• Shilpa Gupta

    „Auch ich lebe unter deinem Himmel“

    „I live under your sky, too“ ist ein sinngebendes Zitat der Künstlerin für all ihre Werke. Shilpa Gupta ist eine indische Konzeptkünstlerin. Wir wissen hier kaum etwas über die Historie des indischen Kontinents, höchstens, dass dort mehr als eine Milliarde Menschen leben und die Kastenzugehörigkeit immer noch eine Rolle spielt. Doch die politischen Ereignisse, die die indische Künstlerin geprägt haben, müssen wir uns neu vor Augen halten.

    Shilpa Gupta wurde 1976 im damaligen Bombay geboren, das heute Mumbai heißt. Sie wuchs in einer lauten Stadt auf, die bis heute von verschiedenen teils gewaltvollen Konflikten geprägt ist. Hier spielen ethnische Herkunft, aber auch die Religion eine Rolle. Schon die Abschiebung muslimischer Bürger aus „British India“ 1947 nach Pakistan oder Bangladesch und somit Trennung vom hinduistischen Indien war der Beginn eines ewig schwelenden Konfliktes. Shilpa Gupta hat schon früh immer wieder versucht, die Grenze zwischen den Ländern und den Religionen zu überwinden, mittels Freunsdchaften, aber auch mit ihrem künstlerischem Engagement.

    Shilpa Gupta schaffte es durch intensives Bemühen an der School of Fine Arts in Mumbai zu studieren. Obwohl zeitgenössische Kunst in Indien kaum eine Rolle spielt, fand sie kleine Galerien, die ihre Konzeptkunst außergewöhnlich und interessant fanden, leider aber ohne kommerziellen Erfolg.

    Die Künstlerin arbeitet mit vielen unterschiedlichen Materialien und Medien als Konzeptkünstlerin. In Gegensatz zu ihrer Heimat findet ihre Kunst im Ausland hohe Anerkennung. So werden ihre Werke in New York, London, Tokio und Dubai ebenso geschätzt wie in Paris, Istanbul und Venedig.

    Aktuell sind wichtige Werke von Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof in Berlin zu bewundern.

    „Sie sind offensichtlich ein sehr feministisches Haus. Schon wieder zeigen Sie die Arbeit einer Frau, wie schon so oft. Ist das Ihr Konzept?“ fragte INArtberlin Sam Bardaouil, den einen des Kuratoren-Duos des Museums. „Nein, das machen wir nicht extra. Wir sind immer auf der Suche nach spannender Kunst. Die ist das einzige Kriterium, das für unsere Auswahl zählt. Und im Augenblick finden wir zufällig fantastische Kunst bei einzigartigen Künstlerinnen.“

    In Berlin ist ein dunkler Raum erfüllt von Protestgesängen aus viele Regionen der Welt. „We shall overcome“ oder „Bella Ciao“ sind leicht erkennbar. Sie erklingen aus altmodischen Mikrofonen, die zu Lautsprechern umgebaut sind und in einer Choreographie von der Deck hängend herumtanzen. Auf kleinen Hockern sitzend führt die Installation uns Besucher*Innen zu einem meditativen Innehalten.

    Shilpa Gupta möchte mit ihren Kunstwerken all denen eine Stimme geben, die unterdrückt werden. Sie kämpft gegen soziale Ungleichheiten, thematisiert sowohl  postkoloniale Spätfolgen als auch ganz aktuelle globale Wirtschaftsdynamiken.

    Das zentrale Werk in Berlin ist „TRUTH“. Die einzelnen Buchstaben sind wie Monumente im Raum stehend oder liegend aufgestellt. Besucher laufen durch sie oder um sie herum; nicht nur um die Buchstaben, sondern auch um die „Wahrheit“, die im aktuellen Bezug jede/r anders bewertet. Anregen möchte das Werk ein strenges Nachdenken über Tatsachen kontra Fake-News.

    Auf einem Podest unter Glas steht eine Auswahl von verschlossenen Fläschchen. In jedes hat Shilpa Gupta ein Poem unterdrückter Schriftsteller*Innen gesprochen.

    Ein Eye-Catcher ist auch ein Buchregal mit Buch-Deckeln aus Edelstahl. Sie haben nicht nur Schriftsteller und Buchtitel eingrafiert, sondern auch die Gründe, warum dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.

    Die jeweiligen Konzept-Ideen der Werke sind nicht immer auf den ersten Blick zu verstehen, doch die Tafeln daneben geben prägnante und einfühlsame Hinweise, mit denen ein einprägsames Verständnis für die Botschaft der Künstlerin ermöglicht wird.

    Shilpa Gupta: „What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst in Berlin 27.März 2025 bis 3.Januar 2027

    Als Extra noch etwas zur Vorfreude auf die kommende Ausstellung in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs:

    400.000 rohe Holzwürfel mit einer Kantenlänge von 10 cm kündigen das nächste Kunstwerk von Lina Lapelyté an. Wird es wieder eine Oper? Die Komponistin gewann mit zwei Kolleginnen den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon in Venedig 2019 für Litauen. „Sun and Sky“ war eine Inszenierung mit Opernsängern in einem Strand-Szenarium. Wir können also gespannt sein, was ab 1.5.26 hier geboten wird!

  • Kerry James Marshall

    BLACK is so Beautiful !

    Kerry James Marshall war schon ein Lieblingskünstler der Kuratoren Roger Buergel und Ruth Novak bei ihrer Documenta 12 (2007). Doch inzwischen gilt er als einer der global bedeutendsten figurativen Maler der Gegenwart. Seine großformatigen, farbintensiven Gemälde sind voller kunsthistorischer Bezüge.

    Der absolute Wow-Effekt offenbart sich aktuell in einer grandiosen Solo-Show des Künstlers im Chipperfield-Bau des Kunsthauses Zürich. Dort besticht auf den ersten Blick das glänzende Schwarz, mit dem Marshall die Menschen auf seinen Bildern darstellt. Es ist sein Markenzeichen und gibt diesen vormals unterdrücklten People of Color, selbst wenn man kaum Gesichtskonturen erkennt, einen stolzen strahlenden selbstbewußten Ausdruck.

    Der Künstler malt fröhliche Alltagsszenarien: im Beauty-Salon, am See oder im Nachtclub, inszeniert jedoch die Diskriminierung der Afroamerikaner*Innen in den USA hochgradig sozialkritisch. Picknick, Golf, Krocket, Wasserski: sind das nicht die Hobbies reicher weißer Familien, die hier von Schwarzen selbstverständlich gelebt werden?

    Kerry James Marshall wurde 1955 in den US-amerikanischen Südstaaten in Alabama geboren, zog später mit seiner Familie nach Los Angeles, wo er Art-and-Design studieren konnte. Später fand er – bis heute –  seine Heimat in Chicago. Da drängt sich sofort die wichtige Frage nach einer Teilnahme auch an der kommenden Documenta 16 auf. Bekanntermaßen bekräftigte deren Kuratorin Naomi Beckwith, dass sie sich ihrer Wurzeln in der Black-Community in Chicago sehr bewußt sei, was sich auch in der Konzeption der Documenta wiederfinden werde. Marshall dementiert jedoch INArtberlin gegenüber sofort: „Nein, ich werde auf keinen Fall erneut bei der Documenta ausstellen. Ich war dort schon zweimal (1997 und 2007). Das reicht völlig.“ Dies wiederholt der sympatische 70jährige jedoch mehrfach so vehement , dass man fast das Gegenteil glauben könnte.

    1980 bot sich dem jungen Kerry James Marshall die Chance eines Besuchs im New Yorker MOMA. Allerdings war die Reise nur „Historienmalern“ vorbehalten. Er malte deshalb Szenen, die im Aufbau an klassische Historienmalereien anknüpften. Nur agierten bereits damals schon keine weißen reichen Adligen-Familien, sondern stolze Menschen in tiefem Schwarz. Damit qualifizierte er sich für die Reise zu seinem Lieblingsbild: Picassos „Guernica“, was für ihn ein prägendes Erlebnis wurde.

    Der Titel der Züricher Ausstellung „Histories“ beinhaltet eine doppelte Bedeutung: Zunächst erzählen die Bilder Geschichten (his stories), doch sie sind ebenso Zeitdokumente (History / Geschichte).

    Die monumentalen Gemälde sind aber auch Wimmelbilder. Überall sind kleine Details zu entdeckten, z.B. auch Collagen mit Zeitungsausschitten oder ironischen Spruchbändern. Ebenso finden sich Portraits berühmter Persönlichkeiten des antirassistischen Widerstands in den Bildern. Es macht große Freude mit den Augen auf Entdeckungsreise zu gehen.

    Kerry James Marshals vielschichtige Gemälde in riesigem Format sind ein Kontrapunkt zur westlichen weißen Historienmalerei und ergänzen somit unsere Geschichtsschreibung auf extrem wichtige Weise. Selten macht es soviel Vergnügen, sich die weiterhin aktuelle Relevanz von Bürgerrechtsbewegungen zu vergegenwärtigen.

    Kerry James Marshall: „The Histories, Geschichte(n)“, Kunsthaus Zürich, 26.März bis 16.August 2026

  • BRANCUSI

    Skulpturen-Ikone früher Abstraktion

    Constantin Brancusi (1876-1957) ist nicht neu, aber vielleicht immer noch modern?  Er gehört ins letzte Jahrhundert. Doch er gilt als historische Schlüsselfigur, als Vorreiter der Abstraktion in der Gestaltung von Skulpturen.

    Brancusi stammt aus einem kleinen Dorf in Rumänien, wo er 1876 geboren wurde. Er liebte schon früh die traditionelle Holzschnitzerei, doch er musste von zuhause weglaufen, um nicht zu einem anderen Beruf oder zum Militärdienst gezwungen zu werden. 1904 ging er nach Paris und bekam sogar eine Anstellung bei dem damaligen Star der Skulpturenszene Auguste Rodin. Brancusi kündigte jedoch nach wenigen Wochen mit seinem berühmten Satz: „Es wächst nichts im Schatten großer Bäume.“

    Brancusis Werken ist in all ihrer Abstaktion noch die reale Grundfigur anzusehen. Aus einer Ei-Form entwickelte er den ausdrucksstarken Kopf der „schlummernden Muse“. Doch der Künstler reduzierte die Gesichtszüge durch Schleifen und Polieren immer mehr, bis am Ende ein eindrucksvolles Konzentrat stiller Emotionalität entstand.

    „Prinzessin X“ (1915/16) war für Brancusi die perfekte Verschmelzung männlicher und weiblicher Figur, doch musste sie auch einmal aus einer Ausstellung rasch entfernt werden, weil viele nur den Phallus in ihr sahen.

    Brancusi arbeitete mit Holz, Gips, Marmor und Stein. Gelungene Objekte ließ er in Bronze gießen. Dabei gibt es nur wenige Motive in seinem Schaffen, doch diese stellte er in vielen unterschiedlichen Varianten her. Z.B. schlummernde Muse, Vogel im Raum, der Kuss, Leda in Bewegung.

    Ein besonderes Markenzeichen Brancusis ist, dass er die Sockel für seine Skulpturen besonders beachtete. Sie sollten stets ein wichtiges ergänzendes Pendant des Gesamtkunstwerkes sein, meist in konträrem Material. Der Vogel im Raum ist bereits ein schmaler, sehr langgestreckter Messingkörper, der aber zusätzlich einen hohen Holzsockel bekam, als solle er bis an den Himmel reichen. Aus mehreren Sockelkonstruktionen entstand ein ebeso wichtiges Werk Brancusis: die „Unendliche Säule“.

    Brancusi gibt uns nebenbei ein gutes Beispiel zur ewigen Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ 1926 verschickte er seine Skulptur „Vogel im Raum“ von Paris nach New York. Sein Freund und Förderer Marcel Duchamp kuratierte dort eine Ausstellung, bei der er sie präsentieren wollte. Angekommen in den USA stuften die Mitarbeiter des Zolls das Werk jedoch einfach als ein Metallteil ein, das kostenpflichtig verzollt werden müsse. Kunstwerke waren in Gegensatz dazu zollfrei. Damals wurden in den USA nur Nachbilder von natürlichen Objekten oder Menschen als Kunstwerke angesehen. Erst nach vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen über 2 Jahre bekam Brancusi Recht und seine abstrakte Skulptur wurde auch juristisch als KUNST anerkannt. Es ist erstaunlich, dass wohl die USA und Zölle schon vor 100 Jahren ein Kapitel von Willkür und Profit gewesen sind.

    In der Neuen Nationalgalerie werden 150 Jahre nach seiner Geburt mehr als 150 Arbeiten des Künstlers gezeigt. Möglich wurde dies, weil das Centre Pompidou aktuell über 5 Jahre für eine Komplettsanierung geschlossen ist und seine Schätze somit gern ausleiht.

    Ein Highlight der Ausstellung ist ein teilweiser Nachbau der Künstlerwerkstatt, in dem auch in Filmsequenzen der Meister bei der Arbeit „lebendig“ wird. Viele historische Dokumente und selbstgefertigte Fotos seiner Kunstwerke umrahmen den Werkstattbau in einem zentralen runden Pavillon. Sie sind mit einem guten Gespür  für die Darstellung des damaligen Zeitgeistes zusammengestellt und angeordnet.

    Brancusis glänzende Skulpturen ergeben zudem in der Neuen Nationalgalerie eine herrliche kontrastreiche, aber harmonische Einheit mit dem Museumsbau von Mies van der Rohe, als seien sie genau hierfür geschaffen worden.

    „BRANCUSI“  Neue Nationalgalerie Berlin, 20. März bis 6. August 2026

  • Julian Charrière: „Midnight Zone“

    „Bei mir ist alles echt!“

    Die spektakuläre Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Julian Charrières aktuelle Meisterwerke, diesmal zum großen Thema Wasser, dem Lebensraum unzähliger Organismen und zugleich hart umkämpfte Ressource. Charrières Arbeit ist eine Mischung aus Bildern, Videoproduktionen und Exponaten, die thematisch Naturphänomene und deren Beeinflussung durch die Menschheit mit Hilfe künstlerischer Interventionen veranschaulichen.

    Im Mittelpunkt der Wolfsburger Ausstellung steht die Expedition des Künstlers in die Mitte des pazifischen Ozeans in eine Region, die lediglich wegen ihrer großen Vorkommen der begehrten Manganknollen für den Tiefseebergbau interessant ist. Charrière versenkte dort eine achteckige Laterne mit rotierender Fresnellinse, wie sie in Leuttürmen verwendet wird, bis in 1000 m Tiefe. Diese wird als Midnight Zone bezeichnet, weil bis hierhin keinerlei Sonnenlicht dringt. Doch Charrières Lichtquelle zieht einzelne Fische und ganze Schwärme magisch an, die sie koordiniert umkreisen. Von dem berühmten Unterwasserfilmer und Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) gibt es den ikonischen Fim: „Die schweigende Welt“. Darin behauptet er, die Tiefseewelt sei völlig still. Charière filmte nicht nur, sondern kann durch Tonaufnahmen belegen, dass dort sehrwohl recht laute akustische Phänomene  existieren.Er erklärt: „Es gibt die Geophonetik ausgehend von Erdformationen; die Biophonetik der Tierwelt und die Anthropophonetik, das sind menschengemachte Geräusche wie von Schiffsschrauben oder Sonargeräten. Diese mischen sich zu einer erheblichen Geräuschkulisse.“ Der Film wird von diesen Geräuschen begleitet, die teils intensiv den riesigen Museumsraum erschüttern lassen. Da liegt die Frage an den Künstler nahe, ob der Ton KI-generiert sei (oder von Quantencomputern wie zuletzt recht unangenehm bei Pierre Huyghe). „Nein, bei mir ist alles echt!“ Charrière bringt den Beweis, dass ein Ernten der Manganknollen kein harmloses Agieren im stummen Nichts wäre, sondern eine massive Zerstörung in einem lebendigen Biotop mit großer Tierpopulation zu Folge hätte.

    Neben der Großbildprojektion steht ein achteckiger Pavillon, in dem genau die Leutturm-Laterne in ihrer vollen Aktion mit dem rotierenden Licht ausgestellt ist, reizvoll mit Spiegeln in Szene gesetzt.

    Julian Charriére ist schweizerisch-französischer Künstler mit bereits weltweitem Renommeé. Die Liste der Orte, an denen seine Werke gezeigt wurden, läßt kaum einen weißen Fleck auf der globalen Landkarte erscheinen. Aktuell lebt und arbeitet er in Berlin. Die nächsten Projekte sind in Vorbereitung für Venedig und Peking.

    In einer früheren Expedition hat sich Charrière bei Island auf einer großen Eisberg-Scholle absetzen lassen und ist auf die Spitze des Eises geklettert, wo er mit einem Propangas-Brenner 7 Stunden lang den Gletscher angeschmolzen hat. Solch eine paradoxe Aktion macht die Problematik drohender Naturzerstörung durch uns Menschen mit viel Humor großartig populär.

    In der Ausstellung ist ein weiterer Film zu sehen, der an die Decke projeziert wird. Er wurde aus der Perspektive von tief unter Wasser nach oben an die Oberfläche zum Tageslicht hin aufgenommen. Man schaut ihn am besten liegend auf den Liegesäcken an. Kanten von Eisschollen wirken darin plötzlich wie Raumschiffe.

    Einige aus der Tiefsee geborgene ausgestellte Objekte unterstreichen die Verschmelzung von Menschlichem und Natur wie z.B. überwucherte Teile von Schiffswracks.

    Die Kunst von Julian Charrière ist typisch für „Artistic Research“. Dabei betreiben KünsterInnen reale Forschung, aber nicht mit Statistiken und Tabellen, sondern mit künstlerischen Mitteln. Charrières Kunstwerke sind Wissenschaft, mit aufwändigen technischen Mitteln perfekt aufgenommen. Sie fordern durchaus unser naturwissenschaftliches Denkvermögen, um ihre Komplexizität voll zu erfassen. Das ist faszinierend. Doch ebenso ist es ein großer Genuss, die gezeigten Phänomene in ihrer Präsentation rein als Kunstwerke emotional auf uns wirken zu lassen, absolut ohne Gedanken an jegliche Uni-Vorlesung.

    Wieder einmal gibt das Kunstmuseum Wolfsburg Kunstwerken den Raum, der sie zur allerbesten Entfaltung bringt.

    Julian Charrière „Midnight zone“ im Kunstmuseumm Wolfsburg vom 14.März bis 12.Juli 2026. Tipp: Gönnen Sie sich eine professionelle Führung durch die Ausstellung. So erhöht sich bestimmt der Kunstgenuss durch besseres Verstehen.

  • „Gelbe Briefe“ Film von Ilker Çatak

    Ein deutscher Film erhält den Goldenen Bären der Berlinale 2026

    Wenn bei uns gelbe Briefe eintreffen, bedeuten sie auch meist nichts Gutes, denn sie kommen von Staatsanwaltschaften oder Gerichten. In der Türkei werden in gelben Umschlägen Entlassungsbriefe verschickt. Die Hauptfiguren Derya und Aziz erhalten solche Schreiben und verlieren gleich beide ihre Arbeit am Staatstheater und an der Universität in Ankara. „Gelbe Briefe“ erzählt die Geschichte der Familie einer erfolgreichen Schauspielerin und eines Dramaturgen sowie Uni-Professors, deren Lebengrundlage ihnen plötzlich mit fadenscheinigen Argumenten entzogen wird. Das Paar lebt mit einer pubertierenden Tochter in einem despotischen System, in dem kritische Stimmen zwar nicht getötet, aber durch Job-Verlust zum Schweigen gebracht werden. Wie soll man weitermachen?  Weiterhin ideologisch korrekt das System kritisieren oder sich an die Verhältnisse anpassen?

    Diese beiden Pole werden in der Beziehung von Derya und Aziz kontrovers, aggressiv, aber klug ausdiskutiert. „Meinst du immer noch, du kannst mit Kunst die Welt retten?“ fragt die Tochter den Vater. Letztlich nimmt Derya das Angebot einer lukrativen Rolle in einer Serie an, obwohl diese bei einem systemkonformen Sender läuft und sie ihre politischen Social-Media-Einträge löschen soll. Azis bleibt konsequent bei seiner kritischen Weltverbesserungs-Überzeugung. Der Unterschied der Einkommen bleibt folgerichtig auch nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung.

    „Gelbe Briefe“ sollte ursprünglich als türkischer Film komplett auf türkisch und auch in der Türkei vorbereitet und gedreht werden. Doch in den knapp 5 Jahren der Arbeit an dem Film änderte sich die politische und soziale Realität so, dass Regisseur Ilker Çatak, der seit Kindheit in Deutschland lebte, studierte und arbeitete, diese Sicht deutlich von außerhalb des Systems erzählen wollte. Reale Geschichten von Entlassungen und sogar Verhaftungen aus geringen konstruierten Anlässen waren ihm persönlich berichtet worden und Anlass für den Film. Letztlich entschied er sich für den Kunstgriff, dass die Produktion nach Deutschland verlegt werden sollte. So sehen wir jetzt Einblendungen: „Berlin ist Ankara“ und „Hamburg ist Istanbul“ und schon ist die Elbphilharmonie deutlich im Hintergrund, während in der Handlung die Darsteller mit dem Boot über den Bosporus fahren. Das irritiert und führt gleichzeitig zu Aufmerksamkeit.

    Die konfliktreichen Dialoge werden excellent von Tansu Biçer und Özgü Namal schauspielerisch umgesetzt. Beide sind gefeierte Schauspieler in der Türkei, was dem Film hochgradige Kompetenz verschafft. Die Ambivalenz und Zerrissenheit der Rollen werden fantastisch spürbar dargestellt.

    Doch dieser Film ist mehr als eine Beziehungsgeschichte in der Türkei. Es ist eine angstauslösende Botschaft, denkt man darüber nach, was jedem einzelnen von uns angesichts drohender politischer Wendungen passieren kann. Die Möglichkeit ist in letzter Zeit so nah gerückt, dass wir sie nicht einfach verdrängen können. Auch durch die Verzahnung der Orte im Film rückt die Handlung näher an unsere eigene Realität heran.

    Handwerklich ist „Gelbe Briefe“ in Regie, Kameraführung, Bild, Schnitt, Sprache und Ton perfekt sowie inhaltlich eine großartige Bereicherung, die fasziniert und erscheckt zugleich. Ein Kunstwerk!

    Die Berlinale ist das bedeutendste Filmfestival Deutschlands, das international hohe Aufmerksamkeit genießt. Dass nach 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ gewann, jetzt endlich wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären bekommt,  ist hoch erfreulich. Jury-Präsident Wim Wenders bestätigt in seiner Laudatio den „Gelben Briefen“ internationales Niveau und Aussagekraft.

    INTERVIEW:

    INArtberlin sprach mit Luzie Lohmeyer (Prokuristin und kaufmännische Leiterin bei if…Productions) direkt nach der Preisverleihung:

    I.B. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Goldenen Bären! Ihre Produktionsfirma if…Productions (Produzent: Ingo Fliess) ist ja ein recht kleines Unternehmen und jetzt haben Sie nach der Oscar-Nominierung für „Das Lehrerzimmer“ im vorletzten Jahr schon wieder ein Meisterwerk produziert!

    L.L.: „Wir sind total glücklich, doch es war eine hervorragende intensive Arbeit! Allen voran von Ilker Çatak, aber auch von unserem hoch motivierten Team, das sich während der Zeit immer wieder hinterfragt und dadurch stetig verbessert hat.“

    I.B.: Sie sind diejenige, die stets dafür sorgt, dass die organisatorische und besonders finanzielle Situation des Projektes gesichert ist?

    L.L.: „Genau, ich bin für die Zahlen verantwortlich. Das funktioniert nicht nur, weil ich Mathematikerin bin, sondern auch ein großes Herz für unsere Filmprojekte habe. Man muss sich gut in den Projekten auskennen, um bei den Förderanträgen und Investoren richtig zu argumentieren.

    Für „Gelbe Briefe“ hatten wir zunächst ein Budget von rund 1,5 Millionen Euro eingeplant, das uns für einen Film mit kompletten Dreharbeiten in der Türkei realistisch und finanzierbar schien. Als dann das Autorenteam von Ilker Çatak, Ayda Çatak und Enis Köstepen die Idee entwickelte, den Film ins Exil zu schicken und die Dreharbeiten nach Deutschland zu verlegen, waren wir alle sofort begeistert, auch wenn das auf einen Schlag fast eine Verdreifachung des notwendigen Budgets bedeutete. Weil wir den inhaltlichen Sinn so gut nachvollziehen konnten, war es für mich auch nicht so schwer, das den Geldgebern und Förderern überzeugend zu vermitteln. Natürlich half dabei der Erfolg von „Das Lehrerzimmer“, ebenfalls von Ilker Çatak, das ja eine Oscar-Nominierung erhalten hatte und mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden war. So konnten wir z.B. unsere wunderbaren französischen Koproduzenten Haut et Court für das Projekt gewinnen. Allerdings bedeutete dieser Erfolg auch eine große Herausforderung. Konnte ein zweites Mal ein solches Kunststück gelingen? Das Lehrerzimmer durfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Mit dem Goldenen Bären ist „Gelbe Briefe“ nun aus dem Schatten des „Lehrerzimmers“ herausgetreten.

    I.B.: Auffällig ist, dass überall nach staatlichen Fördergeldern gerufen wird.

    L.L: „Es stimmt, dass ohne solche Fördergelder kein Film dieser Größenordnung in Deutschland produziert werden kann. Schließlich müssen hohe Summen im Vorfeld für den Produktionsprozess aufgewendet werden, bevor an Einnahmen überhaupt zu denken ist. Von den Schauspielern bis hin zum gesamten Team müssen viele Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Hervorragende Schauspieler beanspruchen auch verdientermaßen mehr als kleine Gagen. Dazu kommen noch viele unsichtbare Kosten für Hotels, Flüge, Kinderbetreuung, Arbeits-genehmigungen und noch viel mehr. Durch die Produktionsverlegung musste beispielsweise für jeden türkischen Mitarbeitenden ein Arbeitsvisum beantragt werden. Das größte Problem bleibt aber, dass aktuell die Kosten enorm gestiegen sind, doch die Höhe der Fördersummen stehen bleibt.“

    I.B.: Wie hat es mit dem Film begonnen?

    L.L.: „Wir machen Autorenfilme, was bedeutet, dass wir an erster Stelle unseren Autoren vertrauen! Ilker Çatak kam mit der Geschichte vor fast 5 Jahren zu uns. Dieses Vertrauen bedeutet aber nicht, dass wir unsere Autoren allein lassen. Wir begleiten den Schreib- und Entwicklungsprozess intensiv. Ilker Çatak sucht aber sowieso stets einen konstruktiven Dialog mit uns, ist dabei super empathisch und kooperativ mit allen Beteiligten und behält dabei seine künstlerische Vision im Auge. Eine Zeit lang gab es sogar Zweifel, ob das Thema nicht an Aktualität und Relevanz verlieren könnte, bevor der Film fertig ist. Doch die politische Realität hat dies immer eindrücklicher bestätigt. Das Filmthema wuchs enorm an aktueller Bedeutung während der Produktionszeit.

    I.B.: Machen Sie sich Sorgen um die Schauspieler, die ja weiterhin in der Türkei leben?

    L.L.: „Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn der Film soll ja auch in der Türkei gezeigt werden. Das wurde mehrfach mit allen offen kommuniziert. Unsere türkischen Koproduzenten Liman Film sind dabei enorm wichtig und wir vertrauen auf ihre Einschätzung der Lage. Aktuell stehen alle hinter dem Projekt und es besteht die Hoffnung, dass eine internationale erfolgreiche Sichtbarkeit auch ein Schutz sein kann. Der Goldene Bär ist dafür hoffentlich der erste Faktor.“

    I.B. Nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Gespräch.

    Kinostart in Deutschland: 5. März 2026. Achtung: Wenn dieser deutsche Film in einem Kino als „OmU“ (Original mit Untertiteln) angekündigt wird, ist das Türkisch, aber auch ohne Sprachkenntnisse spannend, weil noch authentischer.

  • Günther Uecker

    „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden…“

    Sein Markenzeichen sind die Objekte, in denen er seine ganze physische Kraft für immer fixierte, indem er Nägel in Holz hämmerte, die jedoch danach ganz subtile tiefsinnige Kunstwerke verkörpern.

    Günter Uecker konzipierte die Schau „Die Verletzlichkeit der Welt im Arp-Museum Rolandseck bei Bonn noch selbst kurz bevor er im vergangenen Jahr am 10. Juni 95jährig starb. Uecker reiste sein Leben lang in unterschiedlichste Regionen der Welt, meist dorthin, wo Spannungen das Leben beeinfussten. So berichtet sein Sohn Jakob bei der Eröffnung. Sein Vater wollte stets Kunst an Orte bringen, wo man es nicht erwartet: Kairo, Libyen, die Navaro-Reservate, Sibirien, die Mongolei, China, den Iran oder Sri Lanka. Zuletzt wollte er unbedingt nach Tadschikistan, wohin ihn sein Sohn begleitete.

    Mit dieser Ausstellung schließt sich auch ein Kreis, denn schon 1964, in dem Jahr seiner Documenta-Teilnahme, war es Günther Uecker, der mit seiner künstlerischen Intervention den Bahnhof Rolandseck symbolisch für die Kunst „in Besitz nahm“ und vor dem Abriss rettete. Er schlug vom Vorplatz beginnend bis zur obersten Treppenstufe des Bahnhofsgebäudes eine Nagelspur ein. Sein Freund Johannes Wasmuth hatte diesen malerischen Ort, der schon immer wegen der wunderbaren Aussicht auf den Rhein Künstler-Bahnhof hieß, entdeckt. Nach vielen Jahren komplettiert jetzt seit 2007 das Arp-Museum den markanten Kunst-Standort.

    Die Ausstellung zeigt zunächst eine Auswahl von Möbelstücken, die Uecker in typischer Art „benagelt“ hat. Darunter ist auch eine Nähmaschine als Hommage an Pina Bausch. Tatsächlich hatte die Tänzerin und Choreografin hierauf Kostüme für ihre Inszenierungen genäht und sie ihm geschenkt.

    „Mein Vater hat stets ohne vorherige Zeichnung und ohne Pausen die Nägel in seine Werke geschlagen. Die besonderen Winkel und Anordnungen entstanden direkt und ohne Korrektur. Ja, das war schwer und er war dann auch erschöpft.“

    Die Sandmühle, das kinetische Objekt als Zeichen für die Vergänglichkeit der Zeit, aber auch stetige Erneuerung der Natur füllt als ikonische Arbeit von Günther Uecker einen ganzen Raum. Dort herrscht eine meditative, fast andächtige Stille. Diese philosophische Seite des Künstlers kennen wir bereits aus dem Andachtsraum im Berliner Bundestag.

    Eine weitere zentrale Gruppe an Kunstwerken handelt von den Verletzungen, die Menschen andere Menschen zufügen: „Verletzen und verbinden“.  Symbolisch zerschlug Uecker einen Bettrahmen und legte ihm dnach Mull-Binden-Verbände an, um durch Kunst die Welt zu heilen.

    Hierzu gehört auch „Denk ich an Deutschland“. Die starken Holzbalken sind zerbrochen und nur notdürftig verbunden, alles hängt nur an einem dünnen Seil. Er bezieht sich auf Heinrich Heines „Nachtgedanken“ (1844) und ist damit extrem aktuell:

    „Denk ich an Deutschland in der Nacht,

    Dann bin ich um den Schlaf gebracht,

    Ich kann nicht mehr die Augen schließen.

    Und meine heißen Tränen fließen.“

    Günter Uecker war viel mehr als ein Nagel-Künstler. Alles, was er schuf, in der Werkstatt, mit seinen perfomativen Auftritten oder Installationen war hochpolitisch und immer aus der Überzeugung geboren, dass Kunst die Welt verbessern kann. Zitat:

    „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit der Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben.“ (2025)

    Günther Uecker: „Die Verletzlichkeit der Welt“, Arp-Museum Rolandseck, 8. Februar bis 14.Juni 2026
     

  • Huguette Caland

    „A Life in a few Lines“

    Manchmal geht man in eine Kunstausstellung, weil man gerade in einer Stadt ist und Vertrauen in die Auswahl der jeweiligen Museums-direktor*Innen oder Kurator*Innen hat. Dann ergibt sich plötzlich das beglückende Erlebnis, eine bisher unbekannte Künstlerin kennenzulernen, deren Werke wirklich überraschen und berühren. So passiert: zuletzt in den Deichtorhallen in Hamburg mit der Libanesin Huguette Caland (1931-2019).

    Zunächst ziehen ihre farbigen, Pop-Artigen Gemälde den Blick auf sich, deren Abstraktion noch ursprüngliche Formen von z.B. Häusern aufweisen.

    Doch die Malerin thematisierte auch offen weibliche Körperlichkeit. Ihre Frauenfiguren bestehen zwar meist fragmentiert aus einzelnen Körperteilen, doch alle stellen weibliche üppige Rundungen hoch attraktiv dar. Ein Bild mit zwei deutlichen Po-Rundungen nannte sie ironisch „Selbstportrait“. Erkennbar ist eine Künstlerin, die ihre Körperfülle mit Stolz und Erotik dargestellt hat.

    Calands Kunst und ihre Lebensgeschichte sind intensiv miteinander verwoben.

    Sie war eine Vorreiterin für die Selbstbestimmung der Frau, unabhängig von religiösen, politischen oder kulturellen Vorschriften. 1931 zur Zeit ihrer Geburt in Beirut, bekam Huguette Caland diesen französischen Vornamen, weil sich der Libanon noch unter französischer Herrschaft befand und dies auch eine Amtssprache war. Der Libanon ist schon traditionell kein ausschließlich muslimischer Staat, sondern hat einen hohen Anteil von Menschen mit christlicher Religion. Die Künstlerin wuchs daher in einem kulturellen Spannungsfeld zwischen Islam, Christentum und westlich europäischem Einfluss auf, doch sie nahm von keinem irgendwelche Einschränkungen für Frauen einfach hin.

    Seit 1943 war ihr Vater nach Abzug der Franzosen erster Präsident in dem neuen unabhängigen Libanon. Huguettes Heirat mit einem Franzosen und außerdem Sohn eines politischen Gegenspielers des Vaters 1952 war ein deutliches Statement weiblicher Selbstbestimmung. Nach dem Tod des Vaters 1964 fing sie ein Studium an der amerikanischen Uni in Beirut an. Doch der Freiheitswille war so groß, dass Huguette Caland 1970 trotz 3 Kindern einfach aus ihrer Familie verschwand und nach Paris zog, wo sie ihre Kunst ausgiebig entfaltete und Liebhaber hatte.

    1979 entwarf Caland für Pierre Cardin klassische Kaftane, jedoch mit modernen, provokativ erotischen Andeutungen im Design. Sie selbst trug konsequent Kaftane, egal in welcher Kultur sie gerade lebte.

    Viele der Kunstwerke sind auf textilen teils sehr zarten Geweben gemalt oder apliziert, wobei einige Motive an Hundertwasser oder Klimt erinnern.

    Ihr zeichnerisches Werk aus zarten Linien beweist aber auch ihr ausgezeichnetes Talent und die professionelle Ausbildung an Hochschulen.

    1987 zog die Künstlerin in die USA. Inzwischen lebte und studierte dort ihr Sohn. Dort habe sie es jedoch sehr schwer gehabt, als Künstlerin anerkannt zu werden. Galeristen hätten sich kaum dazu entscheiden können, eine Frau zu präsentieren, selbst wenn sie ihre Bilder bewunderten.

    Letztlich zog Huguette Caland 2013 wieder nach Beirut, um ihren -immer noch- Ehemann bis zu seinem baldigen Tod noch zu begleiten. Sie blieb im Libanon – weiterhin künstlerisch hoch aktiv-  bis sie selbst 2019 starb.

    Viele der Werkgruppen weisen eine hohe Anziehungskraft auf, jede auf eine andere Art. Sowohl die quadratischen Alltags-Kollagen, als auch die großartigen akribisch gezeichneten mystisch-fantasievollen Figuretten sind besondere Kostbarkeiten. Insgesamt besticht die feinsinnige einfühlsame Vielfalt an Techniken und Ausdrucksfähigkeit. Der Titel bescheibt es: Feine Linien erzählen ein feministisch multikulturell fröhlich gelebtes Leben!

    Huguette Caland: „A Life in a few Lines“, Deichtorhallen Hamburg, 24.Okt. 2025 bis 26. April 2026

  • Dystopes Nichts und technologische Worthülsen

    Pierre Huyghe „Liminals“

    Im legendären Berliner Club Berghain stellt die LAS-Stiftung ein Werk von Pierre Huyghe aus. Auf einer riesigen Leinwand in der großen Halle läuft in tiefer Dunkelheit ein Video, in dem eine nackte weibliche Person in einer dystopen grauen Landschaft zwischen steinigen, teils sich bewegenden Formationen orientierungslos kriecht, geht oder stolpert. Das Wesen besitzt statt eines Gesichtes nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Dazu sind Geräusche zu hören, die an- und abschwellen, teils extrem laut und schmerzhaft im Ohr.

    Im Informationsblatt stehen als Erklärungen Ausdücke wie: „Konzepte des Ungewissen“, „Moderner Mythos“, „Tanz der Materie“, „Etwas radikal Fremdes“, „Von Unbestimmtheit und Vielfachheit geprägte Quantenrealität“. „Ein nicht existierendes Wesen“, „eine Seelenlandschaft“, „ein auf Quantenrauschen basierendes KI-Modell“.

    Zitat des Künstlers: „Die Figur ist ein hybrides Wesen, eine unendliche Membran, die von Leere geformt wurde.“ Das trifft es im Grunde genau: kein Kunstwerk, sondern lediglich sinnlose Leere!

    Liminal (ohne s, weil ohne Sound) war bereits in Venedig 2024 in der Pinault-Collection in der Punta della Dogana installiert, dort jedoch in Kombinaltion mit Schaukästen, die real Steine und Puppenhände enthielten ähnlich den Szenarien des Films. Ebenso gab es einen interessanten älteren Film, in dem sich ein Affe mit der Maske eines jungen Mädchens in unbewohnten Häusern nach atomarer Zerstörung menschenähnlich bewegte und verhielt. In einem weiteren Werk waren Szenen wie auf einem fernen Planeten zu sehen, wo Krähne und Maschinen zwischen menschlichen Skeletten eine Art Eigenleben führen, die Erde offenbar nach der Apokalypse übernommen haben. Liminal konnte in diesem Zusammenhang vielleicht noch eine Bedeutung zeigen als Gegenüberstellung des Menschen ohne Persönlichkeit in seiner puren Animalität im Kontrast zu dem Affen mit einer gewissen Vermenschlichung. Doch es blieben auch hier mehr offene Fragen zurück und keinerlei emotionales Kunsterlebnis.

    Jetzt im Berghain sei es eine Weiterentwicklung des Projektes: nämlich mit Sound! Und dieser sei von einem Quantencomputer hergestellt worden! Allerdings ist zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, warum die Geräusche nicht auf herkömmliche Weise erzeugt werden konnten.

    Pierre Huyghe kam nachweislich mit der Quantenphysik während seiner Teilnahme an der Documenta 13 (2012) in Kontakt. Der spätere Nobelpreisträger Anton Zeilinger aus Wien zeigte dort eine Präsentation seiner Forschung über Quantentheorie mit Ausblick auf technologische Anwendungen. Wie die Kuratorin Carolyn Christov-Barkagiev bei der 70-Jahrfeier der Documenta in Kassel letztes Jahr berichtete, bot Anton Zeilinger mehrfach abends nach Schließung der Türen Seminare über Quantenphysik für die Künstler*Innen an; für kreative Köpfe garantiert inspirierend, doch vielleicht auch ein Sackgasse?

    Für Liminals beriet sich Pierre Huyghe  mit dem Direktor des Instituts für Quantenkontrolle am Forschungszentrum Jülich, Tommaso Calarco, von dem ein recht passendes Zitat in der Presseinformation zu finden ist: „Fast alle Menschen haben bislang ohne Quantentechnologien gelebt, aber kein Mensch könnte je ohne Kunst leben.“

    Dem kann man sich nur anschließen! Doch im Gegensatz zu früheren Arbeiten von Pierre Huyghe -beispielsweise 2017 bei den Skulpturenprojekten Münster- läßt Liminals jegliche künstlerische Ausstrahlung vermissen.

    Pierre Huyghe: „Liminals“ , Berghain, Berlin, 23.Jan. bis 8. März 2026

  • OULU 2026-Kulturhauptstadt Europas

    Wo liegt das und was gibt es zu entdecken?

    Oulu ist mit seinen etwa 220.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt der EU und wird als Europäische Kulturhauptstadt 2026 das diesjährige Highlight des Nordens für die Kunstwelt. Oulu liegt im Norden Finnlands, noch eine Stunde Flugzeit von Helsinki entfernt kurz vor dem nördlichen Polarkreis. Für die Menschen in Oulu gehören Schnee und Eis zu ihrem genuinen Leben dazu, so dass sie das arktische Klima nicht nur in ihr Motto „Kultureller Klimawandel“ einbauen, sondern auch celebrieren. Geplant für 2026 sind aber nicht nur Beiträge wie das Schneeskulpturen-Fest im Februar, Konzerte mit Instrumenten aus Eis, Eisschwimmen und Lichtinstallationen auf gefrorenen Seen.

    Im europäischen Kulturstadtjahr werden die Menschen – wie beispielsweise letztes Jahr in Chemnitz-  viele Feste für und mit der eigenen Bevölkerung feiern. Doch es sind in Oulu auch großartige künstlerische Ereignisse und Ausstellungen geplant. Schon zur Eröffnungsfeier bei Minusgraden und Schneesturm begannen die ersten Ausstellungen.

    Samu Forsblom, Programmdirektor von Oulu 2026 betonte gegenüber Inartberlin, dass es auch eine ganz besondere Weltmeisterschaft in Oulu gebe: die „Air Guitar World Championships“ im August und auch viel Jazz- und Metal-Musik.

    Ausstellungen im Museum:

    Das Oulu-Art-Museum ist Europas nördlichstes Museum für Contemporary Art und hält 2026 drei große Ausstellungs-Blöcke bereit. Den Anfang macht die Ausstellung

    Eanangiella – Voice of the Earth

    Sie zeigt die Tradition, das Leben und die Kunst der Sami, der indigenen Bevölkerung im Norden Europas. Im finnischen Territorium leben etwa 10.000 der insgesamt etwa 90-140.000 Angehörigen dieser ethnischen Minderheit. Der größere Anteil lebt in Norwegen, einige auch in Schweden und Russland.

    Viele erinnern sich vielleicht noch an die Sami-Kunstwerke auf der Biennale Venedig 2022, wo sie den kompletten Nordischen Pavillon füllten. Außerdem hatte auf der Documenta 14 Maret Anne Sara in eindruckvollen Kunstwerken die Problematik der Rentierzucht, von der viele Sami traditionell auch heute leben, thematisiert. Daraus ist zu schließen, dass wir Besucher*innen auch in Oulu nicht ausschließlich Kunsthandwerk zu sehen bekommen. Moderne Tanzvorführungen sind auf jeden Fall schon angekündigt.

    Mode der Zukunft

    ist der zweite Themenschwerpunkt des Museums vom 22.5.–11.10.2026. Die Garderobe von morgen soll nachhaltig sein und aus nachwachsenden natürlichen Materialien bestehen. Doch hier zeigen Modemacher auch künstlerisch gestaltete Mode, die nicht immer tragbar sein muss. Die kreative Arbeit von Modedesignern auf multidimensionale Weise zu präsentieren, fordert und definiert die Grenzen der Mode neu. Ein ähnliches Projekt wurde Ende letzten Jahres bereits im Emma-Museum Espoo gezeigt.

    Ein Teil des Projektes wird von dem führenden japanischen Couture-Designer und Fotografen

    YUIMA NAKAZATO gestaltet. „Die Ausstellung zeigt drei Kollektionen von Nakazato, die jeweils aus seinen Feldforschungen rund um den Globus entstanden sind. In seinen Arbeiten nutzt Nakazato bahnbrechende Techniken, erforscht Themen, die Jahrhunderte der Erdgeschichte umspannen, und vertieft sein Verständnis für lokale Kulturen und Traditionen. Während der Vorbereitungen für diese Ausstellung reiste Nakazato in den Norden Lapplands. Dort fand er Inspiration für seine Herbst-/Winterkollektion 2025–26:  GLACIER wurde auf der Paris Haute Couture Fashion Week präsentiert und kommt jetzt nach Oulu.

    Out of Time

    Out of Time ist vom 30.10.2026–28.3.2027 der dritte Part im Kunstmuseum Oulo. Es ist eine „Ausstellung über eine Zeit, in der die Realität eine Anhäufung paralleler und sich überschneidender Ereignisse ist; eine Zeit, in der sich die Ordnung, die unsere Realität definiert, im Wandel zu befinden scheint. Soziale Polarisierung und technologischer Wandel prägen seit langem die westliche Welt. Nun scheinen die vertrauten Strukturen der Gesellschaft – wie Demokratie und öffentliche Institutionen- auf die Probe gestellt und verändert zu werden. Wie leben wir auf dem Bildschirm und wie sieht die Realität außerhalb des Bildschirms aus? Was bewirkt dies bei uns und wie können wir die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen?“  Selina Väliheikki, Ausstellungskuratorin am Kunstmuseum Oulu erläutert diese offiziellen Formulierungen gegenüber Inartberlin: „Die künstlerischen Positionen stellen unsere  Situation ungefähr wie eine posstraumatische Belastungsstörung dar, wie sie nach Kriegen oder Katastrophen entsteht und wie sie verarbeitet werden könnte.“

    Climate Clock, ein Kunstpfad durch die Natur

    Das größte dauerhafte öffentliche Kunstprojekt außerhalb des Museums wird laut Samu Forsblom am 11. und 12. Juni eingeweiht: Climate Clock ist eine multicentrische Ausstellung in verschiedenen Teilen von Oulu und Umgebung. „Ziel ist es, einen neuen kulturellen Wanderweg mit 7 Kunstwerken zu schaffen, die das Klimabewusstsein der Region und ihre Fähigkeit zur Anpassung an die sich verändernde Umwelt widerspiegeln.“

    Einer der Künstler der Climate Clock ist Antti Laitinen. Eins seiner großartigen Werke ist im EMMA-Museum in Espoo installiert und ein Beispiel dafür, was in Oulu zu erwarten ist. Aus gesäuberten Holz-Stöcken, die als Ketten aufgefädelt an motorbewegten Halterungen hängen, entfaltet sich ein  wunderbaren Klang. Der Wald singt und spricht mit uns!

    In Oulu wird Antti Laitinen ein großfächiges Werk harmonisch in die Waldlandschaft von Kiiminki integrieren, das die Betrachter dazu anregt, „inne zu halten und das Wasser und die Tierwelt mit neuen Augen zu sehen.“ Auch hier entsteht eine kinetische Installation, diesmal aus Moos und Flechten, den Bioindikatoren für Luftqualität.

    Das Rathaus von Oulu hat sich bereits jetzt in ein Medienkunstzentrum verwandelt, in dem die immersive Installationen „Layers in the Peace Machine“ sowie „Earworm“ die Besucher zum Eintauchen und Partizipieren anregen.  Diese Medienkunst stammt aus dem Kiasma, dem wichtigsten finnischen Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki, das eine diesbezüglich umfangreiche Sammlung besitzt.

    Earworm Die Ausstellung „Earworm“ präsentiert eine Auswahl an Videoarbeiten, in denen Musik und Sound integraler Bestandteil der Atmosphäre und Erzählung sind. Die besondere Ausdruckskraft des Klangs spiegelt sich in der Fähigkeit des Gehirns wider, Musik im Kopf als Ohrwurm spielen zu lassen. „Sie können auch in dieser Ausstellung Ohrwürmer fangen, die glücklicherweise nur gute Lieder enthalten.“

    Layers in The Peace Machine im Rathaus von Oulu ist ebenfalls eine immersive und multidisziplinäre Medieninstallation, die Technologie und Kunst miteinander verbindet. Basierend auf dem literarischen Werk „Peace Machine” des verstorbenen Timo Honkela porträtiert die Installation Frieden als einen dynamischen Prozess, der sich durch die Interaktion der Teilnehmenden verändert und weiterentwickelt.

    Das Fotografiska Tallinn (Wir kennen Fotografiska aus Berlin im ehemaligen Tacheles) ist in Oulu mit seiner neuen großen Foto- und Mitmachausstellung „PLAY“ vertreten, die das Spiel als Quelle der Freude herausstellen möchte.

    Die Ausstellung lädt uns dazu ein, „über den Tellerrand hinauszublicken, tiefere Verbindungen zu schaffen und uns eine Zukunft auszumalen, in der Kreativität und Gemeinschaft an vorderster Stelle stehen.“ Zu finden ist die Ausstellung von Fotografiska im Einkaufszentrum Pekuri im Stadtzentrum.

    AaltoSilo

    In einem unscheinbaren Randviertel von Oulu befindet sich ein Bauwerk, das zu einem Wahrzeichen der Stadt werden kann, denn es wurde von dem berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen und konstruiert: das Aalto-Silo! Doch es sieht so überhaupt nicht wie eins der eleganten vielseitigen Architekturen Aaltos aus. Auch er musste in seiner Anfangszeit Zweckbauten konstruieren, um Geld zu verdienen. Das Silo entstand 1931 in einem Komplex der Zellstoffindustrie, die weit außerhalb der damaligen Stadt lag und viel Schmutz produzierte. Auch wenn das Gebäude heute häßlich wirkt, so beweist es trotzdem eine innovative Idee Aaltos, nämlich einen sehr dünnschichtigen Beton zu verwenden, der durch die steile Dachkonstruktion trotzdem stabil ist. Für 2026 soll der Umbau zu einem Kulturstandort fertig werden, was der Bauleiter jetzt aber noch bezweifelt.

    Venice Biennale 2026, Finnischer Pavillon

    Ein späteres Kunstprojekt für Oulu 2026 wird aus Venedig angeliefert. Es ist die Ausstellung, mit der sich das Land in seinem Finnischen Pavillon, der auch von Alvar Aalto entworfen wurde,  in diesem Jahr auf der Biennale von Venedig präsentiert. Vom  30.10.2026–28.3.2027 wird in Oulu zu sehen sein, was die Künstlerin Jenna Sutela entwickelt haben wird. Sie arbeitet über „biologische und rechnerische Prozesse, vom menschlichen Mikrobiom und planetarischen Ökosystemen bis hin zu Sprache und Code.“  

    Es wird sich bestimmt lohnen, in diesem Europäischen Kulturstadtjahr einmal in den hohen Norden Finnlands nach Oulu zu reisen, egal, ob man jetzt mit den Einwohnern das arktische Klima und die fantastischen Fischgerichte genießen möchte oder eher auf die Sommermonate mit den weiteren künstlerischen Positionen wartet. Chemnitz hat es im letzten Jahr vorgemacht, wie eine Stadt aus der Unsichtbarkeit zu einem Kulturstandort erblühen kann. Das können die Finnen mit Sicherheit auch. Und üben Sie schon mal mit der Luft-Guitarre!

  • Auf nach Venedig

    zur 61. Biennale di Venezia

    Die Biennale di Venezia beginnt schon bald: am 9. Mai diesen Jahres. Deshalb heißt es genau jetzt: das Hotel reservieren und die Flüge buchen, denn ein Besuch der Biennale ist für Freunde zeitgenössischer Kunst ein absolutes Muss.

    In diesem Jahr heißt das Motto der Kuratorin Koyo Kouoh: „In Minor Keys“. Die leider im letzten Jahr plötzlich verstorbene Kuratorin leitete zuvor das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt und war auch an international wichtigen Ausstellungen, z.B. der Documenta 12 und 13 kuratorisch beteiligt. Das Konzept und die Künstler*innenliste für Venedig hatte Koyo Kouoh bereits vor ihrem Tod bei den Organisatoren eingereicht, so dass es von ihrem Mitarbeiterteam verwirklicht werden kann. Dass es gelingen kann, ein Konzept eines verstorbenen Kurators erfolgreich zu realisieren, hat bereits Sheikha Hoor al-Qasimi  mit ihrer Sharjah-Biennale 2022 bewiesen, als sie eine eindruckvolle Ausstellung nach den Ideen von Okwui Enwezor präsentierte.

    „In minor Keys“ soll ein „Hinwenden zu der Moll-Tonart in der Kunst sein und als Aufruf zum Entschleunigen, Zuhören und Zusammenkommen zu verstehen sein,“ erklärt das kuratorische Team. Das Konzept sei mit einem tiefen Glauben in die Fähigkeit der Kunst und in die Künstler*innen verbunden, neue Relationen und Möglichkeiten zu eröffnen. Es soll eine sinnliche, weniger eine didaktische Ausstellungsatmosphäre kreiert werden.

    Rory Tsapayi, Assistent von Koyo Kouoh, zitierte sie noch einmal: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Wo kann man das schöner als in Venedig?!

    Der Deutsche Pavillon

    Deutschland wird durch ein Berliner Trio vertreten: die Kuratorin Kathleen Reinhardt vom Georg Kolbe Museum präsentiert zwei junge Frauen mit ostdeutscher Biografie:  Henrike Naumann und Sung Tieu.

    Aktueller tieftrauriger Nachtrag: Henrike Naumann in gestorben! Die Familie gab bekannt, dass eine viel zu spät erkannte Krebserkrankung ursächlich war. Auch wir trauern mit der Kunstwelt um die begabte, kreative Künstlerin, die mit ihren Werken aufrüttelte und zum Nachdenken anregte. Hoffentlich hat auch sie ihr Konzept für Venedig schon so weit vorbereitet, dass wir es trotzdem sehen und würdigen können.

    Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren. Sie nutzt Möbel und Design in ihren Installationen, um über Gesellschaft und Politik zu sprechen. Oft verwendet sie  Möbel aus DDR-Beständen, aber auch aus Wohnidyllen der BRD und der Zeit nach der Wende, aber ohne Oberschicht-Glamour, womit sie wortlos sonst ungesehene Lebenssituationen an die Oberfläche bringt. Henrike Naumann war auch Teil der Gruppe Atis Rezistans auf der Documenta 15, wo sie eine „Trance“-Orgel aus einem Kleiderschrank heraus präsentierte. Zuvor hatte sie an der Ghetto-Biennale der Künstlergruppe auf Haiti teilgenommen. Ihre Werke sind global ausgestellt worden, von New York bis in die „Plattenbau“-Ausstellung im Potsdamer „Minsk“.

    Sung Tieu wurde 1987 in Hải Dương, Vietnam geboren und ist eine vietnamesisch-deutsche Künstlerin, die zwischen politischen Systemen aufwuchs und heute in Berlin lebt und arbeitet. Sie beschäftigt sich mit den Bedingungen und dem Schicksal vietnamesischer Vertragsarbeiter, die ab 1980 durch das Anwerbeabkommen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam nach Deutschland kamen. In ihren Arbeiten schildert Sung Tieu deren Situation vor, während der Wendezeit und danach mit all seinen Härten und Ungewissheiten, aber auch koloniale Verflechtungen. Sung Tieu arbeitet multimedial mit  Skulpturen, Fundstücken, Klang, Video, Fotos und Text.

    Skandale?

    Es ist schon fast Tradition, dass um die Länderpavillons, deren Präsentationen die Ursprungs-Nationen allein verantworten, politische Debatten entstehen.  Auch in diesem Jahr wird schon jetzt heiß diskutiert, ob einzelne Kunstschaffende wirklich geeignet sind, ihr Land zu vertreten. „Cancel Cultur“ im Kontrast zur Kunstfreiheit beschreibt diese Polarisierung. Sollte eine staatliche Institution schon im Vorfeld aus Angst vor negativen Kommentaren in einer Art vorrauseilendem Gehorsam Kunst zensieren dürfen? Aktuelle Beispiele:

    Südafrika:

    Wenige Tage vor der Deadline für die Einreichung der Länderbeiträge zur 61. Biennale di Venezia hat der Kunstminister Gayton McKenzie in Südafrika den Beitrag der Künstlerin Gabrielle Goliath abgelehnt. Nun wurde die Teilnahme der Künstlerin endgültig abgesagt. Wer den Pavillon stattdessen bespielen wird, ist offen.

    “Für die Biennale greift Goliaths vorgeschlagene Version von „Elegy“ auf ihr ähnlich betiteltes, zehnjähriges Projekt zurück, das sich auf Femizid und die Tötung von LGBTQI+-Personen in Südafrika bezieht; Frauen, die von deutschen Kolonialtruppen in Namibia während des Ovaherero- und Nama-Genozids Anfang des 20. Jahrhunderts getötet wurden, sowie auf das Sterben von Zehntausenden Frauen und Kindern, die seit Oktober 2023 von den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) in Gaza getötet wurden. Der dritte Abschnitt der künstlerischen Arbeit enthalte ein Gedenkgedicht zu Ehren der beliebten palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die während des Beschusses von Gaza getötet wurde.”

    Gabrielle Goliath reagierte verärgert über McKenzies Äußerung, dass Künstler „verpflichtet seien, nationalistische, mythenbildende Kunst zu schaffen, die sich mit „sozialem Zusammenhalt beschäftigt und das Beste Südafrikas der Welt präsentiert”. Sie weigerte sich, ihr Werk zu verändern, um ihre Teilnahme zu sichern. Inzwischen hört man aber auch andere Regierungsmitglieder, die sich für die Teilname von Gabrielle Goliath engagieren.

    USA:

    Die USA haben für die diesjährige Biennale schon frühzeitig die Organistion, die die Präsentation im US-Pavillon entscheidet, ausgetauscht. Das nun hierfür ausgewählte American Arts Conservancy wurde erst in diesem Jahr neu gegründet und erhielt ihr Mandat direkt vom US-Außenministerium.

    Der Kurator Jeffrey Uslip wird die Ausstellung „Alma Allen: Call Me the Breeze” im amerikanischen Pavillon 2026 verantworten. Der Künstler kommt aus Joshua Tree in Kalifornien und arbeitet momentan in Tepotzlán in Mexiko. Er wird Werke zeigen, die „die alchemistische Transformation von Materie hervorheben“. Bekannt sei Alma Allen für seine Skulpturen, die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegen und von Landschaften sowie natürlichen Materialien inspiriert sind. Alma Allen war bisher unter anderem auf der Whitney Biennale 2014 in New York und im Van Buuren Museum in Brüssel zu sehen. Er ist eher wenig bekannt, doch vielleicht überrascht er uns sogar mit interessanten Werken. Die offensichtliche poltitische Einmischung lässt jedoch an der Kunstfreiheit in den USA Zweifel aufkommen.

    Australien

    Der Australische Pavillon wird dieses Jahr auf der 61. Biennale von Venedig möglicherweise zum ersten Mal NICHT bespielt, meldete die Zeitung „The Guardian“

    Den Zuschlag hatten zunächst der im Libanon geborene australische Künstler Khaled Sabsabi und der Kurator Michael Dagostino bekommen. Doch „Creative Australia“, die staatliche Kunstorganisation Australiens, forderte gleich, den Vertrag wieder aufzukündigen. Auslöser des Eklats war das Bekanntwerden früherer Werke des Künstlers, die den verstorbenen Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah darstellen. Creative Australia hatte daraufhin beschlossen, dass “eine langwierige und spaltende Debatte über das Auswahlergebnis 2026 ein inakzeptables Risiko für die öffentliche Unterstützung der australischen Kunstgemeinschaft darstellt.” Von den weiteren möglichen Künstlern Australiens will offenbar keiner aus Protest ein Angebot als Ersatz annehmen.

    Auch der Künstler und Kurator Archie Moore, der Australien letztes Jahr auf der Biennale in Venedig vertrat und den Goldenen Löwen gewann, zeigte sich entsetzt und fordert die Wiedereinsetzung des Künstlers und des Kurators.

    Sabsabi selbst sagte gegenüber dem Guardian: “Wir wollten in Venedig ein transformatives Werk präsentieren, eine Erfahrung, die alle Zuschauer in einem offenen und sicheren gemeinsamen Raum vereint.”

    Israel:

    Bei der vergangenen Biennale 2024 war der israelische Pavillon nicht geöffnet worden, obwohl bereits die Installation von Ruth Patir vollständig aufgebaut war. Zu laut waren die Proteste gegen die kriegerischen Ereignissse zwischen Israel und Palästina in Gaza.

    Jetzt hat Israel die Teilnahme an der diesjährigen Biennale bestätigt. Belu-Simeon Fainaru soll sein Werk aber nicht im israelischen Pavillon in den Giardini installieren, da dieser noch renoviert werde, sondern im Arsenale.

    Umgehend haben bereits Aktivistengruppen den Ausschluss Israels gefordert und einen breiten Boykott angekündigt.

    Österreich:

    Einen globalen politischen Skandal wird der österreichische Pavillon wohl nicht auslösen, doch die designierte Künstlerin hat bereits für erhebliche ethisch-ästhetische Aufregungen gesorgt.

    Florentine Holzinger wird als Performance-Künstlerin angekündigt, doch sie hat bisher besonders die Theaterwelt mit ihren Inszenierungen aufgerüttelt und schockiert. So ist sie auch in diesem Jahr für das renomierte Berliner Theatertreffen mit ihrem Stück: „A year without Summer“ nominiert: ein wirklich skuriles, gewaltiges Epos über den Verfall des Planeten am Beispiel der Vergänglichkeit des Menschen    mit abschließender „feministischer Kunst-Fäkal-Orgie“ (Zitat des Theatertreffens). Ob wir Besucher bei ihrem Kunstprojekt in Venedig weniger Schockmomente aushalten müssen, bleibt die große Frage.

    Holzingers Projekt heißt  „Seaworld Venice“. „Wasser in Bezug auf Körper“ wird ihr Thema sein, wie sie auf der Pressekonferenz erklärte, „die Menschen werden nass werden.“, denn sie will in partizipatorischen Aktionen ihren Beitrag vom Pavillon bis in die Lagune ausweiten. Wie sich letztlich die aktuelle Politik in Österreich zu dem Projekt stellt, ist bisher noch offen. Jedoch ist hier ja die rechtsorientierte FPÖ noch nicht an der Macht.

    Externe Ausstellungen

    Gleichzeitig zur Biennale präsentieren die großen Kunsthäuser Venedigs auch wieder ganz besondere Ausstellungen.

    Fondazione Prada

    Wir erinnern uns an das spektakuläre Chaos, das der Schweizer Künstler Christoph Büchel in in der Fodazione Prada in seinem inszenierten Auktionshaus zur Biennale 2024 veranstaltet hat. Das alles wieder auszuräumen und zu putzen war garantiert eine Mammutaufgabe. Es macht besonders neugierig, wie die diesjährige Präsentation das Haus in einem bestimmt völlig veränderten Ambiente wirken läßt.

    2026 erwartet uns im Ca’ Corner della Regina, der Fondazione Prada, die von Nancy Spector kuratierte Ausstellung „Helter Skelter“ (Hals über Kopf)  von Arthur Jafa und Richard Prince.

    „Das Projekt 2026 bringt Arthur Jafa und Richard Prince in einen Dialog, zwei der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, die, obwohl sie zehn Jahre auseinander geboren wurden, einen radikalen Ansatz für die Aneignung von Bildern aus der amerikanischen Populärkultur, von Filmen bis zu sozialen Medien, teilen. Während Jafa über seine eigene afroamerikanische Identität nachdenkt, um die schwarze Kunst zu stärken, analysiert Prince die weiße Männlichkeit und die dunkle Seite der amerikanischen Psyche.“ Arthur Jafa gewann den Goldenen Löwen der Venedig Biennale 2019 für das Video „The White Album“ und zeigte zusätzlich Skulpturen aus Monster-Reifen.

    LAS Art Foundation aus Berlin und Amos Rex aus Helsinki. verantworten gemeinsam ein bemerkenswertes Projekt. Die zwei Kunstinstitutionen sind in den letzten 10 Jahren gegründet worden, um neue künstlerische Praktiken im technologischen Zeitalter zu fördern. Sie zeigen die Multimedia-Installation der Künstlerin Natasha Tontey, die die Geschichte einer Widerstandskämpferin in Indonesien in den 1950er Jahren erzählt. Unter dem Titel „The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs“ wird die Arbeit im Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Arti – der Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst – am Campo San Fantin in Venedig gezeigt.

    Palazzo Grassi und Punta della Dogana

    Beide Museen gehören dem französischen Multimiliardär Francois Pinault  und verspechen stets spannende, manchmal überraschende künstlerische Positionen.

    Im Palazzo Grassi zeigt die Pinault Collection Werke des in Kenia geborenen Malers Michael Armitage (geb. 1984), die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. „Hier vermischen sich Bezüge zu Ostafrika mit Mythologie und westlicher Kunstgeschichte“. Wir können wirklich ausdrucksvolle Gemälde erwarten. Nur bleibt zu hoffen, dass nicht wie 2024 mit Julie Mehretu das Haus völlig überladen mit extrem ähnlichen Werken wirkt.

    2026 wird die Punta della Dogana eine große Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson widmen. Ihre frühen Werke konzeptualer Fotografie mit Kritik im amerikanischen Kontext, wo „Rasse und Geschlechterkonstruktionen die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer den Fokus bilden“, werden ebenso gezeigt, wie ihre späteren und aktuellen Gemälde über „die Erosion und das Wiederaufleben der Erinnerung, das Versagen der Repräsentation und die Instabilität von Erzählungen.“

    Auf der oberen Ebene der Punta della Dogana lädt der brasilianische Künstler Paulo Nazareth die Besucher ein, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Seit mehr als fünfzehn Jahren bereist er methodisch den amerikanischen und afrikanischen Kontinent, meist barfuß, um durch Betreten des selben Bodens seinen versklavten Vorfahren Respekt zu zollen, denen als Symbol der Unterwerfung das Schuhwerk genommen wurde.

    Dies sind die ersten Vorab-Informationen über die großartige Kunst, die uns anläßlich der neuen 61. Biennale in Venedig geboten wird. Aus eigener Erfahrung führt die Konfrontation mit einer so großen Fülle fantastischer Präsentationen stets zu mentaler und optischer Überforderung. Planen Sie 4-6 Tage oder gleich einen zweiten Besuch, vielleicht im Herbst ein, um mit Freude und allen Sinnen die Kunst und das Ambiente von Venedig zu genießen.

    La Biennale d’Arte di Venezia vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini und dem Arsenale von Venedig sowie multiplen Venues in der Stadt.