gar nicht folkloristisch, sondern zeitgenössisch
Der afrikanische Kontinent ist nicht nur im Rahmen des zentral kuratierten Schwerpunktes auf den Globalen Süden bei der Biennale in Venedig stark vertreten, sondern zeigt sich ebenfalls in der Präsentation eigener eindrucksvoller Länderpavillons. Senegal und Benin sind zum ersten Mal mit eigenem Pavillon vertreten und Nigeria präsentiert sich anspruchsvoll in einem prunkvollen, sonst vernachlässigten Palazzo mitten in der Lagunenstadt.

Als Eye-catcher im Senegalesischen Pavillon im Arsenale stolpert man fast über ein traditionelles Kanu, eine Installation des Künstlers Alioune Diagne. Das Boot liegt zerbrochen auf der Seite, aber mit landestypischen Stoffbahnen, die der Künstler selbst coloriert hat, bekommt die Bruchstelle eine Art Verband. Es ist das Gleichnis einer gegenwärtigen Dystopie. Migranten flohen nach sozialen und politischen Turbulenzen in solchen Booten auf gefährlichen Reisen durch das Mittelmeer nach Norden und einige kamen darin um.


Alioune Diagne zeigt dahinter ein großes Wandgemälde, das wie ein Mosaik aus kleineren Bildern zusammengesetzt ist. In seinem ganz persönlichen Stil sind auf der einen Hälfte negative Lebenssituiationen aus den Straßen des Landes dargestellt, in der zweiten Abteilung dagegen positive glückliche Szenen, am Ende ein fröhlich lachendes junges Paar. Der liebevolle Umgang mit der Bruchspalte des Kanus und das versönliche Motiv des Gemäldes sind am ehesten als Wunsch für eine gelungene Zukunft in der eigenen Heimat zu deuten.

Direkt nebenan beeindruckt der Pavillon von Benin mit einem großen schwarzen Iglo von Romuald Hazoumé. Wie auch schon für seine berühmten Masken und das Boot der Documenta 11 (2007) verwendete er – außen kaum erkennbar – alte Benzinkanister hierfür. Innen jedoch wirken sie, als schauten hunderte Augen auf den Eindringling, zumal auch aus den Öffnungen Gerüche kommen, die an ihre Herkunft erinnern.


Moufouli Bello ergänzt den Raum mit großen Bildern stolzer Frauen, alles in einem strahlend tiefen Blau. Es ist ihr ganz persönliches feministisches Anliegen, die Schönheit afrikanischer Frauen zu betonen, um ihnen mehr Respekt zu verschaffen.

Benin wird in der Welt bisher nur duch die Rückgabeforderungen der im Kolonialismus von den Briten geraubten Benin-Bronzen reduziert. Hier jedoch zeigen die Künstler*innen, dass es zeitgenössische anspruchsvolle künstlerische Positionen im Land gibt.

Der Pavillon von Nigeria ist im Palazzo Canal nahe der Accademia in Venedigs Kernstadt untergebracht. Über den nigerianischen Künstler Yinka Shonibare wurde bereits berichtet, weil er im Arsenale mit der Eingangsfigur des Migration-Astronauten vertreten ist. Auch wenn es eine Gemeinschaftsaustellung mehrerer Künstler ist, so ist das Auffälligste Objekt eine Pyramide, auf der Yinka Shonibare hier das „Monument to the Restitution of the Mind and Soul“ präsentiert. Es ist eine Sammlung von 150 Tonobjekten, die Gegenstände darstellen, die während der britischen Benin-Expedition von 1897 geraubt wurden, von denen bisher nur ein Bruchteil zurück restituiert ist.


Ein großes Regal mit schwarzen Holzknüppeln und daran angehefteten Namensschildern soll auf Polizeigewalt hinweisen, die in Nigeria immer noch an der Tagesordnung ist.

Mehrere weitere zeitgenössische Kunstwerke sind zusätzliche Beweise für die lebendige kritische Kunstszene Nigerias.



Wie bereits bei der letzten Ausgabe der Venedig Biennale 2022 mit Ghana, Marokko und Süd-Afrika stellen sich immer mehr afrikanische Staaten stolz und erfolgreich mit einem Pavillon in Venedig vor. Sie setzen Zeichen, um den postkolonialen Wandel und ihre eigene Stärke zu zeigen. Es ist aber auch ein Hoffnungsschimmer für den Willen, trotz der großen sozialen und politischen Probleme die Länder friedlich weiter zu entwickeln. Doch es muss offen bleiben, ob die Kunst die oft chaotischen und gewaltgeprägten Verhältnisse wirkungsvoll verbessern kann. Sie sollte es aber immer wieder versuchen.