Die leider verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh versprach uns eine ruhige entspannte Ausstellung „In Minor Keys“, also in Moll-Tonarten. Ihr Assistent zitierte sie im Vorfeld: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Die Realität zeigte bei der Eröffnung zunächst das komplette Gegenteil.
Dass Russland und Israel mit ihren Länderpavillons von der Biennale-Organisation zugelassen wurden, obwohl ihre Länder aggressive Kriege führen, geriet weltweit in die Kritik. Die Freiheit der Kunst sollte hoch gehalten werden. Empört reagierte darauf die Fachjury, die über die Preise des Goldenen Löwen entscheiden sollte. Sie bekannten öffentlich, den beiden Ländern auf keinen Fall einen Preis zuzusprechen. Daraufhin kündigte der Künstler des israelischen Pavillons Belu-Simion Fainaru an, rechtliche Schritte zu prüfen. Die Jury trat sofort komplett zurück. Nun ist der Goldene Löwe von Venedig ein hohes Prestige-Objekt, das unbedingt erhalten werden sollte. Die Organisatoren beschlossen daher, ihn in diesem Jahr als absolutes Novum vom Publikum wählen zu lassen und erst am Ende des Events am 22.11.2026 zu übergeben. Tatsächlich bekamen wir als Besucher gestern – der digitalen Ticket- und Einladungs-Vergabe sei Dank – eine Email mit dem Link zur Stimmabgabe. Wir alle sollten diese Chance unbedingt wahrnehmen, denn üblicherweise werden Besucher in der Kunstwelt als völlig unqualifiziert und unwichtig für die Bewertung von Kunst betrachtet.
Lassen Sie uns die Herrausforderung annehmen, nach Venedig fahren und klarstellen, was WIR künstlerisch wertvoll empfinden!
In der Eröffnungswoche machte die Biennale Schlagzeilen mit lauten Protesten vor dem russischen Pavillon. Pussi Riot aus Russland und Femen aus der Ukraine riefen ihre Verurteilung russischer Kriegsführung mit nacktem Oberkörper und farbigen Rauch-Raketen in die Welt: keinerlei leise Molltöne, sondern lautstark voller Empörung. Am Samstag, dem ersten offenen Tag für alle Biennale-Besuchenden hat Russland seinen Pavillon endgültig geschlossen und zeigt jetzt am Eingang Videos der Demonstration der Frauen. Die ganze „Kunst“, die sie aufgebaut hatten, war offensichtlich pure Provokation, zumal die Kuratorinnen Töchter wichtiger Putin-Gefährten sind.
Über dem Ausstellungsgelände und besonders dem israelischen Pavillon, der diesmal im Arsenale liegt, kreisen täglich laut und störend Überwachungshubschrauber. Wie schon seit lämngerem solidarisieren sich viele Menschen aus dem Kunstbereich für die Bevölkerung in Palästina und gegen die zerstörerischen Angriffe der israelischen Armee. Doch wer darf entscheiden, wann eine Gegenwehr nach einem Überfall durch Terroristen unangemessen brutal wird?
Jedenfalls gab es am Freitag, dem 3. der Preview-Tage eine „Streik“-Aktion vieler Kunstschaffenden. Sie schlossen ihre Länderpavillons komplett oder zumimndes ab dem Nachmittag und zogen zu einer Demonstration auf die Via Garibaldi. Dieser „Künstlerstreik“ war ein echtes Novum!
Der südafrikanische Kulturminister hatte seinen Länderbeitrag letztlich komplett verboten, weil hierin auch die Tötung einer palästinensischen Dichterin durch israelische Soldaten thematisiert wird. Juristische Einsprüche waren im Land nicht erfolgreich, doch es fanden sich private Befürworter und Förderer. „Elegy“ von Gabrielle Goliath ist der unter die Haut gehende Klagegesang über brutale qualvolle Femizide in aller Welt, egal aus welchen Gründen. Man sollte es sich unbedingt in der Kirche San Antonin anschauen, wo Ort und Akustik die Wirkung hervorragend unterstreichen.
Für weitere Schlagzeilen sorgte – wie erwartet – der österreichische Pavillon von Florentina Holzinger. Die Künstlerin hatte mit ihren Theaterinszenierungen schon für krasse Bewertungen gesorgt: „feministische Fäkal-Orgien“ hiess es zuvor in der Presse. Solche Vorurteile zogen riesige Menschenmengen beim Opening an. An dem Tag unterstrich der Dauerregen in Venedig die Wasser-Thematik von „Seaworld Venice“ noch zusätzlich. Doch die Reaktionen waren voller Bewunderung für den konsequenten Mut der Performerinnen, körperlich an ihre Grenzen zu gehen. Florentina Holzinger kletterte persönlich nackt am Seil in die große an einem Kran hängende Glocke und aktivierte sie als menschlicher über Kopf hängender Schlegel. Jede Stunde soll eine neue Zeit eingeläutet werden. Weitere Performances im Pavillon mit lebenden Skulpturen an einer Stange sowie Jetski-Kreisen in einem Bassin aus Urin lassen Fragen offen, doch sie hinterließen auch vorwiegend neugierige Bewunderung.
Wer aber allen Skandalen und Protesten zum Trotz einen entspannten Kunstgenuss finden möchte, findet diesen in den kuratierten Hauptausstellungen der Biennale. Beim Betreten des großen Pavillons in den Giardini ist eine erste Reaktion: Wunderbar, dass Kunst auch wieder einfach schön sein darf! Wer sich dann auch darauf einläßt, den Ideen und Konzepten der Künstlerinnen und Künstler nachzuspüren, die Tafeln und den Katalog zu lesen, merkt schnell, welch tiefe Hintergründe in den Darstellungen enthalten sind. Koyo Kouoh hat vorwiegend Künstler*Innen aus dem sogenannten Globalen Süden ausgewählt, deren Namen es verdienen, bekannter zu werden. Dabei sind Präsentation und Kombinationen der Werke großartig gelungen.
Auch in diesem Jahr ist der Besuch der Biennale in Venedig eine spannende Entdeckungsreise durch alles, was Kunst zeigen und auslösen kann. Ein lebendiges unglaublich vielseitiges Erlebnis im zusätzlich fantastischen Ambiente der Lagunenstadt! Außerdem können Sie sich bald auf weitere Berichte hier bei INArtberlin über mehr Highlights in Venedig freuen!
61. Biennale Arte di Venezia: „In Minor Keys“, 9.Mai bis 22.November 2026
Die Biennale di Venezia beginnt schon bald: am 9. Mai diesen Jahres. Deshalb heißt es genau jetzt: das Hotel reservieren und die Flüge buchen, denn ein Besuch der Biennale ist für Freunde zeitgenössischer Kunst ein absolutes Muss.
In diesem Jahr heißt das Motto der Kuratorin Koyo Kouoh: „In Minor Keys“. Die leider im letzten Jahr plötzlich verstorbene Kuratorin leitete zuvor das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt und war auch an international wichtigen Ausstellungen, z.B. der Documenta 12 und 13 kuratorisch beteiligt. Das Konzept und die Künstler*innenliste für Venedig hatte Koyo Kouoh bereits vor ihrem Tod bei den Organisatoren eingereicht, so dass es von ihrem Mitarbeiterteam verwirklicht werden kann. Dass es gelingen kann, ein Konzept eines verstorbenen Kurators erfolgreich zu realisieren, hat bereits Sheikha Hoor al-Qasimi mit ihrer Sharjah-Biennale 2022 bewiesen, als sie eine eindruckvolle Ausstellung nach den Ideen von Okwui Enwezor präsentierte.
Koyo KouohHoor al-Qasimi Photo: Sebastian Böettcher
„In minor Keys“ soll ein „Hinwenden zu der Moll-Tonart in der Kunst sein und als Aufruf zum Entschleunigen, Zuhören und Zusammenkommen zu verstehen sein,“ erklärt das kuratorische Team. Das Konzept sei mit einem tiefen Glauben in die Fähigkeit der Kunst und in die Künstler*innen verbunden, neue Relationen und Möglichkeiten zu eröffnen. Es soll eine sinnliche, weniger eine didaktische Ausstellungsatmosphäre kreiert werden.
Rory Tsapayi, Assistent von Koyo Kouoh, zitierte sie noch einmal: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Wo kann man das schöner als in Venedig?!
Der Deutsche Pavillon
Deutscher PavillonHenrike Neumann
Deutschland wird durch ein Berliner Trio vertreten: die Kuratorin Kathleen Reinhardt vom Georg Kolbe Museum präsentiert zwei junge Frauen mit ostdeutscher Biografie: Henrike Naumann und Sung Tieu.
Aktueller tieftrauriger Nachtrag: Henrike Naumann in gestorben! Die Familie gab bekannt, dass eine viel zu spät erkannte Krebserkrankung ursächlich war. Auch wir trauern mit der Kunstwelt um die begabte, kreative Künstlerin, die mit ihren Werken aufrüttelte und zum Nachdenken anregte. Hoffentlich hat auch sie ihr Konzept für Venedig schon so weit vorbereitet, dass wir es trotzdem sehen und würdigen können.
Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren. Sie nutzt Möbel und Design in ihren Installationen, um über Gesellschaft und Politik zu sprechen. Oft verwendet sie Möbel aus DDR-Beständen, aber auch aus Wohnidyllen der BRD und der Zeit nach der Wende, aber ohne Oberschicht-Glamour, womit sie wortlos sonst ungesehene Lebenssituationen an die Oberfläche bringt. Henrike Naumann war auch Teil der Gruppe Atis Rezistans auf der Documenta 15, wo sie eine „Trance“-Orgel aus einem Kleiderschrank heraus präsentierte. Zuvor hatte sie an der Ghetto-Biennale der Künstlergruppe auf Haiti teilgenommen. Ihre Werke sind global ausgestellt worden, von New York bis in die „Plattenbau“-Ausstellung im Potsdamer „Minsk“.
Henrike Naumann, Trance-OrgelSung Tieu im KW Berlin
Sung Tieu wurde 1987 in Hải Dương, Vietnam geboren und ist eine vietnamesisch-deutsche Künstlerin, die zwischen politischen Systemen aufwuchs und heute in Berlin lebt und arbeitet. Sie beschäftigt sich mit den Bedingungen und dem Schicksal vietnamesischer Vertragsarbeiter, die ab 1980 durch das Anwerbeabkommen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam nach Deutschland kamen. In ihren Arbeiten schildert Sung Tieu deren Situation vor, während der Wendezeit und danach mit all seinen Härten und Ungewissheiten, aber auch koloniale Verflechtungen. Sung Tieu arbeitet multimedial mit Skulpturen, Fundstücken, Klang, Video, Fotos und Text.
Demo Pro-GAZA Giardini 2024Russland verleiht Pavillon an Bolivien 2024
Skandale?
Es ist schon fast Tradition, dass um die Länderpavillons, deren Präsentationen die Ursprungs-Nationen allein verantworten, politische Debatten entstehen. Auch in diesem Jahr wird schon jetzt heiß diskutiert, ob einzelne Kunstschaffende wirklich geeignet sind, ihr Land zu vertreten. „Cancel Cultur“ im Kontrast zur Kunstfreiheit beschreibt diese Polarisierung. Sollte eine staatliche Institution schon im Vorfeld aus Angst vor negativen Kommentaren in einer Art vorrauseilendem Gehorsam Kunst zensieren dürfen? Aktuelle Beispiele:
Südafrika:
Wenige Tage vor der Deadline für die Einreichung der Länderbeiträge zur 61. Biennale di Venezia hat der Kunstminister Gayton McKenzie in Südafrika den Beitrag der Künstlerin Gabrielle Goliath abgelehnt. Nun wurde die Teilnahme der Künstlerin endgültig abgesagt. Wer den Pavillon stattdessen bespielen wird, ist offen.
“Für die Biennale greift Goliaths vorgeschlagene Version von „Elegy“ auf ihr ähnlich betiteltes, zehnjähriges Projekt zurück, das sich auf Femizid und die Tötung von LGBTQI+-Personen in Südafrika bezieht; Frauen, die von deutschen Kolonialtruppen in Namibia während des Ovaherero- und Nama-Genozids Anfang des 20. Jahrhunderts getötet wurden, sowie auf das Sterben von Zehntausenden Frauen und Kindern, die seit Oktober 2023 von den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) in Gaza getötet wurden. Der dritte Abschnitt der künstlerischen Arbeit enthalte ein Gedenkgedicht zu Ehren der beliebten palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die während des Beschusses von Gaza getötet wurde.”
Gabrielle Goliath reagierte verärgert über McKenzies Äußerung, dass Künstler „verpflichtet seien, nationalistische, mythenbildende Kunst zu schaffen, die sich mit „sozialem Zusammenhalt beschäftigt und das Beste Südafrikas der Welt präsentiert”. Sie weigerte sich, ihr Werk zu verändern, um ihre Teilnahme zu sichern. Inzwischen hört man aber auch andere Regierungsmitglieder, die sich für die Teilname von Gabrielle Goliath engagieren.
USA 2024, Jeffrey GibsonUSA 2022, Simone Leigh
USA:
Die USA haben für die diesjährige Biennale schon frühzeitig die Organistion, die die Präsentation im US-Pavillon entscheidet, ausgetauscht. Das nun hierfür ausgewählte American Arts Conservancy wurde erst in diesem Jahr neu gegründet und erhielt ihr Mandat direkt vom US-Außenministerium.
Der Kurator Jeffrey Uslip wird die Ausstellung „Alma Allen: Call Me the Breeze” im amerikanischen Pavillon 2026 verantworten. Der Künstler kommt aus Joshua Tree in Kalifornien und arbeitet momentan in Tepotzlán in Mexiko. Er wird Werke zeigen, die „die alchemistische Transformation von Materie hervorheben“. Bekannt sei Alma Allen für seine Skulpturen, die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegen und von Landschaften sowie natürlichen Materialien inspiriert sind. Alma Allen war bisher unter anderem auf der Whitney Biennale 2014 in New York und im Van Buuren Museum in Brüssel zu sehen. Er ist eher wenig bekannt, doch vielleicht überrascht er uns sogar mit interessanten Werken. Die offensichtliche poltitische Einmischung lässt jedoch an der Kunstfreiheit in den USA Zweifel aufkommen.
Australien 2024, Archie MooreAustralien 2015, Fiona Hall
Australien
Der Australische Pavillon wird dieses Jahr auf der 61. Biennale von Venedig möglicherweise zum ersten Mal NICHT bespielt, meldete die Zeitung „The Guardian“
Den Zuschlag hatten zunächst der im Libanon geborene australische Künstler Khaled Sabsabi und der Kurator Michael Dagostino bekommen. Doch „Creative Australia“, die staatliche Kunstorganisation Australiens, forderte gleich, den Vertrag wieder aufzukündigen. Auslöser des Eklats war das Bekanntwerden früherer Werke des Künstlers, die den verstorbenen Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah darstellen. Creative Australia hatte daraufhin beschlossen, dass “eine langwierige und spaltende Debatte über das Auswahlergebnis 2026 ein inakzeptables Risiko für die öffentliche Unterstützung der australischen Kunstgemeinschaft darstellt.” Von den weiteren möglichen Künstlern Australiens will offenbar keiner aus Protest ein Angebot als Ersatz annehmen.
Auch der Künstler und Kurator Archie Moore, der Australien letztes Jahr auf der Biennale in Venedig vertrat und den Goldenen Löwen gewann, zeigte sich entsetzt und fordert die Wiedereinsetzung des Künstlers und des Kurators.
Sabsabi selbst sagte gegenüber dem Guardian: “Wir wollten in Venedig ein transformatives Werk präsentieren, eine Erfahrung, die alle Zuschauer in einem offenen und sicheren gemeinsamen Raum vereint.”
Israel 2024, Ruth Patir, blieb geschlossen
Israel:
Bei der vergangenen Biennale 2024 war der israelische Pavillon nicht geöffnet worden, obwohl bereits die Installation von Ruth Patir vollständig aufgebaut war. Zu laut waren die Proteste gegen die kriegerischen Ereignissse zwischen Israel und Palästina in Gaza.
Jetzt hat Israel die Teilnahme an der diesjährigen Biennale bestätigt. Belu-Simeon Fainaru soll sein Werk aber nicht im israelischen Pavillon in den Giardini installieren, da dieser noch renoviert werde, sondern im Arsenale.
Umgehend haben bereits Aktivistengruppen den Ausschluss Israels gefordert und einen breiten Boykott angekündigt.
Österreich 2022, Knebl/ScheirÖsterreich 2024, Anna Jermolaewa
Österreich:
Einen globalen politischen Skandal wird der österreichische Pavillon wohl nicht auslösen, doch die designierte Künstlerin hat bereits für erhebliche ethisch-ästhetische Aufregungen gesorgt.
Florentine Holzinger wird als Performance-Künstlerin angekündigt, doch sie hat bisher besonders die Theaterwelt mit ihren Inszenierungen aufgerüttelt und schockiert. So ist sie auch in diesem Jahr für das renomierte Berliner Theatertreffen mit ihrem Stück: „A year without Summer“ nominiert: ein wirklich skuriles, gewaltiges Epos über den Verfall des Planeten am Beispiel der Vergänglichkeit des Menschen mit abschließender „feministischer Kunst-Fäkal-Orgie“ (Zitat des Theatertreffens). Ob wir Besucher bei ihrem Kunstprojekt in Venedig weniger Schockmomente aushalten müssen, bleibt die große Frage.
Holzingers Projekt heißt „Seaworld Venice“. „Wasser in Bezug auf Körper“ wird ihr Thema sein, wie sie auf der Pressekonferenz erklärte, „die Menschen werden nass werden.“, denn sie will in partizipatorischen Aktionen ihren Beitrag vom Pavillon bis in die Lagune ausweiten. Wie sich letztlich die aktuelle Politik in Österreich zu dem Projekt stellt, ist bisher noch offen. Jedoch ist hier ja die rechtsorientierte FPÖ noch nicht an der Macht.
Externe Ausstellungen
Gleichzeitig zur Biennale präsentieren die großen Kunsthäuser Venedigs auch wieder ganz besondere Ausstellungen.
Wir erinnern uns an das spektakuläre Chaos, das der Schweizer Künstler Christoph Büchel in in der Fodazione Prada in seinem inszenierten Auktionshaus zur Biennale 2024 veranstaltet hat. Das alles wieder auszuräumen und zu putzen war garantiert eine Mammutaufgabe. Es macht besonders neugierig, wie die diesjährige Präsentation das Haus in einem bestimmt völlig veränderten Ambiente wirken läßt.
2026 erwartet uns im Ca’ Corner della Regina, der Fondazione Prada, die von Nancy Spector kuratierte Ausstellung „Helter Skelter“ (Hals über Kopf) von Arthur Jafa und Richard Prince.
Arthur JafaFoto: Albertina Wien
„Das Projekt 2026 bringt Arthur Jafa und Richard Prince in einen Dialog, zwei der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, die, obwohl sie zehn Jahre auseinander geboren wurden, einen radikalen Ansatz für die Aneignung von Bildern aus der amerikanischen Populärkultur, von Filmen bis zu sozialen Medien, teilen. Während Jafa über seine eigene afroamerikanische Identität nachdenkt, um die schwarze Kunst zu stärken, analysiert Prince die weiße Männlichkeit und die dunkle Seite der amerikanischen Psyche.“ Arthur Jafa gewann den Goldenen Löwen der Venedig Biennale 2019 für das Video „The White Album“ und zeigte zusätzlich Skulpturen aus Monster-Reifen.
LAS Art Foundation aus Berlin und Amos Rex aus Helsinki. verantworten gemeinsam ein bemerkenswertes Projekt. Die zwei Kunstinstitutionen sind in den letzten 10 Jahren gegründet worden, um neue künstlerische Praktiken im technologischen Zeitalter zu fördern. Sie zeigen die Multimedia-Installation der Künstlerin Natasha Tontey, die die Geschichte einer Widerstandskämpferin in Indonesien in den 1950er Jahren erzählt. Unter dem Titel „The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs“ wird die Arbeit im Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Arti – der Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst – am Campo San Fantin in Venedig gezeigt.
Palazzo Grassi und Punta della Dogana
Beide Museen gehören dem französischen Multimiliardär Francois Pinault und verspechen stets spannende, manchmal überraschende künstlerische Positionen.
Im Palazzo Grassi zeigt die Pinault Collection Werke des in Kenia geborenen Malers Michael Armitage (geb. 1984), die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. „Hier vermischen sich Bezüge zu Ostafrika mit Mythologie und westlicher Kunstgeschichte“. Wir können wirklich ausdrucksvolle Gemälde erwarten. Nur bleibt zu hoffen, dass nicht wie 2024 mit Julie Mehretu das Haus völlig überladen mit extrem ähnlichen Werken wirkt.
Nur Julie Mehretu: Grassi 2024
2026 wird die Punta della Dogana eine große Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson widmen. Ihre frühen Werke konzeptualer Fotografie mit Kritik im amerikanischen Kontext, wo „Rasse und Geschlechterkonstruktionen die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer den Fokus bilden“, werden ebenso gezeigt, wie ihre späteren und aktuellen Gemälde über „die Erosion und das Wiederaufleben der Erinnerung, das Versagen der Repräsentation und die Instabilität von Erzählungen.“
Auf der oberen Ebene der Punta della Dogana lädt der brasilianische Künstler Paulo Nazareth die Besucher ein, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Seit mehr als fünfzehn Jahren bereist er methodisch den amerikanischen und afrikanischen Kontinent, meist barfuß, um durch Betreten des selben Bodens seinen versklavten Vorfahren Respekt zu zollen, denen als Symbol der Unterwerfung das Schuhwerk genommen wurde.
Aperol Spritz geht immer
Dies sind die ersten Vorab-Informationen über die großartige Kunst, die uns anläßlich der neuen 61. Biennale in Venedig geboten wird. Aus eigener Erfahrung führt die Konfrontation mit einer so großen Fülle fantastischer Präsentationen stets zu mentaler und optischer Überforderung. Planen Sie 4-6 Tage oder gleich einen zweiten Besuch, vielleicht im Herbst ein, um mit Freude und allen Sinnen die Kunst und das Ambiente von Venedig zu genießen.
La Biennale d’Arte di Venezia vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini und dem Arsenale von Venedig sowie multiplen Venues in der Stadt.