Draußen tobt die Welt: Kriege, Katastrophen, Klimakrise, Chaos. Doch wir haben diese wunderbare Möglichkeit, hier in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs in die umschmeichelnde Atmoshphäre eines immersiven Kustwerkes einzutauchen. Der Duft frisch geschlagenen Holzes durchdringt den Raum und lässt uns die Schönheit der Natur genießen. Auf 400tausend Holzwürfeln können wir flanieren – umschwebt von dem betörenden und beruhigenden Gesang der 12 Performerinnen und Performer aus aller Welt. Sie singen poetische tiefsinnige Verse; ausgewählt, vertont und choreographiert von der litauischen Künstlerin Lina Lapelyté. Währenddessen herrscht ein ständiges Aufbauen und Umgestalten der vielen kleinen Skulpturen aus Holzwürfeln. Niemand steht still, aber alle Bewegungen und Aktionen verlaufen ruhig, gelassen und trotzdem konstruktiv. Auch wir sind aufgerufen, die Szenerie mitzugestalten. Wir fühlen die Struktur des Holzes, greifen und stapeln immer neue Figuren. Es ist fast wie zu Kindergartentagen und eine Situtlion der Entschleunigung, ein meditatives Erleben mit allen Sinnen.
Singende Performer*InnenLina Lapelyté
Die Künstlerin wurde bekannt, als sie mit zwei Kolleginnen auf der Venedig-Biennale 2019 den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon für „Sun and Sea“ gewann, einer Inszenierung einer Strand-Szene mit Operngesängen über Klimawandel und Umweltzerstörung, die in ihrer paradoxen Mischung aus Idylle und krasser Problemdarstellung wahrhaft überwältigend war.
In diesem Jahr soll auf der jetzt beginnenden Biennale in Venedig keine Jury über die Preisvergaben entscheiden. Diese ist nach den politischen Debatten über den Ausschluss von Länderbeiträgen Russlands und Israels gemeinsam zurückgetreten. Die Biennale-Leitung entschied, dass das Publikum per Votum die Preisvergabe bestimmen soll, und zwar bis zum Ende des Events im Herbst. Im Grunde eine revolutionäre, spannende Idee, doch den herrlichen litauischen Länderpavillon von 2019 hätte damals kaum eine ausreichende Zahl von Zuschauern für einen Sieg gefunden. Er befand sich versteckt und schwer erreichbar in einem alten Weftgebäude.
Der Titel: „We make Years Out of Hours“ beschreibt die Idee der Langsamkeit in einer hektischen Zeit. Die philosophischen Gedichte der Lieder sind in dem sehr guten übersichtlichen Katalog des Hamburger Bahnhof nachzulesen. Wir brauchen Zeit und Einfühlungsvermögen, um uns auf diese tiefen Gedanken einzulassen, doch es lohnt sich. „Wie weit ist weit?“, „… Ich habe Angst, rauszugehen….“, „Wenn der Krieg vorbei ist….“ Genau für den Augenblick bauen wir schon mal eine neue bessere Welt!
Lina Lapelyté: „We Make Years Out of Hours“, Hamburger Bahnhof, Berlin, 1.Mai 2026 bis 10.Januar 2027
Sie waren der absolute Hit auf der ART Basel Miami Beach und rasch ausverkauft: die Roboter-Hunde, die mit den Köpfen berühmter MÄNNER herumtappeln, kleine Papiere drucken und ausscheiden. Alles sei eine künstlerische Demonstration, was eine selbstdenkende Künstliche Intelligenz so könne. Die sehr realistischen Köpfe sind neben dem Künstler selbst Andy Warhol, Pablo Picasso, Kim Jong-un, Elon Musk, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos. Zum Gallery Weekend beschert uns die Neue Nationalgalerie diesen witzigen Spaß, der sicher viele Menschen in das Museum lockt.
Beeple und CCB
Doch fehlt da nicht zum Unterschied eines Spektakels für Disneyland ein etwas tieferer philosophischer Background? Hierfür hat die großartige Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev im Artist-Talk fast eine Laudatio beigetragen. Aus ihrer Sicht sei die digitale Kunst eine neue relevante Kunst-Richtung. Gefragt, ob sie so etwas auf ihre Documenta eingeladen hätte, meinte sie: aus heutiger Sicht ja. Doch damals habe es keine NFTs o.ä. gegeben. Sie habe 2012 die Zentrierung der Kunst auf den Menschen aufbrechen wollen und eine Wertschätzung anderer belebter und unbelebter Natur bewirken wollen. Das habe ihr die übertriebene Schlagzeile eingebracht, sie fordere ein Wahlrecht für Erdbeeren. Hätte die digitale Technologie mit Smartphones und KI damals schon eine so erhebliche Verbreitung in der Welt gehabt, hätte sie diesen Aspekt sicher gezeigt.
aus „Everydays: The first 5000 Days“Beeple-WerkBeeple-Werk
Wer aber ist Beeple: Mike Winkelmann ist ein US-amerikanischer Web- und Game-Designer, der sehr früh aus Freude digitale Kunst-Werke produziert hat. Über 5000 Tage stellte er täglich kleine aktuelle Bildchen her, die er in einer Collage zusammenstellte, aber nur virtuell als NFT, dieser berühmten Form des nicht greifbaren „Kunstwerkes“, das aber jeder online anschauen kann. Doch NFTs sind auch käuflich: aber nur als Eintrag in ein hoch gesichertes Register und nur mit Kryptowährung zu bezahlen. Man bekommt den Eintrag , „um damit angeben zu können“. Beeples „Everydays: The first 5000 Days“ entstand 2021 und wurde für 69 Millionen Dollar (laut SPIEGEL) versteigert. Es begann ein wahrer Boom von Spekulationen mit NFTs. Auch Kunstgaleristen versuchten, diese neue „Kunst“-Gattung zu vermarkten und erfanden wundersame kreative Erklärungsversuche über den Wertzuwachs. 2025 crashte der NFT-Markt komplett! Die Blase war geplatzt.
Jetzt begeistern also diverse Roboter nicht nur in Ausstellungen, sondern auch z.B. den Bundeskanzler in China. Und werden momentan nicht auch die schrecklichen Kriege mit Drohnen, also fliegenden Robotern geführt, die extrem zerstörerisch sind? Vielleicht gibt es also doch einen sozialpolitischen Hintergrund, der die Hündchen zu einem Kunstwerk mit warnendem Charakter erhebt?
BEEPLE. „Regular Animals“, Neue Nationalgalerie Berlin, NUR vom 29.4. bis 10.5.2026
Nein, das lässt Shilpa Gupta für sich nicht zu! Shilpa Gupta
„I live under your sky, too“ ist ein sinngebendes Zitat der Künstlerin für all ihre Werke. Shilpa Gupta ist eine indische Konzeptkünstlerin. Wir wissen hier kaum etwas über die Historie des indischen Kontinents, höchstens, dass dort mehr als eine Milliarde Menschen leben und die Kastenzugehörigkeit immer noch eine Rolle spielt. Doch die politischen Ereignisse, die die indische Künstlerin geprägt haben, müssen wir uns neu vor Augen halten.
Shilpa Gupta wurde 1976 im damaligen Bombay geboren, das heute Mumbai heißt. Sie wuchs in einer lauten Stadt auf, die bis heute von verschiedenen teils gewaltvollen Konflikten geprägt ist. Hier spielen ethnische Herkunft, aber auch die Religion eine Rolle. Schon die Abschiebung muslimischer Bürger aus „British India“ 1947 nach Pakistan oder Bangladesch und somit Trennung vom hinduistischen Indien war der Beginn eines ewig schwelenden Konfliktes. Shilpa Gupta hat schon früh immer wieder versucht, die Grenze zwischen den Ländern und den Religionen zu überwinden, mittels Freunsdchaften, aber auch mit ihrem künstlerischem Engagement.
Shilpa Gupta schaffte es durch intensives Bemühen an der School of Fine Arts in Mumbai zu studieren. Obwohl zeitgenössische Kunst in Indien kaum eine Rolle spielt, fand sie kleine Galerien, die ihre Konzeptkunst außergewöhnlich und interessant fanden, leider aber ohne kommerziellen Erfolg.
Die Künstlerin arbeitet mit vielen unterschiedlichen Materialien und Medien als Konzeptkünstlerin. In Gegensatz zu ihrer Heimat findet ihre Kunst im Ausland hohe Anerkennung. So werden ihre Werke in New York, London, Tokio und Dubai ebenso geschätzt wie in Paris, Istanbul und Venedig.
Aktuell sind wichtige Werke von Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof in Berlin zu bewundern.
„Sie sind offensichtlich ein sehr feministisches Haus. Schon wieder zeigen Sie die Arbeit einer Frau, wie schon so oft. Ist das Ihr Konzept?“ fragte INArtberlin Sam Bardaouil, den einen des Kuratoren-Duos des Museums. „Nein, das machen wir nicht extra. Wir sind immer auf der Suche nach spannender Kunst. Die ist das einzige Kriterium, das für unsere Auswahl zählt. Und im Augenblick finden wir zufällig fantastische Kunst bei einzigartigen Künstlerinnen.“
In Berlin ist ein dunkler Raum erfüllt von Protestgesängen aus viele Regionen der Welt. „We shall overcome“ oder „Bella Ciao“ sind leicht erkennbar. Sie erklingen aus altmodischen Mikrofonen, die zu Lautsprechern umgebaut sind und in einer Choreographie von der Deck hängend herumtanzen. Auf kleinen Hockern sitzend führt die Installation uns Besucher*Innen zu einem meditativen Innehalten.
Shilpa Gupta möchte mit ihren Kunstwerken all denen eine Stimme geben, die unterdrückt werden. Sie kämpft gegen soziale Ungleichheiten, thematisiert sowohl postkoloniale Spätfolgen als auch ganz aktuelle globale Wirtschaftsdynamiken.
Das zentrale Werk in Berlin ist „TRUTH“. Die einzelnen Buchstaben sind wie Monumente im Raum stehend oder liegend aufgestellt. Besucher laufen durch sie oder um sie herum; nicht nur um die Buchstaben, sondern auch um die „Wahrheit“, die im aktuellen Bezug jede/r anders bewertet. Anregen möchte das Werk ein strenges Nachdenken über Tatsachen kontra Fake-News.
….im Kontakt mit Joseph Beuys
Auf einem Podest unter Glas steht eine Auswahl von verschlossenen Fläschchen. In jedes hat Shilpa Gupta ein Poem unterdrückter Schriftsteller*Innen gesprochen.
Ein Eye-Catcher ist auch ein Buchregal mit Buch-Deckeln aus Edelstahl. Sie haben nicht nur Schriftsteller und Buchtitel eingrafiert, sondern auch die Gründe, warum dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.
Die jeweiligen Konzept-Ideen der Werke sind nicht immer auf den ersten Blick zu verstehen, doch die Tafeln daneben geben prägnante und einfühlsame Hinweise, mit denen ein einprägsames Verständnis für die Botschaft der Künstlerin ermöglicht wird.
Shilpa Gupta: „What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst in Berlin 27.März 2025 bis 3.Januar 2027
Als Extra noch etwas zur Vorfreude auf die kommende Ausstellung in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs:
400.000 rohe Holzwürfel mit einer Kantenlänge von 10 cm kündigen das nächste Kunstwerk von Lina Lapelyté an. Wird es wieder eine Oper? Die Komponistin gewann mit zwei Kolleginnen den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon in Venedig 2019 für Litauen. „Sun and Sea“ war eine Inszenierung mit Opernsängern in einem Strand-Szenarium. Wir können also gespannt sein, was ab 1.5.26 hier geboten wird!
Kerry James Marshall war schon ein Lieblingskünstler der Kuratoren Roger Buergel und Ruth Novak bei ihrer Documenta 12 (2007). Doch inzwischen gilt er als einer der global bedeutendsten figurativen Maler der Gegenwart. Seine großformatigen, farbintensiven Gemälde sind voller kunsthistorischer Bezüge.
Der absolute Wow-Effekt offenbart sich aktuell in einer grandiosen Solo-Show des Künstlers im Chipperfield-Bau des Kunsthauses Zürich. Dort besticht auf den ersten Blick das glänzende Schwarz, mit dem Marshall die Menschen auf seinen Bildern darstellt. Es ist sein Markenzeichen und gibt diesen vormals unterdrücklten People of Color, selbst wenn man kaum Gesichtskonturen erkennt, einen stolzen strahlenden selbstbewußten Ausdruck.
Der Künstler malt fröhliche Alltagsszenarien: im Beauty-Salon, am See oder im Nachtclub, inszeniert jedoch die Diskriminierung der Afroamerikaner*Innen in den USA hochgradig sozialkritisch. Picknick, Golf, Krocket, Wasserski: sind das nicht die Hobbies reicher weißer Familien, die hier von Schwarzen selbstverständlich gelebt werden?
Kerry James Marshall wurde 1955 in den US-amerikanischen Südstaaten in Alabama geboren, zog später mit seiner Familie nach Los Angeles, wo er Art-and-Design studieren konnte. Später fand er – bis heute – seine Heimat in Chicago. Da drängt sich sofort die wichtige Frage nach einer Teilnahme auch an der kommenden Documenta 16 auf. Bekanntermaßen bekräftigte deren Kuratorin Naomi Beckwith, dass sie sich ihrer Wurzeln in der Black-Community in Chicago sehr bewußt sei, was sich auch in der Konzeption der Documenta wiederfinden werde. Marshall dementiert jedoch INArtberlin gegenüber sofort: „Nein, ich werde auf keinen Fall erneut bei der Documenta ausstellen. Ich war dort schon zweimal (1997 und 2007). Das reicht völlig.“ Dies wiederholt der sympatische 70jährige jedoch mehrfach so vehement , dass man fast das Gegenteil glauben könnte.
Picasso: Guernica, Museo Reina Sofia, Madrid
1980 bot sich dem jungen Kerry James Marshall die Chance eines Besuchs im New Yorker MOMA. Allerdings war die Reise nur „Historienmalern“ vorbehalten. Er malte deshalb Szenen, die im Aufbau an klassische Historienmalereien anknüpften. Nur agierten bereits damals schon keine weißen reichen Adligen-Familien, sondern stolze Menschen in tiefem Schwarz. Damit qualifizierte er sich für die Reise zu seinem Lieblingsbild: Picassos „Guernica“, was für ihn ein prägendes Erlebnis wurde.
„Great America“ quetscht POCs in winzige Boote
Der Titel der Züricher Ausstellung „Histories“ beinhaltet eine doppelte Bedeutung: Zunächst erzählen die Bilder Geschichten (his stories), doch sie sind ebenso Zeitdokumente (History / Geschichte).
Die monumentalen Gemälde sind aber auch Wimmelbilder. Überall sind kleine Details zu entdeckten, z.B. auch Collagen mit Zeitungsausschitten oder ironischen Spruchbändern. Ebenso finden sich Portraits berühmter Persönlichkeiten des antirassistischen Widerstands in den Bildern. Es macht große Freude mit den Augen auf Entdeckungsreise zu gehen.
Kunsthaus Zürich von Chipperfield
Kerry James Marshals vielschichtige Gemälde in riesigem Format sind ein Kontrapunkt zur westlichen weißen Historienmalerei und ergänzen somit unsere Geschichtsschreibung auf extrem wichtige Weise. Selten macht es soviel Vergnügen, sich die weiterhin aktuelle Relevanz von Bürgerrechtsbewegungen zu vergegenwärtigen.
Kerry James Marshall: „The Histories, Geschichte(n)“, Kunsthaus Zürich, 26.März bis 16.August 2026
Constantin Brancusi (1876-1957) ist nicht neu, aber vielleicht immer noch modern? Er gehört ins letzte Jahrhundert. Doch er gilt als historische Schlüsselfigur, als Vorreiter der Abstraktion in der Gestaltung von Skulpturen.
Brancusi stammt aus einem kleinen Dorf in Rumänien, wo er 1876 geboren wurde. Er liebte schon früh die traditionelle Holzschnitzerei, doch er musste von zuhause weglaufen, um nicht zu einem anderen Beruf oder zum Militärdienst gezwungen zu werden. 1904 ging er nach Paris und bekam sogar eine Anstellung bei dem damaligen Star der Skulpturenszene Auguste Rodin. Brancusi kündigte jedoch nach wenigen Wochen mit seinem berühmten Satz: „Es wächst nichts im Schatten großer Bäume.“
Brancusis Werken ist in all ihrer Abstaktion noch die reale Grundfigur anzusehen. Aus einer Ei-Form entwickelte er den ausdrucksstarken Kopf der „schlummernden Muse“. Doch der Künstler reduzierte die Gesichtszüge durch Schleifen und Polieren immer mehr, bis am Ende ein eindrucksvolles Konzentrat stiller Emotionalität entstand.
„Prinzessin X“ (1915/16) war für Brancusi die perfekte Verschmelzung männlicher und weiblicher Figur, doch musste sie auch einmal aus einer Ausstellung rasch entfernt werden, weil viele nur den Phallus in ihr sahen.
Prinzessin X: Das gebeugte unterwürfige Haupt, Symbol der FrauPrinzessin X: andere Perspektive = Phallus
Brancusi arbeitete mit Holz, Gips, Marmor und Stein. Gelungene Objekte ließ er in Bronze gießen. Dabei gibt es nur wenige Motive in seinem Schaffen, doch diese stellte er in vielen unterschiedlichen Varianten her. Z.B. schlummernde Muse, Vogel im Raum, der Kuss, Leda in Bewegung.
Ein besonderes Markenzeichen Brancusis ist, dass er die Sockel für seine Skulpturen besonders beachtete. Sie sollten stets ein wichtiges ergänzendes Pendant des Gesamtkunstwerkes sein, meist in konträrem Material. Der Vogel im Raum ist bereits ein schmaler, sehr langgestreckter Messingkörper, der aber zusätzlich einen hohen Holzsockel bekam, als solle er bis an den Himmel reichen. Aus mehreren Sockelkonstruktionen entstand ein ebeso wichtiges Werk Brancusis: die „Unendliche Säule“.
Mademoiselle Pogani
Brancusi gibt uns nebenbei ein gutes Beispiel zur ewigen Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ 1926 verschickte er seine Skulptur „Vogel im Raum“ von Paris nach New York. Sein Freund und Förderer Marcel Duchamp kuratierte dort eine Ausstellung, bei der er sie präsentieren wollte. Angekommen in den USA stuften die Mitarbeiter des Zolls das Werk jedoch einfach als ein Metallteil ein, das kostenpflichtig verzollt werden müsse. Kunstwerke waren in Gegensatz dazu zollfrei. Damals wurden in den USA nur Nachbilder von natürlichen Objekten oder Menschen als Kunstwerke angesehen. Erst nach vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen über 2 Jahre bekam Brancusi Recht und seine abstrakte Skulptur wurde auch juristisch als KUNST anerkannt. Es ist erstaunlich, dass wohl die USA und Zölle schon vor 100 Jahren ein Kapitel von Willkür und Profit gewesen sind.
In der Neuen Nationalgalerie werden 150 Jahre nach seiner Geburt mehr als 150 Arbeiten des Künstlers gezeigt. Möglich wurde dies, weil das Centre Pompidou aktuell über 5 Jahre für eine Komplettsanierung geschlossen ist und seine Schätze somit gern ausleiht.
Der KussLeda in Bewegung
Ein Highlight der Ausstellung ist ein teilweiser Nachbau der Künstlerwerkstatt, in dem auch in Filmsequenzen der Meister bei der Arbeit „lebendig“ wird. Viele historische Dokumente und selbstgefertigte Fotos seiner Kunstwerke umrahmen den Werkstattbau in einem zentralen runden Pavillon. Sie sind mit einem guten Gespür für die Darstellung des damaligen Zeitgeistes zusammengestellt und angeordnet.
Brancusis glänzende Skulpturen ergeben zudem in der Neuen Nationalgalerie eine herrliche kontrastreiche, aber harmonische Einheit mit dem Museumsbau von Mies van der Rohe, als seien sie genau hierfür geschaffen worden.
„BRANCUSI“ Neue Nationalgalerie Berlin, 20. März bis 6. August 2026
Die spektakuläre Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Julian Charrières aktuelle Meisterwerke, diesmal zum großen Thema Wasser, dem Lebensraum unzähliger Organismen und zugleich hart umkämpfte Ressource. Charrières Arbeit ist eine Mischung aus Bildern, Videoproduktionen und Exponaten, die thematisch Naturphänomene und deren Beeinflussung durch die Menschheit mit Hilfe künstlerischer Interventionen veranschaulichen.
Im Mittelpunkt der Wolfsburger Ausstellung steht die Expedition des Künstlers in die Mitte des pazifischen Ozeans in eine Region, die lediglich wegen ihrer großen Vorkommen der begehrten Manganknollen für den Tiefseebergbau interessant ist. Charrière versenkte dort eine achteckige Laterne mit rotierender Fresnellinse, wie sie in Leuttürmen verwendet wird, bis in 1000 m Tiefe. Diese wird als Midnight Zone bezeichnet, weil bis hierhin keinerlei Sonnenlicht dringt. Doch Charrières Lichtquelle zieht einzelne Fische und ganze Schwärme magisch an, die sie koordiniert umkreisen. Von dem berühmten Unterwasserfilmer und Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) gibt es den ikonischen Fim: „Die schweigende Welt“. Darin behauptet er, die Tiefseewelt sei völlig still. Charière filmte nicht nur, sondern kann durch Tonaufnahmen belegen, dass dort sehrwohl recht laute akustische Phänomene existieren.Er erklärt: „Es gibt die Geophonetik ausgehend von Erdformationen; die Biophonetik der Tierwelt und die Anthropophonetik, das sind menschengemachte Geräusche wie von Schiffsschrauben oder Sonargeräten. Diese mischen sich zu einer erheblichen Geräuschkulisse.“ Der Film wird von diesen Geräuschen begleitet, die teils intensiv den riesigen Museumsraum erschüttern lassen. Da liegt die Frage an den Künstler nahe, ob der Ton KI-generiert sei (oder von Quantencomputern wie zuletzt recht unangenehm bei Pierre Huyghe). „Nein, bei mir ist alles echt!“ Charrière bringt den Beweis, dass ein Ernten der Manganknollen kein harmloses Agieren im stummen Nichts wäre, sondern eine massive Zerstörung in einem lebendigen Biotop mit großer Tierpopulation zu Folge hätte.
Neben der Großbildprojektion steht ein achteckiger Pavillon, in dem genau die Leutturm-Laterne in ihrer vollen Aktion mit dem rotierenden Licht ausgestellt ist, reizvoll mit Spiegeln in Szene gesetzt.
Julian Charriére ist schweizerisch-französischer Künstler mit bereits weltweitem Renommeé. Die Liste der Orte, an denen seine Werke gezeigt wurden, läßt kaum einen weißen Fleck auf der globalen Landkarte erscheinen. Aktuell lebt und arbeitet er in Berlin. Die nächsten Projekte sind in Vorbereitung für Venedig und Peking.
In einer früheren Expedition hat sich Charrière bei Island auf einer großen Eisberg-Scholle absetzen lassen und ist auf die Spitze des Eises geklettert, wo er mit einem Propangas-Brenner 7 Stunden lang den Gletscher angeschmolzen hat. Solch eine paradoxe Aktion macht die Problematik drohender Naturzerstörung durch uns Menschen mit viel Humor großartig populär.
In der Ausstellung ist ein weiterer Film zu sehen, der an die Decke projeziert wird. Er wurde aus der Perspektive von tief unter Wasser nach oben an die Oberfläche zum Tageslicht hin aufgenommen. Man schaut ihn am besten liegend auf den Liegesäcken an. Kanten von Eisschollen wirken darin plötzlich wie Raumschiffe.
Einige aus der Tiefsee geborgene ausgestellte Objekte unterstreichen die Verschmelzung von Menschlichem und Natur wie z.B. überwucherte Teile von Schiffswracks.
Die Kunst von Julian Charrière ist typisch für „Artistic Research“. Dabei betreiben KünsterInnen reale Forschung, aber nicht mit Statistiken und Tabellen, sondern mit künstlerischen Mitteln. Charrières Kunstwerke sind Wissenschaft, mit aufwändigen technischen Mitteln perfekt aufgenommen. Sie fordern durchaus unser naturwissenschaftliches Denkvermögen, um ihre Komplexizität voll zu erfassen. Das ist faszinierend. Doch ebenso ist es ein großer Genuss, die gezeigten Phänomene in ihrer Präsentation rein als Kunstwerke emotional auf uns wirken zu lassen, absolut ohne Gedanken an jegliche Uni-Vorlesung.
Wieder einmal gibt das Kunstmuseum Wolfsburg Kunstwerken den Raum, der sie zur allerbesten Entfaltung bringt.
Julian Charrière „Midnight zone“ im Kunstmuseumm Wolfsburg vom 14.März bis 12.Juli 2026. Tipp: Gönnen Sie sich eine professionelle Führung durch die Ausstellung. So erhöht sich bestimmt der Kunstgenuss durch besseres Verstehen.
Ein deutscher Film erhält den Goldenen Bären der Berlinale 2026
Premiere
Wenn bei uns gelbe Briefe eintreffen, bedeuten sie auch meist nichts Gutes, denn sie kommen von Staatsanwaltschaften oder Gerichten. In der Türkei werden in gelben Umschlägen Entlassungsbriefe verschickt. Die Hauptfiguren Derya und Aziz erhalten solche Schreiben und verlieren gleich beide ihre Arbeit am Staatstheater und an der Universität in Ankara. „Gelbe Briefe“ erzählt die Geschichte der Familie einer erfolgreichen Schauspielerin und eines Dramaturgen sowie Uni-Professors, deren Lebengrundlage ihnen plötzlich mit fadenscheinigen Argumenten entzogen wird. Das Paar lebt mit einer pubertierenden Tochter in einem despotischen System, in dem kritische Stimmen zwar nicht getötet, aber durch Job-Verlust zum Schweigen gebracht werden. Wie soll man weitermachen? Weiterhin ideologisch korrekt das System kritisieren oder sich an die Verhältnisse anpassen?
Diese beiden Pole werden in der Beziehung von Derya und Aziz kontrovers, aggressiv, aber klug ausdiskutiert. „Meinst du immer noch, du kannst mit Kunst die Welt retten?“ fragt die Tochter den Vater. Letztlich nimmt Derya das Angebot einer lukrativen Rolle in einer Serie an, obwohl diese bei einem systemkonformen Sender läuft und sie ihre politischen Social-Media-Einträge löschen soll. Azis bleibt konsequent bei seiner kritischen Weltverbesserungs-Überzeugung. Der Unterschied der Einkommen bleibt folgerichtig auch nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung.
„Gelbe Briefe“ sollte ursprünglich als türkischer Film komplett auf türkisch und auch in der Türkei vorbereitet und gedreht werden. Doch in den knapp 5 Jahren der Arbeit an dem Film änderte sich die politische und soziale Realität so, dass Regisseur Ilker Çatak, der seit Kindheit in Deutschland lebte, studierte und arbeitete, diese Sicht deutlich von außerhalb des Systems erzählen wollte. Reale Geschichten von Entlassungen und sogar Verhaftungen aus geringen konstruierten Anlässen waren ihm persönlich berichtet worden und Anlass für den Film. Letztlich entschied er sich für den Kunstgriff, dass die Produktion nach Deutschland verlegt werden sollte. So sehen wir jetzt Einblendungen: „Berlin ist Ankara“ und „Hamburg ist Istanbul“ und schon ist die Elbphilharmonie deutlich im Hintergrund, während in der Handlung die Darsteller mit dem Boot über den Bosporus fahren. Das irritiert und führt gleichzeitig zu Aufmerksamkeit.
Ilker Çatak, Özgü Namal, Tansu Biçer
Die konfliktreichen Dialoge werden excellent von Tansu Biçer und Özgü Namal schauspielerisch umgesetzt. Beide sind gefeierte Schauspieler in der Türkei, was dem Film hochgradige Kompetenz verschafft. Die Ambivalenz und Zerrissenheit der Rollen werden fantastisch spürbar dargestellt.
Doch dieser Film ist mehr als eine Beziehungsgeschichte in der Türkei. Es ist eine angstauslösende Botschaft, denkt man darüber nach, was jedem einzelnen von uns angesichts drohender politischer Wendungen passieren kann. Die Möglichkeit ist in letzter Zeit so nah gerückt, dass wir sie nicht einfach verdrängen können. Auch durch die Verzahnung der Orte im Film rückt die Handlung näher an unsere eigene Realität heran.
Handwerklich ist „Gelbe Briefe“ in Regie, Kameraführung, Bild, Schnitt, Sprache und Ton perfekt sowie inhaltlich eine großartige Bereicherung, die fasziniert und erscheckt zugleich. Ein Kunstwerk!
Die Berlinale ist das bedeutendste Filmfestival Deutschlands, das international hohe Aufmerksamkeit genießt. Dass nach 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ gewann, jetzt endlich wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären bekommt, ist hoch erfreulich. Jury-Präsident Wim Wenders bestätigt in seiner Laudatio den „Gelben Briefen“ internationales Niveau und Aussagekraft.
INTERVIEW:
INArtberlin sprach mit Luzie Lohmeyer (Prokuristin und kaufmännische Leiterin bei if…Productions) direkt nach der Preisverleihung:
I.B. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Goldenen Bären! Ihre Produktionsfirma if…Productions (Produzent: Ingo Fliess) ist ja ein recht kleines Unternehmen und jetzt haben Sie nach der Oscar-Nominierung für „Das Lehrerzimmer“ im vorletzten Jahr schon wieder ein Meisterwerk produziert!
L.L.: „Wir sind total glücklich, doch es war eine hervorragende intensive Arbeit! Allen voran von Ilker Çatak, aber auch von unserem hoch motivierten Team, das sich während der Zeit immer wieder hinterfragt und dadurch stetig verbessert hat.“
I.B.: Sie sind diejenige, die stets dafür sorgt, dass die organisatorische und besonders finanzielle Situation des Projektes gesichert ist?
L.L.: „Genau, ich bin für die Zahlen verantwortlich. Das funktioniert nicht nur, weil ich Mathematikerin bin, sondern auch ein großes Herz für unsere Filmprojekte habe. Man muss sich gut in den Projekten auskennen, um bei den Förderanträgen und Investoren richtig zu argumentieren.
Für „Gelbe Briefe“ hatten wir zunächst ein Budget von rund 1,5 Millionen Euro eingeplant, das uns für einen Film mit kompletten Dreharbeiten in der Türkei realistisch und finanzierbar schien. Als dann das Autorenteam von Ilker Çatak, Ayda Çatak und Enis Köstepen die Idee entwickelte, den Film ins Exil zu schicken und die Dreharbeiten nach Deutschland zu verlegen, waren wir alle sofort begeistert, auch wenn das auf einen Schlag fast eine Verdreifachung des notwendigen Budgets bedeutete. Weil wir den inhaltlichen Sinn so gut nachvollziehen konnten, war es für mich auch nicht so schwer, das den Geldgebern und Förderern überzeugend zu vermitteln. Natürlich half dabei der Erfolg von „Das Lehrerzimmer“, ebenfalls von Ilker Çatak, das ja eine Oscar-Nominierung erhalten hatte und mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden war. So konnten wir z.B. unsere wunderbaren französischen Koproduzenten Haut et Court für das Projekt gewinnen. Allerdings bedeutete dieser Erfolg auch eine große Herausforderung. Konnte ein zweites Mal ein solches Kunststück gelingen? Das Lehrerzimmer durfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Mit dem Goldenen Bären ist „Gelbe Briefe“ nun aus dem Schatten des „Lehrerzimmers“ herausgetreten.
I.B.: Auffällig ist, dass überall nach staatlichen Fördergeldern gerufen wird.
L.L: „Es stimmt, dass ohne solche Fördergelder kein Film dieser Größenordnung in Deutschland produziert werden kann. Schließlich müssen hohe Summen im Vorfeld für den Produktionsprozess aufgewendet werden, bevor an Einnahmen überhaupt zu denken ist. Von den Schauspielern bis hin zum gesamten Team müssen viele Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Hervorragende Schauspieler beanspruchen auch verdientermaßen mehr als kleine Gagen. Dazu kommen noch viele unsichtbare Kosten für Hotels, Flüge, Kinderbetreuung, Arbeits-genehmigungen und noch viel mehr. Durch die Produktionsverlegung musste beispielsweise für jeden türkischen Mitarbeitenden ein Arbeitsvisum beantragt werden. Das größte Problem bleibt aber, dass aktuell die Kosten enorm gestiegen sind, doch die Höhe der Fördersummen stehen bleibt.“
I.B.: Wie hat es mit dem Film begonnen?
L.L.: „Wir machen Autorenfilme, was bedeutet, dass wir an erster Stelle unseren Autoren vertrauen! Ilker Çatak kam mit der Geschichte vor fast 5 Jahren zu uns. Dieses Vertrauen bedeutet aber nicht, dass wir unsere Autoren allein lassen. Wir begleiten den Schreib- und Entwicklungsprozess intensiv. Ilker Çatak sucht aber sowieso stets einen konstruktiven Dialog mit uns, ist dabei super empathisch und kooperativ mit allen Beteiligten und behält dabei seine künstlerische Vision im Auge. Eine Zeit lang gab es sogar Zweifel, ob das Thema nicht an Aktualität und Relevanz verlieren könnte, bevor der Film fertig ist. Doch die politische Realität hat dies immer eindrücklicher bestätigt. Das Filmthema wuchs enorm an aktueller Bedeutung während der Produktionszeit.
I.B.: Machen Sie sich Sorgen um die Schauspieler, die ja weiterhin in der Türkei leben?
L.L.: „Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn der Film soll ja auch in der Türkei gezeigt werden. Das wurde mehrfach mit allen offen kommuniziert. Unsere türkischen Koproduzenten Liman Film sind dabei enorm wichtig und wir vertrauen auf ihre Einschätzung der Lage. Aktuell stehen alle hinter dem Projekt und es besteht die Hoffnung, dass eine internationale erfolgreiche Sichtbarkeit auch ein Schutz sein kann. Der Goldene Bär ist dafür hoffentlich der erste Faktor.“
I.B. Nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Gespräch.
Kinostart in Deutschland: 5. März 2026. Achtung: Wenn dieser deutsche Film in einem Kino als „OmU“ (Original mit Untertiteln) angekündigt wird, ist das Türkisch, aber auch ohne Sprachkenntnisse spannend, weil noch authentischer.
Sein Markenzeichen sind die Objekte, in denen er seine ganze physische Kraft für immer fixierte, indem er Nägel in Holz hämmerte, die jedoch danach ganz subtile tiefsinnige Kunstwerke verkörpern.
Günter Uecker konzipierte die Schau „Die Verletzlichkeit der Welt im Arp-Museum Rolandseck bei Bonn noch selbst kurz bevor er im vergangenen Jahr am 10. Juni 95jährig starb. Uecker reiste sein Leben lang in unterschiedlichste Regionen der Welt, meist dorthin, wo Spannungen das Leben beeinfussten. So berichtet sein Sohn Jakob bei der Eröffnung. Sein Vater wollte stets Kunst an Orte bringen, wo man es nicht erwartet: Kairo, Libyen, die Navaro-Reservate, Sibirien, die Mongolei, China, den Iran oder Sri Lanka. Zuletzt wollte er unbedingt nach Tadschikistan, wohin ihn sein Sohn begleitete.
Waldgarten
Mit dieser Ausstellung schließt sich auch ein Kreis, denn schon 1964, in dem Jahr seiner Documenta-Teilnahme, war es Günther Uecker, der mit seiner künstlerischen Intervention den Bahnhof Rolandseck symbolisch für die Kunst „in Besitz nahm“ und vor dem Abriss rettete. Er schlug vom Vorplatz beginnend bis zur obersten Treppenstufe des Bahnhofsgebäudes eine Nagelspur ein. Sein Freund Johannes Wasmuth hatte diesen malerischen Ort, der schon immer wegen der wunderbaren Aussicht auf den Rhein Künstler-Bahnhof hieß, entdeckt. Nach vielen Jahren komplettiert jetzt seit 2007 das Arp-Museum den markanten Kunst-Standort.
Die Ausstellung zeigt zunächst eine Auswahl von Möbelstücken, die Uecker in typischer Art „benagelt“ hat. Darunter ist auch eine Nähmaschine als Hommage an Pina Bausch. Tatsächlich hatte die Tänzerin und Choreografin hierauf Kostüme für ihre Inszenierungen genäht und sie ihm geschenkt.
„Mein Vater hat stets ohne vorherige Zeichnung und ohne Pausen die Nägel in seine Werke geschlagen. Die besonderen Winkel und Anordnungen entstanden direkt und ohne Korrektur. Ja, das war schwer und er war dann auch erschöpft.“
Die Sandmühle, das kinetische Objekt als Zeichen für die Vergänglichkeit der Zeit, aber auch stetige Erneuerung der Natur füllt als ikonische Arbeit von Günther Uecker einen ganzen Raum. Dort herrscht eine meditative, fast andächtige Stille. Diese philosophische Seite des Künstlers kennen wir bereits aus dem Andachtsraum im Berliner Bundestag.
Eine weitere zentrale Gruppe an Kunstwerken handelt von den Verletzungen, die Menschen andere Menschen zufügen: „Verletzen und verbinden“. Symbolisch zerschlug Uecker einen Bettrahmen und legte ihm dnach Mull-Binden-Verbände an, um durch Kunst die Welt zu heilen.
Hierzu gehört auch „Denk ich an Deutschland“. Die starken Holzbalken sind zerbrochen und nur notdürftig verbunden, alles hängt nur an einem dünnen Seil. Er bezieht sich auf Heinrich Heines „Nachtgedanken“ (1844) und ist damit extrem aktuell:
„Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.“
Günter Uecker war viel mehr als ein Nagel-Künstler. Alles, was er schuf, in der Werkstatt, mit seinen perfomativen Auftritten oder Installationen war hochpolitisch und immer aus der Überzeugung geboren, dass Kunst die Welt verbessern kann. Zitat:
„Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit der Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben.“ (2025)
Günther Uecker: „Die Verletzlichkeit der Welt“, Arp-Museum Rolandseck, 8. Februar bis 14.Juni 2026
Manchmal geht man in eine Kunstausstellung, weil man gerade in einer Stadt ist und Vertrauen in die Auswahl der jeweiligen Museums-direktor*Innen oder Kurator*Innen hat. Dann ergibt sich plötzlich das beglückende Erlebnis, eine bisher unbekannte Künstlerin kennenzulernen, deren Werke wirklich überraschen und berühren. So passiert: zuletzt in den Deichtorhallen in Hamburg mit der Libanesin Huguette Caland (1931-2019).
Zunächst ziehen ihre farbigen, Pop-Artigen Gemälde den Blick auf sich, deren Abstraktion noch ursprüngliche Formen von z.B. Häusern aufweisen.
Doch die Malerin thematisierte auch offen weibliche Körperlichkeit. Ihre Frauenfiguren bestehen zwar meist fragmentiert aus einzelnen Körperteilen, doch alle stellen weibliche üppige Rundungen hoch attraktiv dar. Ein Bild mit zwei deutlichen Po-Rundungen nannte sie ironisch „Selbstportrait“. Erkennbar ist eine Künstlerin, die ihre Körperfülle mit Stolz und Erotik dargestellt hat.
„Self Portrait“
Calands Kunst und ihre Lebensgeschichte sind intensiv miteinander verwoben.
Sie war eine Vorreiterin für die Selbstbestimmung der Frau, unabhängig von religiösen, politischen oder kulturellen Vorschriften. 1931 zur Zeit ihrer Geburt in Beirut, bekam Huguette Caland diesen französischen Vornamen, weil sich der Libanon noch unter französischer Herrschaft befand und dies auch eine Amtssprache war. Der Libanon ist schon traditionell kein ausschließlich muslimischer Staat, sondern hat einen hohen Anteil von Menschen mit christlicher Religion. Die Künstlerin wuchs daher in einem kulturellen Spannungsfeld zwischen Islam, Christentum und westlich europäischem Einfluss auf, doch sie nahm von keinem irgendwelche Einschränkungen für Frauen einfach hin.
Der VaterDer Liebhaber
Seit 1943 war ihr Vater nach Abzug der Franzosen erster Präsident in dem neuen unabhängigen Libanon. Huguettes Heirat mit einem Franzosen und außerdem Sohn eines politischen Gegenspielers des Vaters 1952 war ein deutliches Statement weiblicher Selbstbestimmung. Nach dem Tod des Vaters 1964 fing sie ein Studium an der amerikanischen Uni in Beirut an. Doch der Freiheitswille war so groß, dass Huguette Caland 1970 trotz 3 Kindern einfach aus ihrer Familie verschwand und nach Paris zog, wo sie ihre Kunst ausgiebig entfaltete und Liebhaber hatte.
1979 entwarf Caland für Pierre Cardin klassische Kaftane, jedoch mit modernen, provokativ erotischen Andeutungen im Design. Sie selbst trug konsequent Kaftane, egal in welcher Kultur sie gerade lebte.
Viele der Kunstwerke sind auf textilen teils sehr zarten Geweben gemalt oder apliziert, wobei einige Motive an Hundertwasser oder Klimt erinnern.
Ihr zeichnerisches Werk aus zarten Linien beweist aber auch ihr ausgezeichnetes Talent und die professionelle Ausbildung an Hochschulen.
1987 zog die Künstlerin in die USA. Inzwischen lebte und studierte dort ihr Sohn. Dort habe sie es jedoch sehr schwer gehabt, als Künstlerin anerkannt zu werden. Galeristen hätten sich kaum dazu entscheiden können, eine Frau zu präsentieren, selbst wenn sie ihre Bilder bewunderten.
Letztlich zog Huguette Caland 2013 wieder nach Beirut, um ihren -immer noch- Ehemann bis zu seinem baldigen Tod noch zu begleiten. Sie blieb im Libanon – weiterhin künstlerisch hoch aktiv- bis sie selbst 2019 starb.
Immer wieder das Geld!
Viele der Werkgruppen weisen eine hohe Anziehungskraft auf, jede auf eine andere Art. Sowohl die quadratischen Alltags-Kollagen, als auch die großartigen akribisch gezeichneten mystisch-fantasievollen Figuretten sind besondere Kostbarkeiten. Insgesamt besticht die feinsinnige einfühlsame Vielfalt an Techniken und Ausdrucksfähigkeit. Der Titel bescheibt es: Feine Linien erzählen ein feministisch multikulturell fröhlich gelebtes Leben!
Huguette Caland: „A Life in a few Lines“, Deichtorhallen Hamburg, 24.Okt. 2025 bis 26. April 2026
Im legendären Berliner Club Berghain stellt die LAS-Stiftung ein Werk von Pierre Huyghe aus. Auf einer riesigen Leinwand in der großen Halle läuft in tiefer Dunkelheit ein Video, in dem eine nackte weibliche Person in einer dystopen grauen Landschaft zwischen steinigen, teils sich bewegenden Formationen orientierungslos kriecht, geht oder stolpert. Das Wesen besitzt statt eines Gesichtes nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Dazu sind Geräusche zu hören, die an- und abschwellen, teils extrem laut und schmerzhaft im Ohr.
Im Informationsblatt stehen als Erklärungen Ausdücke wie: „Konzepte des Ungewissen“, „Moderner Mythos“, „Tanz der Materie“, „Etwas radikal Fremdes“, „Von Unbestimmtheit und Vielfachheit geprägte Quantenrealität“. „Ein nicht existierendes Wesen“, „eine Seelenlandschaft“, „ein auf Quantenrauschen basierendes KI-Modell“.
Zitat des Künstlers: „Die Figur ist ein hybrides Wesen, eine unendliche Membran, die von Leere geformt wurde.“ Das trifft es im Grunde genau: kein Kunstwerk, sondern lediglich sinnlose Leere!
„Maske“Apokalypse: Maschinen übernehmen die Erde
Liminal (ohne s, weil ohne Sound) war bereits in Venedig 2024 in der Pinault-Collection in der Punta della Dogana installiert, dort jedoch in Kombinaltion mit Schaukästen, die real Steine und Puppenhände enthielten ähnlich den Szenarien des Films. Ebenso gab es einen interessanten älteren Film, in dem sich ein Affe mit der Maske eines jungen Mädchens in unbewohnten Häusern nach atomarer Zerstörung menschenähnlich bewegte und verhielt. In einem weiteren Werk waren Szenen wie auf einem fernen Planeten zu sehen, wo Krähne und Maschinen zwischen menschlichen Skeletten eine Art Eigenleben führen, die Erde offenbar nach der Apokalypse übernommen haben. Liminal konnte in diesem Zusammenhang vielleicht noch eine Bedeutung zeigen als Gegenüberstellung des Menschen ohne Persönlichkeit in seiner puren Animalität im Kontrast zu dem Affen mit einer gewissen Vermenschlichung. Doch es blieben auch hier mehr offene Fragen zurück und keinerlei emotionales Kunsterlebnis.
Jetzt im Berghain sei es eine Weiterentwicklung des Projektes: nämlich mit Sound! Und dieser sei von einem Quantencomputer hergestellt worden! Allerdings ist zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, warum die Geräusche nicht auf herkömmliche Weise erzeugt werden konnten.
Pierre Huyghe kam nachweislich mit der Quantenphysik während seiner Teilnahme an der Documenta 13 (2012) in Kontakt. Der spätere Nobelpreisträger Anton Zeilinger aus Wien zeigte dort eine Präsentation seiner Forschung über Quantentheorie mit Ausblick auf technologische Anwendungen. Wie die Kuratorin Carolyn Christov-Barkagiev bei der 70-Jahrfeier der Documenta in Kassel letztes Jahr berichtete, bot Anton Zeilinger mehrfach abends nach Schließung der Türen Seminare über Quantenphysik für die Künstler*Innen an; für kreative Köpfe garantiert inspirierend, doch vielleicht auch ein Sackgasse?
Anton Zeilinger erklärt bei der Documenta 13 Künstlern die Quantentechnologie
Für Liminals beriet sich Pierre Huyghe mit dem Direktor des Instituts für Quantenkontrolle am Forschungszentrum Jülich, Tommaso Calarco, von dem ein recht passendes Zitat in der Presseinformation zu finden ist: „Fast alle Menschen haben bislang ohne Quantentechnologien gelebt, aber kein Mensch könnte je ohne Kunst leben.“
Dem kann man sich nur anschließen! Doch im Gegensatz zu früheren Arbeiten von Pierre Huyghe -beispielsweise 2017 bei den Skulpturenprojekten Münster- läßt Liminals jegliche künstlerische Ausstrahlung vermissen.
Pierre Huyghe: „Liminals“ , Berghain, Berlin, 23.Jan. bis 8. März 2026