• Venedig 2026: Die Super-Reichen und ihre Palazzi

    Peggy Guggenheim war die erste. Sie zeigte 1948 ihre weltberühmte Avantgarde-Kunstsammlung auf der Biennale und erwarb danach den unvollendeten Palazzo Venier dei Leoni, wo bis heute Ihre Werke präsentiert werden.

    Die wohlhabene Amerikanerin wurde inzwischen Vorreiterin eines Trends. Extrem reiche Menschen erwerben prachtvolle Gebäude in Venedig und stellen dort sich und ihren Reichtum in Form wunderbarer zeitgenössischer Kunst zur Schau. Nun gibt es bestimmt schlechtere Investitionen als die aktuelle Kunstszene zu fördern, doch es muss stets bedacht werden, dass wir dort Werke präsentiert bekommen, die dem Geldgeber gefallen. Um die künstlerische Bewertung kümmern sich glücklicherweise weltweit viele -hoffentlich neutrale- Kritiker.

    Francois Pinauld folgte 2005 und erwarb den Palazzo Grassi und 2009 die Punta della Dogana. In beiden fantastisch sanierten Gebäuden zeigt der milliardenschwere französische Kunstmäzen wechselnde Glanzstücke zeitgenössischer Kunst.

    Das Ca‘ Corner della Regina ist seit 2011 im Besitz der Konzern-Stiftung des Mode-Familienunternehmens PRADA.

    Nicolas Berggruen erlangte sein Vermögen als Finanzinvestor, u.a. durch geschickte Geschäfte mit Übernahme und Weiterverkauf von Karstadt. Als Kunstliebhaber kaufte der den Palazzo Diedo 2022, wo er erstmals 2024 in den Monaten der Biennale zeitgenössische Kunst seines Geschmacks präsentierte.

    Seit Mai 2025 reiht sich der belgische Modedesigner Dries van Noten in diese illustre Gesellschaft ein, indem er den Palazzo Pisani Moretta erwarb.

    Dagegen haben sich die LAS-Stiftung Berlin gemeinsam mit AMOS REX aus Helsinki mit ihrer ultramodernen Installations-Präsentation von Natasha Tontey im Ateno Veneto nur eingemietet. Doch auch der Ursprung dieser beiden Stiftungen basiert auf dem Privatvermögen reicher Mäzene.

    Die Installation besteht zentral aus einem KI-generierten Video „The Phantom Combatants“ und erzählt die Geschichte einer indonesischen Widerstandkämpferin aus den 50ger Jahren. Sie gehörte wie auch die Künstlerin der Minderheit der Minahasan an. Deren Kultur und Souveränität  sollen gezeigt und beschützt werden. Die raumfüllende Arbeit entspricht dem Konzept von LAS und Amos Rex, die Kunstwerke fördern, die aktuelle innovative Technologien nutzen. Das Werk erinnert somit durchaus an die Symbolik und Machart der Gamer-Szene. (Nur bis 25.Oktober 2026)

    Da die Ausstellungen der Superreichen trotz der kritischen Einstellung ihnen gegenüber dem kunstaffinen Biennale-Publikum in Venedig viel Erlebnis und vorwiegend Freude vermitteln, bekommen sie hier ihre angemessene Aufmerksamkeit.

    Im Palazzo Grassi werden zwei Künstler präsentiert. Den größten Raum nehmen auf 3 Etagen die Gemälde von Michael Armitage ein. „The Promise of Change“ ist der Titel der Retrospektive des 1984 in Nairobi geborenen britisch-kenianischen Malers. Bei ihm sind die beiden Welten seiner Herkunft zu erkennen. Seine Mutter stammt aus Kenia, er selbst zog früh in die Heimat des Vaters nach London, wo er studierte. Die Politik, Probleme und Kultur Ostafrikas werden in den Bildern in seinem ganz besonderen Stil qualitativ hochwertig thematisiert. Schade ist, dass wir Besucher*Innen von der Fülle der Werke (wie bereits 2024 mit Julie Mehretu) überflutet und leicht überfordert werden. Es bietet sich an, sich nur 5 bis 6 Werken intensiv zu widmen.

    Der zweite Künstler im Palazzo Grassi ist Amar Kanwar (1964). Der indische Dokumentar- und Kunst-Filmer hat bereits bei vielen Großausstellungen fantastische Videos gezeigt. Kanwars jüngstes Werk,“The Peacock’s Graveyard“ (2023), ist eine Siebenkanal-Filminstallation, in der fünf märchenhafte Geschichten in kurzen Bildschirmtexten erzählt werden, unterbrochen von bewegten und unbewegten tollen Bildern. Es gibt Stille und Umgebungsgeräusche – von Regen, einem entfernt vorbeifliegenden Jet –, die zusammen mit den Bildern aufgenommen wurden, in Kombination mit Raga-Hip-Hop aus Indien. Bild und Sound bilden ein einnehmendes immersives Erlebnis, das sich einprägt. Achtung: bitte den unscheinbaren Eingang in den dunklen Video-Raum besonders suchen! (bis 22.11.2026)

    In der Punta della Dogana begeistert die untere Ebene der US-Amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson (1960) mit ihrer Ausstellung: „Third Person“. Schon der erste große Raum wird von einer Reihe obsidianfarbener Klangschalen eingenommen, die auf Porphyrstapeln stehen und die die Besucher mit einem Schlägel zum Klingen bringen können. An den Wänden reihen sich gespenstische arktische Landschaften in prächtigen Blau- und Eisgrautönen, die zwischen Abstraktion und Realismus schwanken und aus Simpsons Serie „Ice“ (2018–21) stammen. (bis 22.11.2026)

    Die Fondazzione Prada zeigt in diesem Jahr Werke von zwei US-Amerikanischen Künstlern. „Helter Skelter“ von Richard Prince und Arthur Jafa bedient sich medialer Bilder und Filme amerikanischer Herkunft, mit denen sie „Männlichkeit“ thematisieren. Vom Malboro-Man bis zu einem Film, in dem sich schwarze und weiße Männer brutal und blutig mätzeln, entsteht vor allem ein Bild toxischer Männlichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Intention der Künstler als Kritik an diesem Männerbild gemeint ist, was jedoch nicht ganz sicher erkennbar bleibt. Im Vergleich zum langweiligen amerikanischen Pavillon in den Giardini ist hier jedoch deutlich mehr Amerika mit Vielseitigkeit und Mehrdeutigkeit zu finden, was erkundet werden sollte. (bis 23.11.2026)

    Der Palazzo Diedo von Berggruen Arts & Cultures zeigt seine Sammlung unter dem Titel „Strange Rules“. Die Restaurationsarbeiten sind in den letzten 2 Jahren deutlich fortgeschritten, so dass mehr und andere Kunstwerke präsentiert werden können. Ibrahim Mahama, Lee Ufan, Urs Fischer und Carsten Höller haben z.B. Räume dauerhaft gestaltet. Als Neuerwerbung ist ein mobiles Werk von Phillippe Parreno „The Diambulist Humself“ eine besondere Attraktion. Wunderschön ist auch der Innenhof des Gebäudes mit dem Video von Ayoung Kim für jede Art des Zusammentreffens. (Bis 22.11.2026)

    Die Sensation der Externen Ausstellungen ist in diesem Jahr jedoch der erstmalige Auftritt des belgischen Modedesigners Dries van Noten mit seiner Fondazzione. Schon der Titel könnte das alternative Hauptmotto für die ganze Welt-Kunst-Show sein, die die Biennale in Venedig traditionell nun mal ist: „THE ONLY TRUE PROTEST IS BEAUTY“. Keine Pussi Riot Aktion oder Pro-Palästina-Demonstrationen, sondern „Schönheit“ als Widerstand und Protest: Wie passend, wo gerade die Weltlage so schwierig erscheint, aber auch provokativ. Von der Kunst wird stets eine wichtige Funktion in der Gesellschaft verlangt: sie soll die Probleme der Welt visualisieren, Kritik üben, Diskussionen anstoßen und am liebsten noch alles zum Positiven wenden. „Schönheit“ steht schon lange nicht mehr auf dem Plan. Deshalb ist diese Ausstellung für sich durchaus schon Protest.

    Zu sehen ist eine Fülle von künstlerischen Gewändern aus der Design-Schmiede von „Comme des Garçons“, des Ursprungs-Lables des Namensgebers, sowie Schmuck von Christian Lacroix. Kontrastiert wird das Bild von z.B. schmutzigen Blech-Skulpturen von Peter Buggenhout oder riesigen Fotos exzentrischer Menschen des Fotografen Steven Shearer. Dazwischen klassisches beeindruckendes Kunsthandwerk wie das mechanische Schachspiel. Ja, das Haus ist überladen mit Kunsthandwerk und optisch kaum zu erfassen, doch mit den beschriebenen Kontrasten ein absolut sehenswertes Erlebnis. (Nur bis 4. Oktober 2026)

    Die Spaziergänge durch Venedig sind immer ein besonderes Highlight des Biennale-Besuchs, gespickt mit externen Länderpavillons, aber auch den zunehmenden Collateral-Ausstellungen. Und es gibt noch viel mehr als die hier beschriebenen Palazzi. Also einfach hineingehen und über die Kombination prachvoller alter Gemäuer und Contemporary Art einfach staunen.

    Arte Biennale di Venezia: 9.Mai bis 22.November 2026

  • Biennale Venedig 2026 Bemerkenswerte Pavillons / Bemerkungen über Pavillons

    Eine Tradition der Biennale in Venedig sind die Pavillons, die von über 100 Ländern der Welt eigenverantwortlich mit Kunst bestückt und einem Wettbewerb ausgesetzt werden. Dies gilt als „Kunst-Olympiade“ und wird immer wieder heiß kritisiert. Ist solch ein Prinzip heute nicht zu nationalistisch? Passen freie Kunst und Zuordnung zu einem Staat und seiner Politik überhaupt zusammen? Es gibt ja im Vergleich zum Sport keine messbaren Bewertungskriterien!

    In diesem Jahr prallten diese unterschiedlichen Positionen – wie bereits berichtet – im Vorfeld und zur Eröffnung mit multiplen politisch motivierten Protestaktionen erneut aufeinander. Doch es gibt auf der Weltkunstausstellung auch Pavillons, deren Kunst hervorragend heraussticht.

    LETTLAND/LATVIA:

    Ein Paradebeispiel, wie die Geschichte und Gegenwart eines Landes künstlerisch präsentiert werden kann, ist der Pavillon von Lettland/Latvia (Arsenale). Industrielle Kleiderständer sind in großer Menge eng zusammengestellt, künstlerisch verbogen, verknotet oder stolz in die Höhe ragend, versetzt mit symbolischen Accessoires: leere Kleiderbügel, Stoffe mit gedruckten Fotos der revolutionären Bewegung der 90ger Jahre, kleine Metallvögel. Vögel sind die Zeichen der Freiheit, doch Freiheit bekommt man nicht geschenkt, sondern muss immer wieder dafür kämpfen.   Der Künstler und Dozent für Textildesign der Uni Riga Bruno Birmanis hatte Ende der 80ger Jahre die „Untamed Fashion Assemblies“ (ungezähmte Modeschauen) gegründet. Die Gruppe veranstaltete wilde Shows mit verrückten provokativen Textil-Kunstwerken. Junge Menschen liefen bei lauter Musik tanzend auf den Straßen über Barrikaden oder Riesen-Traktoren. Hier entwickelte sich aus und mit Kunst eine relevante Protestkultur, die wesentlich zur Befreiung des Landes vom Sowjetregime beitrug. Die Filmsequenzen des Archivs Birmanis werden hinter einem Vorhang herrlich in ebenso wilden Schnitten gezeigt, wie die Aktionen damals abliefen. Die Kleiderständer-Installation gestalteten jedoch die aktuell jungen Designer*Innen  der Uni mit dem Titel „Backstage of Utopia“. Auch heute ist die neue Generation im Backstagebereich, also hinter den Kulissen wild und aktiv, um ihr Land angesichts der aktuellen Bedrohung durch russische militärische Angriffe zur Wiedererweiterung des alten Staatsgebietes zu schützen und bereit, um die Freiheit zu kämpfen.

    Der Pavillon strahlt nicht nur ästhetische Finesse aus, sondern auch inhaltliche Stärke und Willen zum Widerstand. Er ist eine veritable Barrikade, die das einfache Durchgehen zum nächsten Raum verhindert. Diese Verbindung eines Kunstwerkes mit kraftvoller empathischer Verbundenheit mit dem eigenen Land und den Menschen ist wirklich „bemerkenswert“!  

    GERMANY:

    Bemerkungen über den deutschen Pavillon sind hier auf keinen Fall allein Lokalpatriotismus, sondern künstlerisch absolut unverzichtbar. Es findet sich dort endlich keine Auseinandersetzung mit der zwar schrecklichen, aber uralten Nazizeit, sondern die Thematisierung unserer neueren Geschichte, nämlich der Zeit des geteilten Landes und besonders der Situation der Menschen in der EX-DDR.

    Die leider vor kurzem verstorbene Henrike Naumann führt deutlich vor Augen, wie trist und obrigkeitsgesteuert mit Einheitsmöbeln und staatlich zensierter Kunst die Bürger leben mussten. Auch hier geht es um Befreiung; die Erinnerung, welches Glück es darstellt, dass diese Wende erkämpft worden ist.

    Die zweite Künstlerin Sung Tieu, die mit ihren Eltern als Gastarbeiter in die ehemalige DDR kam, zeigt, wie ausgegrenzt vor der Wende und danach völlig allein gelassen diese Menschen lebten. Sie symbolisiert das durch die subtil dramatische Umwandlung der Fassade des Pavillons. Mit kleinteiligen Mosaiksteinchen wurde das Gebäude zu einem tristen typischen DDR-Plattenbau.

    Vorbild war der Wohnblock, in dem Sung Tieu mit viel zu vielen Menschen als Kind mit ihrer Mutter überleben musste, weil die Arbeit in den Industriebetrieben wegen sofortiger „Abwicklung“ weggefallen war. Der Pavillon präsentiert empfindsam die Stimmung der Wendezeit. Gleichzeitig signalisieren die Werke, dass der Kampf um Respekt und Menschenwürde immer weiter geht, auch wenn uns die Geschichte eine große Chance auf Neubeginn und positive Lebensqualität gegeben hat.

    TÜRKEI:

    Die türkische Künstlerin Nilbar Güres hat ihren Raum mit fantastischen Textil-Skulpturen mit deutlich feministischer Ausstahlung gestaltet.

    UKRAINE:

    Tiefgründig ist auch für die Ukraine die Dokumentation der Reise der Skulptur eines Hirsches, 2019 von Zhanna Kadyrova gestaltet. Sie wurde tausende Kilometer durch Länder und zu politischen Gross-Veranstaltungen, jetzt nach Venedig transportiert. Die Figur sieht zart aus wie eine Origami-Figur aus Papier, ist jedoch faktisch aus hartem widerstandfähigem Beton. Das Symbol ist eindeutig!

    TAIWAN:

    …. zeigt seinen Beitrag im ehemaligen venezianischen Gefängnis, das durch die Seufzer-Brücke mit dem Dogenpalast verbunden ist. Deshalb Vorsicht: hier wird es eng und chaotisch durch Unmengen von Touristen. Doch innen ist das Werk einer digitalen KI-generierten Kunstrichtung zu entdecken. In einem skurril-gruseligen Animationfilm erklärt ein geschlechtsloser KI-Gnom, wie der Film entstanden ist.

    Zum Opening gab es als Ergänzung eine -komplett reale- Performance. Eine junge Performerin zeigte mit einer Puppe ein Zusammenspiel zwischen Kampf und liebevoller Umwerbung. Der Künstler Li Yi-Fan wirkte wie ein junger IT-Freak, lächelte fröhlich, überlies aber das Sprechen und Erklären dem Moderator. Natürlich gehört auch diese Kunstrichtung zu einer Biennale, doch die Faszination empfinden möglicherweise eher Technik-Fans.

    ÖSTERREICH: Über die extreme Präsentation im österreichischen Pavillon von Florentina Holzinger wurde bereits im vorherigen Beitrag berichtet.

    SÜDAFRIKA: Ebenso soll hier der Vollständigkeit halber noch einmal „Elegy“, der vom südafrikanischen Staat zurückgezogene, trotzdem präsentierte eindringliche Beitrag von Gabrielle Goliath in der Kirche San Antonin erwähnt werden.

    USA: Nur eine flüchtige Randnotiz gilt dem US-Pavillon. Alma Allen wurde von neu eingesetzten Trump-nahen Organisatoren beauftragt und hat mehrere Skulpturen aus Marmor, Bronze oder Stahl nach Venedig gebracht. Ein US-amerikanischer Kunstkritiker bezeichnete sie als geeignet für Supermärkte oder Einkaufsmeilen.

    Es ist nicht zu bestreiten, dass auch in mehreren der zig weiteren Länderpavillons bestimmt großartige Kunst zu entdecken ist. Es macht einen Riesenspaß, sich durch die ganze Stadt zu bewegen auf der Suche nach unerwartetem Kunstgenuss. Nehmen Sie die Herausforderung an und voten Sie später für Ihren Favoriten bei der diesjährigen Wahl des besten Länderpavillons. Der Link kommt per Email auch zu Ihnen.

    Biennale Arte di Venezia: 9.Mai bis 22. November 2026

  • Biennale Venezia 2026: Protest-Rummel und Publikums-Voting

    Die leider verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh versprach uns eine ruhige entspannte Ausstellung „In Minor Keys“, also in Moll-Tonarten. Ihr Assistent zitierte sie im Vorfeld: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Die Realität zeigte bei der Eröffnung zunächst das komplette Gegenteil.

    Dass Russland und Israel mit ihren Länderpavillons von der Biennale-Organisation zugelassen wurden, obwohl ihre Länder aggressive Kriege führen, geriet weltweit in die Kritik. Die Freiheit der Kunst sollte hoch gehalten werden. Empört reagierte darauf die Fachjury, die über die Preise des Goldenen Löwen entscheiden sollte. Sie bekannten öffentlich, den beiden Ländern auf keinen Fall einen Preis zuzusprechen. Daraufhin kündigte der Künstler des israelischen Pavillons Belu-Simion Fainaru an, rechtliche Schritte zu prüfen. Die Jury trat sofort komplett zurück. Nun ist der Goldene Löwe von Venedig ein hohes Prestige-Objekt, das unbedingt erhalten werden sollte. Die Organisatoren beschlossen daher, ihn in diesem Jahr als absolutes Novum vom Publikum wählen zu lassen und erst am Ende des Events am 22.11.2026 zu übergeben. Tatsächlich bekamen wir als Besucher gestern – der digitalen Ticket- und Einladungs-Vergabe sei Dank – eine Email mit dem Link zur Stimmabgabe. Wir alle sollten diese Chance unbedingt wahrnehmen, denn üblicherweise werden Besucher in der Kunstwelt als völlig unqualifiziert und unwichtig für die Bewertung von Kunst betrachtet.

    Lassen Sie uns die Herrausforderung annehmen, nach Venedig fahren und klarstellen, was WIR künstlerisch wertvoll empfinden!

    In der Eröffnungswoche machte die Biennale Schlagzeilen mit lauten Protesten vor dem russischen Pavillon. Pussi Riot aus Russland und Femen aus der Ukraine riefen ihre Verurteilung russischer Kriegsführung mit nacktem Oberkörper und farbigen Rauch-Raketen in die Welt: keinerlei leise Molltöne, sondern lautstark voller Empörung. Am Samstag, dem ersten offenen Tag für alle Biennale-Besuchenden hat Russland seinen Pavillon endgültig geschlossen und zeigt jetzt am Eingang Videos der Demonstration der Frauen. Die ganze „Kunst“, die sie aufgebaut hatten, war offensichtlich pure Provokation, zumal die Kuratorinnen Töchter wichtiger Putin-Gefährten sind.

    Über dem Ausstellungsgelände und besonders dem israelischen Pavillon, der diesmal im Arsenale liegt, kreisen täglich laut und störend Überwachungshubschrauber. Wie schon seit lämngerem solidarisieren sich viele Menschen aus dem Kunstbereich für die Bevölkerung in Palästina und gegen die zerstörerischen Angriffe der israelischen Armee. Doch wer darf entscheiden, wann eine Gegenwehr nach einem Überfall durch Terroristen unangemessen brutal wird?

    Jedenfalls gab es am Freitag, dem 3. der Preview-Tage eine „Streik“-Aktion vieler Kunstschaffenden. Sie schlossen ihre Länderpavillons komplett oder zumimndes ab dem Nachmittag und zogen zu einer Demonstration auf die Via Garibaldi. Dieser „Künstlerstreik“ war ein echtes Novum!

    Der südafrikanische Kulturminister hatte seinen Länderbeitrag letztlich komplett verboten, weil hierin auch die Tötung einer palästinensischen Dichterin durch israelische Soldaten thematisiert wird. Juristische Einsprüche waren im Land nicht erfolgreich, doch es fanden sich private Befürworter und Förderer. „Elegy“ von Gabrielle Goliath ist der unter die Haut gehende Klagegesang über brutale qualvolle Femizide in aller Welt, egal aus welchen Gründen. Man sollte es sich unbedingt in der Kirche San Antonin anschauen, wo Ort und Akustik die Wirkung hervorragend unterstreichen.

    Für weitere Schlagzeilen sorgte – wie erwartet – der österreichische Pavillon von Florentina Holzinger. Die Künstlerin hatte mit ihren Theaterinszenierungen schon für krasse Bewertungen gesorgt: „feministische Fäkal-Orgien“ hiess es zuvor in der Presse. Solche Vorurteile zogen riesige Menschenmengen beim Opening an. An dem Tag unterstrich der Dauerregen in Venedig die Wasser-Thematik von „Seaworld Venice“ noch zusätzlich. Doch die Reaktionen waren voller Bewunderung für den konsequenten Mut der Performerinnen, körperlich an ihre Grenzen zu gehen. Florentina Holzinger kletterte persönlich nackt am Seil in die große an einem Kran hängende Glocke und aktivierte sie als menschlicher über Kopf hängender Schlegel. Jede Stunde soll eine neue Zeit eingeläutet werden. Weitere Performances im Pavillon mit lebenden Skulpturen an einer Stange sowie Jetski-Kreisen in einem Bassin aus Urin lassen Fragen offen, doch sie hinterließen auch vorwiegend neugierige Bewunderung.

    Wer aber allen Skandalen und Protesten zum Trotz einen entspannten Kunstgenuss finden möchte, findet diesen in den kuratierten Hauptausstellungen der Biennale. Beim Betreten des großen Pavillons in den Giardini ist eine erste Reaktion: Wunderbar, dass Kunst auch wieder einfach schön sein darf! Wer sich dann auch darauf einläßt, den Ideen und Konzepten der Künstlerinnen und Künstler nachzuspüren, die Tafeln und den Katalog zu lesen, merkt schnell, welch tiefe Hintergründe in den Darstellungen enthalten sind. Koyo Kouoh hat vorwiegend Künstler*Innen aus dem sogenannten Globalen Süden ausgewählt, deren Namen es verdienen, bekannter zu werden. Dabei sind Präsentation und Kombinationen der Werke großartig gelungen.

    Auch in diesem Jahr ist der Besuch der Biennale in Venedig eine spannende Entdeckungsreise durch alles, was Kunst zeigen und auslösen kann. Ein lebendiges unglaublich vielseitiges Erlebnis im zusätzlich fantastischen Ambiente der Lagunenstadt! Außerdem können Sie sich bald auf weitere Berichte hier bei INArtberlin über mehr Highlights in Venedig freuen!

    61. Biennale Arte di Venezia: „In Minor Keys“, 9.Mai bis 22.November 2026

  • Wir bauen eine neue Welt…

    Lina Lapelytés neue kleine Oper

    Draußen tobt die Welt: Kriege, Katastrophen, Klimakrise, Chaos. Doch wir haben diese wunderbare Möglichkeit, hier in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs in die umschmeichelnde Atmoshphäre eines immersiven Kustwerkes einzutauchen. Der Duft frisch geschlagenen Holzes durchdringt den Raum und lässt uns die Schönheit der Natur genießen. Auf 400tausend Holzwürfeln können wir flanieren – umschwebt von dem betörenden und beruhigenden Gesang der 12 Performerinnen und Performer aus aller Welt. Sie singen poetische tiefsinnige Verse; ausgewählt, vertont und choreographiert von der litauischen Künstlerin Lina Lapelyté. Währenddessen herrscht ein ständiges Aufbauen und Umgestalten der vielen kleinen Skulpturen aus Holzwürfeln. Niemand steht still, aber alle Bewegungen und Aktionen verlaufen ruhig, gelassen und trotzdem konstruktiv. Auch wir sind aufgerufen, die Szenerie mitzugestalten. Wir fühlen die Struktur des Holzes, greifen und stapeln immer neue Figuren. Es ist fast wie zu Kindergartentagen und eine Situtlion der Entschleunigung, ein meditatives Erleben mit allen Sinnen.

    Die Künstlerin wurde bekannt, als sie mit zwei Kolleginnen auf der Venedig-Biennale 2019 den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon für „Sun and Sea“ gewann, einer Inszenierung einer Strand-Szene mit Operngesängen über Klimawandel und Umweltzerstörung, die in ihrer paradoxen Mischung aus Idylle und krasser Problemdarstellung wahrhaft überwältigend war.

    In diesem Jahr soll auf der jetzt beginnenden Biennale in Venedig keine Jury über die Preisvergaben entscheiden. Diese ist nach den politischen Debatten über den Ausschluss von Länderbeiträgen Russlands und Israels gemeinsam zurückgetreten. Die Biennale-Leitung entschied, dass das Publikum per Votum die Preisvergabe bestimmen soll, und zwar bis zum Ende des Events im Herbst. Im Grunde eine revolutionäre, spannende Idee, doch den herrlichen litauischen Länderpavillon von 2019 hätte damals kaum eine ausreichende Zahl von Zuschauern für einen Sieg gefunden. Er befand sich versteckt und schwer erreichbar in einem alten Weftgebäude.

    Der Titel: „We make Years Out of Hours“ beschreibt die Idee der Langsamkeit in einer hektischen Zeit. Die philosophischen Gedichte der Lieder sind in dem sehr guten übersichtlichen Katalog des Hamburger Bahnhof nachzulesen. Wir brauchen Zeit und Einfühlungsvermögen, um uns auf diese tiefen Gedanken einzulassen, doch es lohnt sich. „Wie weit ist weit?“, „… Ich habe Angst, rauszugehen….“, „Wenn der Krieg vorbei ist….“  Genau für den Augenblick bauen wir schon mal eine neue bessere Welt!

    Lina Lapelyté: „We Make Years Out of Hours“, Hamburger Bahnhof, Berlin, 1.Mai 2026 bis 10.Januar 2027

  • Kunst oder Klamauk: Beeples „Regular Animals“ in der neuen Nationalgalerie

    Sie waren der absolute Hit auf der ART Basel Miami Beach und rasch ausverkauft: die Roboter-Hunde, die mit den Köpfen berühmter MÄNNER herumtappeln, kleine Papiere drucken und ausscheiden. Alles sei eine künstlerische Demonstration, was eine selbstdenkende Künstliche Intelligenz so könne. Die sehr realistischen Köpfe sind neben dem Künstler selbst Andy Warhol, Pablo Picasso, Kim Jong-un, Elon Musk, Mark Zuckerberg und  Jeff Bezos. Zum Gallery Weekend beschert uns die Neue Nationalgalerie diesen witzigen Spaß, der sicher viele Menschen in das Museum lockt.

    Doch fehlt da nicht zum Unterschied eines Spektakels für Disneyland ein etwas tieferer philosophischer Background? Hierfür hat die großartige Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev im Artist-Talk fast eine Laudatio beigetragen. Aus ihrer Sicht sei die digitale Kunst eine neue relevante Kunst-Richtung. Gefragt, ob sie so etwas auf ihre Documenta eingeladen hätte, meinte sie: aus heutiger Sicht ja. Doch damals habe es keine NFTs o.ä. gegeben. Sie habe 2012 die Zentrierung der Kunst auf den Menschen aufbrechen wollen und eine Wertschätzung anderer belebter und unbelebter Natur bewirken wollen. Das habe ihr die übertriebene Schlagzeile eingebracht, sie fordere ein Wahlrecht für Erdbeeren. Hätte die digitale Technologie mit Smartphones und KI damals schon eine so erhebliche Verbreitung in der Welt gehabt, hätte sie diesen Aspekt sicher gezeigt.

    Wer aber ist Beeple: Mike Winkelmann ist ein US-amerikanischer Web- und Game-Designer, der sehr früh aus Freude digitale Kunst-Werke produziert hat. Über 5000 Tage stellte er täglich kleine aktuelle Bildchen her, die er in einer Collage zusammenstellte, aber nur virtuell als NFT, dieser berühmten Form des nicht greifbaren „Kunstwerkes“, das aber jeder online anschauen kann. Doch NFTs sind auch käuflich: aber nur als Eintrag in ein hoch gesichertes Register und nur mit Kryptowährung zu bezahlen. Man bekommt den Eintrag , „um damit angeben zu können“. Beeples „Everydays: The first 5000 Days“ entstand 2021 und wurde für 69 Millionen Dollar (laut SPIEGEL) versteigert. Es begann ein wahrer Boom von Spekulationen mit NFTs. Auch Kunstgaleristen versuchten, diese neue „Kunst“-Gattung zu vermarkten und erfanden wundersame kreative Erklärungsversuche über den Wertzuwachs. 2025 crashte der NFT-Markt komplett! Die Blase war geplatzt.

    Jetzt begeistern also diverse Roboter nicht nur in Ausstellungen, sondern auch z.B. den Bundeskanzler in China. Und werden momentan nicht auch die schrecklichen Kriege mit Drohnen, also fliegenden Robotern geführt, die extrem zerstörerisch sind? Vielleicht gibt es also doch einen sozialpolitischen Hintergrund, der die Hündchen zu einem Kunstwerk mit warnendem Charakter erhebt?  

    BEEPLE. „Regular Animals“, Neue Nationalgalerie Berlin, NUR vom 29.4. bis 10.5.2026

  • Shilpa Gupta

    „Auch ich lebe unter deinem Himmel“

    „I live under your sky, too“ ist ein sinngebendes Zitat der Künstlerin für all ihre Werke. Shilpa Gupta ist eine indische Konzeptkünstlerin. Wir wissen hier kaum etwas über die Historie des indischen Kontinents, höchstens, dass dort mehr als eine Milliarde Menschen leben und die Kastenzugehörigkeit immer noch eine Rolle spielt. Doch die politischen Ereignisse, die die indische Künstlerin geprägt haben, müssen wir uns neu vor Augen halten.

    Shilpa Gupta wurde 1976 im damaligen Bombay geboren, das heute Mumbai heißt. Sie wuchs in einer lauten Stadt auf, die bis heute von verschiedenen teils gewaltvollen Konflikten geprägt ist. Hier spielen ethnische Herkunft, aber auch die Religion eine Rolle. Schon die Abschiebung muslimischer Bürger aus „British India“ 1947 nach Pakistan oder Bangladesch und somit Trennung vom hinduistischen Indien war der Beginn eines ewig schwelenden Konfliktes. Shilpa Gupta hat schon früh immer wieder versucht, die Grenze zwischen den Ländern und den Religionen zu überwinden, mittels Freunsdchaften, aber auch mit ihrem künstlerischem Engagement.

    Shilpa Gupta schaffte es durch intensives Bemühen an der School of Fine Arts in Mumbai zu studieren. Obwohl zeitgenössische Kunst in Indien kaum eine Rolle spielt, fand sie kleine Galerien, die ihre Konzeptkunst außergewöhnlich und interessant fanden, leider aber ohne kommerziellen Erfolg.

    Die Künstlerin arbeitet mit vielen unterschiedlichen Materialien und Medien als Konzeptkünstlerin. In Gegensatz zu ihrer Heimat findet ihre Kunst im Ausland hohe Anerkennung. So werden ihre Werke in New York, London, Tokio und Dubai ebenso geschätzt wie in Paris, Istanbul und Venedig.

    Aktuell sind wichtige Werke von Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof in Berlin zu bewundern.

    „Sie sind offensichtlich ein sehr feministisches Haus. Schon wieder zeigen Sie die Arbeit einer Frau, wie schon so oft. Ist das Ihr Konzept?“ fragte INArtberlin Sam Bardaouil, den einen des Kuratoren-Duos des Museums. „Nein, das machen wir nicht extra. Wir sind immer auf der Suche nach spannender Kunst. Die ist das einzige Kriterium, das für unsere Auswahl zählt. Und im Augenblick finden wir zufällig fantastische Kunst bei einzigartigen Künstlerinnen.“

    In Berlin ist ein dunkler Raum erfüllt von Protestgesängen aus viele Regionen der Welt. „We shall overcome“ oder „Bella Ciao“ sind leicht erkennbar. Sie erklingen aus altmodischen Mikrofonen, die zu Lautsprechern umgebaut sind und in einer Choreographie von der Deck hängend herumtanzen. Auf kleinen Hockern sitzend führt die Installation uns Besucher*Innen zu einem meditativen Innehalten.

    Shilpa Gupta möchte mit ihren Kunstwerken all denen eine Stimme geben, die unterdrückt werden. Sie kämpft gegen soziale Ungleichheiten, thematisiert sowohl  postkoloniale Spätfolgen als auch ganz aktuelle globale Wirtschaftsdynamiken.

    Das zentrale Werk in Berlin ist „TRUTH“. Die einzelnen Buchstaben sind wie Monumente im Raum stehend oder liegend aufgestellt. Besucher laufen durch sie oder um sie herum; nicht nur um die Buchstaben, sondern auch um die „Wahrheit“, die im aktuellen Bezug jede/r anders bewertet. Anregen möchte das Werk ein strenges Nachdenken über Tatsachen kontra Fake-News.

    Auf einem Podest unter Glas steht eine Auswahl von verschlossenen Fläschchen. In jedes hat Shilpa Gupta ein Poem unterdrückter Schriftsteller*Innen gesprochen.

    Ein Eye-Catcher ist auch ein Buchregal mit Buch-Deckeln aus Edelstahl. Sie haben nicht nur Schriftsteller und Buchtitel eingrafiert, sondern auch die Gründe, warum dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.

    Die jeweiligen Konzept-Ideen der Werke sind nicht immer auf den ersten Blick zu verstehen, doch die Tafeln daneben geben prägnante und einfühlsame Hinweise, mit denen ein einprägsames Verständnis für die Botschaft der Künstlerin ermöglicht wird.

    Shilpa Gupta: „What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst in Berlin 27.März 2025 bis 3.Januar 2027

    Als Extra noch etwas zur Vorfreude auf die kommende Ausstellung in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs:

    400.000 rohe Holzwürfel mit einer Kantenlänge von 10 cm kündigen das nächste Kunstwerk von Lina Lapelyté an. Wird es wieder eine Oper? Die Komponistin gewann mit zwei Kolleginnen den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon in Venedig 2019 für Litauen. „Sun and Sea“ war eine Inszenierung mit Opernsängern in einem Strand-Szenarium. Wir können also gespannt sein, was ab 1.5.26 hier geboten wird!

  • Kerry James Marshall

    BLACK is so Beautiful !

    Kerry James Marshall war schon ein Lieblingskünstler der Kuratoren Roger Buergel und Ruth Novak bei ihrer Documenta 12 (2007). Doch inzwischen gilt er als einer der global bedeutendsten figurativen Maler der Gegenwart. Seine großformatigen, farbintensiven Gemälde sind voller kunsthistorischer Bezüge.

    Der absolute Wow-Effekt offenbart sich aktuell in einer grandiosen Solo-Show des Künstlers im Chipperfield-Bau des Kunsthauses Zürich. Dort besticht auf den ersten Blick das glänzende Schwarz, mit dem Marshall die Menschen auf seinen Bildern darstellt. Es ist sein Markenzeichen und gibt diesen vormals unterdrücklten People of Color, selbst wenn man kaum Gesichtskonturen erkennt, einen stolzen strahlenden selbstbewußten Ausdruck.

    Der Künstler malt fröhliche Alltagsszenarien: im Beauty-Salon, am See oder im Nachtclub, inszeniert jedoch die Diskriminierung der Afroamerikaner*Innen in den USA hochgradig sozialkritisch. Picknick, Golf, Krocket, Wasserski: sind das nicht die Hobbies reicher weißer Familien, die hier von Schwarzen selbstverständlich gelebt werden?

    Kerry James Marshall wurde 1955 in den US-amerikanischen Südstaaten in Alabama geboren, zog später mit seiner Familie nach Los Angeles, wo er Art-and-Design studieren konnte. Später fand er – bis heute –  seine Heimat in Chicago. Da drängt sich sofort die wichtige Frage nach einer Teilnahme auch an der kommenden Documenta 16 auf. Bekanntermaßen bekräftigte deren Kuratorin Naomi Beckwith, dass sie sich ihrer Wurzeln in der Black-Community in Chicago sehr bewußt sei, was sich auch in der Konzeption der Documenta wiederfinden werde. Marshall dementiert jedoch INArtberlin gegenüber sofort: „Nein, ich werde auf keinen Fall erneut bei der Documenta ausstellen. Ich war dort schon zweimal (1997 und 2007). Das reicht völlig.“ Dies wiederholt der sympatische 70jährige jedoch mehrfach so vehement , dass man fast das Gegenteil glauben könnte.

    1980 bot sich dem jungen Kerry James Marshall die Chance eines Besuchs im New Yorker MOMA. Allerdings war die Reise nur „Historienmalern“ vorbehalten. Er malte deshalb Szenen, die im Aufbau an klassische Historienmalereien anknüpften. Nur agierten bereits damals schon keine weißen reichen Adligen-Familien, sondern stolze Menschen in tiefem Schwarz. Damit qualifizierte er sich für die Reise zu seinem Lieblingsbild: Picassos „Guernica“, was für ihn ein prägendes Erlebnis wurde.

    Der Titel der Züricher Ausstellung „Histories“ beinhaltet eine doppelte Bedeutung: Zunächst erzählen die Bilder Geschichten (his stories), doch sie sind ebenso Zeitdokumente (History / Geschichte).

    Die monumentalen Gemälde sind aber auch Wimmelbilder. Überall sind kleine Details zu entdeckten, z.B. auch Collagen mit Zeitungsausschitten oder ironischen Spruchbändern. Ebenso finden sich Portraits berühmter Persönlichkeiten des antirassistischen Widerstands in den Bildern. Es macht große Freude mit den Augen auf Entdeckungsreise zu gehen.

    Kerry James Marshals vielschichtige Gemälde in riesigem Format sind ein Kontrapunkt zur westlichen weißen Historienmalerei und ergänzen somit unsere Geschichtsschreibung auf extrem wichtige Weise. Selten macht es soviel Vergnügen, sich die weiterhin aktuelle Relevanz von Bürgerrechtsbewegungen zu vergegenwärtigen.

    Kerry James Marshall: „The Histories, Geschichte(n)“, Kunsthaus Zürich, 26.März bis 16.August 2026

  • BRANCUSI

    Skulpturen-Ikone früher Abstraktion

    Constantin Brancusi (1876-1957) ist nicht neu, aber vielleicht immer noch modern?  Er gehört ins letzte Jahrhundert. Doch er gilt als historische Schlüsselfigur, als Vorreiter der Abstraktion in der Gestaltung von Skulpturen.

    Brancusi stammt aus einem kleinen Dorf in Rumänien, wo er 1876 geboren wurde. Er liebte schon früh die traditionelle Holzschnitzerei, doch er musste von zuhause weglaufen, um nicht zu einem anderen Beruf oder zum Militärdienst gezwungen zu werden. 1904 ging er nach Paris und bekam sogar eine Anstellung bei dem damaligen Star der Skulpturenszene Auguste Rodin. Brancusi kündigte jedoch nach wenigen Wochen mit seinem berühmten Satz: „Es wächst nichts im Schatten großer Bäume.“

    Brancusis Werken ist in all ihrer Abstaktion noch die reale Grundfigur anzusehen. Aus einer Ei-Form entwickelte er den ausdrucksstarken Kopf der „schlummernden Muse“. Doch der Künstler reduzierte die Gesichtszüge durch Schleifen und Polieren immer mehr, bis am Ende ein eindrucksvolles Konzentrat stiller Emotionalität entstand.

    „Prinzessin X“ (1915/16) war für Brancusi die perfekte Verschmelzung männlicher und weiblicher Figur, doch musste sie auch einmal aus einer Ausstellung rasch entfernt werden, weil viele nur den Phallus in ihr sahen.

    Brancusi arbeitete mit Holz, Gips, Marmor und Stein. Gelungene Objekte ließ er in Bronze gießen. Dabei gibt es nur wenige Motive in seinem Schaffen, doch diese stellte er in vielen unterschiedlichen Varianten her. Z.B. schlummernde Muse, Vogel im Raum, der Kuss, Leda in Bewegung.

    Ein besonderes Markenzeichen Brancusis ist, dass er die Sockel für seine Skulpturen besonders beachtete. Sie sollten stets ein wichtiges ergänzendes Pendant des Gesamtkunstwerkes sein, meist in konträrem Material. Der Vogel im Raum ist bereits ein schmaler, sehr langgestreckter Messingkörper, der aber zusätzlich einen hohen Holzsockel bekam, als solle er bis an den Himmel reichen. Aus mehreren Sockelkonstruktionen entstand ein ebeso wichtiges Werk Brancusis: die „Unendliche Säule“.

    Brancusi gibt uns nebenbei ein gutes Beispiel zur ewigen Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ 1926 verschickte er seine Skulptur „Vogel im Raum“ von Paris nach New York. Sein Freund und Förderer Marcel Duchamp kuratierte dort eine Ausstellung, bei der er sie präsentieren wollte. Angekommen in den USA stuften die Mitarbeiter des Zolls das Werk jedoch einfach als ein Metallteil ein, das kostenpflichtig verzollt werden müsse. Kunstwerke waren in Gegensatz dazu zollfrei. Damals wurden in den USA nur Nachbilder von natürlichen Objekten oder Menschen als Kunstwerke angesehen. Erst nach vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen über 2 Jahre bekam Brancusi Recht und seine abstrakte Skulptur wurde auch juristisch als KUNST anerkannt. Es ist erstaunlich, dass wohl die USA und Zölle schon vor 100 Jahren ein Kapitel von Willkür und Profit gewesen sind.

    In der Neuen Nationalgalerie werden 150 Jahre nach seiner Geburt mehr als 150 Arbeiten des Künstlers gezeigt. Möglich wurde dies, weil das Centre Pompidou aktuell über 5 Jahre für eine Komplettsanierung geschlossen ist und seine Schätze somit gern ausleiht.

    Ein Highlight der Ausstellung ist ein teilweiser Nachbau der Künstlerwerkstatt, in dem auch in Filmsequenzen der Meister bei der Arbeit „lebendig“ wird. Viele historische Dokumente und selbstgefertigte Fotos seiner Kunstwerke umrahmen den Werkstattbau in einem zentralen runden Pavillon. Sie sind mit einem guten Gespür  für die Darstellung des damaligen Zeitgeistes zusammengestellt und angeordnet.

    Brancusis glänzende Skulpturen ergeben zudem in der Neuen Nationalgalerie eine herrliche kontrastreiche, aber harmonische Einheit mit dem Museumsbau von Mies van der Rohe, als seien sie genau hierfür geschaffen worden.

    „BRANCUSI“  Neue Nationalgalerie Berlin, 20. März bis 6. August 2026

  • Julian Charrière: „Midnight Zone“

    „Bei mir ist alles echt!“

    Die spektakuläre Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Julian Charrières aktuelle Meisterwerke, diesmal zum großen Thema Wasser, dem Lebensraum unzähliger Organismen und zugleich hart umkämpfte Ressource. Charrières Arbeit ist eine Mischung aus Bildern, Videoproduktionen und Exponaten, die thematisch Naturphänomene und deren Beeinflussung durch die Menschheit mit Hilfe künstlerischer Interventionen veranschaulichen.

    Im Mittelpunkt der Wolfsburger Ausstellung steht die Expedition des Künstlers in die Mitte des pazifischen Ozeans in eine Region, die lediglich wegen ihrer großen Vorkommen der begehrten Manganknollen für den Tiefseebergbau interessant ist. Charrière versenkte dort eine achteckige Laterne mit rotierender Fresnellinse, wie sie in Leuttürmen verwendet wird, bis in 1000 m Tiefe. Diese wird als Midnight Zone bezeichnet, weil bis hierhin keinerlei Sonnenlicht dringt. Doch Charrières Lichtquelle zieht einzelne Fische und ganze Schwärme magisch an, die sie koordiniert umkreisen. Von dem berühmten Unterwasserfilmer und Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) gibt es den ikonischen Fim: „Die schweigende Welt“. Darin behauptet er, die Tiefseewelt sei völlig still. Charière filmte nicht nur, sondern kann durch Tonaufnahmen belegen, dass dort sehrwohl recht laute akustische Phänomene  existieren.Er erklärt: „Es gibt die Geophonetik ausgehend von Erdformationen; die Biophonetik der Tierwelt und die Anthropophonetik, das sind menschengemachte Geräusche wie von Schiffsschrauben oder Sonargeräten. Diese mischen sich zu einer erheblichen Geräuschkulisse.“ Der Film wird von diesen Geräuschen begleitet, die teils intensiv den riesigen Museumsraum erschüttern lassen. Da liegt die Frage an den Künstler nahe, ob der Ton KI-generiert sei (oder von Quantencomputern wie zuletzt recht unangenehm bei Pierre Huyghe). „Nein, bei mir ist alles echt!“ Charrière bringt den Beweis, dass ein Ernten der Manganknollen kein harmloses Agieren im stummen Nichts wäre, sondern eine massive Zerstörung in einem lebendigen Biotop mit großer Tierpopulation zu Folge hätte.

    Neben der Großbildprojektion steht ein achteckiger Pavillon, in dem genau die Leutturm-Laterne in ihrer vollen Aktion mit dem rotierenden Licht ausgestellt ist, reizvoll mit Spiegeln in Szene gesetzt.

    Julian Charriére ist schweizerisch-französischer Künstler mit bereits weltweitem Renommeé. Die Liste der Orte, an denen seine Werke gezeigt wurden, läßt kaum einen weißen Fleck auf der globalen Landkarte erscheinen. Aktuell lebt und arbeitet er in Berlin. Die nächsten Projekte sind in Vorbereitung für Venedig und Peking.

    In einer früheren Expedition hat sich Charrière bei Island auf einer großen Eisberg-Scholle absetzen lassen und ist auf die Spitze des Eises geklettert, wo er mit einem Propangas-Brenner 7 Stunden lang den Gletscher angeschmolzen hat. Solch eine paradoxe Aktion macht die Problematik drohender Naturzerstörung durch uns Menschen mit viel Humor großartig populär.

    In der Ausstellung ist ein weiterer Film zu sehen, der an die Decke projeziert wird. Er wurde aus der Perspektive von tief unter Wasser nach oben an die Oberfläche zum Tageslicht hin aufgenommen. Man schaut ihn am besten liegend auf den Liegesäcken an. Kanten von Eisschollen wirken darin plötzlich wie Raumschiffe.

    Einige aus der Tiefsee geborgene ausgestellte Objekte unterstreichen die Verschmelzung von Menschlichem und Natur wie z.B. überwucherte Teile von Schiffswracks.

    Die Kunst von Julian Charrière ist typisch für „Artistic Research“. Dabei betreiben KünsterInnen reale Forschung, aber nicht mit Statistiken und Tabellen, sondern mit künstlerischen Mitteln. Charrières Kunstwerke sind Wissenschaft, mit aufwändigen technischen Mitteln perfekt aufgenommen. Sie fordern durchaus unser naturwissenschaftliches Denkvermögen, um ihre Komplexizität voll zu erfassen. Das ist faszinierend. Doch ebenso ist es ein großer Genuss, die gezeigten Phänomene in ihrer Präsentation rein als Kunstwerke emotional auf uns wirken zu lassen, absolut ohne Gedanken an jegliche Uni-Vorlesung.

    Wieder einmal gibt das Kunstmuseum Wolfsburg Kunstwerken den Raum, der sie zur allerbesten Entfaltung bringt.

    Julian Charrière „Midnight zone“ im Kunstmuseumm Wolfsburg vom 14.März bis 12.Juli 2026. Tipp: Gönnen Sie sich eine professionelle Führung durch die Ausstellung. So erhöht sich bestimmt der Kunstgenuss durch besseres Verstehen.

  • „Gelbe Briefe“ Film von Ilker Çatak

    Ein deutscher Film erhält den Goldenen Bären der Berlinale 2026

    Wenn bei uns gelbe Briefe eintreffen, bedeuten sie auch meist nichts Gutes, denn sie kommen von Staatsanwaltschaften oder Gerichten. In der Türkei werden in gelben Umschlägen Entlassungsbriefe verschickt. Die Hauptfiguren Derya und Aziz erhalten solche Schreiben und verlieren gleich beide ihre Arbeit am Staatstheater und an der Universität in Ankara. „Gelbe Briefe“ erzählt die Geschichte der Familie einer erfolgreichen Schauspielerin und eines Dramaturgen sowie Uni-Professors, deren Lebengrundlage ihnen plötzlich mit fadenscheinigen Argumenten entzogen wird. Das Paar lebt mit einer pubertierenden Tochter in einem despotischen System, in dem kritische Stimmen zwar nicht getötet, aber durch Job-Verlust zum Schweigen gebracht werden. Wie soll man weitermachen?  Weiterhin ideologisch korrekt das System kritisieren oder sich an die Verhältnisse anpassen?

    Diese beiden Pole werden in der Beziehung von Derya und Aziz kontrovers, aggressiv, aber klug ausdiskutiert. „Meinst du immer noch, du kannst mit Kunst die Welt retten?“ fragt die Tochter den Vater. Letztlich nimmt Derya das Angebot einer lukrativen Rolle in einer Serie an, obwohl diese bei einem systemkonformen Sender läuft und sie ihre politischen Social-Media-Einträge löschen soll. Azis bleibt konsequent bei seiner kritischen Weltverbesserungs-Überzeugung. Der Unterschied der Einkommen bleibt folgerichtig auch nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung.

    „Gelbe Briefe“ sollte ursprünglich als türkischer Film komplett auf türkisch und auch in der Türkei vorbereitet und gedreht werden. Doch in den knapp 5 Jahren der Arbeit an dem Film änderte sich die politische und soziale Realität so, dass Regisseur Ilker Çatak, der seit Kindheit in Deutschland lebte, studierte und arbeitete, diese Sicht deutlich von außerhalb des Systems erzählen wollte. Reale Geschichten von Entlassungen und sogar Verhaftungen aus geringen konstruierten Anlässen waren ihm persönlich berichtet worden und Anlass für den Film. Letztlich entschied er sich für den Kunstgriff, dass die Produktion nach Deutschland verlegt werden sollte. So sehen wir jetzt Einblendungen: „Berlin ist Ankara“ und „Hamburg ist Istanbul“ und schon ist die Elbphilharmonie deutlich im Hintergrund, während in der Handlung die Darsteller mit dem Boot über den Bosporus fahren. Das irritiert und führt gleichzeitig zu Aufmerksamkeit.

    Die konfliktreichen Dialoge werden excellent von Tansu Biçer und Özgü Namal schauspielerisch umgesetzt. Beide sind gefeierte Schauspieler in der Türkei, was dem Film hochgradige Kompetenz verschafft. Die Ambivalenz und Zerrissenheit der Rollen werden fantastisch spürbar dargestellt.

    Doch dieser Film ist mehr als eine Beziehungsgeschichte in der Türkei. Es ist eine angstauslösende Botschaft, denkt man darüber nach, was jedem einzelnen von uns angesichts drohender politischer Wendungen passieren kann. Die Möglichkeit ist in letzter Zeit so nah gerückt, dass wir sie nicht einfach verdrängen können. Auch durch die Verzahnung der Orte im Film rückt die Handlung näher an unsere eigene Realität heran.

    Handwerklich ist „Gelbe Briefe“ in Regie, Kameraführung, Bild, Schnitt, Sprache und Ton perfekt sowie inhaltlich eine großartige Bereicherung, die fasziniert und erscheckt zugleich. Ein Kunstwerk!

    Die Berlinale ist das bedeutendste Filmfestival Deutschlands, das international hohe Aufmerksamkeit genießt. Dass nach 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ gewann, jetzt endlich wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären bekommt,  ist hoch erfreulich. Jury-Präsident Wim Wenders bestätigt in seiner Laudatio den „Gelben Briefen“ internationales Niveau und Aussagekraft.

    INTERVIEW:

    INArtberlin sprach mit Luzie Lohmeyer (Prokuristin und kaufmännische Leiterin bei if…Productions) direkt nach der Preisverleihung:

    I.B. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Goldenen Bären! Ihre Produktionsfirma if…Productions (Produzent: Ingo Fliess) ist ja ein recht kleines Unternehmen und jetzt haben Sie nach der Oscar-Nominierung für „Das Lehrerzimmer“ im vorletzten Jahr schon wieder ein Meisterwerk produziert!

    L.L.: „Wir sind total glücklich, doch es war eine hervorragende intensive Arbeit! Allen voran von Ilker Çatak, aber auch von unserem hoch motivierten Team, das sich während der Zeit immer wieder hinterfragt und dadurch stetig verbessert hat.“

    I.B.: Sie sind diejenige, die stets dafür sorgt, dass die organisatorische und besonders finanzielle Situation des Projektes gesichert ist?

    L.L.: „Genau, ich bin für die Zahlen verantwortlich. Das funktioniert nicht nur, weil ich Mathematikerin bin, sondern auch ein großes Herz für unsere Filmprojekte habe. Man muss sich gut in den Projekten auskennen, um bei den Förderanträgen und Investoren richtig zu argumentieren.

    Für „Gelbe Briefe“ hatten wir zunächst ein Budget von rund 1,5 Millionen Euro eingeplant, das uns für einen Film mit kompletten Dreharbeiten in der Türkei realistisch und finanzierbar schien. Als dann das Autorenteam von Ilker Çatak, Ayda Çatak und Enis Köstepen die Idee entwickelte, den Film ins Exil zu schicken und die Dreharbeiten nach Deutschland zu verlegen, waren wir alle sofort begeistert, auch wenn das auf einen Schlag fast eine Verdreifachung des notwendigen Budgets bedeutete. Weil wir den inhaltlichen Sinn so gut nachvollziehen konnten, war es für mich auch nicht so schwer, das den Geldgebern und Förderern überzeugend zu vermitteln. Natürlich half dabei der Erfolg von „Das Lehrerzimmer“, ebenfalls von Ilker Çatak, das ja eine Oscar-Nominierung erhalten hatte und mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden war. So konnten wir z.B. unsere wunderbaren französischen Koproduzenten Haut et Court für das Projekt gewinnen. Allerdings bedeutete dieser Erfolg auch eine große Herausforderung. Konnte ein zweites Mal ein solches Kunststück gelingen? Das Lehrerzimmer durfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Mit dem Goldenen Bären ist „Gelbe Briefe“ nun aus dem Schatten des „Lehrerzimmers“ herausgetreten.

    I.B.: Auffällig ist, dass überall nach staatlichen Fördergeldern gerufen wird.

    L.L: „Es stimmt, dass ohne solche Fördergelder kein Film dieser Größenordnung in Deutschland produziert werden kann. Schließlich müssen hohe Summen im Vorfeld für den Produktionsprozess aufgewendet werden, bevor an Einnahmen überhaupt zu denken ist. Von den Schauspielern bis hin zum gesamten Team müssen viele Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Hervorragende Schauspieler beanspruchen auch verdientermaßen mehr als kleine Gagen. Dazu kommen noch viele unsichtbare Kosten für Hotels, Flüge, Kinderbetreuung, Arbeits-genehmigungen und noch viel mehr. Durch die Produktionsverlegung musste beispielsweise für jeden türkischen Mitarbeitenden ein Arbeitsvisum beantragt werden. Das größte Problem bleibt aber, dass aktuell die Kosten enorm gestiegen sind, doch die Höhe der Fördersummen stehen bleibt.“

    I.B.: Wie hat es mit dem Film begonnen?

    L.L.: „Wir machen Autorenfilme, was bedeutet, dass wir an erster Stelle unseren Autoren vertrauen! Ilker Çatak kam mit der Geschichte vor fast 5 Jahren zu uns. Dieses Vertrauen bedeutet aber nicht, dass wir unsere Autoren allein lassen. Wir begleiten den Schreib- und Entwicklungsprozess intensiv. Ilker Çatak sucht aber sowieso stets einen konstruktiven Dialog mit uns, ist dabei super empathisch und kooperativ mit allen Beteiligten und behält dabei seine künstlerische Vision im Auge. Eine Zeit lang gab es sogar Zweifel, ob das Thema nicht an Aktualität und Relevanz verlieren könnte, bevor der Film fertig ist. Doch die politische Realität hat dies immer eindrücklicher bestätigt. Das Filmthema wuchs enorm an aktueller Bedeutung während der Produktionszeit.

    I.B.: Machen Sie sich Sorgen um die Schauspieler, die ja weiterhin in der Türkei leben?

    L.L.: „Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn der Film soll ja auch in der Türkei gezeigt werden. Das wurde mehrfach mit allen offen kommuniziert. Unsere türkischen Koproduzenten Liman Film sind dabei enorm wichtig und wir vertrauen auf ihre Einschätzung der Lage. Aktuell stehen alle hinter dem Projekt und es besteht die Hoffnung, dass eine internationale erfolgreiche Sichtbarkeit auch ein Schutz sein kann. Der Goldene Bär ist dafür hoffentlich der erste Faktor.“

    I.B. Nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Gespräch.

    Kinostart in Deutschland: 5. März 2026. Achtung: Wenn dieser deutsche Film in einem Kino als „OmU“ (Original mit Untertiteln) angekündigt wird, ist das Türkisch, aber auch ohne Sprachkenntnisse spannend, weil noch authentischer.