Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah darstellen. Creative Australia hatte daraufhin beschlossen, dass “eine langwierige und spaltende Debatte über das Auswahlergebnis 2026 ein inakzeptables Risiko für die öffentliche Unterstützung der australischen Kunstgemeinschaft darstellt.” Von den weiteren möglichen Künstlern Australiens will offenbar keiner aus Protest ein Angebot als Ersatz annehmen.
Auch der Künstler und Kurator Archie Moore, der Australien letztes Jahr auf der Biennale in Venedig vertrat und den Goldenen Löwen gewann, zeigte sich entsetzt und fordert die Wiedereinsetzung des Künstlers und des Kurators.
Sabsabi selbst sagte gegenüber dem Guardian: “Wir wollten in Venedig ein transformatives Werk präsentieren, eine Erfahrung, die alle Zuschauer in einem offenen und sicheren gemeinsamen Raum vereint.”
Israel 2024, Ruth Patir, blieb geschlossen
Israel:
Bei der vergangenen Biennale 2024 war der israelische Pavillon nicht geöffnet worden, obwohl bereits die Installation von Ruth Patir vollständig aufgebaut war. Zu laut waren die Proteste gegen die kriegerischen Ereignissse zwischen Israel und Palästina in Gaza.
Jetzt hat Israel die Teilnahme an der diesjährigen Biennale bestätigt. Belu-Simeon Fainaru soll sein Werk aber nicht im israelischen Pavillon in den Giardini installieren, da dieser noch renoviert werde, sondern im Arsenale.
Umgehend haben bereits Aktivistengruppen den Ausschluss Israels gefordert und einen breiten Boykott angekündigt.
Österreich 2022, Knebl/ScheirÖsterreich 2024, Anna Jermolaewa
Österreich:
Einen globalen politischen Skandal wird der österreichische Pavillon wohl nicht auslösen, doch die designierte Künstlerin hat bereits für erhebliche ethisch-ästhetische Aufregungen gesorgt.
Florentine Holzinger wird als Performance-Künstlerin angekündigt, doch sie hat bisher besonders die Theaterwelt mit ihren Inszenierungen aufgerüttelt und schockiert. So ist sie auch in diesem Jahr für das renomierte Berliner Theatertreffen mit ihrem Stück: „A year without Summer“ nominiert: ein wirklich skuriles, gewaltiges Epos über den Verfall des Planeten am Beispiel der Vergänglichkeit des Menschen mit abschließender „feministischer Kunst-Fäkal-Orgie“ (Zitat des Theatertreffens). Ob wir Besucher bei ihrem Kunstprojekt in Venedig weniger Schockmomente aushalten müssen, bleibt die große Frage.
Holzingers Projekt heißt „Seaworld Venice“. „Wasser in Bezug auf Körper“ wird ihr Thema sein, wie sie auf der Pressekonferenz erklärte, „die Menschen werden nass werden.“, denn sie will in partizipatorischen Aktionen ihren Beitrag vom Pavillon bis in die Lagune ausweiten. Wie sich letztlich die aktuelle Politik in Österreich zu dem Projekt stellt, ist bisher noch offen. Jedoch ist hier ja die rechtsorientierte FPÖ noch nicht an der Macht.
Externe Ausstellungen
Gleichzeitig zur Biennale präsentieren die großen Kunsthäuser Venedigs auch wieder ganz besondere Ausstellungen.
Wir erinnern uns an das spektakuläre Chaos, das der Schweizer Künstler Christoph Büchel in in der Fodazione Prada in seinem inszenierten Auktionshaus zur Biennale 2024 veranstaltet hat. Das alles wieder auszuräumen und zu putzen war garantiert eine Mammutaufgabe. Es macht besonders neugierig, wie die diesjährige Präsentation das Haus in einem bestimmt völlig veränderten Ambiente wirken läßt.
2026 erwartet uns im Ca’ Corner della Regina, der Fondazione Prada, die von Nancy Spector kuratierte Ausstellung „Helter Skelter“ (Hals über Kopf) von Arthur Jafa und Richard Prince.
Arthur JafaFoto: Albertina Wien
„Das Projekt 2026 bringt Arthur Jafa und Richard Prince in einen Dialog, zwei der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, die, obwohl sie zehn Jahre auseinander geboren wurden, einen radikalen Ansatz für die Aneignung von Bildern aus der amerikanischen Populärkultur, von Filmen bis zu sozialen Medien, teilen. Während Jafa über seine eigene afroamerikanische Identität nachdenkt, um die schwarze Kunst zu stärken, analysiert Prince die weiße Männlichkeit und die dunkle Seite der amerikanischen Psyche.“ Arthur Jafa gewann den Goldenen Löwen der Venedig Biennale 2019 für das Video „The White Album“ und zeigte zusätzlich Skulpturen aus Monster-Reifen.
LAS Art Foundation aus Berlin und Amos Rex aus Helsinki. verantworten gemeinsam ein bemerkenswertes Projekt. Die zwei Kunstinstitutionen sind in den letzten 10 Jahren gegründet worden, um neue künstlerische Praktiken im technologischen Zeitalter zu fördern. Sie zeigen die Multimedia-Installation der Künstlerin Natasha Tontey, die die Geschichte einer Widerstandskämpferin in Indonesien in den 1950er Jahren erzählt. Unter dem Titel „The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs“ wird die Arbeit im Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Arti – der Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst – am Campo San Fantin in Venedig gezeigt.
Palazzo Grassi und Punta della Dogana
Beide Museen gehören dem französischen Multimiliardär Francois Pinault und verspechen stets spannende, manchmal überraschende künstlerische Positionen.
Im Palazzo Grassi zeigt die Pinault Collection Werke des in Kenia geborenen Malers Michael Armitage (geb. 1984), die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. „Hier vermischen sich Bezüge zu Ostafrika mit Mythologie und westlicher Kunstgeschichte“. Wir können wirklich ausdrucksvolle Gemälde erwarten. Nur bleibt zu hoffen, dass nicht wie 2024 mit Julie Mehretu das Haus völlig überladen mit extrem ähnlichen Werken wirkt.
Nur Julie Mehretu: Grassi 2024
2026 wird die Punta della Dogana eine große Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson widmen. Ihre frühen Werke konzeptualer Fotografie mit Kritik im amerikanischen Kontext, wo „Rasse und Geschlechterkonstruktionen die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer den Fokus bilden“, werden ebenso gezeigt, wie ihre späteren und aktuellen Gemälde über „die Erosion und das Wiederaufleben der Erinnerung, das Versagen der Repräsentation und die Instabilität von Erzählungen.“
Auf der oberen Ebene der Punta della Dogana lädt der brasilianische Künstler Paulo Nazareth die Besucher ein, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Seit mehr als fünfzehn Jahren bereist er methodisch den amerikanischen und afrikanischen Kontinent, meist barfuß, um durch Betreten des selben Bodens seinen versklavten Vorfahren Respekt zu zollen, denen als Symbol der Unterwerfung das Schuhwerk genommen wurde.
Aperol Spritz geht immer
Dies sind die ersten Vorab-Informationen über die großartige Kunst, die uns anläßlich der neuen 61. Biennale in Venedig geboten wird. Aus eigener Erfahrung führt die Konfrontation mit einer so großen Fülle fantastischer Präsentationen stets zu mentaler und optischer Überforderung. Planen Sie 4-6 Tage oder gleich einen zweiten Besuch, vielleicht im Herbst ein, um mit Freude und allen Sinnen die Kunst und das Ambiente von Venedig zu genießen.
La Biennale d’Arte di Venezia vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini und dem Arsenale von Venedig sowie multiplen Venues in der Stadt.