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Castello di Rivoli
“Hochburg” zeitgenössischer Kunst


Guiseppe Penone-Bronze-Baum Dieses Museum kann sich in die Reihe hervorragender zeitgenössischer Kunstpaläste Europas ohne Abstrich einordnen. Ganz nah an Turin thront das alte Castell auf dem Hügel von Rivoli wie eine Trutzburg. Innen trägt es die Handschrift und die Ausstrahlung von Carolyn Christov-Bakargiev, der fast einzigen unumstrittenen Kuratorin einer Documenta, der D13 im Jahr 2012. Sie hatte schon vorher zur Arte Povera geforscht und im Castello die Rivoli, dessen Direktorin sie vor und nach der D 13 war, eine beispiellose Präsentation dieser Kunstrichtung zusammengetragen. Exemplarisch wird man am Eingang bereits von einem der berühmten Bronze-Bäume von Guiseppe Penone begrüßt, diesmal nicht mit einem Stein wie in Kassel, sondern mit einem Zwilling aus Aluminium ergänzt.


Nairy Baghamian Zusätzlich gleicht die Künstler*Innenliste derjenigen der dOCUMENTA (13), jedoch ergänzt um wichtige künstlerische Positionen der folgenden Jahre. Der Charme der Präsentation moderner Werke in nur sanft restaurierten alten Prunkräumen lässt an Venedig in Biennale-Monaten denken. Dieser Kontrast von Alt und Neu fasziniert auch hier.

Maurizio Cattelan
Allora & Calzadilla (Performane)
Hito Steyerl Ein weiterer langgestreckter Gebäudekomplex steht für Wechselausstellungen zur Verfügung. Aktuell werden die vielfältigen Skulpturen, Textilarbeiten und Installationen von Enrico David (geb. 1966 in Ancona, Italien, jetzt in London) präsentiert.


Enrico David 

Das Castello di Rivoli ist ein Diamant im Kreis der Museen zeitgenössischer Kunst und komplettiert das Kunsterlebnis von Turin.
Castello die Rivoli, Museo d’Arte Contemporanea, Piazzale Mafalda di Savoia 2, Rivoli/Torino, offen Mittwoch bis Sonntag.
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VORSICHT ! Performance!
Keine Qualitätsgarantie
Ein Security-Mann steht mit Knopf im Ohr wie ein Wächter vor einer matten Plexiglastür. Der Kurator sagt zur Besucherin mit einem Lächeln: „Gehen Sie ruhig mal rein!“ Von innen hört man Klaviermusik. Die erste Tür öffnet sich in einen kleinen Flur. Man öffnet die zweite Tür. Drinnen steht ein Flügel, an dem zwei Pianistinnen vierhändig spielen. Doch sobald sich die Tür öffnet, stoppt das Spiel. Die Damen schauen den Besucher mit leerem Blick nur an. O.K. man schließt die Tür für den Rückzug. Prompt wird das Klavierspiel fortgesetzt.
Diese Szenerie nennt sich tatsächlich Performance, erlebbar in der aktuellen Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart. AHA! Das Stoppen der Musik ist das „Kunstwerk“. Doch liebe Ausstellungsmacher: Ist es wirklich euer Wille, Besucher zu brüskieren, lächerlich zu machen und sie damit zu verärgern? Gut, man hätte sich alles vorher neben der Tür durchlesen können. Die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen sollen der künstlerische Inhalt dieser Spielerei sein. Doch ist das „wertvoll“? Lustig jedenfalls nicht.


Bei Performance assoziieren wir großartige Aufführungen wie von Anne Imhof auf der Venedig Biennale, wofür sie absolut zu Recht den Goldenen Löwen 2017 gewann. Da bewirkten die Performer ungeahnte Irritationen, Verblüffung und tolle Gefühle bei uns Besuchern allein durch ihre Art sich zu bewegen oder zu zeigen.

Tino Sehgal, 2025 in Berlin Auch der tiefschwarze Raum von Tino Sehgal auf der Documenta 13 (2012) im Hugenottenhaus mit den leisen Melodien und ruhigen Bewegungen der Performer*Innen hinterließ tiefe Emotionen und spannende Entspannung bei uns Besuchern. Tino Sehgals andere Performance im Deutschen Pavillon in Venedig (2005) muss auch erwähnt werden, als das Aufsichtspersonal an Besucher dicht heran trat mit den Worten „This is so contemporary“. Das verblüffte zwar, war jedoch freundlich und hinterließ ein fröhliches Schmunzeln.


Eine ebenfalls fantastische Performance war auch der Littauische Beitrag zur Biennale Venezia 2019 mit der Opernperformance in einer Strandszene! Ausgebildete Sängerinnen und Sänger saßen und lagen auf Tüchern in Badekleidung wie Touristen im Sand und besangen die schlimmen Probleme unserer Zeit.
Das waren wirkliche Highlights an Performance-Kunst.
Doch was wird uns heute unter diesem Genre-Titel geboten? Da laufen junge Leute in einem beckenartig tieferliegenden großen Innenraum des Museums mit einem Glas Wein in der Hand leicht zu Techno-Klängen wippend wie Lemminge mal nach links, mal nach rechts. Warum nur? Ursache sind Fragen, die auf Englisch auf Bildschrimen flimmern, z.B.:“Do you have more than one black friend?“, „Did you ever kissed someone, you didn’t like?“, „Do you live in a big town?“. Nach links gehen bedeutet YES, nach rechts gehen NO. ( Gropius-Bau Berlin) Da sind die Spiele, die sich Eltern für die Kindergeburtstagsfeier ihrer Kleinen ausdenken, deutlich kreativer und spaßiger!
Deshalb VORSICHT!, wenn Sie die Bezeichnung PERFORMANCE im Zusammenhang mit Kunst hören! Besser, Sie erwarten nicht zu viel und schützen sich sicherheitshalber etwas davor, selbst benutzt zu werden.
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Annika Kahrs: „Off Score“
Musik als soziales und politisches Medium


Das Museum Hamburger Bahnhof stellt erneut einer junger Künstlerin eine großartige Ausstellungsarchitektur für die Vorstellung ihres vielfältigen Werkes zur Verfügung. In einer transparent, halboffenen Aufteilung kommen ihre 3 Videoarbeiten wunderbar zur Geltung. Annika Kahrs arbeitet mit Musik, jedoch konzeptuell an unterschiedlichen Orten. Im ersten Video musiziert eine Dorfkapelle eines kleinen italienisches Ortes. Besonders daran sei die soziale Funktion der Gruppe, die wie ein sozialer Klebstoff die Gemeinde zusammenhalte.

In einer entweihten Kirche in Lyon findet sich ein neuer Chor zusammen.

In dem weiteren, aktuell für diese Ausstellung produzierten Werk filmte Annika Kahrs in Berliner Kaufhäusern. Sie waren entweder im Nacht-Modus, schon endgültig geschlossen oder sogar ausgekernt. In diesen etwas unwirklichen Orten zeigt eine Sängerin ihr Können oder eine Techno-Queen füllt die leeren Räume mit rhytmischen Klängen. Ein Streichquartet wird im Kaufhof von einer Security-Kraft durch das Treppenhaus dirigiert. Die surreal entfremdeten Szenen lassen viel Raum für die Fantasie und das Einfühlen der Betrachter.




Es soll auch eine abendliche Lichtinstallation am Kudamm auf großer Werbeleinwand geben. Deshalb halten Sie die Augen offen beim Weihnachtseinkauf.
Und dann gibt es noch – angekündigt als etwas ganz Besonderes- eine Performance! Darüber lesen Sie bitte im nächsten Beitrag dieses Blogs.
Annika Kahrs: „Off Score“, Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, 14.Nov. 2025 bis 3.Mai 2026
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Turin: Italiens Metropole für Contemporary Art
Dass der ehemalige Industriestandort italienischer TOP-Automarken jetzt ein Hotspot für Zeitgenössische Kunst ist, war bisher bestimmt nicht jedem geläufig. Zwar hatte Turin bereits in vorherigen Jahrhunderten eine kulturelle Geschichte, doch jetzt haben sich mehrere Stiftungen, Museen und Privat-Institutionen etabliert, die den Ort für aktuelle Kunst dieses Jahrhunderts erheblich interessant werden lassen.
Zeitgleich mit der Kunstmesse ARTISSIMA fanden mehrere Ausstellungseröffnungen statt. Hier einige Bespiele, die für eine „Reise zur Kunst“ animieren könnten:

FONDAZIONE MERZ: Sie ist das Vermächtnis von Mario Merz, dem Künstler der Arte Povera, der mit Iglos aus unterschiedlichen Materialien und Werken mit der Fibonacci-Zahlenfolge bekannt wurde. Erstaunlich, dass ein Künstler bereits die Vision hatte, dass genau dieses mathematische Konstrukt nicht nur in der Natur relevant ist, sondern auch im Finanzwesen und in der Computertechnologie einen hohen Stellenwert bekommen sollte. Die aktuelle Stiftungs-Ausstellung im ehemaligen Heizkraftwerk von LANCIA in Turin widmet sich dem Krieg in Palästina, den namhafte Künstler*Innen thematisiert haben. „Push the Limits“ noch bis 1.2.2026.

Fiona Banner 
Katerina Kovaleva 
Latifa Echakhch 
Mona Hatoum 
Monikca Bonvicini FONDAZIONE SANDRETTO RE RABAUDENGO: „News from Near Future”.
Die private Sammlung besteht schon seit 30 Jahren und zeigt zu diesem Jubiläum nicht nur in ihrem Museumsbau, sondern auch im internationalen Automobilmuseum Turin großartige Schätze moderner Kunst, die sie teils offenbar direkt von der Biennale Venezia erworben haben. Das Vermögen stammt aus deren Firma, die Wind- und Solar-Energieanlagen herstellt. Wie schön, dass solche Schlüsselwerke öffentlich gezeigt werden und nicht in dunklen Archiven verschwinden!



GGR-OFFICINE GRANDI RIPARAZIONI


Das ehemalige Eisenbahn-Reparationswerk ist aufwendig restauriert worden für wechselnde Kunstausstellungen als gigantische Kulisse mit dem besonderen Ambiente eines Industrie-Palastes. Besonders im Dunkeln wirken die drei neuen Shows eindrucksvoll.
Die Französin LAURE PROVOST zeigt hier ihre bereits von der LAS Art Foundation in Berlin präsentierte Installation und Performance „We felt a Star Dying“. Sie läd Besucher ein, auf weichen Liegesäcken in einer Kuppel Filmsequenzen anzuschauen, die zum Eintauchen ins eigene Seelenleben anregen. Dazu dekorieren bunte sanft flatternde Stoffe die esoterische Atmosphäre und skurrile Mini-Sateliten schweben durch die dunkle Halle.


„ELECTRIC DREAMS“ ist eine Ausleihe der Tate Modern in London und zeigt Licht- und Sound-Kunstwerke aus den Anfängen elektronischer Kunst aus den 50ger bis Ende der 90ger Jahre. Man fühlt sich zurückgesetzt in die Zeit der Diskos mit Lightshows und möchte gemeinsam mit dem flirrenden Lichteffekten tanzen. Auch die Weiterentwicklung durch Computergrafik und Internet ist herrlich nachvollziehbar. Erstaunlich, dass all das schon wieder historisch ist! Dabei ist durchaus diskutabel, wie hoch der künstlerische Wert der Arbeiten ist, wenn doch oft lediglich der Spieltrieb der Erschaffer mit den technischen Möglichkeiten im Vordergrund zu stehen scheint. Es macht aber großen Spaß, sich in diese Zeitreise zu begeben.


Beides bis 10.5.2026

PINACOTECA AGNELLI
Giovanni Agnelli war Chef von FIAT und mit seiner Frau Marella begeisterter Kunstsammler. Doch ihre Sammlung teurer Picasso- und Matisse-Gemälde ist weniger spannend anzuschauen.



Vielmehr faszinierend ist das Gebäude, in dem sie wie in einer Schatzkammer präsentiert werden. Es ist ein Aufbau von Renzo Piano auf der alten 500 m langen FIAT-Fabrik. Das Gebäude selbst ist schon ein Unikat, denn bis in die 80ger Jahre wurde dort die Test-Rennstrecke inklusive Steilkurve auf dem Dach genutzt. Heute kann man dort umrahmt von Gärten spazieren und hat auch noch einen großartigen Ausblick auf die Stadt. Ein Sightseeing-Hotspot vom Feinsten!


FONDAZIONE CERRUTI
Francesco Federico Cerruti besass eine Buchbinderei, doch reich wurde er mit der Ausgabe eines Telefon- und Adressbuches, das permanent aktualisiert wurde. Dieser Verkaufsschlager brachte ihm so gute Gewinne, dass er sich kostbare Kunstwerke erwerben konnte. Die Sammlung bewahrte er in seiner Villa in Rivoli auf, die er zwar für seine Eltern geplant hatte, die jedoch nie dort einzogen. Auch er selbst wohnte in einer kleinen Wohnung neben seiner Turiner Fabrik und habe in der Villa nur einmal geschlafen. Die Kunstwerke zeigte er nur selten und nur Kunstexperten. Erst nach seinem Tod sollten sie öffentlich zugänglich werden. Das geschah 2019 unter der Regie von Carolyn Christov-Bakargiev, der Direktorin des nebenan gelegenen Castello di Rivoli.



Das Spannende am Besuch der Cerruti-Villa ist der fast erste Blick auf Werke, die zuvor der Öffentlichkeit vorenthalten waren. Ansonsten ist das moderne Haus innen prunkvoll verschwenderisch wie ein romantisches Schloss des Sonnenkönigs ausgestattet. Dazwischen finden sich jedoch grandiose wertvolle Gemälde berühmter Künstler. Leider füllen sie im ganzen Haus wie eine Tapete in Peterburger Hängung die Wände und kommen so als einzelne nicht wirklich zu ihrer berechtigten Geltung.
Es gibt in Turin so viel zu entdecken und ein absolutes Highlight folgt auch noch im kommenden Beitrag: Das Castello di Rivoli
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ARTISSIMA Turin
Echte Konkurenz im Kunstmessenzirkus


Sie ist zurzeit die wichtigste Kunstmesse in Italien und zieht zunehmend Kunstkenner und -kennerinnen von weither an: die ARTISSIMA in Turin . Die Messe legt einen Schwerpunkt auf aktuelle zeitgenössische Kunst -weniger auf Alte Meisterwerke- und das nicht nur italienischer Herkunft. Eine weitere Besonderheit ist, einige Bereiche speziell zu kuratieren. Andere Messen wie die Art Basel lassen uns Besucher ja in einer wilden unkoordinierten Achterbahnfahrt durch Epochen und Kunststile oft verwirrt herumirren. In Turin bedeutet es, dass erfahrene Kuratoren mit ausstellenden Galerien absprechen, welche ihrer Künstler dort passend zu einem Thema präsentiert werden. Das ergibt Sinn, aber auch Diskussionsstoff, wie Leon Kruijswijk, der vormals im KW in Berlin arbeitete, berichtete. So hätte er sich beispielweise für seinen Bereich „Present Future“ Performances gewünscht, worauf sich die Galerien jedoch nicht einlassen wollten. Vermutlich ist der Sinn der Messe, der Verkauf, hiermit schwierig.

(Valentina Furian gewann den „Vanni #Artistroom Prize“ des Brillenherstellers)
Das Geschäft mit Privatsammlern sei laut Messemanagern aktuell eher schwächer, doch dafür hätten institutionelle Ankäufe dies mehr als ausgeglichen. Kuratoren wie Hans Ulrich Obrist von der Serpentine-Gallery in London schaute sich um. Auch Krist Gruijthuijsen, seit kurzem Direktor des „Espoo Museums of Modern Art“ nahe Helsinki berichtet begeistert über Ankäufe für seine kommenden Ausstellungen und die Sammlung des Museums.

John Armleder 

ARTISSIMA Turin, 29.10. bis 2.11.2025
Die Artissima war auch Anlass für mehrere Openings von Herbstausstellungen in anderen Institutionen im Rahmen der ART-Week in Turin. Dazu mehr …..
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News aus der Kunstszene
CHRISTOPH NIEMANN: Erst bei INArtberlin, jetzt in ART
Die Kunstzeitschrift ART Special hat in dieser Woche, erst lange sieben Wochen nach dem Artikel und Interview hier bei INArtberlin.com endlich auch dem Künstler, Illustrator und Grafiker Christoph Niemann Beachtung geschenkt. Schön, wenn weitere Stimmen in der Kunstwelt etwas entdecken, das aufmerksame Spürnasen der modernen Kunst bereits früher wahrgenommen haben.

ART Spezial November 2025 

INArtberlin.com vom 27.Sept 2025 Kunst lebt vom Austausch. Genau dafür sorgt auch dieser Blog INArtberlin: als Plattform für Diskussion, Feedback und Sichtbarkeit. Nutzen Sie meine Beiträge als Anlass zum Kommentieren, Teilen und Reposten. So schaffen wir nicht nur eine Vielfalt an Meinungen, sondern geben Künstlerinnen und Künstlern auch zusätzliche Chancen, auf dem Markt deutlicher wahrgenommen zu werden.Teilen Sie Ihre Gedanken — für eine lebendige und transparente Kunstszene!
Und noch ein aktueller Extra-Hinweis:Am 15.11.2025 eröffnet das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg eine Solo-Ausstellung von Christoph Niemann, der sich dort bereits an der Fassade verewigt hat. Die Show läuft bis 17.5.2025
MAURIZIO CATTELAN, preiswürdiger Preisträger?
Die Neue Nationalgalerie Berlin verkündete ihren diesjährigen Preisträger und die Kunstwelt wundert sich.
Maurizio Cattelan ist eher ein etabliertes Urgestein zeitgenössischer Kunst und kein Nachwuchstalent, wie es ursprünglich die Preisträger*Innen sein sollten. Doch es gibt inzwischen auch kein Preisgeld, sondern „NUR“ eine Ausstellung als Belohnung. Das war für Nachwuchskünstler*Innen zwar auch reizvoll, doch sie hätten etwas Startkapital sicher gut gebrauchen können. Jetzt kann man sich natürlich streiten, ob es seriös ist, die Auswahlkriterien für einen Kunstpreis einfach zu ändern. Andererseits verspricht die kommende Solo-Ausstellung Cattelans erneut einen riesigen Publikumserfolg, der für Museen heutzutage ein ultra-wichtiger Prestigefaktor ist.

Castello di Rivoli, Turin 
Maurizio Cattelan
Foto:Frank Ossenbrink,
Foto: dpa Maurizio Cattelan braucht auch garantiert kein hohes Preisgeld mehr, denn er hat bereits durch spektakulär provokante Kunstwerke weltweit für Furore gesorgt und seine Werke werden hochpreisig vermarktet, Nicht nur die goldene Toilette, die vor kurzem medienwirksam versteigert wurde, ist ein Beweis dafür. Auch sollte beispielsweise eins der 5 Exemplare seiner knabenhaften Figur des betenden Hitler auf der letzten ART Basel 2,5 Millionen US-Dollar kosten.


Bei der Biennale in Venedig 2024 gestaltete der Künstler die Fassade des Frauengefängnisses mit zwei riesigen Fusssohlen inklusive Löchern, wohl einer Anspielung auf das Kreuzigungs-Opfer. Noch brisanter ist hierbei der Ort des Werkes, denn es ziert den Länder-Pavillon des Vatikans.

Foto: Zotti Lucio Klassiker von Cattelan sind die gefallene Skulptur des Papstes von 1999, erschlagen von einem Meteoriten und das an der Decke aufgehängte Pferd. Dies befindet sich aktuell im Castello di Rivoli in Turin.
Das Berliner Publikum kann sich auf jeden Fall auf eine unterhaltsame witzige Kunst-Ausstellung im kommenden Jahr freuen.
Garantiert nicht unpolitisch: die kommende 14. Berlin-Biennale 2027
Dass sie in diesem Jahr zu unpolitisch ausgerichtet gewesen sei, wurde der Berlin-Biennale vorgeworfen. Doch das ist mit der Wahl des Kurators für die 14. Ausgabe 2027 nicht zu erwarten, denn das KW Institut for Contemporary Art veröffentlichte jetzt die Nachricht über den designierten Kurator.

Er heißt VASYL CHEREPANYN, wurde 1980 in der Ukraine geboren und bringt umfangreiche Erfahrungen als Kurator, Wissenschaftler im Bereich Philosophie und Kunst sowie als poltischer Aktivist für diese Aufgabe mit. 2008 gründete er mit Kollegen die Organisation VCRC, die die Kiew Biennale organisiert, die wegen des Krieges in großen Teilen außerhalb der Ukraine stattfindet. Dieses „Visual Culture Research Center“ leitet er jetzt als Teil des Osteuropa-Instituts der FU-Berlin. Vasyl Cherepanyn kuartierte und lehrte unter anderem in Warschau, Helsinki, Frankfurt/Oder, Greifswald, Antwerpen, Linz und natürlich auch in Kiew. Sein Ansatz war und ist stets philosophisch, politisch und zukunftorientiert.
„Die Berlin Biennale in die Zukunft zu denken und sie in der Gegenwart zu kuratieren bedeutet für mich, sich voll und ganz einer Zukunft der Kunst und ihrer Vermittlung innerhalb der Stadt zu widmen und aus ihrer sozialen Kontextualisierung in diesem Prozess zu lernen.“ (Original-Zitat)
All das gibt Anlass zu großer Vorfreude auf eine Berlin-Biennale mit einem Schwerpunkt auf Osteuropa, einer Region, die uns so nah ist und gleichzeitig extrem gefährdet. Mit künstlerischen Positionen kann es möglich werden, uns die Mentalität, die Besonderheiten und auch die Tragik der Menschen dort noch näher zu bringen.
Vasyl Cherepanyn wurde von einer internationalen Findungskommission aus Künstler*Innen, Kurator*Innen und Kunstprofessor*Innen aus Tel Aviv, Boston, Los Angeles, Turin und Berlin ausgewählt und vorgeschlagen.
Eine interessante und absolut spannende Wahl, gerade auch für Berlin!
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Jon Rafman „Nine Eyes“
Das bizarre Bild unserer Straßen durch Google-Augen



Foto: Biennale Venezia „Nine Eyes“ bezieht sich auf die Installation einer Kugelkamera mit 9 Objektiven auf den Dächern der Fahrzeuge, die für Google-Street-View auf der ganzen Welt die Straßen abgefahren sind, um sie mit Millionen von Fotos zu dokumentieren. Google begann das Projekt 2006.
Seit 2008 sammelt der 43 jährige kanadische Künstler Jon Rafman Bilder, die von diesen Kameras mit zufällig besonderen Motive aufgenommen wurden und im Internet zu finden sind.

Australien 2025 Zu Beginn der Aktivitäten von Google-Street-View gab es bereits Vorwürfe und Diskussionen über die hierdurch entstehenden Verletzungen von Persönlichkeitsrechten und ethischen Grundsätzen bei Veröffentlichung von Bildern, die nicht autorisiert waren. Große juristische Sanktionen gab es bisher nicht. Google selbst stiehlt sich aus der Verantwortung, indem sie auf jedem Foto ein zartes Wasserzeichen einbauen mit dem Schriftzug „report a concern“ (Bedenken melden!). Angeblich führt ein direkter Link auf eine Seite, wo jedermann Beschwerden anmelden kann und soll. Gedacht ist an Probleme mit der Sichtbarkeit der eigenen Person oder des eigenen Hauses. Ebenso können Bedenken gegen anstößige Motive gemeldet werden. John Rafman hat für seine Ausstellung bei einigen Motiven sicherheitshalber die Gesichter selbst zusätzlich verpixelt.


Italien 2012 Da die Google-Kameras völlig undifferenziert alles aufgezeichnet haben, was am Straßenrand passierte, ergaben sich teilweise spannende lustige und skurrile, aber auch erschreckende Szenen. Die Kamera-Fahrzeuge sind ja gut zu erkennen, so dass sich häufiger Menschen einen Spaß gemacht haben, einen Stinkefinger zu zeigen oder ihre Hosen herunterzuziehen. Doch auch ohne diese Motive enthält die Sammlung von Rafman viel Humor und Ironie. Die ungestellten puristischen Fotos vermitteln stets den verblüffenden Charakter eines Schnappschusses.


Norwegen 2011 Louisiana liegt nicht nur in den USA sondern erstaunlicherweise auch in Dänemark: das „Louisiana Museum für moderne Kunst“ in Humlebaeck nahe Kopenhagen ist eins der weltweit wichtigsten Museen dieser Art.
Die aktuelle Ausstellung von Jon Rafman dort trägt auch den Zusatz: „2008 bis 25“. Sie zeigt die Google Fotos in einer speziellen Aufbereitung durch den Künstler, was nicht unumstritten bleibt. Er hat sie ja nicht selbst aufgenommen, sondern lediglich zufällig im Internet gefunden und zusammengestellt. Es ist sozusagen „nur“ eine kuratorische Leistung. Andererseits ist die Idee und das Konzept weit mehr als das.


Präsentiert werden die Internet-Fotos sowohl in Form von großen gerahmten Hochglanzbildern, als auch in einer Serie von Abzügen in lediglich Postkartengröße. Außerdem gibt es eine Dia-Show auf großer Leinwand. Das Besondere der Präsentation ist das immersive Erlebnis, das durch die komplette Wand- und Bodengestaltung mit Teppichen und schweren Vorhängen entsteht, die mit Collagen von Fotos der Sammlung bedruckt sind. Die Besucher sind hierdurch selbst Teil einer beliebigen Straßenszene, so dass sofort die Erwartung entsteht, ein Google-Fahrzeugt könne plötzlich um die Ecke biegen und auch hier seine Aufnahmen machen.

Es ist leider nicht immer nachvollziehbar, wie die einzelnen Bilder in den Foto-Gruppen untereinander korrespondieren sollen. Da sind die Gegenüberstellungen von immer zwei Fotos in dem Begleitbuch mit 464 Abbildungen wirklich fantastisch, ein echter Schatz und jede dänische Krone wert. Außerdem sind hierin bei jedem Foto der Ort und das Aufnahmejahr verzeichnet, was sehr hilfreich ist.

Rotterdam 2009 – Japan 2025 John Rafman veröffentlichte seine gesammelten Fotos zunächst nur sporadisch online, bis 2010 in Linz in Österreich die erste dokumentierte institutionelle Ausstellung stattfand. Kurze Zeit darauf gab es in einer Galerie in New York ebenfalls eine Einzelpräsentation. Seither führt der Künstler das Projekt weiter, indem er ständig neue Fotos im Netz sucht, in seine Sammlung integriert und auch weltweit live präsentiert.
Jon Rafman arbeitet als Künstler stets mit aktuellen medialen Techniken inklusive artificial intelligence. So zeigte er z.B. als Beitrag zur Venedig-Biennale 2019 einen excellenten surrealistischen Animationsfilm:“Dream Journal“. Träume, eher Alpträume werden darin bunt und gruselig dargestellt.


Die künstlerische Qualität von „Report a concern““ ist vielleicht diskutabel, doch es handelt sich letztlich auch um eine historische Dokumentation des aktuellen Zeitgeistes, ein weltumspannendes Spiegelbild von realen menschlichen Lebenssituationen. Die Aufnahmen wurden nicht zu einem bestimmten Ereignis angefertigt, wie für eine Zeitung. Sie sind nicht inszeniert wie bei Jeff Wall, verkörpern jedoch trotzdem die besondere Spannung des zufälligen Augenblickes. Es sind die ungeschönten Einblicke in Momente auf einer beliebigen Straße. Die Stärke der Arbeit von Jon Rafman ist dabei der Prozess des Auswählens und Zusammenstellens, dementsprechend als „artistical research“ anzusehen. Wertvoll hierfür ist auch der Zeitraum von bereits 17 Jahren und die permanente Fortführung, die das Projekt lebendig erhalten wird.
„Report a concern“: „Nine Eyes“ by Jon Rafman im Louisiana-Museum in Humlebaek (Dänemark) vom 8. Oktober 2025 bis 11. Januar 2026.
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Provenienz-Forschung im Surrealismus
Die mühsame Suche nach der Herkunft eines Kunstwerks

Max Ernst 
Yves Tanguy Wichtige Werke des Surrealismus sind aktuell in der Neuen Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Salvador Dali, Juan Miro, Max Ernst, André Masson, René Magritte sind typische Künstler dieser Strömung. Ihr Stil mit der Verformung realer Gegenstände in einer der Fantasie entspringenden irrealen Welt erinnert an Träume und Alpträume und ist leicht zu identifizieren. In den 1920ger Jahren entwickelte sich der Surrealismus besonders in Frankreich und Spanien, aber auch in Deutschland.
Das Besondere dieser aktuellen Ausstellung ist, dass die Kunstwerke nicht nur einfach anzuschauen sind, sondern viel über ihre „Biographie“ zu erfahren ist. Wann sind sie entstanden? Wer waren bisher ihre Besitzer? Auf welchen Ausstellungen waren sie vertreten?


Max Ernst 
Max Ernst: House Angel Die Bilder stammen aus der privaten Sammlung des Ehepaars Pietzsch, die sie durch Schenkung dem Land Berlin überlassen haben. Wenn wertvolle Gemälde öffentlich ausgestellt werden sollen, muss sichergestellt sein, dass sie nicht in der Vergangenheit einem Besitzer illegal entwendet wurden. Solche Fälle kamen in der Zeit des Nationalsozialismus vielfach vor, indem jüdische Sammler enteignet wurden. Sie hatten dann nur die Alternative schnell weit in ein ausländisches Exil zu fliehen oder in einem KZ zusammen mit ihren Familien umzukommen. Auch sogenannte „freiwillige“ Verkäufe zu Spottpreisen bleiben letzlich Raubkunst. Wenn ein Kunstwerk mit solch einer Geschichte identifiziert wird, muss es den Nachkommen der ursprünglichen Besitzer zurück gegeben werden.
Wie komplex und aufwändig eine Rekonstruktion des Lebensweges eines Kunstwerks ist, soll in dieser Ausstellung nachvollziehbar werden.
Wichtig ist dabei stets, sich zu allererst die Rückseite eines Bildes anzusehen. Oft kleben dort kleine Papiere mit Invertarstempeln oder Aufschriften auf den Rahmen.



Daran schließt sich eine intensive Recherche in Archiven mit Bestandslisten von Museen und Galeristen an. Ein wesentliches Problem bei den ausgestellten Surrealisten war, dass viele Künstler ins Exil geflohen waren, sich dann aber teilweise in Südfrankreich, den USA oder Mexiko wieder trafen. Ihre Bilder ließen sie bei Bekannten zurück, tauschten sie gegenseitig oder verschenkten sie an Kolleg*Innen. Dafür wurde naturgemäß weder ein Vertrag geschlossen, noch wurde das Werk mit einem speziellen Aufkleber markiert.
Ein besonderes Beispiel für eine bewegte Reise über Kontinente hinweg ist „Der Jäger“ von André Masson. Hierzu gibt es sogar ein Schriftstück, dass seinen Aufenthalt in einem Depot der Nazis beweist. Da die politische Führung surrealistische Bilder als „entartet“ einstufte, wurden viele von ihnen vernichtet. Dies wird auch über den Jäger vermerkt. Warum es nicht stattfand, bleibt ein Rätsel, jedoch wurde er nachweislich nach dem 2. Welt-Krieg dem Besitzer direkt zurückgegeben.



Die Erforschung der Provenienz, also der Herkunft ist ein spannendes Feld – nicht nur für eventuell zukünftige Sammler*Innen. Es ist ein Einblick in unsere Geschichte, auch die der früheren Migrationsbewegungen, die auf den Ausstellungstafeln und im Katalog gut nachvollziehbar sind.
„Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus, Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“. Neue Nationalgalerie Berlin: 17. Okt. 2025 bis 1.März 2026
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Diane Arbus findet die verborgene Schönheit im Andersartigen

Im Gropiusbau in Berlin gilt es einzutauchen in ein Labyrinth von Gestängen wie in einer skulpturalen Installation von Piet Mondrian, umgeben von Schwarz-Weiß-Fotografien der New Yorker Fotografin Diane Arbus (1923 – 1971). Die besondere Konstruktion und Anbringung der Fotos mit verwirrender Vervielfältigung durch Spiegelungen ist ein Raumkunstwerk für sich. Das Umherirren und immer wieder zufälligen Auffinden der unterschiedlichen Fotomotive ohne zwingenden Zusammenhang ist absolut gewollt. So hinterlässt jeder einzelne Blick auf ein neues Bild eine extrem intensive und individuelle Wirkung.



Diane Arbus bekam 1941 ihre erste Kamera als Hochzeitsgeschenk ihres Ehemannes. Zuvor hatte sie bereits Kunst in New York studiert. Beide gründeten nach dem Krieg 1946 eine Agentur für Modefotografie. Mit Fotos für Hochglanz-Zeitschriften sicherte sich Diane Arbus auch weiterhin ihren Lebensunterhalt. Sie erschienen bei Haarper’s Bazaar ebenso wie in der VOGUE.
Doch viel mehr faszinierten die Fotografin Menschen, die nicht dem Schönheitsideal der Zeit entsprachen: Behinderte, Kleinwüchsige, Ausgestoßene, Travestie-Künstler: Menschen, die eher nicht die gesellschaftlichen Normen verkörpern.



Diane Arbus‘ außergewöhnliche Fotos begeisterten Kunstkenner und wurden zunehmend in berühmten Museen wie dem MOMA in New York oder postum auch in Paris und Ontario ausgestellt. 1972, ein Jahr nach ihrem frühen selbstgewählten Tod zeigte die Biennale in Venedig Fotos von Diane Arbus. Es war das erste Mal, dass Fotografien den Rang von Kunstwerken erreichten.


Neil Selkirk Im Gropius-Bau in Berlin werden 450 Fotos gezeigt. Es sind Abzüge, die Neil Selkirk genau in der Art wie die Künstlerin selbst hergestellt hat. Er ist ebenfalls Fotograf und war Schüler bei Diane Arbus. Mit seinen technischen Kenntnissen hatte er ihr damals oft zur Seite gestanden, weshalb nur er von ihr autorisiert wurde, auch weiterhin Abzüge ihrer Negative herzustellen.



Es ist faszinierend, wie sich im Blick der Fotografin ihre Liebe und Wertschätzung andersartiger Menschen auf ihren Fotos abbildet. Sie sind eine Anregung für uns Betrachtetende, uns selbst der Welt und den Menschen in ihrer Vielfältigkeit offen und bewundernd zu nähern.
Diane Arbus: „Konstellationen“, Gropius-Bau Berlin, 16.Okt.2025 bis 18.Januar 2026
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„Berlin Modern“ und die uralte Platane
Richtfest für einen Kunstpalast

„Díe Kunst ist die höchste Form der Hoffnung!“ Dieses Zitat von Gerhard Richter anläßlich der Documenta 7, 1982, begleitete heute das Richtfest für das Gebäude des „Berlin Modern“. Es wird als Museum für das 20. Jahrhundert errichtet und soll deutlich mehr aus dem Schatz der Sammlung der „Stiftung Preußischer Kunstbesitz“* öffentlich zeigen, als es bisher in anderen Berliner Museen möglich war.
Zum heutigen traditionellen Fest der Handwerker, die es glücklicherweise noch gibt, kamen sowohl die neue Präsidentin der SPK*, der größten staatlichen Kunstinstitution des Landes, Marion Ackermann, als auch der aktuelle Kulturstaatsminister und seine Vorgängerinnen Claudia Roth und Monika Grütters, die zuvor für diesen Bau politische Verantwortung trugen.
Jaques Herzog repräsentierte sein Architekturbüro „Herzog & De Meuron“ aus Basel. Mit Bauten wie der Bayern-Arena und dem Olympiastadion in Peking, „Vogelnest“ genannt, gehören sie durchaus zur Weltelite der Architektur. Klaus Biesenbach sprach als zukünftiger Hausherr, denn er ist nicht nur aktuell Direktor der Neuen Nationalgalerie, sondern auch bereits designierter künstlerischer Direktor des „Berlin Modern“.

Jaques Herzog, Marion Ackermann, Wolfram Weimer, Klaus Biesenbach Doch was zeichnet den Neubau besonders aus? Er ist groß, extrem groß und er wird das Zentrum des sogennanten Kulturforums, wo er sich schon jetzt in voller Riesenhaftigkeit breit macht. Der Bau ist auch extrem schnell gewachsen: die Grundsteinlegung war erst im Februar 2024 und die Kosten sind bisher nicht explodiert. Ist er auch schön? Ja! Schon der Rohbau mit seinen vielen Stützen und den rauhen ungeglätteten Betonwänden und -böden und den freien Durchblicken zu den umgebenden Gebäuden übt in seinem brutalistischen Zustand eine ungeheuere Spannung aus, die danach ruft, mit Kunst bespielt zu werden.

Rebecca Horn 
Erste Kunstwerke im Rohbau


17.10.2025 

Es war bestimmt nicht einfach, ein Haus zu konzipieren, das viel Platz für Kunst bietet, aber zwischen Architektur-Ikonen wie der Philharmonie von Hans Scharoun und der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe strahlen kann, ohne sie zu erdrücken. Das gelingt u.a. durch den Bau weit in die Tiefe, von wo aus trotzdem kathedralenartige Räume erhaben bis zum Dach hinauf ragen können.


Platane hinter dem Gerüst Eine reizende Besonderheit zeigt eine Einbuchtung in das Gebäude, eine spielerisch wirkende Störung, die dem Haus den Charakter eines Klotzes letztlich vollkommen nimmt. Die Architektur musste einem Natur-Riesen Ehrerbietung zeigen. Es geht um die 150 Jahre alte Platane, die sich und ihren Standort verteidigt. Sie hat den ersten Weltkrieg überlebt, die wilden 20ger-Jahre in Berlin, den zweiten Weltkrieg, die Teilung und Wiedervereinigung des Landes und sie ist Zeuge der großen Hoffnung auf dauerhaften Frieden. Jetzt trotzt sie der Betonierung durch den Menschen: ein wunderbares Symbol für heutige Rücksichtnahme und Wertschätzung der Natur.

Performance von Joan Jonas Perfektioniert wurde der ursprüngliche Entwurf durch die grundlegende ökologische Umplanung, die das Architektenteam nicht nur duldete, sondern begeistert umsetzte.

Als Reminiszenz auf Joseph Beuys, der zur bereits genannten Documenta 7mit 7000 Eichen Kassel unter dem Titel „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ begrünen ließ, sollen um das jetzige Museum herum ebenfalls Bäume gepflanzt werden. Aktuell müssen die ersten des Projektes leider noch in Kübeln wachsen.



Die Kunstwerke des 20.Jahrhundert sind ebenso wie die Platane wichtige Zeugen für unsere Geschichte mit all ihren Schrecken, aber auch den wunderbaren Entwicklungen von Toleranz, ökologischem Gewissen, Menschenrechten, friedlichem Zusammenleben und der Hoffnung auf lange Stabilität dessen. Darum ist es wichtig, dass sie in diesem Museum groß und laut gesehen werden können.
Richtfest des „Berlin Modern“ am Kulturforum Berlin am 17.Oktober 2025