Das bizarre Bild unserer Straßen durch Google-Augen



„Nine Eyes“ bezieht sich auf die Installation einer Kugelkamera mit 9 Objektiven auf den Dächern der Fahrzeuge, die für Google-Street-View auf der ganzen Welt die Straßen abgefahren sind, um sie mit Millionen von Fotos zu dokumentieren. Google begann das Projekt 2006.
Seit 2008 sammelt der 43 jährige kanadische Künstler Jon Rafman Bilder, die von diesen Kameras mit zufällig besonderen Motive aufgenommen wurden und im Internet zu finden sind.

Zu Beginn der Aktivitäten von Google-Street-View gab es bereits Vorwürfe und Diskussionen über die hierdurch entstehenden Verletzungen von Persönlichkeitsrechten und ethischen Grundsätzen bei Veröffentlichung von Bildern, die nicht autorisiert waren. Große juristische Sanktionen gab es bisher nicht. Google selbst stiehlt sich aus der Verantwortung, indem sie auf jedem Foto ein zartes Wasserzeichen einbauen mit dem Schriftzug „report a concern“ (Bedenken melden!). Angeblich führt ein direkter Link auf eine Seite, wo jedermann Beschwerden anmelden kann und soll. Gedacht ist an Probleme mit der Sichtbarkeit der eigenen Person oder des eigenen Hauses. Ebenso können Bedenken gegen anstößige Motive gemeldet werden. John Rafman hat für seine Ausstellung bei einigen Motiven sicherheitshalber die Gesichter selbst zusätzlich verpixelt.


Da die Google-Kameras völlig undifferenziert alles aufgezeichnet haben, was am Straßenrand passierte, ergaben sich teilweise spannende lustige und skurrile, aber auch erschreckende Szenen. Die Kamera-Fahrzeuge sind ja gut zu erkennen, so dass sich häufiger Menschen einen Spaß gemacht haben, einen Stinkefinger zu zeigen oder ihre Hosen herunterzuziehen. Doch auch ohne diese Motive enthält die Sammlung von Rafman viel Humor und Ironie. Die ungestellten puristischen Fotos vermitteln stets den verblüffenden Charakter eines Schnappschusses.


Louisiana liegt nicht nur in den USA sondern erstaunlicherweise auch in Dänemark: das „Louisiana Museum für moderne Kunst“ in Humlebaeck nahe Kopenhagen ist eins der weltweit wichtigsten Museen dieser Art.
Die aktuelle Ausstellung von Jon Rafman dort trägt auch den Zusatz: „2008 bis 25“. Sie zeigt die Google Fotos in einer speziellen Aufbereitung durch den Künstler, was nicht unumstritten bleibt. Er hat sie ja nicht selbst aufgenommen, sondern lediglich zufällig im Internet gefunden und zusammengestellt. Es ist sozusagen „nur“ eine kuratorische Leistung. Andererseits ist die Idee und das Konzept weit mehr als das.


Präsentiert werden die Internet-Fotos sowohl in Form von großen gerahmten Hochglanzbildern, als auch in einer Serie von Abzügen in lediglich Postkartengröße. Außerdem gibt es eine Dia-Show auf großer Leinwand. Das Besondere der Präsentation ist das immersive Erlebnis, das durch die komplette Wand- und Bodengestaltung mit Teppichen und schweren Vorhängen entsteht, die mit Collagen von Fotos der Sammlung bedruckt sind. Die Besucher sind hierdurch selbst Teil einer beliebigen Straßenszene, so dass sofort die Erwartung entsteht, ein Google-Fahrzeugt könne plötzlich um die Ecke biegen und auch hier seine Aufnahmen machen.

Es ist leider nicht immer nachvollziehbar, wie die einzelnen Bilder in den Foto-Gruppen untereinander korrespondieren sollen. Da sind die Gegenüberstellungen von immer zwei Fotos in dem Begleitbuch mit 464 Abbildungen wirklich fantastisch, ein echter Schatz und jede dänische Krone wert. Außerdem sind hierin bei jedem Foto der Ort und das Aufnahmejahr verzeichnet, was sehr hilfreich ist.

John Rafman veröffentlichte seine gesammelten Fotos zunächst nur sporadisch online, bis 2010 in Linz in Österreich die erste dokumentierte institutionelle Ausstellung stattfand. Kurze Zeit darauf gab es in einer Galerie in New York ebenfalls eine Einzelpräsentation. Seither führt der Künstler das Projekt weiter, indem er ständig neue Fotos im Netz sucht, in seine Sammlung integriert und auch weltweit live präsentiert.
Jon Rafman arbeitet als Künstler stets mit aktuellen medialen Techniken inklusive artificial intelligence. So zeigte er z.B. als Beitrag zur Venedig-Biennale 2019 einen excellenten surrealistischen Animationsfilm:“Dream Journal“. Träume, eher Alpträume werden darin bunt und gruselig dargestellt.


Die künstlerische Qualität von „Report a concern““ ist vielleicht diskutabel, doch es handelt sich letztlich auch um eine historische Dokumentation des aktuellen Zeitgeistes, ein weltumspannendes Spiegelbild von realen menschlichen Lebenssituationen. Die Aufnahmen wurden nicht zu einem bestimmten Ereignis angefertigt, wie für eine Zeitung. Sie sind nicht inszeniert wie bei Jeff Wall, verkörpern jedoch trotzdem die besondere Spannung des zufälligen Augenblickes. Es sind die ungeschönten Einblicke in Momente auf einer beliebigen Straße. Die Stärke der Arbeit von Jon Rafman ist dabei der Prozess des Auswählens und Zusammenstellens, dementsprechend als „artistical research“ anzusehen. Wertvoll hierfür ist auch der Zeitraum von bereits 17 Jahren und die permanente Fortführung, die das Projekt lebendig erhalten wird.
„Report a concern“: „Nine Eyes“ by Jon Rafman im Louisiana-Museum in Humlebaek (Dänemark) vom 8. Oktober 2025 bis 11. Januar 2026.

























