Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, dear friends!
Das Jahr 2025 war erneut ein aufregendes Jahr mit viel großartiger Kunst. Ich durfte von Skandinavien bis ans Mittelmeer viel berichten und dies mit den Erfahrungen in Beziehung setzen, die ich über viele Jahrzehnte mit den Künstlerinnen und Künstlern der documenta und der Biennale di Venezia gesammelt habe. Gern sende ich euch noch einmal mein Highlight‑Reel 2025 für einen entspannten Moment. Freuen wir uns auf 2026, in dem viele Kreative unser Leben in Europa bereichern werden. Die Biennale 2026 lockt im Mai nach Venedig, im Juni beginnt die Manifesta 16 im Ruhrgebiet und auch in Lyon ist im September wieder Biennale-Time. Wie gewohnt werde ich an den üblichen Stellen berichten.
Schöne Feiertage und allen ein gelingendes Neues Jahr!
2025 war ein Jahr, in dem die Kunstwelt globale Themen, historische Reflexionen und technische Experimentierfreude gleichermaßen auf die großen Bühnen brachte. Diese Top Fifteen Hitliste versammelt Ausstellungen, Werke und Projekte, die durch Größe, Intensität, öffentliche Wirkung oder inhaltliche Dringlichkeit herausstachen. Die Auswahl orientiert sich an künstlerischer Innovationskraft, gesellschaftlicher Relevanz und der Fähigkeit, Zuschauer nachhaltig zu berühren. Ereignisse von monumentalen Retrospektiven bis zu subversiven Interventionen.
1. William Kentridge in Essen und in Dresden
William Kentridge bleibt der große Meister der multimedialen Bild- und Bühnenpoesie: seine Kombination aus Zeichnung, Animation, Film und Performance setzt sich mit der Kolonialgeschichte Afrikas und Erinnerung an politische Gewalt, nicht nur in den Goldminen Südafrikas auseinander. Im Folkwang-Museum Essen sind riesige Zeichnungen und Videos mit viel Selbstironie zu entdecken. Multimediale Installationen wie das kleine Welttheater sind auch handwerkliche Kunststücke. In Berlin gab es mit der Aufführung „The Great Yes and the Great No“ zusätzlich ein Bühnenwerk des vielseitigen Künstlers zu sehen. Spätestens seit der dOCUMENTA(13) ist sein Werk wegweisend für zeitgenössische Kunst und inzwischen auch Plichtstoff im Katalog für den Oberstufenunterricht an NRW-Gymnasien.
2. „WIR“ im Forum Kunst des Bundestags in Berlin
Kennen Sie das Grundgesetz? Die ersten 19 Artikel beinhalten die Menschenrechte. Für jeden Artikel wurde ein international bekannter Künstler beauftragt, ihn künstlerisch darzustellen. Die Verknüpfung von Verfassung, Bürgerrechten und künstlerischer Praxis verwandelt den Ausstellungsraum in einen Ort der politischen Bildung und Debatte, aber außergewöhnlich nur mit künstlerischen Mitteln. So wird ein Gesetzestext herrlich lebendig. Hätten Sie gedacht, dass beispielsweise ein Kunstwerk über das Postgeheimnis nicht nur ästhetisch großartig, sondern auch hochaktuell sein kann? Schließlich ist dieser Paragraf Grundlage für jegliche Datenschutzregelungen in allen Medien.
3. Jon Rafman: „Nine Eyes“
Dass das Louisiana-Museum für Moderne Kunst nicht in Amerika, sondern ganz in der Nähe in Dänemark in Humlebaek bei Kopenhagen liegt, war für sich schon eine prima Entdeckung. Doch die Arbeit von Jon Rafman begeisterte gleich wegen ihrer künstlerischen Idee. Im Prinzip ist es Konzeptkunst, denn es ist nur eine Sammlung zufälliger skurriler Fotos von Google-Street-View-Aufnahmen. Aber auch die Präsentation ist eindrücklich. Jon Rafmans Arbeit beleuchtet überraschende, verstörende und poetische Momente des Alltags unter der Bedingung digitaler Überwachung. „Nine Eyes“, benannt nach der Kamera auf den Google-Autos mit 9 Objektiven, fasst diese Funde zu einer Reflexion über Blick, Zufall und das fotografische Archiv unserer Zeit zusammen.
4. Tony Cragg: “Line of Thoughts” im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal
Tony Craggs skulpturale Erforschung von Material, Form und Raum findet in dem wunderschönen Natur-Ambiente des Parks eine passende, kontemplative Einbindung. Die Ausstellung setzt Akzente zwischen organischer Gestalt, industrialer Materialität und provoziert neue Wahrnehmungsweisen im Lichtspiel zwischen den Bäumen. Tony Craggs Werke werden seit langem weltweit hochpreisig gehandelt. Die Zeitschrift KAPITAL setzt ihn auf Platz 5 der TOP 100 ihres Kunstkompasses. So sind auch in der diesjährigen Ausstellung seiner aktuellen Werke wieder neuartige Skulpturen, jetzt sogar aus Glas zu bewundern.
5. Victor Vasarely-Museum in Aix en Provence
Victor Vasarely war eher eine Wiederentdeckung in diesem Jahr, ein Deja-vue früherer Studentenzeiten mit Postern an WG-Zimmer-Wänden. Die Fondation in Aix en Provence würdigt Vasarelys Vermächtnis als Begründer der Op Art. Es ist beeindruckend, dass Vasarely seine optischen Effekte mit einer Dreidimensionalität ganz ohne Computergrafik gestalten konnte. Im Museum werden die Werke überdimensioniert bis zu 7m Höhe in 6-eckigen Räumen gezeigt, was ihre Effekte noch intensiviert.
6. Sigmar Polke in Arles, „Sous les paves, la terre“ (Unter dem Pflaster liegt die Erde)
Die Retrospektive in der Fondation Vincent van Gogh in Arles stellte sein spielerisches, zugleich kritisches Werk in den Mittelpunkt. Sigmar Polke zeichnete sich aus durch Experimente mit Material, ironischen Bildpolitiken und einem konsequent offenen, heterogener Stil, der traditionelle Kategorien sprengte. Als scharfsichtiger Beobachter und genialer Kopf, der sich stets neu erfand, brauchte Polke auch gar keinen einschränkenden STIL, weil er sich letztlich durch seine vielschichtigen Facetten ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte.
7. Ayoung Kim: „Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof Berlin
Die Präsentation der Preisträgerin des Guggenheim New York 2025 war wieder ein Beispiel für die Arbeit des Kuratoren-Teams Fellrath/Bardaouil, die so oft Künstlerinnen neu präsentieren, die uns überrascht aufmerken lassen, welche innovativen Tendenzen in der aktuellen Kunst existieren. Ayoung Kim zeigte mit allen erdenklichen technischen Finessen, wie eine utopische Idee künstlerisch umgesetzt werden kann. Ist unsere Welt nur eindimensional? Oder existieren in einem aufgelösten Raum-Zeit-Kontinuum parallele Welten? Und was passiert, wenn sie durchdringbar werden? Ein Training für unsere Vorstellungskraft über physikalische und soziale Denkschemata.
8. Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind“ in Amsterdam
Wenn Anselm Kiefer etwas Neues schafft, dann muss es gross, riesig, gigantisch sein! So war die Ausgestaltung des repräsentativen Museums-Treppenhauses des Stedelijk-Museums in Amsterdam erneut überirdisch. Um die Monumentalität noch zu betonen, ließ er seiner beteuerten Freude an Blattgold zusätzlichen freien Lauf. Beim Betreten des immersiven Werkes waren durchaus Begeisterungs-Emotionen angebracht. Leider war der Auftritt des Künstlers nicht gerade respektvoll seinem Publoikum gegenüber, was die Bewertung in diesem Ranking negativ beeinflusst. Trotzdem ist die Idee, das alte Antikriegslied von Pete Seeger und Marlene Dietrich (deutsch) genau in dem Moment zu thematisieren, als in Deutschland wieder erste Worte über eine allgemeine Wehrpflicht fielen, großartig gewählt.
9. Christian Marclay „The Clock“
Christian Marclays „The Clock“ wurde zu Recht zu einem Jahrhundert-Kunstwerk gekürt. Das Schlüsselwerk der Videokunst erzeugt als 24 stündige Montage von Filmzitaten, die jeder Minute einer realen Uhrzeit entsprechen, ein überzeugendes Bewusstsein für Zeit, Kino und kollektive Erinnerung. Im März wurde The Clock in Stuttgart gezeigt, doch hier ein wichtiger Tip: The Clock ist nicht nur für Kunstfanatiker ein Must-See und es kann erneut vom 29.11.25 bis 25.1.26 in der neuen Nationalgalerie in Berlin erlebt werden.
10. Castello di Rivoli, Museum für Contemporary Art, bei Turin
Das Castello di Rivoli bestätigte erneut seine Rolle als ein europäisches Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der Besuch ist ein Genuss aus Klassikern der Contamporary Art in dem romantischen Ambiente eines nur vorsichtig rekonstruierten alten Castell. Eine Sonderausstellung zeigte die vielseitige Arbeit von Enrico David.
11. Das LUMA, Frank Gehry’s Kunstpalast in Arles
Dem alten Industriegelände in Arles hat Frank Gehry mit seinem Turm, der zu jeder Tageszeit herrliche Spiegelungen zeigt, eine Sehenswürdigkeit, das LUMA beschert, das selbst das eigentliche Kunstwerk ist. Der markante Beitrag von Frank Gehry symbolisiert einen Schnittpunkt von Architektur, Kunst und Kulturförderung. Gehry’s Bau verändert auch hier das Stadtbild durch architektonische Kunst wie in Paris und Bilbao. Man spricht inzwischen als Fachausdruck vom „Bilbao-Effekt“. Dort hat das spektakuläre Guggenheim Museum von Frank Gehry die heruntergekommene Industriestadt zu neuer Blüte erweckt. Nicht nur Arles wäre das zukünftig auch zu wünschen.
12. Christoph Niemann, Zeichner mit Biss und Herz in Oldenburg
Christoph Niemann verbindet Comic und Präzision mit visueller Klarheit — seine „Randnotizen“ übersetzen Alltag, Politik und Popkultur in reduzierte, pointierte Zeichnungen. Die Oldenburger Schau zeigte die leichthändige, doch oft tiefsinnige Kraft der Illustration. Doch ebenso werden seine berühmten Cover-Grafiken für internationale Magazine wie den „New Yorker“ präsentiert.
13. Monira Al Qadiri und die Ölindustrie: Berlinische Galerie und KIASMA in Helsinki
Die kuwaitische Künstlerin mit marokkanischen Wurzeln thematisiert jeweils die kulturellen und ökonomischen Folgen der Ölindustrie durch beliebte ballonartige Skulpturen oder buntlackierte Nachbildungen von Bohrköpfen. In Berlin zeigt sie eine Installation aus Modellen von Ölfrachtern und LNG-Terminals. Außerdem sind Videoarbeiten und Glasskulpturen bedrohter Tiefseeorganismen von ihr bekannt. Ihre Arbeiten setzen Energiepolitik, Identität und Ästhetik in Beziehung und erzeugen so eine kritische Reflexion über Ressourcen, Gewalt und Zukunft.
14. „Utopia, Recht auf Hoffnung“ Kunstmuseum Wolfsburg
Die Ausstellung „Utopia, Recht auf Hoffnung“ versammelt künstlerische Entwürfe von Zukunft und Solidarität: sie fragt danach, welche Bilder von Hoffnung und politischem Möglichsein heute nötig sind und wie Kunst Räume für utopische Vorstellungskraft öffnet. Viele wunderschöne oder tiefsinnige Arbeiten finden sich zu einem vielfältigen Kunsterlebnis zusammen. Die KünstlerInnenliste ist lang und voller renomierter Namen, so dass es große Freude bereitet, viel Zeit in der Ausstellung zu verbringen. Die ist auch notwendig, weil die große Zahl hervorragender Filme auf keinen Fall ausgelassen werden sollte.
15. Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europa
Der „Purple Path“ mit seinen 32 Kunstobjekten ist der eigentliche Schatz der Kulturhauptstadt 2025. Internationale Künstlerinnen und Künstler schufen ortsspezifische Skulpturen und Installationen nicht nur in Chemnitz, sondern auch in vielen kleinen Gemeinden um die Stadt herum. Sie bleiben und sollen den sonst vergessenen Orten eine spezifische aufwertende Identität geben. Leider ist es aufwändig, alle Werke aufzusuchen, denn oft trennen 20 bis 30 Minuten Fahrt mit dem Auto die Objekte voneinander. Doch die Schatzsuche lohnt sich! Zum Abschluss wird das letzte Projekt des Purple Path in Oelsnitz am 28.11.2025 eröffnet: eine Lichtskulptur von James Turrell.
Epilog: Diese Auswahl ist in ihrer Reihenfolge nicht so absolut zu werten. Vielmehr ist es ein Versuch, die facettenreichsten Eindrücke des Kunstjahres 2025 zu bündeln: von politischen Interventionen über retrospektive Rezeption bis zu technisch ästhetischen Grenzgängen. Jedes genannte Erlebnis verdiente 2025 besondere Aufmerksamkeit — als Moment, in dem Kunst ihre Fähigkeit zur Veränderung und zum Nachdenken eindrücklich bewies.
Dieses Museum kann sich in die Reihe hervorragender zeitgenössischer Kunstpaläste Europas ohne Abstrich einordnen. Ganz nah an Turin thront das alte Castell auf dem Hügel von Rivoli wie eine Trutzburg. Innen trägt es die Handschrift und die Ausstrahlung von Carolyn Christov-Bakargiev, der fast einzigen unumstrittenen Kuratorin einer Documenta, der D13 im Jahr 2012. Sie hatte schon vorher zur Arte Povera geforscht und im Castello die Rivoli, dessen Direktorin sie vor und nach der D 13 war, eine beispiellose Präsentation dieser Kunstrichtung zusammengetragen. Exemplarisch wird man am Eingang bereits von einem der berühmten Bronze-Bäume von Guiseppe Penone begrüßt, diesmal nicht mit einem Stein wie in Kassel, sondern mit einem Zwilling aus Aluminium ergänzt.
Nairy Baghamian
Zusätzlich gleicht die Künstler*Innenliste derjenigen der dOCUMENTA (13), jedoch ergänzt um wichtige künstlerische Positionen der folgenden Jahre. Der Charme der Präsentation moderner Werke in nur sanft restaurierten alten Prunkräumen lässt an Venedig in Biennale-Monaten denken. Dieser Kontrast von Alt und Neu fasziniert auch hier.
Maurizio Cattelan Allora & Calzadilla (Performane)Hito Steyerl
Ein weiterer langgestreckter Gebäudekomplex steht für Wechselausstellungen zur Verfügung. Aktuell werden die vielfältigen Skulpturen, Textilarbeiten und Installationen von Enrico David (geb. 1966 in Ancona, Italien, jetzt in London) präsentiert.
Enrico David
Das Castello di Rivoli ist ein Diamant im Kreis der Museen zeitgenössischer Kunst und komplettiert das Kunsterlebnis von Turin.
Castello die Rivoli, Museo d’Arte Contemporanea, Piazzale Mafalda di Savoia 2, Rivoli/Torino, offen Mittwoch bis Sonntag.
Dass der ehemalige Industriestandort italienischer TOP-Automarken jetzt ein Hotspot für Zeitgenössische Kunst ist, war bisher bestimmt nicht jedem geläufig. Zwar hatte Turin bereits in vorherigen Jahrhunderten eine kulturelle Geschichte, doch jetzt haben sich mehrere Stiftungen, Museen und Privat-Institutionen etabliert, die den Ort für aktuelle Kunst dieses Jahrhunderts erheblich interessant werden lassen.
Zeitgleich mit der Kunstmesse ARTISSIMA fanden mehrere Ausstellungseröffnungen statt. Hier einige Bespiele, die für eine „Reise zur Kunst“ animieren könnten:
FONDAZIONE MERZ: Sie ist das Vermächtnis von Mario Merz, dem Künstler der Arte Povera, der mit Iglos aus unterschiedlichen Materialien und Werken mit der Fibonacci-Zahlenfolge bekannt wurde. Erstaunlich, dass ein Künstler bereits die Vision hatte, dass genau dieses mathematische Konstrukt nicht nur in der Natur relevant ist, sondern auch im Finanzwesen und in der Computertechnologie einen hohen Stellenwert bekommen sollte. Die aktuelle Stiftungs-Ausstellung im ehemaligen Heizkraftwerk von LANCIA in Turin widmet sich dem Krieg in Palästina, den namhafte Künstler*Innen thematisiert haben. „Push the Limits“ noch bis 1.2.2026.
FONDAZIONE SANDRETTO RE RABAUDENGO: „News from Near Future”.
Die private Sammlung besteht schon seit 30 Jahren und zeigt zu diesem Jubiläum nicht nur in ihrem Museumsbau, sondern auch im internationalen Automobilmuseum Turin großartige Schätze moderner Kunst, die sie teils offenbar direkt von der Biennale Venezia erworben haben. Das Vermögen stammt aus deren Firma, die Wind- und Solar-Energieanlagen herstellt. Wie schön, dass solche Schlüsselwerke öffentlich gezeigt werden und nicht in dunklen Archiven verschwinden!
GGR-OFFICINE GRANDI RIPARAZIONI
Das ehemalige Eisenbahn-Reparationswerk ist aufwendig restauriert worden für wechselnde Kunstausstellungen als gigantische Kulisse mit dem besonderen Ambiente eines Industrie-Palastes. Besonders im Dunkeln wirken die drei neuen Shows eindrucksvoll.
Die Französin LAURE PROVOST zeigt hier ihre bereits von der LAS Art Foundation in Berlin präsentierte Installation und Performance „We felt a Star Dying“. Sie läd Besucher ein, auf weichen Liegesäcken in einer Kuppel Filmsequenzen anzuschauen, die zum Eintauchen ins eigene Seelenleben anregen. Dazu dekorieren bunte sanft flatternde Stoffe die esoterische Atmosphäre und skurrile Mini-Sateliten schweben durch die dunkle Halle.
„ELECTRIC DREAMS“ ist eine Ausleihe der Tate Modern in London und zeigt Licht- und Sound-Kunstwerke aus den Anfängen elektronischer Kunst aus den 50ger bis Ende der 90ger Jahre. Man fühlt sich zurückgesetzt in die Zeit der Diskos mit Lightshows und möchte gemeinsam mit dem flirrenden Lichteffekten tanzen. Auch die Weiterentwicklung durch Computergrafik und Internet ist herrlich nachvollziehbar. Erstaunlich, dass all das schon wieder historisch ist! Dabei ist durchaus diskutabel, wie hoch der künstlerische Wert der Arbeiten ist, wenn doch oft lediglich der Spieltrieb der Erschaffer mit den technischen Möglichkeiten im Vordergrund zu stehen scheint. Es macht aber großen Spaß, sich in diese Zeitreise zu begeben.
Beides bis 10.5.2026
PINACOTECA AGNELLI
Giovanni Agnelli war Chef von FIAT und mit seiner Frau Marella begeisterter Kunstsammler. Doch ihre Sammlung teurer Picasso- und Matisse-Gemälde ist weniger spannend anzuschauen.
Vielmehr faszinierend ist das Gebäude, in dem sie wie in einer Schatzkammer präsentiert werden. Es ist ein Aufbau von Renzo Piano auf der alten 500 m langen FIAT-Fabrik. Das Gebäude selbst ist schon ein Unikat, denn bis in die 80ger Jahre wurde dort die Test-Rennstrecke inklusive Steilkurve auf dem Dach genutzt. Heute kann man dort umrahmt von Gärten spazieren und hat auch noch einen großartigen Ausblick auf die Stadt. Ein Sightseeing-Hotspot vom Feinsten!
FONDAZIONE CERRUTI
Francesco Federico Cerruti besass eine Buchbinderei, doch reich wurde er mit der Ausgabe eines Telefon- und Adressbuches, das permanent aktualisiert wurde. Dieser Verkaufsschlager brachte ihm so gute Gewinne, dass er sich kostbare Kunstwerke erwerben konnte. Die Sammlung bewahrte er in seiner Villa in Rivoli auf, die er zwar für seine Eltern geplant hatte, die jedoch nie dort einzogen. Auch er selbst wohnte in einer kleinen Wohnung neben seiner Turiner Fabrik und habe in der Villa nur einmal geschlafen. Die Kunstwerke zeigte er nur selten und nur Kunstexperten. Erst nach seinem Tod sollten sie öffentlich zugänglich werden. Das geschah 2019 unter der Regie von Carolyn Christov-Bakargiev, der Direktorin des nebenan gelegenen Castello di Rivoli.
Das Spannende am Besuch der Cerruti-Villa ist der fast erste Blick auf Werke, die zuvor der Öffentlichkeit vorenthalten waren. Ansonsten ist das moderne Haus innen prunkvoll verschwenderisch wie ein romantisches Schloss des Sonnenkönigs ausgestattet. Dazwischen finden sich jedoch grandiose wertvolle Gemälde berühmter Künstler. Leider füllen sie im ganzen Haus wie eine Tapete in Peterburger Hängung die Wände und kommen so als einzelne nicht wirklich zu ihrer berechtigten Geltung.
Es gibt in Turin so viel zu entdecken und ein absolutes Highlight folgt auch noch im kommenden Beitrag: Das Castello di Rivoli
Sie ist zurzeit die wichtigste Kunstmesse in Italien und zieht zunehmend Kunstkenner und -kennerinnen von weither an: die ARTISSIMA in Turin . Die Messe legt einen Schwerpunkt auf aktuelle zeitgenössische Kunst -weniger auf Alte Meisterwerke- und das nicht nur italienischer Herkunft. Eine weitere Besonderheit ist, einige Bereiche speziell zu kuratieren. Andere Messen wie die Art Basel lassen uns Besucher ja in einer wilden unkoordinierten Achterbahnfahrt durch Epochen und Kunststile oft verwirrt herumirren. In Turin bedeutet es, dass erfahrene Kuratoren mit ausstellenden Galerien absprechen, welche ihrer Künstler dort passend zu einem Thema präsentiert werden. Das ergibt Sinn, aber auch Diskussionsstoff, wie Leon Kruijswijk, der vormals im KW in Berlin arbeitete, berichtete. So hätte er sich beispielweise für seinen Bereich „Present Future“ Performances gewünscht, worauf sich die Galerien jedoch nicht einlassen wollten. Vermutlich ist der Sinn der Messe, der Verkauf, hiermit schwierig.
(Valentina Furian gewann den „Vanni #Artistroom Prize“ des Brillenherstellers)
Das Geschäft mit Privatsammlern sei laut Messemanagern aktuell eher schwächer, doch dafür hätten institutionelle Ankäufe dies mehr als ausgeglichen. Kuratoren wie Hans Ulrich Obrist von der Serpentine-Gallery in London schaute sich um. Auch Krist Gruijthuijsen, seit kurzem Direktor des „Espoo Museums of Modern Art“ nahe Helsinki berichtet begeistert über Ankäufe für seine kommenden Ausstellungen und die Sammlung des Museums.
John Armleder
ARTISSIMA Turin, 29.10. bis 2.11.2025
Die Artissima war auch Anlass für mehrere Openings von Herbstausstellungen in anderen Institutionen im Rahmen der ART-Week in Turin. Dazu mehr …..
Roger M. Buergel (Jg. 1962) war 2007 künstlerischer Leiter der Documenta 12 diskutiert die aktuelle Rolle von Kuratoren in der Kunstszene und deren Verhältnis zur Politik.
IB: Herr Buergel, wie wichtig ist die Position der Kuratoren in der Kunstszene heute? Werden sie wirklich zu wichtig beschrieben und stehlen den Künstlern die Show?
RB: Der Begriff des Kurators entwickelte sich erst in den 2000er Jahren, auch bedingt durch neue Märkte. Insbesondere in Asien hatten Kuratoren die Aufgabe, den Menschen Überblicksausstellungen zu bieten. Doch der Kurator ist keine Art neoliberales Künstler-Subjekt, der andere für sich arbeiten lässt, alles nur irgendwie zusammenfasst und am Ende als seine Vision vermarktet. Heute geht es darum, die Werke mehrerer Künstler in Beziehung zu setzen und zu verknüpfen. Das führt oft zu einem kritischen Widerspruch, also Ärger, weil man vermeintlich dem Künstler ein Stück weit sein Werk wegnimmt. Auf diesen Machtkampf muss man Lust haben. Ich bin aber überzeugt, dass es dazu keine Alternative gibt.
IB: Welche Rolle spielen Sammler in diesem Konstrukt?
RB: Eine völlige Freiheit ist beim Kuratieren nie gegeben, sie muss erkämpft werden. Das war auch schon bei Königen, Päpsten so und existiert heute ebenfalls bei amerikanischen Milliardären. Sammler, die jedoch nur zur Selbsthuldigung ausstellen, tun sich keinen Gefallen, denn sie schaffen letztlich nur zahnlose Ausstellungen. Die Lösungen sind sehr spezifisch.
IB: Was macht eine schlechte Ausstellung aus?
RB: Eine schlechte Ausstellung zeigt Kunst, die nur dem Markt dient. Beispiele sind die Pinault-Ausstellungen in Venedig 2024. Die Julie Mehretu-Ausstellung im Palazzo Grassi kann ich schon wegen der Menge nur als „Kaufhaus-Kunst“ bezeichnen. Bei Pierre Huyghe, einem wirklichen Super-Künstler, war der Raum der Punta della Dogana mit der schwarzen Verkleidung geschmacklos und kalt – das scheiterte formal. Da ist einfach zu viel Geld im Spiel.
Julie MehretuPierre HuyguePierre Huygue
IB: Wie stark sind Sie dem Einfluss von Galeristen und Lobbyisten ausgesetzt? RB: Man ist nur den Leuten ausgesetzt, denen man erlaubt, sich ihnen auszusetzen. Das Kunstfeld ist heterogen, und es gibt viele Galeristen, die aus echter Begeisterung investieren.
IB: Ist es auch eine Aufgabe von Kuratoren, Künstler zu entdecken und berühmt zu machen?
RB: Das lässt sich nicht vorhersagen. Die Einladung von Ai Weiwei 2007 zu unserer Documenta beispielsweise kam durch politische Vermittlung des Schweizer Botschafters in Peking zustande. Im asiatischen Raum hatte Ai Weiwei schon einen Namen. Dass seine Karriere dann in kürzester Zeit weltweit explodierte, konnten wir gar nicht beeinflussen. So etwas passiert einfach.
Documenta 12: 3 mal Ai Weiwei-Werke
IB: Welche neuen Entwicklungen sehen Sie in der zeitgenössischen Kunst in China seit 2007?
RB: China ist ein großes Land mit komplexen Debatten. Künstler navigieren geschickt in diesem System. Es gibt besonders in China schon traditionell keine festen Kategorien von Kunst und junge Leute interessieren sich auch für digitale Trends. Die aktuelle Entwicklung ist erfreulich grenzüberschreitend und fließend zwischen den Kategorien: Architektur, Mode, Musik, Gestaltung, Literatur und Technologie inklusive KI. Junge Leute begeistern sich z.B. für digitale Sneekers. Das schafft spannende neue Möglichkeiten.
Bei der Documenta 12 gab es schon eine künstlerische Modenschau!
IB: Sehen Sie ähnliche Tendenzen in Deutschland und Europa?
RB: Nein, nicht in dem Maße. In China gibt es eine lange Geschichte, in der Kunst und Kunsthandwerk ineinander übergingen. In Europa gibt es aber auch besonders in der jungen Generation eine wachsende Sensibilität für die Schnittmengen zwischen verschiedenen Disziplinen.
IB: Sie haben mal gesagt, der Kunst werde zu viel Politik zugeschrieben. Welche Funktion sollte in diesem Kontext die Documenta haben?
RB: Die Documenta muss sich jedes Mal neu definieren. Politisierung hat viele Aspekte. Viele Künstler thematisieren politische Inhalte, oft aber anstelle künstlerischer Substanz. Es gibt andereseits auch die Identifikation junger Menschen mit Protestthemen, die aber mehr mit ihnen selbst zu tun haben. Persönliche Enttäuschungen über das eigene Leben oder den Wohlstandsverlust in Europa werden stellvertretend auf die Solidarisierung mit anderen Krisengebieten übertragen und zornig ausgerufen.
Documenta 15, 2024Venedig Biennale 2024
IB: Es gab bei jeder Documenta „Skandale“.
RB: Ja, bei uns 2007 wurde heftig debattiert, ob es Kunst sei, einen Koch einzuladen oder dass wir bunte Wände verwenden.
Die Documenta 15 musste stärkere Kritik aushalten, weil hier die Reibungen mit der Staatsdoktrin deutlich wurden. Ruan Grupa war schlecht beraten und lief ungeschützt ins Messer. Das wird sich so nicht mehr wiederholen. Zukünftige Skandale werden kommen, aber andere Formen annehmen.
IB: Das hat Tradition bei der Documenta.
RB: Richtig. Wenn man sich auf diese Aufgabe als Kurator einläßt, kann man nicht nur geliebt werden, sondern muss den Finger in Wunden legen, letztendlich auch in die eigenen und das ist schmerzhaft. Klar gibt es dann einen Aufschrei. Doch wie bereits gesagt: man muss Freude an intersivem Diskurs haben. Ich jedenfalls mag das!
Der Titel „Biennale“ ist für sich keineswegs ein Qualitätssiegel, er bezeichnet lediglich ein Ereignis, das alle zwei Jahre stattfindet. Doch in Bezug auf zeitgenössische Kunst sind die Erwartungen einer großartigen Präsentation aktueller Kunst allein schon mit diesem Begriff verbunden, weil es nahe liegt, jede Ausstellung mit dem Namen Biennale zunächst an der größten, ältesten und international renommiertesten Biennale, nämlich der in Venedig zu messen. Doch dieses Niveau wird weltweit an keinem anderen Ort erreicht. Daher ist es angemessener, auch in Lyon die Maßstäbe etwas bescheidener zu setzen. Unter dieser Prämisse sind auf dieser französischen Biennale auch 2024 viele interessante Perlen zeitgenössischer Kunst zu entdecken.
Gestaltet wurde die Lyon-Biennale von der Art-Direktorin Isabella Bertolotti und der Kuratorin Alexia Fabre, die stets im Duo in trauter Einigkeit auftreten.
Die größte Location in Lyon sind die riesigen Lockhallen, in denen die ausgewählten Künstler und Künstlerinnen Größe zeigen können, aber auch müssen. Einige Beispiele:
Mona Cara
Die 27-jährige Französin Mona Cara zeigt eine textile Installation, die sie Kaktus genannt hat. Ihre eigene Erklärung ist, dass ein Kaktus auch bei Wassermangel überleben könne und somit ein Fluchtpunkt für alle möglichen Lebewesen sei. Sie übertrug dies auf eine Herberge mit Café für Menschen und ließ ihren Computer-Entwurf von einer speziellen Weberei gestalten. Der bunte beeindruckend große Webteppich fällt sofort ins Auge und bereitet nicht nur den Kindern viel Freude.
Hans Schabus
Der Österreicher Hans Schabus (Jg 1970) baute in den Dimensionen des Airbus A 321, der in Toulouse gebaut wird, aus Holz eine Röhre, die eine besondere Empfindung beim Durchschreiten erzeugt. Er verrät im Gespräch, dass er die Mobilität von uns Menschen thematisieren möchte, diese jedoch erheblich verlangsamt. Hierfür symbolisch werden die haltenden Holzringe von Schildkröten gestützt. Doch der große Tunnel sei ebenfalls geeignet, im Sinn des Ausstellungstitels (Crossing the water) einen Fluss zu überbrücken. Das Kunstwerk liegt majestätisch in der großen Lockhalle und duftet herrlich nach dem Holz.
Hans Schabus
Die „Healthy Boy Band“ aus Wien ist eine Gruppe von drei jungen Koch-Künstlern. Sie haben auf der Lyon-Biennale einen langen Tisch aufgestellt als Anreiz, gesellig zusammen zu sitzen. Ergänzt wird diese Installation von Automaten mit selbst-kreiertem Saft-Cocktail (sehr lecker mit Karottengeschmack, leichter Chili-Note und mehr). Ihre künstlerische Botschaft sei, wie Felix Schellhorn im Interview erklärte, dass nicht nur ein exzellentes Menu die Qualität eines Restaurants ausmachen soll, sondern immer auch die kreative Art, Menschen beim Essen und Trinken zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenzuführen. Die „Healthy Boy Band“ hat bereits im deutschen TV ihre Kochkunst durch einen Sieg im Duell gegen Tim Mälzer unter Beweis gestellt. Kochen als Kunstwerk? Durchaus! Man kann dies analog zu Rirkrit Taravanija (aktuelle Präsentation im Gropius-Bau in Berlin) als soziale Skulptur, einen etablierter Kunstbegriff, definieren.
Healthy Boy BandFelix Schellhorn
Jeremy Deller (London, 1976) stellte Banner in bunter Vielfalt zusammen, wie sie bei Demonstrationen oder Prozessionen von Menschen durch die Straßen getragen werden könnten. Die Botschaften sollen leicht verstehbar sein, wobei der kritische Inhalt mit der fröhlichen Farbenfreudigkeit kontrastiert.
Jeremy Deller
In einem Gebäude in der charmanten City von Lyon, der „Cité internationale de la Gastronomie – Grand Hotel-Dieu“ finden sich ästhetisch beeindruckende Kunstwerke, deren Schönheit sich besonders im kompositorischen Arrangement in den historischen Räumen entfaltet.
Ein weiterer Ausstellungsort ist das IAC- Institut d’art contemporain, in dem die Besucher*Innen ein wahres Labyrinth extrem unterschiedlich gestalteter fantasievoller Räume durchschreiten müssen und immer wieder herrlich überrascht werden.
Shivay La MultipleMeri Karapetyan
Das MacLYON ist das Museum für zeitgenössische Kunst, in dem Werke der Biennale zwischen denen der Dauerausstellung hängen. Als Ort wenig interessant, da es nach dem Prinzip des White Cube in keiner Weise die Spannung aufbauen kann wie zum Beispiel die alte verlassene Industriehalle „Grandes Locos“.
Nadav KanderRobert Gabris
Die Lyon Biennale zeigt durchaus ansprechende Highlights zeitgenössischer Künstler*Innen, auch wenn es beispielsweise in der großen Lockhalle an den Vorbesichtigungstagen etwas leer und verloren wirkte. Doch dann strömten nach der offiziellen Eröffnungsrede plötzlich wirkliche Massen an Kunstinteressierten aller Altersklassen und Nationalitäten durch die geöffnete Absperrung und feierten die Kunst bei Musik im Sonnenuntergang, und nicht nur am Getränkestand, sondern auch bei den Kunstwerken, wo gelacht, getanzt und intensiv diskutiert wurde. Ein fantastisches Fest für die Kunst!
17. Biennale de Lyon (Frankreich), 21.Sept. 2024 bis 5.Jan. 2025