Es sind nur wenige Stufen ins Untergeschoss und schon versinkt man mittendrin: umschlungen vom Boden bis zur Decke in den Tiefen des Internets! Der canadische Künstler Jon Rafman (46) hat die Räume des K21 in Düsseldorf mit Tapeten, Teppichen und Vorhängen ausgelegt, verhängt und verkleidet und überall sind darauf wilde Collagen aus seinen im Netz gesammelten oder selbst generieren Bilder gedruckt. Man läuft auf Abbildungen von Sperrmüll oder Fantasy-Landschaften, sitzt auf Hockern mit fiktiven Gestalten oder in kleinen Boxen, wo das Mainstream -Media-Network des Künstlers läuft.
Nirgends entkommt man der Bilderflut des Internets, bzw des von Rafman umgestalteten Inhaltes der weltweiten Medienwelt. Er zeigt entstellte Fantasie-Tiere ebenso wie ultraschnelle Fahrten durch schwerste Katastrophen: durch Feuersbrünste aus Süd-Californien oder Kaufhäuser, in die Wasserwellen einstürzen. Die Perspektive ist immer so gewählt, dass man selbst mitten drin steht. Handys recken sich hoch, doch niemand flieht.
Jon Rafman nutzt Fotos und Bildsequenzen, die er im Internet findet, für seine Kunst. Beispielweise sammelt er seit 2008 Bilder, die die Google-Street-view-Kameras weltweit aufgenommen haben. Da entstehen völlig zufällig komische oder auch tragische Zufallsaufnahmen. Diese Serie heißt „Nine Eyes“, weil die Kamera auf den Autos 9 Objektive hat, und wurde zuletzt im Louisiana Museum in Kopenhagen gezeigt.
Hier in Düsseldorf sind zusätzlich Videos zu sehen, die Geschichten einzelner Fotos weitererzählen: Ein schrecklicher Autounfall, ein Mann hockt verzweifelt am Fahrbahnrand:
Der Sprecher (Jon) berichtet er habe 10 Jahre später eine E-Mail bekommen, in der sich der Mann vom Straßenrand massiv beschwert, dass er, Jon Rafmann seinen Unfall einfach öffentlich gemacht hat ohne ihn zu fragen. Man erfährt, dass er bei diesem Unfall seine geliebte Freundin verloren hat. Er sei betrunken gefahren und deshalb zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Es folgt eine Todesdrohung gegen den Künstler. Dies alles ist so echt dargestellt, dass man sich fragt, ob diese Geschichte real ist. In der Ausstellungsbeschreibung erfährt man, dass Jon Rafman mit Leuten zusammenarbeitet, die sich Internet-Stories ausdenken. Mittels einer Software, die „Text to Picture“ verarbeitet, entstanden so aus erfundenen Geschichten auch gleich ganze Videos. Jon Rafman bestätigt, dass er mit der Spannung zwischen Realität und Fiktion spielt.
„Dream Journal 2016-2019“ ist ein Animationsfilm in Spielfilmlänge, der schon auf der Biennale in Venedig 2019 faszinierte. Es zeigt eine Mischung aus Träumen und Alpträumen. Eine junge Frau läuft in immer neue surreale Räumen und Landschaften, trifft auf sich wandelnde Gestalten, mal gut, mal verschlingend. Es ist zeitweise idyllisch schön, dann wieder kommt ein gefräßiges Loch und schluckt alles. Es wird sich erbrochen und es fließen Ströme von Bluttropfen. Rafman vermittelt Emotionen wie Angst und Ekel. Doch wie von Geisterhand landet die junge Frau erneut in einer anheimelnden Atmosphäre. Ich hatte mich sehr gefreut, jetzt in Düsseldorf endlich lange Strecken des Films anzuschauen, denn die Grafik ist herrlich kreativ und bildgewaltig. Doch mit zunehmender Dauer hat es Jon Rafman geschafft, dass ich nur noch fliehen wollte. So immersiv eindringlich wirken die Massen an Bildern, die Überflutung gruseliger Szenen, selbst, wenn sie eindeutig technisch, teils mit KI künstlich generiert sind.
KI generiete StarsKI generierte Stars
Jon Rafman geht von der These aus, dass es keinen Mainstream mehr gibt, weder in der Musik, denn es gibt kein MTV mehr, noch im kollektiven Informationsbereich. Früher, als wir alle Fernsehen schauten, wusste am Montag der Großteil des Landes, was Samstag bei Wetten Dass? gezeigt oder in der Tagesschau berichtet wurde. Inzwischen bedienen sich die Menschen selbst personalisierter Informationsquellen im Internet. Den Künstler interessiert die Wirkung dieser Entwicklung auf eine Gesellschaft. Finden sich noch gemeinsame Themen, über die man spricht oder zerbricht der Individualismus jedes Wir-Gefühl und einen zwischenmenschlichen Zusammenhalt?
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Digitale Techniken gewinnen in der Kunst zunehmend an Bedeutung. Es werden die gleichen Technologien wie in der Gamer-Szene genutzt, jedoch für künstlerische Darstellungen. So entstehen durchaus Kunstwerke als Ausdruck spezifischer Botschaften und Visionen. Digitale Werke wie die von Jon Rafman werden ihren Platz in der Kunstszene zunehmend erobern, ähnlich wie es auch die künstlerische Fotografie vorgemacht hat.
So vereinnahmend und überbordend die Ausstellung in Düsseldorf auch ist , so fantastisch ist es zugleich, sich dieser verrückten Welt außerhalb der Wirklichkeit auszusetzen und sie genussvoll zu erleben. Es ist ein absolut empfehlenswertes Hightlight der Ausstellungen des Sommers. Sehr angenehm wirkt die aufwändige deutsche Untertitelung vieler Filme, die es sehr erleichtert, die Pointen zu verstehen.
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Jon Rafman: „Main-Stream-Media” im K21 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf , 30.5.2026 – 27.9.2026
2025 war ein Jahr, in dem die Kunstwelt globale Themen, historische Reflexionen und technische Experimentierfreude gleichermaßen auf die großen Bühnen brachte. Diese Top Fifteen Hitliste versammelt Ausstellungen, Werke und Projekte, die durch Größe, Intensität, öffentliche Wirkung oder inhaltliche Dringlichkeit herausstachen. Die Auswahl orientiert sich an künstlerischer Innovationskraft, gesellschaftlicher Relevanz und der Fähigkeit, Zuschauer nachhaltig zu berühren. Ereignisse von monumentalen Retrospektiven bis zu subversiven Interventionen.
1. William Kentridge in Essen und in Dresden
William Kentridge bleibt der große Meister der multimedialen Bild- und Bühnenpoesie: seine Kombination aus Zeichnung, Animation, Film und Performance setzt sich mit der Kolonialgeschichte Afrikas und Erinnerung an politische Gewalt, nicht nur in den Goldminen Südafrikas auseinander. Im Folkwang-Museum Essen sind riesige Zeichnungen und Videos mit viel Selbstironie zu entdecken. Multimediale Installationen wie das kleine Welttheater sind auch handwerkliche Kunststücke. In Berlin gab es mit der Aufführung „The Great Yes and the Great No“ zusätzlich ein Bühnenwerk des vielseitigen Künstlers zu sehen. Spätestens seit der dOCUMENTA(13) ist sein Werk wegweisend für zeitgenössische Kunst und inzwischen auch Plichtstoff im Katalog für den Oberstufenunterricht an NRW-Gymnasien.
2. „WIR“ im Forum Kunst des Bundestags in Berlin
Kennen Sie das Grundgesetz? Die ersten 19 Artikel beinhalten die Menschenrechte. Für jeden Artikel wurde ein international bekannter Künstler beauftragt, ihn künstlerisch darzustellen. Die Verknüpfung von Verfassung, Bürgerrechten und künstlerischer Praxis verwandelt den Ausstellungsraum in einen Ort der politischen Bildung und Debatte, aber außergewöhnlich nur mit künstlerischen Mitteln. So wird ein Gesetzestext herrlich lebendig. Hätten Sie gedacht, dass beispielsweise ein Kunstwerk über das Postgeheimnis nicht nur ästhetisch großartig, sondern auch hochaktuell sein kann? Schließlich ist dieser Paragraf Grundlage für jegliche Datenschutzregelungen in allen Medien.
3. Jon Rafman: „Nine Eyes“
Dass das Louisiana-Museum für Moderne Kunst nicht in Amerika, sondern ganz in der Nähe in Dänemark in Humlebaek bei Kopenhagen liegt, war für sich schon eine prima Entdeckung. Doch die Arbeit von Jon Rafman begeisterte gleich wegen ihrer künstlerischen Idee. Im Prinzip ist es Konzeptkunst, denn es ist nur eine Sammlung zufälliger skurriler Fotos von Google-Street-View-Aufnahmen. Aber auch die Präsentation ist eindrücklich. Jon Rafmans Arbeit beleuchtet überraschende, verstörende und poetische Momente des Alltags unter der Bedingung digitaler Überwachung. „Nine Eyes“, benannt nach der Kamera auf den Google-Autos mit 9 Objektiven, fasst diese Funde zu einer Reflexion über Blick, Zufall und das fotografische Archiv unserer Zeit zusammen.
4. Tony Cragg: “Line of Thoughts” im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal
Tony Craggs skulpturale Erforschung von Material, Form und Raum findet in dem wunderschönen Natur-Ambiente des Parks eine passende, kontemplative Einbindung. Die Ausstellung setzt Akzente zwischen organischer Gestalt, industrialer Materialität und provoziert neue Wahrnehmungsweisen im Lichtspiel zwischen den Bäumen. Tony Craggs Werke werden seit langem weltweit hochpreisig gehandelt. Die Zeitschrift KAPITAL setzt ihn auf Platz 5 der TOP 100 ihres Kunstkompasses. So sind auch in der diesjährigen Ausstellung seiner aktuellen Werke wieder neuartige Skulpturen, jetzt sogar aus Glas zu bewundern.
5. Victor Vasarely-Museum in Aix en Provence
Victor Vasarely war eher eine Wiederentdeckung in diesem Jahr, ein Deja-vue früherer Studentenzeiten mit Postern an WG-Zimmer-Wänden. Die Fondation in Aix en Provence würdigt Vasarelys Vermächtnis als Begründer der Op Art. Es ist beeindruckend, dass Vasarely seine optischen Effekte mit einer Dreidimensionalität ganz ohne Computergrafik gestalten konnte. Im Museum werden die Werke überdimensioniert bis zu 7m Höhe in 6-eckigen Räumen gezeigt, was ihre Effekte noch intensiviert.
6. Sigmar Polke in Arles, „Sous les paves, la terre“ (Unter dem Pflaster liegt die Erde)
Die Retrospektive in der Fondation Vincent van Gogh in Arles stellte sein spielerisches, zugleich kritisches Werk in den Mittelpunkt. Sigmar Polke zeichnete sich aus durch Experimente mit Material, ironischen Bildpolitiken und einem konsequent offenen, heterogener Stil, der traditionelle Kategorien sprengte. Als scharfsichtiger Beobachter und genialer Kopf, der sich stets neu erfand, brauchte Polke auch gar keinen einschränkenden STIL, weil er sich letztlich durch seine vielschichtigen Facetten ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte.
7. Ayoung Kim: „Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof Berlin
Die Präsentation der Preisträgerin des Guggenheim New York 2025 war wieder ein Beispiel für die Arbeit des Kuratoren-Teams Fellrath/Bardaouil, die so oft Künstlerinnen neu präsentieren, die uns überrascht aufmerken lassen, welche innovativen Tendenzen in der aktuellen Kunst existieren. Ayoung Kim zeigte mit allen erdenklichen technischen Finessen, wie eine utopische Idee künstlerisch umgesetzt werden kann. Ist unsere Welt nur eindimensional? Oder existieren in einem aufgelösten Raum-Zeit-Kontinuum parallele Welten? Und was passiert, wenn sie durchdringbar werden? Ein Training für unsere Vorstellungskraft über physikalische und soziale Denkschemata.
8. Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind“ in Amsterdam
Wenn Anselm Kiefer etwas Neues schafft, dann muss es gross, riesig, gigantisch sein! So war die Ausgestaltung des repräsentativen Museums-Treppenhauses des Stedelijk-Museums in Amsterdam erneut überirdisch. Um die Monumentalität noch zu betonen, ließ er seiner beteuerten Freude an Blattgold zusätzlichen freien Lauf. Beim Betreten des immersiven Werkes waren durchaus Begeisterungs-Emotionen angebracht. Leider war der Auftritt des Künstlers nicht gerade respektvoll seinem Publoikum gegenüber, was die Bewertung in diesem Ranking negativ beeinflusst. Trotzdem ist die Idee, das alte Antikriegslied von Pete Seeger und Marlene Dietrich (deutsch) genau in dem Moment zu thematisieren, als in Deutschland wieder erste Worte über eine allgemeine Wehrpflicht fielen, großartig gewählt.
9. Christian Marclay „The Clock“
Christian Marclays „The Clock“ wurde zu Recht zu einem Jahrhundert-Kunstwerk gekürt. Das Schlüsselwerk der Videokunst erzeugt als 24 stündige Montage von Filmzitaten, die jeder Minute einer realen Uhrzeit entsprechen, ein überzeugendes Bewusstsein für Zeit, Kino und kollektive Erinnerung. Im März wurde The Clock in Stuttgart gezeigt, doch hier ein wichtiger Tip: The Clock ist nicht nur für Kunstfanatiker ein Must-See und es kann erneut vom 29.11.25 bis 25.1.26 in der neuen Nationalgalerie in Berlin erlebt werden.
10. Castello di Rivoli, Museum für Contemporary Art, bei Turin
Das Castello di Rivoli bestätigte erneut seine Rolle als ein europäisches Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der Besuch ist ein Genuss aus Klassikern der Contamporary Art in dem romantischen Ambiente eines nur vorsichtig rekonstruierten alten Castell. Eine Sonderausstellung zeigte die vielseitige Arbeit von Enrico David.
11. Das LUMA, Frank Gehry’s Kunstpalast in Arles
Dem alten Industriegelände in Arles hat Frank Gehry mit seinem Turm, der zu jeder Tageszeit herrliche Spiegelungen zeigt, eine Sehenswürdigkeit, das LUMA beschert, das selbst das eigentliche Kunstwerk ist. Der markante Beitrag von Frank Gehry symbolisiert einen Schnittpunkt von Architektur, Kunst und Kulturförderung. Gehry’s Bau verändert auch hier das Stadtbild durch architektonische Kunst wie in Paris und Bilbao. Man spricht inzwischen als Fachausdruck vom „Bilbao-Effekt“. Dort hat das spektakuläre Guggenheim Museum von Frank Gehry die heruntergekommene Industriestadt zu neuer Blüte erweckt. Nicht nur Arles wäre das zukünftig auch zu wünschen.
12. Christoph Niemann, Zeichner mit Biss und Herz in Oldenburg
Christoph Niemann verbindet Comic und Präzision mit visueller Klarheit — seine „Randnotizen“ übersetzen Alltag, Politik und Popkultur in reduzierte, pointierte Zeichnungen. Die Oldenburger Schau zeigte die leichthändige, doch oft tiefsinnige Kraft der Illustration. Doch ebenso werden seine berühmten Cover-Grafiken für internationale Magazine wie den „New Yorker“ präsentiert.
13. Monira Al Qadiri und die Ölindustrie: Berlinische Galerie und KIASMA in Helsinki
Die kuwaitische Künstlerin mit marokkanischen Wurzeln thematisiert jeweils die kulturellen und ökonomischen Folgen der Ölindustrie durch beliebte ballonartige Skulpturen oder buntlackierte Nachbildungen von Bohrköpfen. In Berlin zeigt sie eine Installation aus Modellen von Ölfrachtern und LNG-Terminals. Außerdem sind Videoarbeiten und Glasskulpturen bedrohter Tiefseeorganismen von ihr bekannt. Ihre Arbeiten setzen Energiepolitik, Identität und Ästhetik in Beziehung und erzeugen so eine kritische Reflexion über Ressourcen, Gewalt und Zukunft.
14. „Utopia, Recht auf Hoffnung“ Kunstmuseum Wolfsburg
Die Ausstellung „Utopia, Recht auf Hoffnung“ versammelt künstlerische Entwürfe von Zukunft und Solidarität: sie fragt danach, welche Bilder von Hoffnung und politischem Möglichsein heute nötig sind und wie Kunst Räume für utopische Vorstellungskraft öffnet. Viele wunderschöne oder tiefsinnige Arbeiten finden sich zu einem vielfältigen Kunsterlebnis zusammen. Die KünstlerInnenliste ist lang und voller renomierter Namen, so dass es große Freude bereitet, viel Zeit in der Ausstellung zu verbringen. Die ist auch notwendig, weil die große Zahl hervorragender Filme auf keinen Fall ausgelassen werden sollte.
15. Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europa
Der „Purple Path“ mit seinen 32 Kunstobjekten ist der eigentliche Schatz der Kulturhauptstadt 2025. Internationale Künstlerinnen und Künstler schufen ortsspezifische Skulpturen und Installationen nicht nur in Chemnitz, sondern auch in vielen kleinen Gemeinden um die Stadt herum. Sie bleiben und sollen den sonst vergessenen Orten eine spezifische aufwertende Identität geben. Leider ist es aufwändig, alle Werke aufzusuchen, denn oft trennen 20 bis 30 Minuten Fahrt mit dem Auto die Objekte voneinander. Doch die Schatzsuche lohnt sich! Zum Abschluss wird das letzte Projekt des Purple Path in Oelsnitz am 28.11.2025 eröffnet: eine Lichtskulptur von James Turrell.
Epilog: Diese Auswahl ist in ihrer Reihenfolge nicht so absolut zu werten. Vielmehr ist es ein Versuch, die facettenreichsten Eindrücke des Kunstjahres 2025 zu bündeln: von politischen Interventionen über retrospektive Rezeption bis zu technisch ästhetischen Grenzgängen. Jedes genannte Erlebnis verdiente 2025 besondere Aufmerksamkeit — als Moment, in dem Kunst ihre Fähigkeit zur Veränderung und zum Nachdenken eindrücklich bewies.
Das bizarre Bild unserer Straßen durch Google-Augen
Foto: Biennale Venezia
„Nine Eyes“ bezieht sich auf die Installation einer Kugelkamera mit 9 Objektiven auf den Dächern der Fahrzeuge, die für Google-Street-View auf der ganzen Welt die Straßen abgefahren sind, um sie mit Millionen von Fotos zu dokumentieren. Google begann das Projekt 2006.
Seit 2008 sammelt der 43 jährige kanadische Künstler Jon Rafman Bilder, die von diesen Kameras mit zufällig besonderen Motive aufgenommen wurden und im Internet zu finden sind.
Australien 2025
Zu Beginn der Aktivitäten von Google-Street-View gab es bereits Vorwürfe und Diskussionen über die hierdurch entstehenden Verletzungen von Persönlichkeitsrechten und ethischen Grundsätzen bei Veröffentlichung von Bildern, die nicht autorisiert waren. Große juristische Sanktionen gab es bisher nicht. Google selbst stiehlt sich aus der Verantwortung, indem sie auf jedem Foto ein zartes Wasserzeichen einbauen mit dem Schriftzug „report a concern“ (Bedenken melden!). Angeblich führt ein direkter Link auf eine Seite, wo jedermann Beschwerden anmelden kann und soll. Gedacht ist an Probleme mit der Sichtbarkeit der eigenen Person oder des eigenen Hauses. Ebenso können Bedenken gegen anstößige Motive gemeldet werden. John Rafman hat für seine Ausstellung bei einigen Motiven sicherheitshalber die Gesichter selbst zusätzlich verpixelt.
Italien 2012
Da die Google-Kameras völlig undifferenziert alles aufgezeichnet haben, was am Straßenrand passierte, ergaben sich teilweise spannende lustige und skurrile, aber auch erschreckende Szenen. Die Kamera-Fahrzeuge sind ja gut zu erkennen, so dass sich häufiger Menschen einen Spaß gemacht haben, einen Stinkefinger zu zeigen oder ihre Hosen herunterzuziehen. Doch auch ohne diese Motive enthält die Sammlung von Rafman viel Humor und Ironie. Die ungestellten puristischen Fotos vermitteln stets den verblüffenden Charakter eines Schnappschusses.
Norwegen 2011
Louisiana liegt nicht nur in den USA sondern erstaunlicherweise auch in Dänemark: das „Louisiana Museum für moderne Kunst“ in Humlebaeck nahe Kopenhagen ist eins der weltweit wichtigsten Museen dieser Art.
Die aktuelle Ausstellung von Jon Rafman dort trägt auch den Zusatz: „2008 bis 25“. Sie zeigt die Google Fotos in einer speziellen Aufbereitung durch den Künstler, was nicht unumstritten bleibt. Er hat sie ja nicht selbst aufgenommen, sondern lediglich zufällig im Internet gefunden und zusammengestellt. Es ist sozusagen „nur“ eine kuratorische Leistung. Andererseits ist die Idee und das Konzept weit mehr als das.
Präsentiert werden die Internet-Fotos sowohl in Form von großen gerahmten Hochglanzbildern, als auch in einer Serie von Abzügen in lediglich Postkartengröße. Außerdem gibt es eine Dia-Show auf großer Leinwand. Das Besondere der Präsentation ist das immersive Erlebnis, das durch die komplette Wand- und Bodengestaltung mit Teppichen und schweren Vorhängen entsteht, die mit Collagen von Fotos der Sammlung bedruckt sind. Die Besucher sind hierdurch selbst Teil einer beliebigen Straßenszene, so dass sofort die Erwartung entsteht, ein Google-Fahrzeugt könne plötzlich um die Ecke biegen und auch hier seine Aufnahmen machen.
Es ist leider nicht immer nachvollziehbar, wie die einzelnen Bilder in den Foto-Gruppen untereinander korrespondieren sollen. Da sind die Gegenüberstellungen von immer zwei Fotos in dem Begleitbuch mit 464 Abbildungen wirklich fantastisch, ein echter Schatz und jede dänische Krone wert. Außerdem sind hierin bei jedem Foto der Ort und das Aufnahmejahr verzeichnet, was sehr hilfreich ist.
Rotterdam 2009 – Japan 2025
John Rafman veröffentlichte seine gesammelten Fotos zunächst nur sporadisch online, bis 2010 in Linz in Österreich die erste dokumentierte institutionelle Ausstellung stattfand. Kurze Zeit darauf gab es in einer Galerie in New York ebenfalls eine Einzelpräsentation. Seither führt der Künstler das Projekt weiter, indem er ständig neue Fotos im Netz sucht, in seine Sammlung integriert und auch weltweit live präsentiert.
Jon Rafman arbeitet als Künstler stets mit aktuellen medialen Techniken inklusive artificial intelligence. So zeigte er z.B. als Beitrag zur Venedig-Biennale 2019 einen excellenten surrealistischen Animationsfilm:“Dream Journal“. Träume, eher Alpträume werden darin bunt und gruselig dargestellt.
Die künstlerische Qualität von „Report a concern““ ist vielleicht diskutabel, doch es handelt sich letztlich auch um eine historische Dokumentation des aktuellen Zeitgeistes, ein weltumspannendes Spiegelbild von realen menschlichen Lebenssituationen. Die Aufnahmen wurden nicht zu einem bestimmten Ereignis angefertigt, wie für eine Zeitung. Sie sind nicht inszeniert wie bei Jeff Wall, verkörpern jedoch trotzdem die besondere Spannung des zufälligen Augenblickes. Es sind die ungeschönten Einblicke in Momente auf einer beliebigen Straße. Die Stärke der Arbeit von Jon Rafman ist dabei der Prozess des Auswählens und Zusammenstellens, dementsprechend als „artistical research“ anzusehen. Wertvoll hierfür ist auch der Zeitraum von bereits 17 Jahren und die permanente Fortführung, die das Projekt lebendig erhalten wird.
„Report a concern“: „Nine Eyes“ by Jon Rafman im Louisiana-Museum in Humlebaek (Dänemark) vom 8. Oktober 2025 bis 11. Januar 2026.