Dieses Museum kann sich in die Reihe hervorragender zeitgenössischer Kunstpaläste Europas ohne Abstrich einordnen. Ganz nah an Turin thront das alte Castell auf dem Hügel von Rivoli wie eine Trutzburg. Innen trägt es die Handschrift und die Ausstrahlung von Carolyn Christov-Bakargiev, der fast einzigen unumstrittenen Kuratorin einer Documenta, der D13 im Jahr 2012. Sie hatte schon vorher zur Arte Povera geforscht und im Castello die Rivoli, dessen Direktorin sie vor und nach der D 13 war, eine beispiellose Präsentation dieser Kunstrichtung zusammengetragen. Exemplarisch wird man am Eingang bereits von einem der berühmten Bronze-Bäume von Guiseppe Penone begrüßt, diesmal nicht mit einem Stein wie in Kassel, sondern mit einem Zwilling aus Aluminium ergänzt.
Nairy Baghamian
Zusätzlich gleicht die Künstler*Innenliste derjenigen der dOCUMENTA (13), jedoch ergänzt um wichtige künstlerische Positionen der folgenden Jahre. Der Charme der Präsentation moderner Werke in nur sanft restaurierten alten Prunkräumen lässt an Venedig in Biennale-Monaten denken. Dieser Kontrast von Alt und Neu fasziniert auch hier.
Maurizio Cattelan Allora & Calzadilla (Performane)Hito Steyerl
Ein weiterer langgestreckter Gebäudekomplex steht für Wechselausstellungen zur Verfügung. Aktuell werden die vielfältigen Skulpturen, Textilarbeiten und Installationen von Enrico David (geb. 1966 in Ancona, Italien, jetzt in London) präsentiert.
Enrico David
Das Castello di Rivoli ist ein Diamant im Kreis der Museen zeitgenössischer Kunst und komplettiert das Kunsterlebnis von Turin.
Castello die Rivoli, Museo d’Arte Contemporanea, Piazzale Mafalda di Savoia 2, Rivoli/Torino, offen Mittwoch bis Sonntag.
Sie ist die Hoffnung und die Rettung für Kassel und die Kunstwelt. Die Künstlerische Leitung der Documenta 16 ist ernannt. Naomi Beckwith ist eine großartige Wahl für diese Aufgabe nach der heftig diskutierten 15. Documenta vor 2 Jahren. Sie bringt kuratorische Erfahrung aus Chicago und vor allem aus dem Guggenheim-Museum New York mit, wo sie Vize-Direktorin und Chefkuratorin ist. Damit ist sie auch vetraut im Umgang mit Sponsoren und mit Krisenmanagement, wie sie souverän bestätigt auf die Frage nach ihrem Umgang bei möglichen Anfeindungen der Documenta wie 2022.
Es war gelungen, den Namen der von der Findungskommission gewählten Leitung bis zur letzten Minute geheimzuhalten. Große Spannung herrschte in der gestrigen Pressekonferenz, bis der Geschäftsführer Prof. Andreas Hoffmann endlich die 48jährige Afroamerikanerin nannte und persönlich vorstellte.
Naomi Beckwith erklärte mit ihrer warmen tiefen und souveränen Stimme begeistert und voll Bewunderung, dass die Weltkunstschau Documenta eine riesige Chance für Kuratoren und Künstler biete, Neues zu probieren und zu experimentieren. Das sei weltweit sehr besonders.
Auf die Frage, wie sie Skandale vermeiden wolle, antwortete sie: „Bei mir gibt es keine Überraschungen. Ich bin in intensivem Gespräch mit allen Künstlern und weiß über jedes Kunstwerk Bescheid. Ich denke, die Documenta 16 wird nicht nur komfortabel, sondern es wird auch Meinungsverschiedenheiten geben, aber das wird kommuniziert und textualisiert.“
Naomi Beckwith bekennt sich definitiv und respektvoll zu Kassel mit tiefem Verständnis für den legendären Standort.
Gefragt, ob die Zeit der Vorbereitung jetzt nicht zu kurz sei, antwortet Beckwith lächelnd. Nein, viele große Ausstellungen fänden alle 2 oder 3 Jahre statt und „I can manage that!“
Es seien nach der Documenta fiffteen „nicht wenige gewesen, die schon die Totenglöckchen über die Documenta läuten lassen wollten.“ So formulierte es der hessische Minister für Kunst und Kultur Timon Gremmels.
Der Aufsichtsratsvorsitzende der Documenta, der Oberbürgermeister von Kassel Sven Schöller sprach sichtlich erleichtert und begeistert über die designierte Kuratorin. Die „schwerste Krise“ sei jetzt überwunden.
OB Schöller, Mitglieder der Findungskommission, Naomi Beckwith (Mitte), Minister Gremmels
Es wird auch klar gestellt, dass die Rahmenbedingungen für die Documenta 16 überarbeitet wurden. Es gebe den neuen wissenschaftlichen Beirat, das Documenta-Institut und den Code of Conduct, der ein festes Bekenntnis zu Menschenrechten, aber auch künstlerischer Freiheit, sowie Ablehnung von gruppenmäßiger Diskriminierung beinhalte. Auch sei die Förderung vom Bund mit zwei Plätzen im Aufsichtsrat gesichert. Momentan gehe man von einem gleichen Etat wie bei der Documenta 15 aus in Höhe von 42,2 Millionen €.
Naomi Beckwith sei bei jeder Documenta gewesen seit der D 12. Sie fühle sich in der Tradition von Okwui Enwezor, der bei der D 11 erstmals die globale Sicht auf die Kunst einbrachte. Mit ihm habe sie auch noch kurz in New York zusammengearbeitet. Sie schätze auch aber auch Catherine David mit ihrer historischen Konzeption. Außerdem sei sie besonders glücklich und stolz, Carolyn Christov- Bakagiev eine Freundin nennen zu dürfen. Jede/r soll die Documenta genießen können.
Thematisch sollen bei der Documenta 16 in einer Zeit der Krisen und Herausforderungen wie der Transformationen für die Menschen diese Themen vorkommen. Wichtig sei aber, wie mit Krisen umgegangen werden kann, also auch Lösungsansätze zu finden. Jede Stimme ist wertvoll. Es gehe um ein gegenseitiges wahrhaftes Verstehen. Es sollte sich auch jede und jeder auf der Documenta wohl und respektiert fühlen.
Naomi Beckwith ist eine kluge und inspirierende Persönlichkeit, die gleichermaßen beruhigend und kompetent wirkt und auf jeden Fall bei uns allen eine berechtigte wundervolle Vorfreude auf die kommende Documenta zuläßt.
Die Dokumenta 16 findet in Kassel statt vom 12. Juni bis 19. September 2027