Gold und Krieg und Gigantomanie


„Ich beschäftige mich mit dem, was in der Welt passiert und dann zeigt sich automatisch das in meinen Bildern.“ So kommentiert Anselm Kiefer, einer der bedeutendsten deutschen Künstler, beim Opening in Amsterdam die Ideengrundlage für seine Arbeit .

Hier wird nicht nur eine umfangreiche Retrospektive über Anselm Kiefer anläßlich seines 80. Geburtstages am 8.3.25 präsentiert. Vielmehr schuf der Künstler auch ein neues gigantisches Kunstwerk, das eindrucksvoll das Treppenhaus des klassischen Baus des Stedelijk-Museums ausfüllt.

„Sag mir wo die Blumen sind“ ist dessen Titel, zitiert nach dem berühmten Antikriegs-Song von Pete Seeger, der seine tiefgreifende Wirkung erst mit der deutschen Version von Marlene Dietrich entfaltete.
Anselm Kiefer arbeitet hier nicht nur mit seinen typischen dick pastös aufgetragenen Farben, sondern auch mit Gräsern und Blüten. Metallmasken und große Mengen gefärbter und verschlissener Uniformen an Kleiderstangen führen zu einer hohen Dreidimensionalität der Assemblage, bestreut mit verwelkten Blütenblättern.



„Über den Gräbern weht der Wind“ steht über dem zentralen Gemälde, das völlig eindeutig einen Leichnam zeigt.
„Ich habe schon immer gern mit Gold gearbeitet, doch als ich jünger war, konnte ich mir immer nur kleine Mengen leisten.“ Das scheint jetzt kein Problem mehr zu sein, denn auf der aktuellen Installation ist etwa die Hälfte der etwa 500 qm mit Gold bedeckt.

Eine schöne Ergänzung der Ausstellung ist ein Film, bei dem ein Tänzer vor den Bildern, als sie noch im Atelier in Frankreich standen, diese thematisch performativ interpretiert.


Die Ausstellung ist die erste Zusammenarbeit zwischen Stedelijk- und Van Gogh-Museum, obwohl beide Häuser direkt nebeneinander stehen. Thematisch konzentriert sich der Teil im Van Gogh-Museum auf den Bezug der beiden außergewöhnlichen Künstler zueinander. Anselm Kiefer hatte als 17Jähriger eine Förderung für eine Bildungsreise erhalten und fuhr in Zeiten, als noch nicht jede Familie Urlaubsreisen bezahlen konnte, auf eigenen Wunsch auf den Spuren van Goghs nach Holland und Belgien bis Südfrankreich. „Auch van Gogh hat seine Bilder genau konstruiert. Uns ist z.B. gemeinsam, dass wir die Grenze zum Himmel entweder sehr tief oder sehr hoch plazieren.“ So hängen jetzt die alten Kornfelder direkt gegenüber denen von Kiefer aus echtem Stroh und Gräsern, wobei der Unterschied in der Größe nicht als Qualitätsmaßstab gelten darf.


Wenn Anselm Kiefer etwas schafft, dann ist das in erster Linie monumental, gigantisch groß. Das ist schon allein überwältigend. Doch auch die ästhetische Präsenz und eindeutige Aussage erheben die Installation zu einem beeindruckenden Kunstwerk.

Dass das Anti-Kriegsthema gerade heute ultra aktuell ist, wenn über Aufrüstung und Atom-Schutzschirm in allen Nachrichten gesprochen wird und männlich narzistische Staatsmänner sich gegenseitig bedrohen, ist eine erstaunliche Koinzidenz mit der Eröffnung der Ausstellung.
Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind.“ Amsterdam, 7. März nur bis 9. Juni 2025.
Songtext Marlene Dietrich 1962 (Auszug)
Sag mir, wo die Blumen sind.
Wo sind sie geblieben?..
Mädchen pflückten sie geschwind.
Wann wird man je verstehn?
Sag mir, wo die Männer sind.
Wo sind sie geblieben?
Zogen fort, der Krieg beginnt…
Sag, wo die Soldaten sind
Wo sind sie geblieben?
Über Gräbern weht der Wind…
Sag mir, wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben?….
Wann wird man je versteh’n?




