• Oslo und der Friedensnobelpreis für Maria Corina Machado

    „Demokratie am Abgrund“

    Der Friedensnobelpreis 2025 wurde am 10. Oktober in Oslo an María Corina Machado aus Venezuela vergeben. Machado erhält die Auszeichnung für ihren „unermüdlichen Einsatz“ für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes. Das Nobelpreiskomitee würdigte Machados „Kampf für einen gerechten und friedlichen Übergang von Diktatur zur Demokratie“. Die venezolanische Oppositionsführerin gelte als entschiedene Widersacherin des autoritären Präsidenten.

    Inartberlin ist nach Oslo zur Eröffnung der Ausstellung über die Preisträgerin im berühmten Nobel-Friedens-Zentrum gereist. Dies ist keine Kunstausstellung im eigentlichen Sinn, sondern sie dient der Visualisierung und Aufklärung über Maria Corina Machado, ihre Verdienste und die Gründe, warum das unabhängige Nobel-Komitee sie gewählt hat.

    Die Hauptperson selbst konnte aus Sicherheitsgründen, die inzwischen immer verständlicher geworden sind, letztlich am Opening nicht teilnehmen. Schon am Vorabend hatte ihre Tochter stellvertretend die Urkunde für den Preis angenommen. Maria Corina Machado war zwar nach Oslo gereist, wurde aber sicherheitshalber aus der Öffentlichkeit abgeschirmt, konnte sich nur später allein ihre Ausstellung ansehen.

    Heute nun greift die USA mit Trump das Heimatland der Preisträgerin mit Bomben an und plötzlich ist das Wissen, das in der Ausstellung übermittelt wird, weltpolitisch hochaktuell.

    Machado stammt aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Ihr Vater war Vorsitzender des zweitgrößten Stahlproduzenten Venezuelas in Caracas. Mit zunehmender Autokratisierung, vor allem seit dem Beginn der Präsidentschaft von Nicolas Maduro, geriet Machado als wichtigste Person der Opposition ins Visier der Machthaber in Caracas. Zuletzt wurde ihr sogar die Teilnahme an Wahlen verweigert.

    Inartberlin konnte mit einigen internationalen PressevertreterInnen und ausgiebig mit dem Kurator der Ausstellung, Serge von Arx sprechen. Er berichtet, dass sein Team nach Bekanntgabe der Preisträgerin lediglich 8 Wochen Zeit zur Recherche, Konzeption und Realisation hatte, was bei Kunstausstellungen eine Unmöglichkeit dargestellt hätte. Doch hier sei ein didaktischer, aber emotional bewegender Ansatz gefragt.

    Ein Themenbereich der Ausstellung ist eine Fotoserie verbunden mit Original-Tonaufzeichnungen von Menschen, die in Columbien an der Grenze zu Venezuela leben, nachdem sie aus ihrem Land geflohen sind. Eine Ausreise steht der venezuelanischen Bevölkerung überhaupt nicht zur Verfügung.

    Auch Maria Corina Machado lebte ohne offizielle Chance auf Ausreise seit den letzten Wahlen im Untergrund. Der Diktator Maduro drohte ihr mit einem Wiedereinreiseverbot, falls sie nach Oslo zur Preisübergabe fahren würde. Ob dies die schlimmste Drohung gewesen sei, muss offen bleiben. In der Geschichte sind weltweit viele Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit von Machthabern getötet worden. Letztlich berichtet Maria Corina Machado nach gelungener Reise, dass sie heimlich nächtlich mit Fischerbooten in die USA gebracht wurde und von dort nach Oslo fliegen konnte.

    Für die Ausstellung hatten die Kuratoren nur drei Original-Objekte, die das Leben und den Verlust einer wahren Demokratie in Venezuela veranschaulichen:

    Da ist eine kleine Handtasche aus inzwischen wertlosen Geldscheinen des Landes, das von seinem Ölreichtum der eigenen Bevölkerung kein auch nur annähernd humanes Leben möglich macht. Menschen, die solche Taschen gestalten, seien von hohen Strafen bedroht, wenn man sie überführt.

    Das zweite Objekt ist eine SUPERMAN-Figur in Barbie-Größe mit dem Gesicht von Maduro, die in großen Mengen an Kinder in der Schule verteilt wurden. Ist das noch Wahlwerbung oder schon Kindes-Missbrauch?

    Ein drittes Fundstück ist ein Stapel von Wahlauszählungszetteln, die Wahlhelfer heimlich kopiert und an die Oposition weitergegeben haben. Hier sei der Beweis erbracht, dass Machados Oppositionspartei gar nicht auf den Wahlzetteln aufgeführt werde und Nicolas Maduro nur so die meisten Stimmen zugestanden bekommen hätte.

    Die zwiegespaltene Berichterstattung der globalen Medien über die Verleihung des Friedensnobelpreises wird durch ein Laufband mit Medienzitaten in eine Wand-Ecke projeziert.

    Paradox war ja, dass weniger über Maria Corina Machado berichtet wurde, als darüber, dass Donald Trump den Friedensnobelpreis NICHT bekommen hatte. Serge von Arx erklärt, dass die Bewerbungsfrist dieses Jahres für Trump sowieso bereits abgelaufen wäre. Als er vorgeschlagen wurde, habe er gar nicht zur Wahl stehen können.

    2019 hatte Machado im Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt, das „kriminelle Regime“ in Venezuela müsse aufgelöst werden: „Wir brauchen eine venezolanische Privatwirtschaft, die wieder das herstellen wird, was die Gesellschaft zu ihrer Ernährung benötigt. Das wird aber nur in einem demokratischen und rechtsstaatlichen Venezuela geschehen, in dem die Rechte aller Bürger geachtet werden. Dafür kämpfen wir.“

    In dem Zusammenhang ist unbedingt erwähnenwert, dass Machado ihren Preis teilweise Donald Trump gewidmet hat. Als Gegnerin des Maduro-Regimes befürwortete sie schon länger amerikanische Angriffe  auf vermeindliche Drogentransportboote von Venezuela in die USA. »Ich unterstütze Präsident Trumps Strategie voll und ganz, und wir, das venezolanische Volk, sind ihm und seiner Regierung sehr dankbar«, sagte sie in der CBS-Sendung »Face the Nation«.

    Das widerum führt jetzt zu Kritik ihrer Person in den Medien, weil sie „Frieden mit Krieg bekämpfen wolle.“ Das sei jetzt kein Kampf mehr für den friedlichen Übergang aus einer Diktatur zur Demokratie.

    Die Verleihung des Friedensnobelpreises kam somit zu einem extrem komplizierten Zeitpunkt. Die Situation zwischen den USA und Venezuela spitzte sich seit Monaten immer weiter zu. Trump forderte von Venezuela zuletzt auch die »unverzügliche Rücknahme« von Migranten, insbesondere von Insassen psychiatrischer Einrichtungen, von denen er behauptet, sie seien gezielt in die USA geschickt worden. Er drohte Venezuela mit „unabsehbaren Folgen“, die er heute mit den Bomben auf Caracas und wohl auch der Festnahme Maduros und Überführung in die USA Wirklichkeit werden ließ.

    Garten der Preisträger

    Auf ein besonders Extra-Bonbon im Nobel-Friedenszentrum soll noch hingewiesen werden: die Dauerausstellung mit allen bisherigen Preisrägern! Die geschmackvolle und feierliche Inszenierung soll ein Nobel-Friedens-Garten sein, in dem diese besonderen Menschen mit Bild und Hintergrundwissen immer in Erinnerung bleiben:

    Bundeskanzler Willy Brandt ( 1913 bis 1992) bekam den Friedensnobelpreis für das Jahr 1971 zugesprochen. Das Nobelpreiskomite würdigte Brandts Bemühungen, durch eine neue Ostpolitik die Verständigung der Bundesrepublik Deutschland mit ihren östlichen Nachbarn herbeizuführen und den Frieden in Europa sicherer zu machen.

    Die Ausstellung über Maria Corina Machado in Oslo ist ein hervorragender Ort, um über die Schwierigkeit zu diskutieren, die vielen Seiten eines politischen Problems zu erfahren, abzuwägen und zu bewerten; nicht nur für Schulklassen, sondern für alle einheimischen und  internationalen Besucher*Innen. Auch wenn kein künstlerischer Aspekt im Vordergrund steht, so ist der Besuch eine große Bereicherung für Geist, Verstand und Einfühlungsvermögen in menschliche Dramen, seien sie auch noch so weit von uns entfernt.

    Nobel Peace Center Oslo, Nähe Rathausplatz:

    „Democracy on the Brink“ (Demokratie am Abgrund) 12. Dez.2025 – 30. Sept. 2026

  • Leandro Erlich „Bâtiment“

    nach Wolfsburg  jetzt Helsinki

    In Helsinki stellt Leandro Erlich erneut die Welt auf den Kopf. Nach der bombastischen Ausstellung „Schwerelos“ im letzten Jahr in Wolfsburg hat der argentinischen Künstler erneut typische interaktive Kunstwerke in einer Soloschau im AMOS REX im Herzen von Helsinki installiert.  Auch hier beeindruckt er mit ungewöhnlichen Perspektiven und optischen Verwirrungen. Er spielt mit Illusionen, der Schwerkraft und veränderten Perspektiven.

    Im großen Saal steht eins der iconischen Werke Leandro Erlichs. Auf „Bâtiment“ klettern Menschen an der Fassade eines Jugendstil-Hauses hinauf und hinunter. Sie kleben an der Fassade wie Spider-Man oder drohen von einem Fenstersims in die Tiefe zu fallen.  Hierdurch werden sie selbst zu Bestandteilen des gewollt interaktiven Kunstwerkes.

    Im nächsten Raum findet sich ein geisterhaftes Klassenzimmer, in das die Besucher selbst hinein geraten und sich gruseln können. Durch die Pandemie bekommt das Werk eines verwaisten Klassenzimmers sogar einen historischen Bezug auf diese besondere weltweite Ausnahmesituation.

    Faszinierend ist auch das Video „Global Express“, das uns aus dem Fenster einer unendlich  um die Welt fahrenden Bahn schauen lässt. Verwunderlich ist dabei, dass bespielsweise direkt nach dem Eiffelturm bereits die Oper in Sidney im Fenster erscheint.

    Für Leandro Erlich ist die Ausstellung eine Art Spaziergang durch verschiedene Narrative, die uns Besucher auffordern, mit einem ganz neuen Blick auf die Realität unsere Wahrnehmungen neu zu hinterfragen.

    Der Künstler lebt und arbeitet abwechselnd in Buenos Aires, Montevideo und Paris. Sein künstlerischer Durchbruch war die Repräsentation Argentiniens auf der Venedig-Biennale 2001, als er einen Swimmig-pool baute, in dem Menschen vermeintlich unter Wasser ungefährdet herum flanierten.

    Leandro Erlich Helsinki: Amos REX, 8.Okt. 2025 – 6. April 2026

    Zu Erinnerung: https://inartberlin.com/2024/10/12/schwerelos-in-wolfsburg/

  • Rückblick und Vorfreude

    Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, dear friends!

    Das Jahr 2025 war erneut ein aufregendes Jahr mit viel großartiger Kunst. Ich durfte von Skandinavien bis ans Mittelmeer viel berichten und dies mit den Erfahrungen in Beziehung setzen, die ich über viele Jahrzehnte mit den Künstlerinnen und Künstlern der documenta und der Biennale di Venezia gesammelt habe. Gern sende ich euch noch einmal mein Highlight‑Reel 2025 für einen entspannten Moment. Freuen wir uns auf 2026, in dem viele Kreative unser Leben in Europa bereichern werden. Die Biennale 2026 lockt im Mai nach Venedig, im Juni beginnt die Manifesta 16 im Ruhrgebiet und auch in Lyon ist im September wieder Biennale-Time. Wie gewohnt werde ich an den üblichen Stellen berichten.

    Schöne Feiertage und allen ein gelingendes Neues Jahr!

    Eure INART

    Dr. Ina Lange

  • Frank Gehry

    Der Palastbauer des 21. Jahrhunderts

    Alle schreiben aktuell über Frank Gehry, deshalb möchte auch INArtberlin erklären, was diesen genialen Architekten so überragend macht. Der aktuelle Anlass ist, dass Frank Gehry vor kurzem, am 5.Dezember diesen Jahres  96-jährig in seinem Haus in Santa Monica verstarb. Sein besonders langes Leben ermöglichte ihm, weltweit fantastische Gebäude zu konstruieren. Einige selbst besuchte davon sollen hier zu einem kleinen Nachruf zusammengefasst werden.

    Auch Berlin besitzt einen spektakulären Gehry Bau, jedoch bescheiden versteckt. Am Pariser Platz  durfte Frank Gehry in direkter Nachbarschaft zum Brandenburger Tor keinen äußerlich dominierenden Prunkpalast bauen. Bauauflagen besagten, dass die Fassade aus Sandstein und maximal 50% Glas bestehen müsse. Außerdem sollen in Deutschland alle Büroräume Tageslicht haben, was einen großen inneren Lichthof nötig machte. Den allerdings gestaltete Gehry in seiner typischen wellenförmig asymetrischen Manier. Ist es ein Wal auf wogendem Meer? Oder eine Muschel? Wie ein aufgerissenes Maul thront auf dem unteren Glasdach ein Konferenzraum zum Wohlfühlen wie in einem Kokon. Im Tiefgeschoss befindet sich zusätzlich ein dekorativer Veranstaltungs-Saal für Tagungen oder Shows. Das Gebäude ist immer noch ein echter Geheimtip!

    Der berühmteste Gehry-Bau steht jedoch im Norden Spaniens und ist für einen Fachbegriff internationaler Stadtplanung verantwortlich: den Bilbao-Effekt. Das Guggenheim-Museum war der Auslöser, dass Bilbao, die fast verwahrloste ehemalige Industriestadt plötzlich wieder aufblühte, ein Beweis, dass Kunst und Kultur große positive Entwicklungen initialisieren können.

    Die Sonne Südfrankreichs fing Gehry mit seinem glitzernden Turm des LUMA-Museums in Arles ein. Auch dort hatte die altrömische Stadt mit der Arena immer mehr an Bedeutung für den Tourismus verloren, was durch das LUMA wieder umgekehrt wird. Frank Gehry machte sich und uns sogar den Spaß, in seine Architektur eine spiralförmige Rutsche aus den oberen Etagen bis ins Foyer einzubauen.

    Sogar die kleine Stadt Herford in Westphalen gönnte sich einen Gehry-Bau. Mit dem „MARTA“ (Möbel, Art und Ambiente) gewinnt der Ort eine überregionale Bedeutung, auch mit den Ausstellungen. Bereits als Gründungs-Direktor entwickelte der ehemalige Documenta 9 (1992)-Kurator Jan Hoet das hochrangige Ausstellungskonzept. Dabei ist es in den asymetrischen Räumlichkeiten von Frank Gehry absolut nicht leicht, Kunstwerke geschickt zu plazieren.

    Ein Geniestreich stellt auch die Fondation Louis Vuitton in Paris dar. Der französische Milliardär Bernard Arnault, Besitzer nicht nur dieses Marken-Lables beauftragte Frank Gehry mit dem Entwurf für ein Ausstellungsgebäude für seine Kunstsammlung. Daraus entstand im Bois de Boulogne mitten im Grün der französischen Hauptstadt ein märchenhafter Eis-Palast, in dem es sich in Kunst schwelgend leicht verlaufen läßt. Hier ergeben sich viele herrliche Durch- und Ausblicke, nicht nur zum Eiffel-Turm.

    Auch Los Angeles bekam einen Gehry-Palast in typischer Art. Er ist ein Konzerthaus, allerdings leider recht eingeklemmt zwischen den anderen großen Museumsbauten des BROAD und MOCA.

    Ein weiteres Meisterstück von Frank Gehry erwartet uns noch in der Zukunft, eventuell schon Ende 2026 mit dem „Guggenheim-Museum“ in Abu Dhabi, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Bau wird in direkter Nachbarschaft von Jean Nouvel’s „Louvre“ und dem „Zayed National Museum“ von Norman Foster, der auch für die Reichstagskuppel verantwortlich ist,  erstrahlen. Für den Besuch dieses einmaligen Ensembles dreier Ikonen der Architektur sollten sich Reisende – z.B. beim Umsteigen in Dubai – durchaus mal einen Tagesausflug einplanen.  

    Frank Gehry hat uns herrausragende Bauwerke und auch großartige Beweise für hervorragende Ingenieurs- und Handwerkskunst hinterlassen, die hoffentlich noch viele Jahrhunderte Städte und Regionen beleben und Menschen immer wieder Begeisterungsstürme hervorlocken.

  • James Turrell und Rebecca Horn

    Das spektakuläre Finale von Chemnitz 2025

    Es war ein großer Aufwand, die alte verfallene Halle der Schmiede im Areal des Kohle-Welt-Museums in Oelsnitz so aufzubauen, dass das auffälligste Kunstwerk des Purple Path hier seinen passenden Auftritt bekam. In die alte Stahlkonstruktion wurde ein fensterloser Bau gesetzt, der mit seinem Eingang wie aus einer anderen Galaxie gelandet erscheint, aus dem gleich  Aliens herausschweben.

    Doch es ist ein ortsspezifisches Kunstwerk von James Turrell (82), der bereits weltweit Lichtinstallationen plaziert hat, die unsere Wahrnehmungen verändern. Man tritt über eine pyramidenförmige Treppe durch ein vermeintlich monochromes Bild in einen erleuchteten Raum mit wechselnder Farbigkeit. Er ist so inszeniert, als lösten sich beim Innehalten Ecken und Kanten auf. ein Gefühl wie ein Schwebezustand entsteht. Man könnte meinen es sei die Sichtbarmachung der Schwerelosigkeit.

    Mit diesem Weltkunstwerk endet das europäische Kunsthauptstadtjahr von Chemnitz, als habe man sich das beste für das Finale aufgehoben. Doch die eigentliche Ursache für diese Verspätung waren Verzögerungen am Bau, wie es fast regelmäßig üblich ist.

    Als weiteres Highlight des Purple Path erweist sich auch eine Spiegelinstallation in der historischen Hospitalkirche St. Georg in Lößnitz. Auch hier geht es um optische Illusionen aus Licht, Metallkegeln und einem rotierenden Spiegel, die uns einen Blick in unendliche Tiefen erlauben. Die Künstlerin Rebecca Horn ist ebenfalls ein globaler Star der Kunstszene, die der Kulturhauptstadt am östlichen Ende Deutschlands etwas Ruhm und Glamour bringt.

    Für Kunstbegeisterte bleiben nach dem offiziellen Ende des Kulturstadtjahres weiterhin viele Skulpturen des Purple-Path erhalten, die auch im kommenden Jahr abgefahren werden können. Beispielsweise ist das Lichtkunstwerk von James Turrell eine Leihgabe für 15 Jahre. Zwei weitere Landmarks sind auch noch hervorzuheben:

    Via Lewandowski gestaltete den Taurastein-Turm, einen erstaunlichen Aussichtsturm in Burgstädt, um in einen „Wetterleuchten-Turm“ mit Gruseleffekten beim Hinaufgehen und Blitzen im Dunkeln.

    Frank Maibier schenkte Lichtenau „8 Farben“ , auch einen Turm, der die Welt etwas bunter macht.

    Wie ist aber die Bilanz  von Chemnitz 2025, dem Kulturstadtjahr voller Feste und Projekte? Aufgegangen sei die Idee, durch Aktivierung von Eigeninitiativen der Bürger die Kultur direkt in die Bevölkerung zu transportieren. Maria aus Lößnitz sagte: „Es hat vor allem uns hier in der Stadt sehr intensiv zusammengebracht und uns stolz und fröhlich auf unsere Gemeinschaft schauen lassen.“ Die Mitarbeiter in Ölsnitz berichteten: „Unser Kohle-Welt-Museum hatte zwar einen Preis als bestes Museum gewonnen, doch Publikum aus anderen Bundesländern oder sogar aus dem Ausland würden den Weg hierher ohne James Turrell wohl nicht finden.“

    Der künstlerische Leiter der Kulturstadt Stefan Schmidtke resümiert erschöpft aber voller Zufriedenheit, dass er sicher sei, dass Chemnitz einen deutlich besseren Ruf bekommen habe, gerade weil die Menschen gezeigt hätten, dass sie mit unglaublichem Engagement tolle Projekte realisieren können.

    Chemnitz2025 war eine Kulturveranstaltung vorrangig von den Bürgern für die Bürger der Stadt und der umliegenden Gemeinden. Der Erfolg vor Ort ist evident. Die Menschen strahlen und die vielen freiwilligen Mithelfenden erklären den Gästen enthusiastisch, was es zu erleben gibt.

    Statistische Zahlen beweisen auch eine Zunahme der Übernachtungen, der Museumsbesuche und der Tagesgäste.

    „C the Unseen“ war das Motto und absolut treffend, denn die Stadt am Rande des Nirgendwo war zuvor lediglich mit Schlagzeilen über Rechtsradikalismus in Erscheinung getreten. Dem haben die Menschen jetzt etwas gänzlich anderes entgegengesetzt: die bisher ungesehenen kulturellen Fähigkeiten und einen großen Gemeinschaftssinn.

    Hatte man mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas aber nicht auf berühmte Namen gehofft, Großkonzerte von Weltstars, Künstler*Innen aus anderen Europäischen Ländern?

    Wie sieht es aus mit der Nachnutzung?

    Es lohnt sich, den Plan der Purple-Path-Kunstwerke schnell noch herunterzuladen, um ihn für zukünftige Ausflüge zu sichern, inklusive den genauen Koordinaten bei Google-Maps.

    Die Kulturstadt-gGmbH bleibt noch 2026 bestehen für einen guten Übergang., denn Chemnittz möchte jetzt auf keinen Fall in den Dornröschenschlaf fallen wie damals 1999 Weimar. Ab 2027 ist von der Stadt eine regelmäßige „Unseen-Biennale“ geplant. Spannend bleibt dabei, ob sich hier ein Kunst-Event von internationaler Strahlkraft entwickelt, das Chemnitz auch über die Region hinaus wirklich sichtbar erhält.

    James Turrell: „Beyond Horizons 2025“ in 09376 Oelsnitz/Erzgebirge

    Rebecca Horn: „The Universe in a Perl“ in 08294 Lößnitz

    Via Lewandowski: „Wetterleuchten“ und „Fersehen“ in 0949 Burgstädt

    Europäische Kulturhauptstädte 2026 werden sein: Oulu in Finnland und Trencin in der Slovakei.

  • MARISOL

    Die vergessene Ikone der POP-Art

    Marisol: zu diesem klangvollen Namen gehört eine Künstlerin, die zunächst die Kunstwelt in den 1960ger Jahren begeisterte, aber bald vergessen wurde. Doch nicht auf ewig, denn aktuell werden die einzigartigen scharfsinnigen Kunstwerke der beachtenswerten Künstlerin erstmals in Europa, im Louisiana-Museum in Dänemark gezeigt.

    Die Geschichte von Marisol Escobar begann mit ihrer Geburt 1930 in Paris. Ihre Eltern stammten aus Venezuela, doch die Famile zog mehrfach um, in andere Länder, andere Kontinente. Von Paris nach New York oder Caracas. Als Marisol 11 Jahre alt war, starb ihre Mutter durch Suizid. In der Folge sprach das Mädchen über mehrere Jahre kein Wort. Aber sie zeichnete gern und studierte später an mehreren Kunstschulen, ab 1950 in New York.

    Die schöne junge Frau wurde von vielen damals renomierten Künstlern entdeckt und gefördert. Ja! Hier wird nicht gegendert, denn es waren ausschließlich Männer!  Hans Hofmann war ihr Lehrer an seiner School of Fine Arts. Mit Willem de Kooning, dem Vorreiter des Abstrakten Expressionismus war sie befreundet. Sie entwickelte aber rasch ihren eigenen Stil, der auch von der Kunst der Indiokulturen Südamerikas beeinflusst war. Es entstanden die ersten Skulpturen aus Holz, Kunststoff und diversen Fundstücken aus dem Alltag. Nicht nur der einflussreiche Galerist Leo Castelli war begeistert und ermöglichte ihr Ausstellungen.

    Marisol zog auch eine Zeit lang für neue Ideen nach Italien, doch sie kam 1960 wieder zurück nach New York. Dort wurde sie bald vom Freundeskreis der POP-Art-Künstler begeistert entdeckt: Robert Indiana, Claes Oldenburg, James Rosenquist und Andy Warhol. Er förderte sie besonders, indem er sie in eigene Projekte einband, nannte sie für einen Film „One of the 13 most beautiful women“. Glücklicherweise war Marisol eher schüchtern und ließ sich nicht in die Party-Szene der Factory hineinziehen. Sie arbeitete stattdessen!

    Ein großer Erfolg war 1968 die Teilnahme an der Biennale in Venedig, wo sie Venezuela mit einer Soloshow repräsentierte. Auch ein Auftritt bei der Documenta 4 im gleichen Jahr krönte ihren Erfolg.

    Marisol musste in der damaligen Männerwelt der Kunst oft für ihre Anerkennung kämpfen. Als Schönheit aus Südamerika bekam sie zwar viel Aufmerksamkeit, doch ihre künstlerische Leistung im Bereich der Pop-Art wurde von den Männern als folkloristisch abgewertet.

    „If you call my work folk art, it is only, because you are prejudiced about my South American background. Folk you!“

    In Humlebaek, in dem wunderbaren Louisiana-Museum für Moderne Kunst wird Marisol jetzt ein fulminantes Comeback bereitet, bei dem jedem deutlich wird, dass sie große Kunst mit ihrem eigenen POP-ART-Stil geschaffen hat. Viele Objekte sind eine ironisch humorvolle Persiflage auf den Zeitgeist der Pop-Generation der 60ger Jahre. Aus heutiger Sicht könnte man ihr vorwerfen, sie sei für Abholzung des tropischen Regenwaldes mitverantwortlich  gewesen, doch andererseits ist es ein Glücksfall, weil die Edelhölzer ihrer Werke für die lange Haltbarkeit der hervorragenden Skulpturen verantwortlich sind.

    Vielleicht war Marisol mit ihrer Kunst zu gut, weckte Neid bei den Kollegen und Skepsis bei Galeristen und potentiellen Käufern. Bis heute wird ja für Kunst von Männern deutlich mehr bezahlt. Jedenfalls wurde es stiller um sie, während Warhol für Millionen gehandelt wurde. Hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass ihre Schönheit mit zunehmendem Alter weniger aufregend für die patriarchale Gesellschaft wurde?

    1995 gab es noch eine Retrospektive in Japan. Ab 2006 bemerkte sie selbst zunehmende Gedächtnisstörungen, eine Alzheimer-Erkrankung. Da war sie in der Kunstwelt schon fast vergessen. 2016 starb sie und vermachte ihr Werk dem Museum in Buffalo.

    Der Weg nach Humlebaek lohnt sich wirklich, um die Kunstwerke von Marisol zu besuchen. Von Berlin sind es nur knapp 7 Stunden mit dem Auto über die Fähre von Rostock. Die Ausstellung wandert aber auch demnächst nach Zürich.

    MARISOL: Louisiana-Museum, Humlebaek bei Kopenhagen: 1.Okt.2025 bis 22.Febr. 2026.

    Kunsthaus Zürich: 17.April bis 23. August 2026

  • TOP-FIFTEEN 2025 – Kunsterlebnisse

    2025 war ein Jahr, in dem die Kunstwelt globale Themen, historische Reflexionen und technische Experimentierfreude gleichermaßen auf die großen Bühnen brachte. Diese Top Fifteen Hitliste versammelt Ausstellungen, Werke und Projekte, die durch Größe, Intensität, öffentliche Wirkung oder inhaltliche Dringlichkeit herausstachen. Die Auswahl orientiert sich an künstlerischer Innovationskraft, gesellschaftlicher Relevanz und der Fähigkeit, Zuschauer nachhaltig zu berühren. Ereignisse von monumentalen Retrospektiven bis zu subversiven Interventionen.

    1. William Kentridge in Essen und in Dresden

    William Kentridge bleibt der große Meister der multimedialen Bild- und Bühnenpoesie: seine Kombination aus Zeichnung, Animation, Film und Performance setzt sich mit der Kolonialgeschichte Afrikas und Erinnerung an politische Gewalt, nicht nur in den Goldminen Südafrikas auseinander. Im Folkwang-Museum Essen sind riesige Zeichnungen und Videos mit viel Selbstironie zu entdecken. Multimediale Installationen wie das kleine Welttheater sind auch handwerkliche Kunststücke. In Berlin gab es mit der Aufführung „The Great Yes and the Great No“ zusätzlich ein Bühnenwerk des vielseitigen Künstlers zu sehen. Spätestens seit der dOCUMENTA(13) ist sein Werk wegweisend für zeitgenössische Kunst und inzwischen auch Plichtstoff im Katalog für den Oberstufenunterricht an NRW-Gymnasien.

    2. „WIR“ im Forum Kunst des Bundestags in Berlin

    Kennen Sie das Grundgesetz? Die ersten 19 Artikel beinhalten die Menschenrechte. Für jeden Artikel wurde ein international bekannter Künstler beauftragt, ihn künstlerisch darzustellen. Die Verknüpfung von Verfassung, Bürgerrechten und künstlerischer Praxis verwandelt den Ausstellungsraum in einen Ort der politischen Bildung und Debatte, aber außergewöhnlich nur mit künstlerischen Mitteln. So wird ein Gesetzestext herrlich lebendig. Hätten Sie gedacht, dass beispielsweise ein Kunstwerk über das Postgeheimnis nicht nur ästhetisch großartig, sondern auch hochaktuell sein kann? Schließlich ist dieser Paragraf Grundlage für jegliche Datenschutzregelungen in allen Medien.

    3. Jon Rafman: „Nine Eyes“

    Dass das Louisiana-Museum für Moderne Kunst nicht in Amerika, sondern ganz in der Nähe in Dänemark in Humlebaek bei Kopenhagen liegt, war für sich schon eine prima Entdeckung. Doch die Arbeit von Jon Rafman begeisterte gleich wegen ihrer künstlerischen Idee. Im Prinzip ist es Konzeptkunst, denn es ist nur eine Sammlung zufälliger skurriler Fotos von Google-Street-View-Aufnahmen. Aber auch die Präsentation ist eindrücklich. Jon Rafmans Arbeit beleuchtet überraschende, verstörende und poetische Momente des Alltags unter der Bedingung digitaler Überwachung. „Nine Eyes“, benannt nach der Kamera auf den Google-Autos mit 9 Objektiven, fasst diese Funde zu einer Reflexion über Blick, Zufall und das fotografische Archiv unserer Zeit zusammen.

    4. Tony Cragg: “Line of Thoughts” im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal

    Tony Craggs skulpturale Erforschung von Material, Form und Raum findet in dem wunderschönen Natur-Ambiente des Parks eine passende, kontemplative Einbindung. Die Ausstellung setzt Akzente zwischen organischer Gestalt, industrialer Materialität und provoziert neue Wahrnehmungsweisen im Lichtspiel zwischen den Bäumen. Tony Craggs Werke werden seit langem weltweit hochpreisig gehandelt. Die Zeitschrift KAPITAL setzt ihn auf Platz 5 der TOP 100 ihres Kunstkompasses. So sind auch in der diesjährigen Ausstellung seiner aktuellen Werke wieder neuartige Skulpturen, jetzt sogar aus Glas zu bewundern.

    5. Victor Vasarely-Museum in Aix en Provence

    Victor Vasarely war eher eine Wiederentdeckung in diesem Jahr, ein Deja-vue früherer Studentenzeiten mit Postern an WG-Zimmer-Wänden. Die Fondation in Aix en Provence würdigt Vasarelys Vermächtnis als Begründer der Op Art. Es ist beeindruckend, dass Vasarely seine optischen Effekte mit einer Dreidimensionalität ganz ohne Computergrafik gestalten konnte. Im Museum werden die Werke überdimensioniert bis zu 7m Höhe in 6-eckigen Räumen gezeigt, was ihre Effekte noch intensiviert.

    6. Sigmar Polke in Arles, „Sous les paves, la terre“ (Unter dem Pflaster liegt die Erde)

    Die Retrospektive in der Fondation Vincent van Gogh in Arles stellte sein spielerisches, zugleich kritisches Werk in den Mittelpunkt. Sigmar Polke zeichnete sich aus durch Experimente mit Material, ironischen Bildpolitiken und einem konsequent offenen, heterogener Stil, der traditionelle Kategorien sprengte. Als scharfsichtiger Beobachter und genialer Kopf, der sich stets neu erfand, brauchte Polke auch gar keinen einschränkenden STIL, weil er sich letztlich durch seine vielschichtigen Facetten ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte.

    7. Ayoung Kim: „Many Worlds Over“  im Hamburger Bahnhof Berlin

    Die Präsentation der Preisträgerin des Guggenheim New York 2025 war wieder ein Beispiel für die Arbeit des Kuratoren-Teams Fellrath/Bardaouil, die so oft Künstlerinnen neu präsentieren, die uns überrascht aufmerken lassen, welche innovativen Tendenzen in der aktuellen Kunst existieren. Ayoung Kim zeigte mit allen erdenklichen technischen Finessen, wie eine utopische Idee künstlerisch umgesetzt werden kann. Ist unsere Welt nur eindimensional? Oder existieren in einem aufgelösten Raum-Zeit-Kontinuum parallele Welten? Und was passiert, wenn sie durchdringbar werden? Ein Training für unsere Vorstellungskraft über physikalische und soziale Denkschemata.

    8. Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind“ in Amsterdam

    Wenn Anselm Kiefer etwas Neues schafft, dann muss es gross, riesig, gigantisch sein! So war die Ausgestaltung des repräsentativen Museums-Treppenhauses des Stedelijk-Museums in Amsterdam erneut überirdisch. Um die Monumentalität noch zu betonen, ließ er seiner beteuerten Freude an Blattgold zusätzlichen freien Lauf. Beim Betreten des immersiven Werkes waren durchaus Begeisterungs-Emotionen angebracht. Leider war der Auftritt des Künstlers nicht gerade respektvoll seinem Publoikum gegenüber, was die Bewertung in diesem Ranking negativ beeinflusst. Trotzdem ist die Idee, das alte Antikriegslied von Pete Seeger und Marlene Dietrich (deutsch) genau in dem Moment zu thematisieren, als in Deutschland wieder erste Worte über eine allgemeine Wehrpflicht fielen, großartig gewählt.

    9. Christian Marclay „The Clock“

    Christian Marclays „The Clock“ wurde zu Recht zu einem Jahrhundert-Kunstwerk gekürt. Das Schlüsselwerk der Videokunst erzeugt als 24 stündige Montage von Filmzitaten, die jeder Minute einer realen Uhrzeit entsprechen, ein überzeugendes Bewusstsein für Zeit, Kino und kollektive Erinnerung. Im März wurde The Clock in Stuttgart gezeigt, doch hier ein wichtiger Tip: The Clock ist nicht nur für Kunstfanatiker ein Must-See und es kann erneut vom 29.11.25 bis 25.1.26 in der neuen Nationalgalerie in Berlin erlebt werden.

    10. Castello di Rivoli, Museum für Contemporary Art, bei Turin

    Das Castello di Rivoli bestätigte erneut seine Rolle als ein europäisches Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der Besuch ist ein Genuss aus Klassikern der Contamporary Art in dem romantischen Ambiente eines nur vorsichtig rekonstruierten alten Castell. Eine Sonderausstellung zeigte die vielseitige Arbeit von Enrico David.

    11. Das LUMA, Frank Gehry’s Kunstpalast in Arles

    Dem alten Industriegelände in Arles hat Frank Gehry mit seinem Turm, der zu jeder Tageszeit herrliche Spiegelungen zeigt, eine Sehenswürdigkeit, das LUMA beschert, das selbst das eigentliche Kunstwerk ist. Der markante Beitrag von Frank Gehry symbolisiert einen Schnittpunkt von Architektur, Kunst und Kulturförderung. Gehry’s Bau verändert auch hier das Stadtbild durch architektonische Kunst wie in Paris und Bilbao. Man spricht inzwischen als Fachausdruck vom „Bilbao-Effekt“. Dort hat das spektakuläre Guggenheim Museum von Frank Gehry die heruntergekommene Industriestadt zu neuer Blüte erweckt. Nicht nur Arles wäre das zukünftig auch zu wünschen.

    12. Christoph Niemann, Zeichner mit  Biss und Herz in Oldenburg

    Christoph Niemann verbindet Comic und Präzision mit visueller Klarheit — seine „Randnotizen“ übersetzen Alltag, Politik und Popkultur in reduzierte, pointierte Zeichnungen. Die Oldenburger Schau zeigte die leichthändige, doch oft tiefsinnige Kraft der Illustration. Doch ebenso werden seine berühmten Cover-Grafiken für internationale Magazine wie den „New Yorker“ präsentiert.

    13. Monira Al Qadiri und die Ölindustrie: Berlinische Galerie und KIASMA in Helsinki

    Die kuwaitische Künstlerin mit marokkanischen Wurzeln thematisiert jeweils die kulturellen und ökonomischen Folgen der Ölindustrie durch beliebte ballonartige Skulpturen oder buntlackierte Nachbildungen von Bohrköpfen. In Berlin zeigt sie eine Installation aus Modellen von Ölfrachtern und LNG-Terminals. Außerdem sind Videoarbeiten und Glasskulpturen bedrohter Tiefseeorganismen von ihr bekannt. Ihre Arbeiten setzen Energiepolitik, Identität und Ästhetik in Beziehung und erzeugen so eine kritische Reflexion über Ressourcen, Gewalt und Zukunft.

    14. „Utopia, Recht auf Hoffnung“ Kunstmuseum Wolfsburg

    Die Ausstellung „Utopia, Recht auf Hoffnung“ versammelt künstlerische Entwürfe von Zukunft und Solidarität: sie fragt danach, welche Bilder von Hoffnung und politischem Möglichsein heute nötig sind und wie Kunst Räume für utopische Vorstellungskraft öffnet. Viele wunderschöne oder tiefsinnige Arbeiten finden sich zu einem vielfältigen Kunsterlebnis zusammen. Die KünstlerInnenliste ist lang und voller renomierter Namen, so dass es große Freude bereitet, viel Zeit in der Ausstellung zu verbringen. Die ist auch notwendig, weil die große Zahl hervorragender Filme auf keinen Fall ausgelassen werden sollte.

    15. Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europa

    Der „Purple Path“ mit seinen 32 Kunstobjekten ist der eigentliche Schatz der Kulturhauptstadt 2025.  Internationale Künstlerinnen und Künstler schufen ortsspezifische Skulpturen und Installationen nicht nur in Chemnitz, sondern auch in vielen kleinen Gemeinden um die Stadt herum. Sie bleiben und sollen den sonst vergessenen Orten eine spezifische aufwertende Identität geben. Leider ist es aufwändig, alle Werke aufzusuchen, denn oft trennen 20 bis 30 Minuten Fahrt mit dem Auto die Objekte voneinander. Doch die Schatzsuche lohnt sich! Zum Abschluss wird das letzte Projekt des Purple Path in Oelsnitz am 28.11.2025 eröffnet: eine Lichtskulptur von James Turrell.

    Epilog: Diese Auswahl ist in ihrer Reihenfolge nicht so absolut zu werten. Vielmehr ist es ein Versuch, die facettenreichsten Eindrücke des Kunstjahres 2025 zu bündeln: von politischen Interventionen über retrospektive Rezeption bis zu technisch ästhetischen Grenzgängen. Jedes genannte Erlebnis verdiente 2025 besondere Aufmerksamkeit — als Moment, in dem Kunst ihre Fähigkeit zur Veränderung und zum Nachdenken eindrücklich bewies.

  • SIZE  MATTERS

    Malgorzata Mirga-Tas im Kunstmuseum Wolfsburg

    Die Welt liebt sie. Das ist völlig nachvollziehbar, seit Malgorzata Mirga-Tas den Polnischen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2022 in ein Meer von Farben aus bunten Stoffen verzauberte. Ihre 12 riesigen Textil-Bilder reisten seither weltweit in Ausstellungen und wurden teilweise von Museen angekauft. Aktuell sind sie in Wolfsburg angekommen, um zu begeistern.  

    Heute wird die Künstlerin, die sie zweifelsohne ist, im Monopol-TOP-100-Ranking von 2025 auf Platz 54 erwähnt. Die Zeitschrift KAPITAL listet sie sogar auf Platz 8 der 100 „Stars von morgen“ der Kunstszene.

    Jeweils 4,62 x 3,87m groß sind die 9 von insgesamt 12 Wandbildern, die auf der Venedig-Biennale gezeigt wurden und jetzt im Wolfsburger Kunstmuseum ihre beträchtliche Wirkung entfalten. Sie orientieren sich an den 12 Sternzeichen mit den passenden Monaten und thematisieren das historische Alltagsleben der Roma mit besonderer Betonung der Lebenssituation der Frauen.  

    Malgorzata Mirga-Tas gehört ebenfalls dieser Volksgruppe an, ist jedoch 1978 in Zakopane geboren und lebt bis heute dauerhaft in Polen.

    Die zweite Serie der Ausstellung zeigt unter dem Titel „Herstories“ Bilder von „Heldinnen“ der Roma-Gemeinschaft. Auch sie sind weit überlebensgroß dargestellt.

    Die Spezialität ihrer Kunst ist die komplette Darstellung mittels Textilien, die in Patchwork-Technik zusammengenäht sind. Da Mirga-Tas fast nur mit gebrauchten, gesammelten Stoffen arbeitet, sind es Werke der Nachhaltigkeit, wobei jedes Stück eine eigene Geschichte in sich trägt.

    Sie beginne ein Bild stets mit einer Zeichnung, berichtet Malgorzata Mirga-Tas, die sie nach Original-Fotografien anfertige und zusätzlich collagenartig komponiere. Die hautfarbenen Bereiche und besonders die Gesichter bleiben gemalt auf Leinwand, wodurch der lebendige emotionale Ausdruck zur Geltung kommt.

    Es bedarf schon einer weiten Auslegung des Kunstbegriffs für diese Art der Darstellung. Motivistisch entsprechen die Bilder naiver figürlicher Malerei und technisch sind sie das Resultat von Schneiderarbeit. Das erinnert an volkskundliches Kunsthandwerk. Doch wendet man die Definition von Joseph Beuys an, dass alles Kunst ist, was einem rein aesthetischen Zweck dient, so gibt es keinen Zweifel an einer künstlerischen Position. So viele Ausrufe der ungezügelten Begeisterung,  wie sie in Venedig zu hören waren, können sich nicht irren.

    Dabei erscheint der Faktor des riesenhaften Formates einen entscheidenden Anteil zu haben, was auch jetzt in Wolfsburg  einen absoluten Wow-Effekt bewirkt. Zusätzlich ist die aufwändige ausgezeichnete handwerkliche Qualität der Näharbeiten extrem bewundernswert.

    Die Kuratorin der damaligen Venedig-Biennale 2022, Cecilia Alemani wollte in ihrem Konzept vorrangig weibliche Künstlerinnen, gern auch aus ethnischen Randgruppen präsentieren, die im westlichen Kunstgeschmack zuvor kaum wahrgenommen worden waren. Dem schlossen sich die damaligen Kuratoren des polnischen Pavillons offensichtlich an. Malgorzata Mirga-Tas bringt nicht nur diesen Aspekt mit ein, sondern fügt noch einen feministischen Fokus hinzu. Womöglich waren aber an den Nährbeiten leider doch keine Männerhände beteiligt?!

    Der Erfolg ist der sympatischen Künstlerin auf jeden Fall zu gönnen, denn ihr Werk hat es geschafft, den verdienten Respekt und die Wertschätzung sowohl für diese textile Technik als auch die Historie der Roma hervorzurufen und zu bestärken.

    Malgorzata Mirga-Tas „Eine alternative Geschichte“, Kunstmuseum Wolfsburg, 22.Nov.2025 bis 15.März 2026

  • „Randnotizen“ mit Biss und Herz

    Der scharfe Zeichenstrich von Christoph Niemann

    Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg präsentiert eine Fülle großartiger fröhlich eindringlicher Werke des Illustrators und Grafikers Christoph Niemann als Werkschau über 30 Jahre seiner künstlerischen Arbeit.

    Schon die Fassade, die der Künstler vor zwei Jahren gestaltete, ist eine verlockende Einladung, der man unbedingt nachkommen sollte.

    Christoph Niemann erzählt INArtberlin schmunzelnd: „Von meinen Galeristen hörte ich öfter, dass viele der Sammler meiner Arbeiten tatsächlich Psychologen und Psychiater sind. Warum das so ist, wissen wir aber nicht.“ Doch aus eigener Erfahrung der Autorin könnte es daran liegen, dass Christoph Niemans Zeichnungen und Illustrationen vorwiegend humorvoll und subtil ironisch sind, wodurch sie einfach Freude bereiten. Sie spiegeln Katastrophen der Welt nicht bedrohlich wider und Situationen aus dem normalen Alltag, wie wir ihn alle erleben, werden liebevoll karrikiert. Wenn sich ein Psychotherapeut täglich mit den  verworrenen verknoteten Gedanken und Wahrnehmungen psychisch Kranker beschäftigen muss, ist es garantiert erholsam zu sehen, wie ein Künstler mit nur wenigen Strichen „den Nagel auf den Kopf“ treffen kann.

    Seine große Bekanntheit gewinnt Christoph Niemann aus seinen vielfachen Covergestaltungen des „NEW YORKER“s. Auf dieser klassischen Print-Zeitschrift nimmt sie eine große weltweit verbreitete Community meist intellektueller Abonnenten wöchentlich wahr.

    Ch.N.: „Meine hauptsächliche Tätigkeit ist wirklich die Magazinarbeit. Von Haus aus bin ich Kommunikationsdesigner, das habe ich studiert. Ich schaffe  Überraschungsmomente. Meine Bilder sollen den Betrachtern in den wenigen Sekunden, die sie  das Blatt anschauen, gleich etwas erzählen. -Printmedien sind ja nicht mehr von großer Bedeutung, doch zum Glück gibt es den NEW YORKER  noch. Als Kult-Zeitschrift will er jede Woche mitteilen: So Leute, diese Woche unterhalten wir uns mal über dieses Thema.“

    Doch auch für die „WELTKUNST“ gestaltete Niemann Cover in knalligen Farben. „Es sind Neuinterpretationen von bekannten Bildern, denen ich für das Extraheft einen Berlin-Bezug gab. Z. B. Frau am Fenster von Caspar David Friedrich. Oder das Bild von Friedrich dem Großen als Flötenspieler in Sancoussis von Adolf Menzel. Mein Flötist unterhält Reisende im Bahnhof von Potsdam. Für ein Kunstmagazin gehe ich halt davon aus, mit dem Wissen der Leser auch ein bisschen spielen zu können. Cover sind stets Auftragsarbeiten mit der Vorgabe eines Themas, was den Arbeitsprozess natürlich beeinflusst. „

    Über seine Arbeitsweise sagt Christoph Niemann: „Zeichen-Sprache ist eine Sprache mit Bildern. Auch wenn es nicht Französisch oder Japanisch ist, muss ich darauf achten, für wen ich sie einsetze. Wenn ich beispielweise den Sisiphus als Metapher einsetze, dann geht das nicht in Thailand, weil ich nicht vorraussetzen kann, dass sie es dort verstehen.“

    Die Zahnbürste war ein Cover für das amerikanische „Yearbook of Illustration“.  „Das war eine riesengroße Ehre und erst hieß es, ich könne machen, was ich wolle. Da fiel mir zunächst überhaupt nichts ein, denn ich war es nicht gewohnt, etwas völlig ohne Auftrags-Thema zu entwerfen. Doch wenige Zeit später bekam ich einen Anruf, es sei für die 20. Ausgabe, also römisch „XX“ und deshalb solle das Cover doch „sanft“ sexuell sein. Und da fiel mein Blick auf meine Zahnbürste. Eigentlich eine völlig absurde Verknüpfung.“                                                            

    „Mein Professor Edelmann  hat mal etwas zu uns Studenten gesagt, was mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: Eine gute Idee dauert eine Stunde und dann dauert es noch mal 20 Stunden, bis es so aussieht, als ob sie in 2 Minuten entstanden ist.“ 

    Mit 27 Jahren ging Niemann nach New York und blieb dort 11 Jahre, in denen er auch heiratete und Kinder bekam. „Später in Berlin habe ich öfter selbst ohne Auftrag Themen gewählt, die ich zeichnen wollte.“ So entstand beispielsweise die Serie von „Urlaubsbildern“. Sie zeigt die vielfältigen Techniken, die Christoph Niemann beherrscht. Er sammelte hierfür einfache Urlaubseindrücke und gab ihnen seine subtil ironisch humorvolle Attitüde.

    Bei der Kombination von Zeichnung und Sprache sei ihm wichtig, dass Text und Bild komplementär sind. Es gehe nicht, dass Theo eine Leiter hinaufklettert und darunter steht „Fortschritt“.  Für Cartoons bietet sich auch der New Yorker als passendes Medium an. „Das funktioniert, wenn das Wort für sich ebenso wenig Sinn macht wie das Bild allein. Nur zusammen sind sie zu 100% ein perfektes Team.“

    Fotografie sei zwar nicht Niemanns primäre Technik, doch er musste sie im Studium erlernen. Er übermalte seine Fotos einfach auf seine spezielle Art, wodurch sie eine witzige Tiefe gewannen. Es ist seine Kunst des Erzählens mit wenigen Strichen, die das Werk einzigartig macht.

    Ob es ein Unterschied sei, in der Weltmetropole New York zu arbeiten oder in Berlin?

    „Eher nicht. New York ist zwar eine inspirierende Stadt, doch letztlich starrt man überall auf den Schreibtisch mit sehr viel Papier drauf. Da ist kein wirklicher Unterschied. Der Prozess meiner Arbeit ist unheimlich unspektakulär. Ich schau den ganzen Tag auf Zeichnungen, die ich schlecht finde. Ja, es ist schon anstrengend. Doch man kann das nur überwinden durch immer weiter zeichnen.“

    Christoph Niemann ist heute einer der einflussreichsten Zeicher und Grafiker, weil er geschafft hat, sowohl dem Alltag als auch komplizierten Themen ein extrem leicht zu erfassendes Bild zu geben, das auch ohne Sprache in wenigen Sekunden verstanden wird. Die Ausstellung verführt trotzdem dazu, sich begeistert längere Zeit vor den Wänden aufzuhalten, weil es immer wieder neue amüsante Kleinigkeiten zu entdecken gibt.

    Christoph Niemann „Randnotizen“ , Horst-Janssen-Museum Oldenburg/Niedersachsen, 14.11.2025 bis 17.Mai 2026

  • WUNDERKAMMER

    Bildgewaltige surrealistische Explosion des Staatsballetts Berlin

    Wer eine wirklich beeindruckende magisch unheimliche Performance erleben möchte, sollte dies zurzeit nicht in Kunstausstellungen suchen, sondern eine Aufführung des Staatsballetts Berlin im Schillertheater besuchen.

    Der als „Chroreograpf of the Year“ ausgezeichnete Spanier Marcos Morau hat mit 30 großartigen Tanzenden eine mystisch gespenstische Inszenierung aufgebaut. Was zunächst mit einem einsamen, verloren auf die Bühne schreitenden Akkordeonspieler beginnt, mündet rasch in ein rhytmisch stampfendes Gruppenbild. Sofort wird klar, dass das Ensemble hier als Ganzes wie ein einziger Organismus lebt und Bewegungen grotesker Art völlig synchron auf die Bühne bringt.

    Jede auch noch so skurrile Bewegung erinnert zwar fast an eine Chorea Huntington, wobei jedoch die Synchronizität des Ensembles beweist, dass es bewußt einstudierte Abläufe unter Kontrolle aller beteiligten auch noch so kleinen Muskeln sind.

    In hautengen und hautfarbenen Ganzkörperanzügen, die mit Symbolen wie Tätowierungen bemalt sind verschwinden die Gender-Grenzen nahezu vollständig. Dazu werden Lederbänder oder schwarze Glitzer-Westen und Galoschen-ähnliche Stiefeletten getragen. eine Reminiszenz an die wilden 20ger Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin. Mit der Musik eines brachialen Elektrosounds in einer Art Gothic-Rock mit Dark-Wave-Elementen  bilden die androgynen Körper stets neue faszinierende Bilder und vervollständigen sie durch gruselig abgehackte verfremdete Mimik und Gestik. Ja, es ist laut, aber eine perfekte Verschmelzung von Bewegung und Sound zu einem Ganzen.

    Diese ganze unwirkliche traumhafte Welt zieht die Zuschauer in einen 70 minütigen ungetrübten Bann.

    Auch wenn die Wunderkammer vorrangig als Ensembleleistung brilliert, ist Leroy Mokgatle hervorzuheben. Sie erhielt gerade als „Darsteller*In Tanz“ den Deutschen Theaterpreis „Faust“. Leroy Mokgatle tanzt sowohl burschikos als auch feminin außergewöhnlich und ist auch in der „Wunderkammer“ mit ihrer besondern nonbinären Körperausdrucksweise zeitweise solo im Vordergrund zu bewundern.

    Marcos Morau bekam zuvor recht negative Kritiken aus der Tanzkritikergemeinde. Ausgebildet ist er in Fotografie, Bühnenbild, Kostüm- und Lichtdesign, bevor er zur Theater- und Tanzbühne kam. Daher präsentiert er nicht typische gängige Tanzchoreographien, sondern eher große bewegte Bilder mit bisher nie gesehenem Bewegungsrepertoire.  Menschen, die gern Ausstellungen bildender Kunst besuchen, werden dies um so mehr lieben. Der fließende Übergang von künstlerischer Performance zu einem Gesamtkunstwerk aus Musik, tanzenden Menschen und kreativen Bühnenbild ist eher fließend und es wäre großartig, wenn eine gegenseitige Inspiration all diese Genres immer wieder zu so einem Hochgenuss wie der „Wunderkammer“ zusammenführen würde.

    Staatsballett Berlin im Schillertheater: „Wunderkammer“ von Marcos Morau. Weitere Aufführungen: 30.Nov. 25  und  11., 17. und 23. April 2026