In Helsinki stellt Leandro Erlich erneut die Welt auf den Kopf. Nach der bombastischen Ausstellung „Schwerelos“ im letzten Jahr in Wolfsburg hat der argentinischen Künstler erneut typische interaktive Kunstwerke in einer Soloschau im AMOS REX im Herzen von Helsinki installiert. Auch hier beeindruckt er mit ungewöhnlichen Perspektiven und optischen Verwirrungen. Er spielt mit Illusionen, der Schwerkraft und veränderten Perspektiven.
Im großen Saal steht eins der iconischen Werke Leandro Erlichs. Auf „Bâtiment“ klettern Menschen an der Fassade eines Jugendstil-Hauses hinauf und hinunter. Sie kleben an der Fassade wie Spider-Man oder drohen von einem Fenstersims in die Tiefe zu fallen. Hierdurch werden sie selbst zu Bestandteilen des gewollt interaktiven Kunstwerkes.
Im nächsten Raum findet sich ein geisterhaftes Klassenzimmer, in das die Besucher selbst hinein geraten und sich gruseln können. Durch die Pandemie bekommt das Werk eines verwaisten Klassenzimmers sogar einen historischen Bezug auf diese besondere weltweite Ausnahmesituation.
Faszinierend ist auch das Video „Global Express“, das uns aus dem Fenster einer unendlich um die Welt fahrenden Bahn schauen lässt. Verwunderlich ist dabei, dass bespielsweise direkt nach dem Eiffelturm bereits die Oper in Sidney im Fenster erscheint.
Für Leandro Erlich ist die Ausstellung eine Art Spaziergang durch verschiedene Narrative, die uns Besucher auffordern, mit einem ganz neuen Blick auf die Realität unsere Wahrnehmungen neu zu hinterfragen.
Der Künstler lebt und arbeitet abwechselnd in Buenos Aires, Montevideo und Paris. Sein künstlerischer Durchbruch war die Repräsentation Argentiniens auf der Venedig-Biennale 2001, als er einen Swimmig-pool baute, in dem Menschen vermeintlich unter Wasser ungefährdet herum flanierten.
Kulturgeschichte und Gegenwartskunst in der Völklinger Hütte
„The True Size of Africa“ ist ein Fest der Sinne, in das einzutauchen eine wahre Freude ist.
Vor 120 Jahren wurde Afrika in der von Otto von Bismarck berufenen Kongokonferenz in Berlin unter den Kolonialmächten territorial einfach aufgeteilt ohne jegliche Beteiligung der einheimischen Bevölkerung. Es folgte die systhematische Ausbeutung des Kontinents und der dort lebenden Menschen.
Jetzt wird Afrika in der Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte in seiner individuellen Schönheit, aber auch mit den aktuellen Problemfeldern künstlerisch völlig neu vorgestellt.
Über zwanzig Künstlerinnen und Künstler mit afrikanischen Wurzeln räumen auf mit Klischees und stereotypen Ansichten. Sie alle haben bereits in der Kunstwelt einen bedeutenden Namen, stellten bei den Biennalen in Venedig und Sharjah, bzw. der Documenta aus. So bietet die bemerkenswerte Ausstellung ein Ensemble qualitativ hochwertiger künstlerischer Positionen, die im Ambiente der Gebläsehalle des Industriedenkmals mit den riesigen Maschinen und Schwungrädern ihre ästhetische Präsenz besonders entfalten.
Eingestimmt durch die afrikanische Version des Steigerliedes von Emeka Ogboh im Pumpenhaus gelangt man zunächst in den Bereich historischer Artefakte auf Afrika, die mittels Media-Guide eine aktualisierte Geschichte Afrikas berichten.
Zwei Kunst-Reihen aus auf flatternde Textilien gedruckten Fotos begleiten auf beiden Seiten den Weg: Zanele Muholys schwarz-weiße Selbstportraits mit skurrilen Frisuren aus Wäscheklammern oder Ladekabeln sind eine Persiflage auf das Klischee, dass afrikanische Menschen stets exotisch aussehen müssen. Die Schönheit der Künstlerin ist jedoch in allen ihrer Arbeiten auch das Plädoyer gegen die verbreitete Diskriminierung afrikanischer Queer-Menschen.
Omar Victor Diop
Auf der anderen Hallenseite hängen die Selbstportraits von Omar Victor Diop, der sich in Outfits berühmter Forscher oder Helden abgelichtet hat; stolz, schön und selbstbewusst. Als Gag haben alle ein Sportutensil bei sich; eine Anspielung, dass heutzutage Persons of Color nur als Spitzensportler Weltruhm erlangen können.
Diop integriert in einer anderen Serie auch Fische, Vögel oder Insekten naturecht in seine Fotocollagen. „Viele meiner Landsleute kennen diese Wesen gar nicht aus ihrer Umgebung. Ich möchte ihnen zeigen, wie schön und schützenswert sie sind, so ähnlich wie ein Biologie-Buch.“
Kongo Astronaut William Kentridge
Auf der großen Bühne in der Gebläsehalle stehen glitzernde Figuren aus Kostümen der Gruppe Kongo-Astronauts. Sie sind geschmückt mit Elektroschrott aus Platinen, Tastaturen und PC-Bauteilen. Das Thema ist der für die Arbeiter gefährliche Abbau selnener Erden, Kobalt u.a, die unersetzlich für unsere Elektronikindustrie sind. Es folgt deren Ausfuhr in den Rest der Welt und am Ende kommt alles als Elektronikschrott zurück nach Afrika, wo Kinderhände die Urstoffe mühsam recyclen.
Das gleiche Thema der Wirtschaftskreisläufe seltener Bodenschätze will auch Memory Biwa mit ihrer besonderen Sound- Installation im Untergeschoss ansprechen. Sie dekoriert große Schalen mit rotem Sand ihrer Heimat Namibia mit Klängen aus Städten und dem Bergbau.
Memory Biwa
Auch die weitere TeinehmerInnenliste enthält Namen weltweit etablierter Künstlerinnen und Künstler, die es in den Nieschen der Gebläsehalle überall zu entdecken gilt:
Zum Beispiel Yinka Shonibares Monument einer Dienerin in seinen bekannten farbenprächtigen Stoffen gekleidet.
Auch die Gruppe der Plantagenarbeiter aus Lusanga CATPC steuert 3 Figuren aus Schokolade bei, wie sie sie im Niederländischen Pavillon in Venedig gerade präsentiert.
Natur- und Umweltthemen sind auch in der Dreikanal-Video-Installation von John Akumfrah zu erleben, allerdings nach einem langen Weg bis in die Erzhalle. Der Künstler, der aktuell auch den britischen Pavillon in Venedig bespielt, zeigt Afrika in allen Schönheiten wie riesigen Sonnenbluhmenfeldern oder Elefantenherden, aber auch mit den Problemen von zerstörten Landschaften, gequälten Tieren oder geschundenen Menschen im Bergbau.
So ist der Parcours zwischen den Turbinen und Rädern der Gebläsehalle bis zur Erzhalle eine wahre Augenweide und Quelle wunderbarer Erlebnisse für jeden Kunstfreund ob mit oder ohne Wunsch auf tiefe Hintergrundinformationen.
„The True Size of Africa“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bei Saarbrücken, vom 9. November 2024 bis 17. August 2025
Street Art gibt es in Berlin an zig Hauswänden,…….
……. doch eine fantastische Ansammlung findet sich herausragend aus der Natur eines großen Waldes auf dem Teufelsberg.
Er entstand nach dem WW 2, als auf einem Rohbau für eine wehrtechnische Universität bis 1972 tonnenweise Trümmerschutt aus zerbombten Gebäuden abgeladen wurde. Bereits ab 1957 wurde von den Amerikanern eine Abhörstation dort gebaut, die von der NSA und der US-Armee bis zur Wiedervereinigung genutzt wurden.
Danach wurden die Gebäude von elektronischen Geräten entkernt und sich selbst, bzw. -wenn auch nicht lagalisiert- Künstlern überlassen. So entstand eine Art Freilicht-Galerie der besonderen Street Art.
Der Aufstieg ist hart, aber es gibt einen Parkplatz, der auch Nichtsportler*Innen den Besuch ermöglicht.
Bekannt ist das deutlich an einen Phallus erinnende Gebäudeensemble auch als beliebte Filmkulisse. So wurden auf der Plattform mit den flatternden bunten Stofffetzen u.a. die futuristischen Tanzszenen für das Video „Factory of the Sun“ von Hito Steierl, Professorin an der UdK, als Beitrag zur Venedig-Biennale 2011 im deutschen Pavillon gedreht.
Ein weiterter Ort konzentrierter Street art ist das „Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art“ (U-Bahn Haltestelle Nollendorfplatz), ebenso ein Must-see für Fans dieser farben- und lebensfrohen freiheitlichen jungen Kunst von oft hervorragender Qualität.