Wie das Denken trotz Unterdrückung einen Weg in die Freiheit findet






„Es ist eine Biennale des Denkens.“ So beschreibt Zasha Colah, die Kuratorin aus Mumbai und Turin ihre Ausstellung. Bereits während der Pressekonferenz ist der Nachhall der Documenta 15 zu spüren. In den Reihen der Künstler*Innen sitzt eine bunte Mischung von Menschen aus vielen entlegenen Weltregionen.

Etwa 60 künstlerischen Positionen werden gezeigt, hier eine Auswahl!
Han Bing, 1978 in Yuzhou in China geboren, führte erstmals 2000 eine Performance auf, mit der sie auf die Übermilitarisierung und Armut in Kaschmir aufmerksam machen wollte: er ging mit einem kleinen Wägelchen an der Leine, auf den ein Kohlkopf montiert war, gassi auf dem Tiananmen-Platz in Peking wie mit einem Hund. Kohl ist in China das Grundnahrungsmittel armer Menschen. Ihre Protestaktion fand in anderen Ländern Nachahmer. Jetzt spaziert Han Bing durch Berlin. Warum? „Die Absurdität dieser performativen Spaziergänge in der Stadt kehrt die Logik ungerechtfertigter Gewalt um.“ heißt es im Katalog.


Simon Wachsmuth 1964 in Hamburg geboren, Teilnehmer der Documenta 12, lebt in Berlin und widmet sich als Konzeptkünstler marginalen, aber exemplarischen historischen Ereignissen. Für die Biennale hat er die Geschichte von John Hardfield und Rudolf Schlichter aufbereitet. Die beiden Künstler hatten in den 1920iger Jahren für die erste DADA-Messe die Attrappe eines Offiziers mit einer Schweinemaske versehen, aufgehängt und mit einem Schild versehen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Die Künstler wurden wegen Beleidigung der Reichswehr angezeigt.



Im aktuellen Filmbeitrag von Simon Wachsmuth marschiert ein Mann in Uniform mit einem Schweinekopf über das Tempelhofer Feld. Im nächsten Akt sitzt er in einem Verhör einem Haftrichter gegenüber. Beide führen ein höchst skurriles dadaistisches Gespräch miteinander über Sinn und Schuld. Dies sei laut Katalog „eine Anspielung auf die Instrumentalisierung des Justizsystems zur Unterdrückung des kreativen Wirkens von Kunstschaffenden.“

Die Argentinierin Kiki Roca brachte aus Cordoba einen riesigen BH mit. Sie zog mit ihrer Gruppe von Aktivistinnen mit diesem Teil 1995 durch ihre Stadt, um die Unsichtbarmachung von Frauen im Land auch nach dem Ende der Militärdiktatur ironisch karnevalistisch anzuprangern.



Leicht verständlich ist auch eher die Installation von Etceteta aus Buenos Aires: LIBERATE MARS. Federico Zukerfeld aus dieser Künstlergruppe erklärt: „Der Weltraum ist voll in der Hand von Wirtschaftskonzernen, allen voran Space X von Elon Musk. Das darf nicht sein. Wir müssen ihn wieder befreien.“ Die Gruppe kommt aus dem sog. Lithium-Dreieck in Südamerika, das rücksichtslos von Elektronik-Konzernen ausgebeutet wird. Das Video zeigt die verödete Landschaft dort, die wie auf dem Mars aussieht. Ein technischer Trick projeziert uns Besucher*Innen in den Film hinein, denn wir alle sind Nutzer dieser Ausbeutung.



Spannend ist auch die Geschichte von Sawangwongse Yawnghwe. Er gestaltet im Dachboden des KW-Instituts das Versteck eines Jungen, der sich als „Der Joker“ inszeniert. Er erstellt Listen aller Art, z.B. über den Besitz von Waffen sortiert nach Ländern. Das Hauptquartier des Jokers ist ein Gesamtkunstwerk „in Form eines Scherzes“. Lustig ist die Geschichte des Künstlers allerdings nicht. Sein Elternhaus war ein Palast in Burma, heute Myanmar, der gestürmt und zerstört wurde. Das Papiermodell in der Installation ist das Abbild des Palastes. Der Joker gilt als „störendes Element in der Gesellschaft. Er bringt Misstände zum Ausdruck“. (Katalog)


Dass allein dieser Text der exemplarischen Schilderung einiger weniger Positionen der Berlin-Biennale so lang geworden ist, beweist, dass hier komplexe Werke gezeigt werden, bei denen das KONZEPT einen großen Raum einnimmt, was eine gründliche Recherche zum Verständnis auch bei Besuchenden nötig macht. Viele der gezeigten Positionen bereiten eher Schwierigkeiten einen aesthetischen Funken auf uns Besuchende überspringen zu lassen.
Zu erleben sind Dokumentationen subtiler gewaltfreier Protestaktionen aus unterdrückenden Regimen. Außerdem finden sich Berichte von Menschen, die in Unrechtsstaaten aufgrund ihrer Meinungen in Haft sind oder waren. Humorvolle Positionen, mit denen versucht wurde, Diskriminierungen sichtbar zu machen, gibt es auch. Jedoch hinterlässt die 13. Berlin-Biennale mehrheitlich Betroffenheitsgefühle.



13. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst, „Das Flüchtige weitergeben“ , 14.Juni bis 14.Sept.2025 an 4 Venues in Berlin, z.B. KW-Institut for Contemporary Art, Auguststr. 69















