


Peggy Guggenheim war die erste. Sie zeigte 1948 ihre weltberühmte Avantgarde-Kunstsammlung auf der Biennale und erwarb danach den unvollendeten Palazzo Venier dei Leoni, wo bis heute Ihre Werke präsentiert werden.
Die wohlhabene Amerikanerin wurde inzwischen Vorreiterin eines Trends. Extrem reiche Menschen erwerben prachtvolle Gebäude in Venedig und stellen dort sich und ihren Reichtum in Form wunderbarer zeitgenössischer Kunst zur Schau. Nun gibt es bestimmt schlechtere Investitionen als die aktuelle Kunstszene zu fördern, doch es muss stets bedacht werden, dass wir dort Werke präsentiert bekommen, die dem Geldgeber gefallen. Um die künstlerische Bewertung kümmern sich glücklicherweise weltweit viele -hoffentlich neutrale- Kritiker.


Francois Pinauld folgte 2005 und erwarb den Palazzo Grassi und 2009 die Punta della Dogana. In beiden fantastisch sanierten Gebäuden zeigt der milliardenschwere französische Kunstmäzen wechselnde Glanzstücke zeitgenössischer Kunst.
Das Ca‘ Corner della Regina ist seit 2011 im Besitz der Konzern-Stiftung des Mode-Familienunternehmens PRADA.
Nicolas Berggruen erlangte sein Vermögen als Finanzinvestor, u.a. durch geschickte Geschäfte mit Übernahme und Weiterverkauf von Karstadt. Als Kunstliebhaber kaufte der den Palazzo Diedo 2022, wo er erstmals 2024 in den Monaten der Biennale zeitgenössische Kunst seines Geschmacks präsentierte.
Seit Mai 2025 reiht sich der belgische Modedesigner Dries van Noten in diese illustre Gesellschaft ein, indem er den Palazzo Pisani Moretta erwarb.
Dagegen haben sich die LAS-Stiftung Berlin gemeinsam mit AMOS REX aus Helsinki mit ihrer ultramodernen Installations-Präsentation von Natasha Tontey im Ateno Veneto nur eingemietet. Doch auch der Ursprung dieser beiden Stiftungen basiert auf dem Privatvermögen reicher Mäzene.



Die Installation besteht zentral aus einem KI-generierten Video „The Phantom Combatants“ und erzählt die Geschichte einer indonesischen Widerstandkämpferin aus den 50ger Jahren. Sie gehörte wie auch die Künstlerin der Minderheit der Minahasan an. Deren Kultur und Souveränität sollen gezeigt und beschützt werden. Die raumfüllende Arbeit entspricht dem Konzept von LAS und Amos Rex, die Kunstwerke fördern, die aktuelle innovative Technologien nutzen. Das Werk erinnert somit durchaus an die Symbolik und Machart der Gamer-Szene. (Nur bis 25.Oktober 2026)
Da die Ausstellungen der Superreichen trotz der kritischen Einstellung ihnen gegenüber dem kunstaffinen Biennale-Publikum in Venedig viel Erlebnis und vorwiegend Freude vermitteln, bekommen sie hier ihre angemessene Aufmerksamkeit.


Im Palazzo Grassi werden zwei Künstler präsentiert. Den größten Raum nehmen auf 3 Etagen die Gemälde von Michael Armitage ein. „The Promise of Change“ ist der Titel der Retrospektive des 1984 in Nairobi geborenen britisch-kenianischen Malers. Bei ihm sind die beiden Welten seiner Herkunft zu erkennen. Seine Mutter stammt aus Kenia, er selbst zog früh in die Heimat des Vaters nach London, wo er studierte. Die Politik, Probleme und Kultur Ostafrikas werden in den Bildern in seinem ganz besonderen Stil qualitativ hochwertig thematisiert. Schade ist, dass wir Besucher*Innen von der Fülle der Werke (wie bereits 2024 mit Julie Mehretu) überflutet und leicht überfordert werden. Es bietet sich an, sich nur 5 bis 6 Werken intensiv zu widmen.


Der zweite Künstler im Palazzo Grassi ist Amar Kanwar (1964). Der indische Dokumentar- und Kunst-Filmer hat bereits bei vielen Großausstellungen fantastische Videos gezeigt. Kanwars jüngstes Werk,“The Peacock’s Graveyard“ (2023), ist eine Siebenkanal-Filminstallation, in der fünf märchenhafte Geschichten in kurzen Bildschirmtexten erzählt werden, unterbrochen von bewegten und unbewegten tollen Bildern. Es gibt Stille und Umgebungsgeräusche – von Regen, einem entfernt vorbeifliegenden Jet –, die zusammen mit den Bildern aufgenommen wurden, in Kombination mit Raga-Hip-Hop aus Indien. Bild und Sound bilden ein einnehmendes immersives Erlebnis, das sich einprägt. Achtung: bitte den unscheinbaren Eingang in den dunklen Video-Raum besonders suchen! (bis 22.11.2026)


In der Punta della Dogana begeistert die untere Ebene der US-Amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson (1960) mit ihrer Ausstellung: „Third Person“. Schon der erste große Raum wird von einer Reihe obsidianfarbener Klangschalen eingenommen, die auf Porphyrstapeln stehen und die die Besucher mit einem Schlägel zum Klingen bringen können. An den Wänden reihen sich gespenstische arktische Landschaften in prächtigen Blau- und Eisgrautönen, die zwischen Abstraktion und Realismus schwanken und aus Simpsons Serie „Ice“ (2018–21) stammen. (bis 22.11.2026)



Die Fondazzione Prada zeigt in diesem Jahr Werke von zwei US-Amerikanischen Künstlern. „Helter Skelter“ von Richard Prince und Arthur Jafa bedient sich medialer Bilder und Filme amerikanischer Herkunft, mit denen sie „Männlichkeit“ thematisieren. Vom Malboro-Man bis zu einem Film, in dem sich schwarze und weiße Männer brutal und blutig mätzeln, entsteht vor allem ein Bild toxischer Männlichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Intention der Künstler als Kritik an diesem Männerbild gemeint ist, was jedoch nicht ganz sicher erkennbar bleibt. Im Vergleich zum langweiligen amerikanischen Pavillon in den Giardini ist hier jedoch deutlich mehr Amerika mit Vielseitigkeit und Mehrdeutigkeit zu finden, was erkundet werden sollte. (bis 23.11.2026)


Der Palazzo Diedo von Berggruen Arts & Cultures zeigt seine Sammlung unter dem Titel „Strange Rules“. Die Restaurationsarbeiten sind in den letzten 2 Jahren deutlich fortgeschritten, so dass mehr und andere Kunstwerke präsentiert werden können. Ibrahim Mahama, Lee Ufan, Urs Fischer und Carsten Höller haben z.B. Räume dauerhaft gestaltet. Als Neuerwerbung ist ein mobiles Werk von Phillippe Parreno „The Diambulist Humself“ eine besondere Attraktion. Wunderschön ist auch der Innenhof des Gebäudes mit dem Video von Ayoung Kim für jede Art des Zusammentreffens. (Bis 22.11.2026)


Die Sensation der Externen Ausstellungen ist in diesem Jahr jedoch der erstmalige Auftritt des belgischen Modedesigners Dries van Noten mit seiner Fondazzione. Schon der Titel könnte das alternative Hauptmotto für die ganze Welt-Kunst-Show sein, die die Biennale in Venedig traditionell nun mal ist: „THE ONLY TRUE PROTEST IS BEAUTY“. Keine Pussi Riot Aktion oder Pro-Palästina-Demonstrationen, sondern „Schönheit“ als Widerstand und Protest: Wie passend, wo gerade die Weltlage so schwierig erscheint, aber auch provokativ. Von der Kunst wird stets eine wichtige Funktion in der Gesellschaft verlangt: sie soll die Probleme der Welt visualisieren, Kritik üben, Diskussionen anstoßen und am liebsten noch alles zum Positiven wenden. „Schönheit“ steht schon lange nicht mehr auf dem Plan. Deshalb ist diese Ausstellung für sich durchaus schon Protest.


Zu sehen ist eine Fülle von künstlerischen Gewändern aus der Design-Schmiede von „Comme des Garçons“, des Ursprungs-Lables des Namensgebers, sowie Schmuck von Christian Lacroix. Kontrastiert wird das Bild von z.B. schmutzigen Blech-Skulpturen von Peter Buggenhout oder riesigen Fotos exzentrischer Menschen des Fotografen Steven Shearer. Dazwischen klassisches beeindruckendes Kunsthandwerk wie das mechanische Schachspiel. Ja, das Haus ist überladen mit Kunsthandwerk und optisch kaum zu erfassen, doch mit den beschriebenen Kontrasten ein absolut sehenswertes Erlebnis. (Nur bis 4. Oktober 2026)


Die Spaziergänge durch Venedig sind immer ein besonderes Highlight des Biennale-Besuchs, gespickt mit externen Länderpavillons, aber auch den zunehmenden Collateral-Ausstellungen. Und es gibt noch viel mehr als die hier beschriebenen Palazzi. Also einfach hineingehen und über die Kombination prachvoller alter Gemäuer und Contemporary Art einfach staunen.


Arte Biennale di Venezia: 9.Mai bis 22.November 2026








