Dass der ehemalige Industriestandort italienischer TOP-Automarken jetzt ein Hotspot für Zeitgenössische Kunst ist, war bisher bestimmt nicht jedem geläufig. Zwar hatte Turin bereits in vorherigen Jahrhunderten eine kulturelle Geschichte, doch jetzt haben sich mehrere Stiftungen, Museen und Privat-Institutionen etabliert, die den Ort für aktuelle Kunst dieses Jahrhunderts erheblich interessant werden lassen.
Zeitgleich mit der Kunstmesse ARTISSIMA fanden mehrere Ausstellungseröffnungen statt. Hier einige Bespiele, die für eine „Reise zur Kunst“ animieren könnten:

FONDAZIONE MERZ: Sie ist das Vermächtnis von Mario Merz, dem Künstler der Arte Povera, der mit Iglos aus unterschiedlichen Materialien und Werken mit der Fibonacci-Zahlenfolge bekannt wurde. Erstaunlich, dass ein Künstler bereits die Vision hatte, dass genau dieses mathematische Konstrukt nicht nur in der Natur relevant ist, sondern auch im Finanzwesen und in der Computertechnologie einen hohen Stellenwert bekommen sollte. Die aktuelle Stiftungs-Ausstellung im ehemaligen Heizkraftwerk von LANCIA in Turin widmet sich dem Krieg in Palästina, den namhafte Künstler*Innen thematisiert haben. „Push the Limits“ noch bis 1.2.2026.





FONDAZIONE SANDRETTO RE RABAUDENGO: „News from Near Future”.
Die private Sammlung besteht schon seit 30 Jahren und zeigt zu diesem Jubiläum nicht nur in ihrem Museumsbau, sondern auch im internationalen Automobilmuseum Turin großartige Schätze moderner Kunst, die sie teils offenbar direkt von der Biennale Venezia erworben haben. Das Vermögen stammt aus deren Firma, die Wind- und Solar-Energieanlagen herstellt. Wie schön, dass solche Schlüsselwerke öffentlich gezeigt werden und nicht in dunklen Archiven verschwinden!



GGR-OFFICINE GRANDI RIPARAZIONI


Das ehemalige Eisenbahn-Reparationswerk ist aufwendig restauriert worden für wechselnde Kunstausstellungen als gigantische Kulisse mit dem besonderen Ambiente eines Industrie-Palastes. Besonders im Dunkeln wirken die drei neuen Shows eindrucksvoll.
Die Französin LAURE PROVOST zeigt hier ihre bereits von der LAS Art Foundation in Berlin präsentierte Installation und Performance „We felt a Star Dying“. Sie läd Besucher ein, auf weichen Liegesäcken in einer Kuppel Filmsequenzen anzuschauen, die zum Eintauchen ins eigene Seelenleben anregen. Dazu dekorieren bunte sanft flatternde Stoffe die esoterische Atmosphäre und skurrile Mini-Sateliten schweben durch die dunkle Halle.


„ELECTRIC DREAMS“ ist eine Ausleihe der Tate Modern in London und zeigt Licht- und Sound-Kunstwerke aus den Anfängen elektronischer Kunst aus den 50ger bis Ende der 90ger Jahre. Man fühlt sich zurückgesetzt in die Zeit der Diskos mit Lightshows und möchte gemeinsam mit dem flirrenden Lichteffekten tanzen. Auch die Weiterentwicklung durch Computergrafik und Internet ist herrlich nachvollziehbar. Erstaunlich, dass all das schon wieder historisch ist! Dabei ist durchaus diskutabel, wie hoch der künstlerische Wert der Arbeiten ist, wenn doch oft lediglich der Spieltrieb der Erschaffer mit den technischen Möglichkeiten im Vordergrund zu stehen scheint. Es macht aber großen Spaß, sich in diese Zeitreise zu begeben.


Beides bis 10.5.2026

PINACOTECA AGNELLI
Giovanni Agnelli war Chef von FIAT und mit seiner Frau Marella begeisterter Kunstsammler. Doch ihre Sammlung teurer Picasso- und Matisse-Gemälde ist weniger spannend anzuschauen.



Vielmehr faszinierend ist das Gebäude, in dem sie wie in einer Schatzkammer präsentiert werden. Es ist ein Aufbau von Renzo Piano auf der alten 500 m langen FIAT-Fabrik. Das Gebäude selbst ist schon ein Unikat, denn bis in die 80ger Jahre wurde dort die Test-Rennstrecke inklusive Steilkurve auf dem Dach genutzt. Heute kann man dort umrahmt von Gärten spazieren und hat auch noch einen großartigen Ausblick auf die Stadt. Ein Sightseeing-Hotspot vom Feinsten!


FONDAZIONE CERRUTI
Francesco Federico Cerruti besass eine Buchbinderei, doch reich wurde er mit der Ausgabe eines Telefon- und Adressbuches, das permanent aktualisiert wurde. Dieser Verkaufsschlager brachte ihm so gute Gewinne, dass er sich kostbare Kunstwerke erwerben konnte. Die Sammlung bewahrte er in seiner Villa in Rivoli auf, die er zwar für seine Eltern geplant hatte, die jedoch nie dort einzogen. Auch er selbst wohnte in einer kleinen Wohnung neben seiner Turiner Fabrik und habe in der Villa nur einmal geschlafen. Die Kunstwerke zeigte er nur selten und nur Kunstexperten. Erst nach seinem Tod sollten sie öffentlich zugänglich werden. Das geschah 2019 unter der Regie von Carolyn Christov-Bakargiev, der Direktorin des nebenan gelegenen Castello di Rivoli.



Das Spannende am Besuch der Cerruti-Villa ist der fast erste Blick auf Werke, die zuvor der Öffentlichkeit vorenthalten waren. Ansonsten ist das moderne Haus innen prunkvoll verschwenderisch wie ein romantisches Schloss des Sonnenkönigs ausgestattet. Dazwischen finden sich jedoch grandiose wertvolle Gemälde berühmter Künstler. Leider füllen sie im ganzen Haus wie eine Tapete in Peterburger Hängung die Wände und kommen so als einzelne nicht wirklich zu ihrer berechtigten Geltung.
Es gibt in Turin so viel zu entdecken und ein absolutes Highlight folgt auch noch im kommenden Beitrag: Das Castello di Rivoli