
WOW: Chemnitz, die fast vergessene vormals triste ehemalige Industriestadt am östlichen Rand Deutschlands, die über 37 Jahre lang Karl-Marx-Stadt hieß, ist seit 18.1.2025 offiziell die Europäische Kulturhauptstadt 2025 und glänzt mit neuen Bauten, besserer Infrastruktur, speziellen kulturellen Projekten und ausgelassener Fröhlichkeit.

„C the Unseen“ ist das anglistische Wortspiel, das sich Chemnitz als Motto gegeben hat. Und es stimmt, denn in dieser meist unbeachteten Region, von der nur das erzgebirgische Kunsthandwerk zur Weihnachtszeit global Beachtung fand, ist jetzt wirklich Erstaunliches zu entdecken.
Bereits im letzten Sommer wurde in diesem Blog das wertvollste Kunst-Projekt vorgestellt: der Skulpturenweg „Purple Path“. Sowohl Künstlerinnen und Künstler der Region als auch solche mit internationalem Ruhm gestalten für 38 Orte der Umgebung von Chemnitz Skulpturen, die auch langfristig bisher „ungesehene“ Städtchen ins Licht der kunstbegeisterten Welt bringen. Ein Tipp: dieser weitläufige Überraschungs-Parcours ist mittels Auto und Google-Maps am ehesten zu genießen, es sei denn, man verfügt über eine ausdauernde Kondition fürs Radfahren.
Das ehrgeizige Ziel der Organisatoren, auch die Umgebung kulturell attraktiv aufzuwerten, stößt jetzt teilweise auf skurrile Probleme. Ein besonderes Merkmal von Chemnitz2025 soll die Gestaltung von der Bevölkerung für die Bevölkerung sein, kein Programm aus dem Elfenbeinturm elitärer Kunstexperten. Daher sind bei der Auswahl der Werke des Purple Path immer die Bürgermeister und „lokale Kunstkenner“ einbezogen worden. Das konnte bei der großen Zahl von 38 Skulpturen nicht wirklich gut gehen!


Augustusburg zum Beispiel sollte ein Werk von Alicija Kwade bekommen: einen für sie typischen Stein mit einem Stuhl. Die Künstlerin aus Berlin erlangte bereits Weltruhm mit einer großen Installation auf dem Dach des MOMA in New York, doch dem kleinen Ort in Sachsen gefiel das alles nicht. „Der Stadtrat hat sich gegen das Kunstwerk ausgesprochen, gar nicht mal so sehr nach Kenntnis des Kunstwerks, sondern mit dem Wunsch einen eigenen regionalen Künstler selbst auszusuchen. Da hätte jeder andere Name keine Chance gehabt, die hätten immer Nein gesagt.“ berichtet Stefan Schmidtke, Geschäftsführer von Chemnitz2025. Nach vielen vergeblichen Bemühungen um Einigung lehnte der künstlerisch verantwortliche Kurator letztendlich jeglichen Aufbau einer Skulptur ab. So bleibt Augustusburg Kunst-leer.



Ein wenig kommt hier die Erinnerung an WEIMAR 99 auf. In der damaligen Europäischen Kulturhauptstadt verhinderte die Bevölkerung inklusive Stadtrat die Gestaltung eines Platzes durch den berühmten französischen Künstler Daniel Buren. Als Begründung wurde genannt: Es fallen Parkplätze weg! Weimar schien am Ende des ruhmreichen Jahres wieder in seinen provinziellen Dornröschenschlaf zurückkehren zu wollen.


In Marienberg kam ein völlig anderes Problem auf: der zentrale Marktplatz, auf dem das Kunstwerk stehen sollte, ist Teil des Welterbe Montan-Union. Hier können nicht einfach Veränderungen vorgenommen werden, doch es wird jetzt nach einem neuen Platz gesucht.
Der Purple Path in Chemnitz bietet seit unserem Bericht vom letzten Sommer weitere neue großartige Skulpturen:


„Oben-Mit“ nennt der Chemnitzer Künstler Osmar Osten seine Säule aus unterschiedlichen Steinen der Region mit abstrahierten Nussknackern und Räuchermännchen darauf. Sein „Denkmal für die guten Geister meiner Heimat“ ist Reminiszenz und Satire zugleich.


Auf einem Hügel mitten im landschaftlichen Nichts ragt eine Pyramide aus Holzbalken in den blauen Himmel. Olaf Holzapfel aus Dresden hat als Künstler den Zürich-Art-Prize 2024 erhalten und schon auf der Documenta 14 (2017) ausstellen dürfen. Jetzt zeigt er in Amtsberg „Zwei ineinander Verwobene“. Auch der Landgasthof Dittersdorfer Höhe direkt daneben darf sich in diesem Sommer bestimmt über viele nette Gäste freuen.
„Ich habe viel gelernt bei der Organisation des Purple Path.“ sagt Kurator Alexander Ochs. „Besonders über unvorhergesehene Probleme. Für das Werk von James Turrell ist beispielsweise schon viel Geld geflossen und plötzlich war die Gießerei pleite. Doch ich denke, wir finden noch eine Lösung hierfür.“

Auch das kleine Burgstädt meldete mitten in der Planung der künstlerischen Neugestaltung ihres Taurasteinturmes Bedenken an. Man befürchte zu hohe Folgekosten durch die Beleuchtung. Via Lewandowsky möchte mit Projektionen und Sound-Effekten dem Turm „eine Seele“ einhauchen und den Besuchern Erlebnisspaß verbunden mit Bergwerkhistorie bieten, alles stromsparend mit LED. „Wind und Wetter“ hat weniger mit der Klimakrise zu tun als mit den „Schlagenden Wetterphänomenen “ unter Tage. Der in Dresden geborene Via Lewandowsky wurde zuletzt bekannt durch seine „Demokratie-Glocke“, die in Leipzig seit 2009 an die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR erinnert. Er spricht so begeistert von seiner Idee für Burgstädt, dass dieser Funke bestimmt auf die Stadträte und die zukünftigen Gäste überspringen wird. So bleibt unbedingt zu hoffen, dass dieses beseelte, aber auch ein bisschen gespenstisch dynamische Erlebniskunstwerk doch noch realisiert wird.


Etwas befremdlich bei den Feiern zum Opening war, dass die wichtigen Eröffnungsgäste ganz klein auf der Bühne am Fuße des riesigen Karl-Marx-Kopfes ihre Begrüßungsreden hielten, an erster Stelle Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, aber auch Claudia Roth als Kulturbeauftragte der Bundesregierung und der EU-Kommissar für Kultur Glenn Micallef aus Malta. Offensichtlich hat sich die Stadt mit ihrem ursprünglich aufgezwungenen zeitweisen Namensgeber inzwischen 35 Jahre nach der Wende versöhnt, denn es tanzten dort (angeblich) 80 Tausend Menschen voller Freude auf ein spektakuläres Jahr.
Andere Skulpturen des Purple Path, Artikel vom 26.08.2024






Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2025



























