Im Karussel der Kunstbiennalen entwickelt sich im europäischen Norden ein kleiner Diamant: die Helsinki Biennale! Zum dritten Mal findet sie nicht nur im HAM (Helsinki Art Museum), sondern besonders idyllisch auch auf der Insel Vallisaari statt. Vorwiegend wurden skandinavische Kunstschaffende eingeladen, doch auch international renomierte Künstlerinnen und Künstler.
Olafur Eliasson(Island/Berlin) ist einer der wenigen Künstler-Stars. Er brachte eine „Viewing machine“ nach Vallissari, die an einem nebligen Tag Mosaike entstehen läßt wie auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto.
Eindrucksvoll und wunderschön stehen die Glasskulpturen von Tania Candiani aus Mexiko in einem ehemaligen Munitionsdepot. Sie sind Kleinstlebewesen aus der Tiefsee nachemfunden und strahlen in vielfältigen Farben.
Wie unter riesigen Vogelschwingen geborgen sollen wir uns unter dem zeltähnlichen Bau des Brasilianers Ernesto Neto fühlen, einer Reminiszenz an die Vielfalt der Vogelwelt der Insel und ebenfalls ein Statement für den Schutz der Natur.
Nomeda &Gediminas Urbonas aus Littauen bauten aus blauen Wasserleitungen mit unterschiedlicher Länge und Durchmesser ein schickes Klettergerüst, das jedoch an feuchten Tagen sehr rutschig ist.
Vallisaari war früher eine Militär-Insel, deren Zugang bis 2021 verboten war, zumal noch 1937 alte Munition explodierte. Auch heute sind 2/3 des Geländes wegen Explosions- und Vergiftungsgefahr eingezäunt und für Besucher unzugänglich. Im freien Bereich bereitet jedoch eine unverfälschte üppige Pflanzenwelt nicht nur Botanikern viel Freude.
Im Museum HAM inspiriert ein Video der norwegischen Sami-Künstler Jenni Laiti & Carl-Johan Utsi über das eigentümliche Herdenverhalten von Tausenden Retieren in eisig glitzernder Natur, doch wirft es auch viele Fragen auf, die nicht erklärt werden.
Die Künstlerin Aluainy Kaumakan stammt aus einer indigenen Bevölkerung Taiwans und präsentiert eine riesige flatternde feine textile Skulptur. Sie ist eine Hommage an die altertümlichen Möglichkeiten des Überlebens in einer schwierigen Umgebung.
Dies sind nur einige Positionen, die nicht gerade dem Mainstream künstlerischer Werke entsprechen, dafür aber spannend als Neuentdeckungen sind.
Doch zusätzlich sind auch ein typischer Bronze-Baum mit Stein von Giuseppe Penone und eine Blume von Yayoi Kusama zu sehen.
Der Titel „Biennale“ ist für sich keineswegs ein Qualitätssiegel, er bezeichnet lediglich ein Ereignis, das alle zwei Jahre stattfindet. Doch in Bezug auf zeitgenössische Kunst sind die Erwartungen einer großartigen Präsentation aktueller Kunst allein schon mit diesem Begriff verbunden, weil es nahe liegt, jede Ausstellung mit dem Namen Biennale zunächst an der größten, ältesten und international renommiertesten Biennale, nämlich der in Venedig zu messen. Doch dieses Niveau wird weltweit an keinem anderen Ort erreicht. Daher ist es angemessener, auch in Lyon die Maßstäbe etwas bescheidener zu setzen. Unter dieser Prämisse sind auf dieser französischen Biennale auch 2024 viele interessante Perlen zeitgenössischer Kunst zu entdecken.
Gestaltet wurde die Lyon-Biennale von der Art-Direktorin Isabella Bertolotti und der Kuratorin Alexia Fabre, die stets im Duo in trauter Einigkeit auftreten.
Die größte Location in Lyon sind die riesigen Lockhallen, in denen die ausgewählten Künstler und Künstlerinnen Größe zeigen können, aber auch müssen. Einige Beispiele:
Mona Cara
Die 27-jährige Französin Mona Cara zeigt eine textile Installation, die sie Kaktus genannt hat. Ihre eigene Erklärung ist, dass ein Kaktus auch bei Wassermangel überleben könne und somit ein Fluchtpunkt für alle möglichen Lebewesen sei. Sie übertrug dies auf eine Herberge mit Café für Menschen und ließ ihren Computer-Entwurf von einer speziellen Weberei gestalten. Der bunte beeindruckend große Webteppich fällt sofort ins Auge und bereitet nicht nur den Kindern viel Freude.
Hans Schabus
Der Österreicher Hans Schabus (Jg 1970) baute in den Dimensionen des Airbus A 321, der in Toulouse gebaut wird, aus Holz eine Röhre, die eine besondere Empfindung beim Durchschreiten erzeugt. Er verrät im Gespräch, dass er die Mobilität von uns Menschen thematisieren möchte, diese jedoch erheblich verlangsamt. Hierfür symbolisch werden die haltenden Holzringe von Schildkröten gestützt. Doch der große Tunnel sei ebenfalls geeignet, im Sinn des Ausstellungstitels (Crossing the water) einen Fluss zu überbrücken. Das Kunstwerk liegt majestätisch in der großen Lockhalle und duftet herrlich nach dem Holz.
Hans Schabus
Die „Healthy Boy Band“ aus Wien ist eine Gruppe von drei jungen Koch-Künstlern. Sie haben auf der Lyon-Biennale einen langen Tisch aufgestellt als Anreiz, gesellig zusammen zu sitzen. Ergänzt wird diese Installation von Automaten mit selbst-kreiertem Saft-Cocktail (sehr lecker mit Karottengeschmack, leichter Chili-Note und mehr). Ihre künstlerische Botschaft sei, wie Felix Schellhorn im Interview erklärte, dass nicht nur ein exzellentes Menu die Qualität eines Restaurants ausmachen soll, sondern immer auch die kreative Art, Menschen beim Essen und Trinken zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenzuführen. Die „Healthy Boy Band“ hat bereits im deutschen TV ihre Kochkunst durch einen Sieg im Duell gegen Tim Mälzer unter Beweis gestellt. Kochen als Kunstwerk? Durchaus! Man kann dies analog zu Rirkrit Taravanija (aktuelle Präsentation im Gropius-Bau in Berlin) als soziale Skulptur, einen etablierter Kunstbegriff, definieren.
Healthy Boy BandFelix Schellhorn
Jeremy Deller (London, 1976) stellte Banner in bunter Vielfalt zusammen, wie sie bei Demonstrationen oder Prozessionen von Menschen durch die Straßen getragen werden könnten. Die Botschaften sollen leicht verstehbar sein, wobei der kritische Inhalt mit der fröhlichen Farbenfreudigkeit kontrastiert.
Jeremy Deller
In einem Gebäude in der charmanten City von Lyon, der „Cité internationale de la Gastronomie – Grand Hotel-Dieu“ finden sich ästhetisch beeindruckende Kunstwerke, deren Schönheit sich besonders im kompositorischen Arrangement in den historischen Räumen entfaltet.
Ein weiterer Ausstellungsort ist das IAC- Institut d’art contemporain, in dem die Besucher*Innen ein wahres Labyrinth extrem unterschiedlich gestalteter fantasievoller Räume durchschreiten müssen und immer wieder herrlich überrascht werden.
Shivay La MultipleMeri Karapetyan
Das MacLYON ist das Museum für zeitgenössische Kunst, in dem Werke der Biennale zwischen denen der Dauerausstellung hängen. Als Ort wenig interessant, da es nach dem Prinzip des White Cube in keiner Weise die Spannung aufbauen kann wie zum Beispiel die alte verlassene Industriehalle „Grandes Locos“.
Nadav KanderRobert Gabris
Die Lyon Biennale zeigt durchaus ansprechende Highlights zeitgenössischer Künstler*Innen, auch wenn es beispielsweise in der großen Lockhalle an den Vorbesichtigungstagen etwas leer und verloren wirkte. Doch dann strömten nach der offiziellen Eröffnungsrede plötzlich wirkliche Massen an Kunstinteressierten aller Altersklassen und Nationalitäten durch die geöffnete Absperrung und feierten die Kunst bei Musik im Sonnenuntergang, und nicht nur am Getränkestand, sondern auch bei den Kunstwerken, wo gelacht, getanzt und intensiv diskutiert wurde. Ein fantastisches Fest für die Kunst!
17. Biennale de Lyon (Frankreich), 21.Sept. 2024 bis 5.Jan. 2025
Gespräch mit Till Fellrath, Kurator -nicht nur- am Hamburger Bahnhof Berlin
Viele öffentliche Diskussionen drehten sich in den letzten Jahren um die Aufgaben und die Verantwortung von Kuratoren bei Großausstellungen. Bei der aktuellen Venedig-Biennale und bei jeder Documenta finden sich Schlagzeilen über sie in der Presse. Vor 3 Tagen wurde sogar bundespolitisch über die Berufung des Kurators für die nächste Documenta debattiert.
Die 14. Taipeh Biennale 2025 hat bereits feste Kuratoren. Das sind Sam Bardaouil und Till Fellrath, die Leitern des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Beide kuratierten zuvor viele internationale Ausstellungen und sind auch in großem Umfang für das Kuratieren im eigenen Haus verantwortlich.
INArt Berlin: Herr Fellrath, ich möchte mit Ihnen über „Das Kuratieren“ sprechen, und zwar am Beispiel der Taipeh-Biennale, weil Sie hierfür mit Ihrem Kollegen Sam Bardaouil die beauftragten Kuratoren sind.
Es fällt auf, dass sich ganz viele Menschen im Kunstbereich Kurator nennen, auch wenn sie teils gerade erst von der Uni kommen. Kurator ist ja kein geschützter Begriff.
Aber die großen Ausstellungen leben inzwischen vom Kuratieren, wobei immer noch viele Menschen denken, es ginge dabei nur um das Aufhängen von Bildern.
Till Fellrath: Genau.
I.B.: Wie kam es, dass Sie 8953km entfernt gegen die Konkurrenz vieler Kuratoren dieser Welt für die Taipeh-Biennale ausgewählt wurden? Mussten Sie sich bewerben?
T.F.: Wir sind tatsächlich direkt angesprochen worden. Die Taipeh-Biennale hatte ein internes Auswahlverfahren und dann gemeint, wir wären die geeigneten Personen. Dann haben sie uns gefragt. Wir haben kurz nochmal nachgedacht, aber das dann doch angenommen, weil es ein spannendes Projekt ist.
I.B.: Absolut! Und mussten sie sich später noch irgendwo präsentieren und ein Konzept vorstellen?
T.B.: Nein, das mussten wir tatsächlich nicht. Da sind vielleicht andere Biennalen auch etwas anders, aber hier hat man uns einfach aufgrund der Erfahrung mit unserem kuratorischen Stil eingeladen.
Wir Kuratoren sind ein bisschen wie Dirigenten einer Ausstellung und dabei hat man eine künstlerische wiedererkennbare Handschrift entwickelt. Das ist so einen Stil, wie man mit Kunst bei den Ausstellungen auf Menschen zugeht. Und da ist es möglicherweise besser, den gestaltenden „Dirigenten“ auszuwählen als ein Konzept.
I.B.: Doch zum thematischen Inhalt: haben Sie jetzt schon einen Titel? Sie brauchen ihn noch nicht zu nennen, aber wie entwickeln Sie eine Thematik?
T.F.: Einen Titel konkret haben wir nicht, aber wir haben schon erste Grundideen für eine Thematik oder Grundkonzepte oder so eine Emotionalität. Wir werden sicherlich eine Ausstellung machen, die die Menschen direkt anspricht, wie wir das immer machen, also wo auch Reibungen vielleicht entstehen, wo die BesucherInnen irgendwas empfinden, sich freuen oder etwas spüren können. Wir möchten Empfindungen bewirken, für die man nicht erstmal stundenlang lesen muss, bis man das Werk versteht, sondern schnell einen gefühlten Zugang bekommt.
I.B.: Wie haben Sie sich vor Ort informiert?
T.F.: Wir waren in März in Taipeh und haben uns die Räumlichkeiten angeschaut. Wir haben selbst auch schon eine frühere Ausgabe der Taipeh-Biennale gesehen. Jetzt haben wir einfach auch ein bisschen Zeit in der Stadt verbracht, sind durch die Straßen gegangen, haben andere Ausstellungshäuser angeschaut und uns mit der Alltagsgeschichte beschäftigt, um eine Emotionalität mitzunehmen, von der wir das Gefühl haben, dass wir andocken können.
I.B.: Also wird es eine Mischung aus Ihren bisherigen künstlerischen Projekten und der örtlichen Situation, die sie vorfinden, der Stimmung dort im Land?
T.F.: Ganz klar so. Es wird einerseits sicherlich viele künstlerische Positionen geben, die wir kennen und am meisten auch solche, mit denen wir schon immer mal was machen wollten. Wir überlegen gerade gezielt und testen unsere ersten Ideen auf ihre Machbarkeit. Ein besonders wichtiger Faktor sind immer die lokalen Gegebenheiten. Das ist ganz ganz wichtig für eine Biennale oder auch jede andere Ausstellung. Es muss immer einen Grund haben, warum man was gerade an diesem Ort macht. Das ist wichtig, auch hier im Hamburger Bahnhof. Wie ist der Berlinbezug? Hängt es mit der Sammlung zusammen oder widerspricht es ihr? Wie setzt sich die Ausstellung mit der Architektur des Hauses auseinander?
I.B.: Wie waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?
T.F.: Irgendwie muss es einen Grund geben, warum ein Projekt genau an dieser Stelle stattfindet. Das wird in Taipeh ganz genau so sein. Dort ist es nur etwas komplizierter, auf die Räume einzugehen. Es muss auf jeden Fall ein lokales Gefühl entstehen.
Das ist dann auch wichtig in Bezug auf die lokale Presse oder auch für die Menschen vor Ort. Es werden halt nur wenige Besucher aus 9000 km Entfernung kommen, die international zu Ausstellungen jetsetten. Das Wichtigste ist immer das lokale Publikum, auf das man eingehen muss; übrigens auch in Berlin.
I.B.: Welche Einzelschritte des Kuratierens folgen jetzt? Sie haben eine Idee, um Emotionen zu wecken? Next steps, was schwebt Ihnen vor?
T.F.: Also das Wichtigste, glaube ich, ist erstmal festzuhalten, dass kuratieren nicht mit dem Moment anfängt, wenn man beginnt eine Ausstellung zu konzipieren. Es ist die gesamte Lebenserfahrung, die in die Arbeit einfließt. Außerdem sind es alle künstlerischen Positionen, mit denen man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Man fängt nie bei Null an, sondern bei etwa 70%. Dann fängt man an, Elemente zuammenzuziehen. An dem Punkt sind wir momentan dabei, mit unseren Grundideen erstmal eine lange Liste an künstlerischen Positionen aufzustellen. Das sind jetzt etwa 100 Künstler*Innen. Wir werden das reduzieren auf eine Größenordnung von 40 bis 50. Am Ende kommen dann sicherlich noch einige dazu. Im Weiteren werden wir mit den Elementen ein bisschen spielen und schauen, wie daraus eine interessante Ausstellung zusammengestellt werden kann. Wie sind die lokalen Bezüge und wo sagt das Bauchgefühl – da ist sehr viel Bauchgefühl dabei! -, dass wir gerade mit diesem Inhalt dort mit dem Publikum in Dialog treten können? Oder wo kann es spannend sein, ein Risiko einzugehen, wie sich eine künstlerische Position entwickelt? Da haben wir große Lust drauf. So wie bei Marianna Simnett, da wussten wir auch nicht, was passiert. Das ist eine ganz verrückte arrivierte Künstlerin, bei der wir dachten, das müssen wir mal ausprobieren und ihr eine Plattform geben. Das Ergebnis ist in unseren Augen ein aufregender Erfolg. So werden wir es in Taipeh auch machen: den Künstlern und Künstlerinnen eine große Plattform geben, auf der sie sich austoben können.
I.B.: Nochmal zu den künstlerischen Positionen: Ich stell mir immer vor, dass ein Kurator mit Erfahrung natürlich ein riesengroßes Adressbuch mit Künstlernamen hat, ein Repertoire, aus dem er dann gezielt aussucht.
T.F.: Das ist wirklich so, das passt auf jeden Fall und die Liste wird ständig erweitert. Die Welt ist unendlich groß, keiner kann alles erfassen, doch wir schauen ständig Ausstellungen an. Als wir in Taipeh waren, waren wir auch in Shanghai und Hongkong, wie wir auf jeder Reise versuchen andere Sachen anzuschauen, einfach weiter zu lernen. Unser Ansatz für diese Biennale ist auf jeden Fall: wir schauen wie immer eher nach vorne als nach hinten. Wir werden also nicht auf historische, sondern mehr auf jüngere Positionen setzen.
I.B.: Welche Message liegt Ihnen besonders am Herzen?
T.F.: Ich glaube, das ist ein wenig, was wir immer versuchen, nämlich Kunst für jeden zugänglich zu machen; dass man irgendwie ein stückweit Empathie mitnimmt, sich berührt fühlt, über etwas nachdenkt, in eigenen Erinnerungen plötzlich eine komische Querverbindung findet, die man gar nicht gleich versteht. Das ist so ein bisschen wie bei der Musik oder beim Essen: da denkt man manchmal auch an bestimmte Dinge und fühlt sich irgendwie berührt und weiß das gar nicht einzuschätzen. Kunst hat eigentlich auch diese Qualität und das ist auch ihre Stärke. Es macht einen ein Stück menschlicher, empathischer. Man hört auf, robotisch zu sein, sondern wird wieder sensibler. Kunst kann Menschen aus Vorurteilen rausreißen, auch wenn man sie nicht gleich versteht. Das ist dann viel wertvoller! Mehr als Politik!
I.B.: Wie suchen Sie die Künstler*Innen aus? Sie hatten vorhin bereits gesagt, es gehe nicht vorwiegend um eine Thematik, sondern darum, Menschen emotional zu berühren. Adriano Pedrosa hat für die Venedig Biennale vor allem die Künstlerbiografie in den Vordergrund gestellt. Spielt das bei Ihnen auch eine Rolle?
T.F.: Hintergründig würde ich sagen. Das ist sicher der zweite Grund. Wir würden jetzt generell nicht Künstler und Künstlerinnen aussuchen, weil sie Frauen sind oder aus Chile kommen. Es geht schon vorrangig um die für sie bekannte künstlerische Position. Für Taipeh haben wir ganz speziell mit dem Gebäude begonnen. Die Ausstellungsräume sind… schwer teilbar. Es gibt längere schmale Räume, manche haben Fenster nach draußen. Sie sind sehr unterschiedlich. Die Architektur, glaube ich, wird für eine gute Ausstellung eine große Rolle spielen. Wir müssen überlegen: Wie sind die einzelnen Werke? Wie können sie in den verschiedenen Räumen funktionieren? Wie kann man die einzelnen Räume bespielen? Alle haben eine andere Lichtqualität und differenzierte Architektur. Bei manchen muss man durchlaufen. Dann gibt es viele offene Räume und ein großes Atrium. Im Untergeschoss befinden sich große Bereiche, die mit Fenstern in einen Innenhof offen sind, aber auch viele große Hallen. Wir werden halt sehr stark darauf achten, dass sich die Werke sehr gut in die Architektur einpassen; das ist ein wichtiger Faktor.
I.B.: Welche äußeren Faktoren sind noch relevant?
T.F.: Ich glaube, dass es im Kontext von Taiwan sehr wichtig und gut ist daran zu denken, dass es eine Insel ist. Ich will jetzt nicht sagen, sie sei isoliert, denn es ist eine Insel mit einer guten Kunstszene, aber wir wollen schauen, dass es dort viele internationale Positionen gibt, die aus unserem Bauchgefühl heraus interessante Dialoge für die menschliche Annäherung mit der Bevölkerung vor Ort ermöglichen und thematisch auch in der großen politischen Situation eine Relevanz haben.
Dann schauen wir im zweiten Schritt ein wenig auf die Biografie der Künstler*Innen. In der Regel haben wir nie Probleme damit, eine Ausgewogenheit zu erreichen. Bisher hat sich das bei allen Projekten eigentlich fast automatisch eingestellt, wenn man wirklich inhaltlich genau schaut.
I.B.: Sie haben kurz das Politische angesprochen. Taiwan ist ja ein Brennpunkt zwischen China und der westlichen demokratischen Welt, und die Menschen kämpfen darum, ihre Eigenständigkeit zu behalten.
Haben Sie Sorgen, dass hierdurch irgendwelche Side Effects die Ausstellung stören könnten? Oder müssen Sie große Rücksicht nehmen auf die lokale politische Situation?
T.F.: Also Taiwan ist komplett frei, die Presse ist frei, die Kunst ist frei und Meinungsfreiheit ist dort komplett gewährleistet. Das haben wir in China und jetzt auch in Hongkong nicht so empfunden. In Taiwan ist die Freiheit den Verantwortlichen der Kunstwelt sehr wichtig. Es gibt schon viele Dinge, die auch sehr kritisch sind. Im großen Umfeld, auch in freien Gesellschaften bleiben immer die Fragen: Wenn man was sagen kann, was muss man sagen? Will man Menschen provozieren oder sie in einen Dialog überführen? Wenn man etwas sagen darf, heißt das nicht, dass man es auch sagen muss! Oder kann man Wege finden, um unterschiedliche Meinungen mit einzubringen?
I.B.: Es lauern ja überall Fettnäpfchen Haben Sie schon welche entdeckt?
T.F.: Unser Eindruck ist, dass es in Taipeh etwas entspannter ist als in Berlin. Und das ist die Herausforderung für uns und auch die Verantwortung in dem geopolitischen Umfeld, Spannung und Empathie zu fördern, und somit diese Offenheit nicht nur dem internationalen Publikum nahezubringen. Die Fettnäpfchen lauern immer und überall. Das ist Deutschland auch intensiv zu spüren, obwohl wir in Bezug auf Kunstfreiheit eigentlich alles haben.
I.B.: Herzlichen Dank!
Wir sind gespannt auf Ihre Arbeit, und hoffen, dass sich auch für die Kunstszene bei uns eine wichtige Brücke Taipeh Berlin durch Ihre Biennale festigt.
T.F.: Oh, ja, besuchen Sie doch unsere Biennale in Taipeh! Es ist sicher nicht einfach, denn der Flug ist wirklich sehr lang, zumal man nicht mehr über Russland fliegen darf! Aber es lohnt sich, auch für Berliner, weil man sicher mit vielen wunderbaren Eindrücken im Gepäck wieder in die Heimat zurückkommt.
Frauen überall: Bei einer weiblichen Kuratorin und über 80 % Künstlerinnen auf dieser Biennale musste es ja dazu kommen, dass mindestens ein Kunstwerk „den Mann“ lächerlich und krank darstellt. Das riesige anatomische Modell männlicher Geschlechtsorgane mit plastischen spezifischen Krankheiten von Syphilis bis erektiler Dysfunktion inklusive Penispumpe bildet ein Gefährt ähnlich einer Kutsche, gezogen von 10 hohlen weißen Giraffen (Gier-Affen??). Die Künstlerin sagte u.a., dass die Zugtiere durchaus an Sperma erinnern sollten.
Abreißen und neu bauen? Wäre das vielleicht die allerbeste Lösung gewesen?
Leer, weiß, spröde, so präsentiert sich in diesem Jahr der Deutsche Pavillon der Biennale in Venedig, Er ist kein Fest für die Sinne, nur für den Geist, für eine Imagination vielleicht. Teilweise aufgerissene Böden, wodurch die alten Grundmauern sichtbar werden, sowie Wandareale mit abgeklopftem Putz.
So etwas nennt sich Konzeptkunst: man sieht nichts, es soll aber anregen, sich große Gedanken zu machen. Maria Eichhorn ist die Künstlerin, die bekannt ist für diese Art von Kunst. Wie lautet ihr Konzept in diesem Fall?
Sie hatte die Idee, dass der ganze deutsche Pavillon für die Zeit der Biennale abgetragen und in Einzelteilen zwischengelagert wird, um ihn danach wieder exakt wie zuvor aufzubauen.
Hintergrund soll sein, dass der 1938 in tiefster Nazizeit umgebaute Pavillon so stark die damaligen Architektur widerspiegelt, dass fast jede/r Künstler/in hiermit haderte. Stets ging es bei vorherigen Ausstellungen an erster Stelle darum, den Nazi-Touch in den Hintergrund zu drängen. Hans Haake zertrümmerte z.B. die Bodenplatten.
Die Prüfung der Machbarkeit von Maria Eichhorns Vorschlag fiel angeblich sogar positiv aus, durchgeführt wurde das Projekt aber nicht. Möglicherweise hätte man wohl einen Aufschrei aus der Nation der Häuslebauer gehört, wenn hierfür Millionen Steuergelder ausgegeben worden wären. So blieben letztlich nur eine dicke Dokumentation der Konzeptgedanken und eine Broschüre übrig.
Wäre es aber nicht wunderbar gewesen, wenn der komplette Abriss des ungeliebten Klotzes das Kunstprojekt dieses Jahres gewesen wäre? Ein Architekturwettbewerb der Beitrag zur Architekturbiennale 2023 und dann der Aufbau eines ganz neuen innovativen Pavillons im Sommer 2024 als Performance der 60. Kunst-Biennale ?
So bleiben nur ein fader Nachgeschmack für eine entgangene konsequente Realisation sowie ein leerer, weißer, spröder Raum.