Die Kyiv (-Anti-Kriegs-) Biennale landet in Berlin


Als sich 2015 in der Ukraine das „Visual Culture Research Center“ mit Vasyl Cherepanyn gründete und über das Konzept einer neuen Biennale für Kiew diskutierte, lebten die Menschen noch im Frieden. Seit der russischen Invasion im Februar 2022 wurde die Idee hochpolitisch, denn es herrscht seither Krieg in Kyiv. So ist diese besondere Biennale zu einer künstlerischen Anklage geworden: gegen die aggressiven rücksichtslosen Übergriffe Russlands bzw. historisch der früheren Sovjetunion. Der Titel sagt, dass Vögel, die Symbole für Frieden und Freiheit, im Augenblick keinen Ort finden, wo sie sicher landen können. Die Kyiv Biennale musste aus der Kriegsregion ausweichen und ist eine nomadische Ausstellung geworden, die in mehreren europäischen Städten bereits mit unterschiedlichen Schwerpunkten stattfand. Jetzt ist sie im KW-Institut for Contemporary Art in Berlin eindrucksvoll zu sehen.
Künstlerinnen und Künstler visualisieren gelebte Erfahrungen, teils mit starkem dokumentarischen Charakter, teils symbolisch. In einem Bereich, der „Middle-East-Europe“ genannt wird und über den Balkan bis zum Mittelmeer reicht, thematisiert die Biennale Ereignisse, wie Russland mit Gewalt seinen Einflussbereich vergrößern will.
Die Kunstschaffenden stammen aus der Ukraine, der Türkei, Israel, aber auch aus Palästina Vertriebene, aus Kasachstan, dem Libanon, dem Kosovo, Usbekistan, Rumänien, Georgien, Afghanistan und Deutschland.

Hito Steyerl und Philipp Goll sehen bespielsweise auch im Bau der Gas-Pipelines nord stream 1 und 2 einen „Russisch-Deutschen Pipeline-Kolonialismus“. Eine Mehrkanalvideoprojektion thematisiert dies beeindruckend, verstärkt durch eine verschlungene Röhreninstallation im tiefdunklen Raum.


Daneben ergänzt ein Film aus alten Archivaufnahmen ukrainischer Filmemacher aus den 1980ger Jahren diese These. „Where Russia ends“ heißt eine Art Road-Movie durch Sibirien und den Hohen Norden Russlands, die Oleksiy Radynski 2024 mittels umfangreicher Recherche neu interpretieren konnte. Die Sovietunion führte demnach blutige Kämpfe gegen indigene Bevölkerungsgruppen in Sibirien, um zunächst eine lange Eisenbahnstrecke zu bauen und Ressourcen aus der Erde zu gewinnen. Gleichzeitig dienten Siedlerkolonialismus und Umweltzerstörung auch dem Bau der langen Gas-Pipelines.


Im großen Saal führt uns eine Videoinstallation von Lesia Vasylchenko vor Augen, wie der Himmel mit seinen Sternen über der Ukraine all seine romantische Verklärung verloren hat. Was jetzt am Himmel aufleuchtet, sind Drohnen und Geschosse, die totale Bedrohung. Nur im oberen Teil ist ein wenig Morgendämmerung als Hoffnungsschimmer dargestellt. Die unteren Filmausschnitte stammen aus den Jahren 1918 bis 2025.


Auch Afghansitan wurde von der russischen Armee schon in den 1980ger Jahren überfallen. Davon zeugt der Film von Lida Abdul „In Transit“: ein Flugzeugwrack in der Nähe von Kabul und eine Gruppe von Kindern, die darin und darauf klettern und spielen! Für sie handelt es sich nicht um ein Relikt der Gewalt, sondern um einen Ort zum Austoben.


Doch es gibt auch aethetisch schöne, wenn auch nicht unschuldige Kunstwerke in der Ausstellung: von Mona Hatoum erleutet eine sich drehende orientalische Laterne den Raum, die Bilder an die Wände projeziert. Doch es sind keine Ornamente der Gemütlichkeit, sondern bewaffnete Krieger.


Im Obergeschoss finden sich herrlich bunte Glas-Objekte. Doch auch sie sind Symbole für Verlust, Trauer und Schmerz. Nedia Saedi erinnert an eine traurige Statue „Mutter Heimat“, von der sie Körperfragmente wie eine Hand oder einen gesenkten Kopf als Vorbild genommen hat.
Es ist ein besonders bewegender Besuch dieser Anti-Kriegs-Austellung , die uns deutlich klar macht, dass immer noch in Europa, nicht weit von uns entfernt ein aggressiver Krieg mit vielen Opfern herscht.
Initiator und Co-Kurator ist Vasyl Cherepanyn ist auch designierter Kurator der 2027 stattfindenden Berlin-Biennale. Mit der eindrucksvollen Kiyv-Biennale bekommen wir vielleicht schon einen Hinweis, was uns im kommenden Jahr geboten wird.


KYIV-Biennial „A Bird That Cannot Land“, 11.6.2026 bis 13.9.2026 im KW-Institut for Contemporary Art, Auguststr. 69, Berlin