Deutschland im Kentridge-Super-Hype



Alle reden über Kentridge. WIR AUCH! Doch nicht nur, weil momentan sowohl in Essen als auch in Dresden riesige Ausstellungen den südafrikanischen Künstler zu seinem 70. Geburtstag feiern, sondern weil sein Werk wirklich großartig ist.
Seit 50 Jahren ist William Kentridge künstlerisch tätig und spätestens seit der dOCUMENTA(13) 2012 verbreitete sich seine Beliebtheit exponentiell. Damals schuf er mit „The Refusial of Time“ eine herrliche immersive Installation, als dieser Begriff noch gar nicht benutzt wurde. Ein Raum, in den man eintrat und sofort in die philosophische Auseinandersetzung mit der uns dominierenden ZEIT-Taktung mit allen Sinnen eintauchte.


Im Folkwang-Museum in Essen wird aktuell aus dem umfangreichen Werk des Künstlers zunächst das Thema Bergbau in den Vordergrund gestellt, ein verbindendes Element zwischen dem Ruhrgebiet und Johannisburg, der Heimat des Künstlers. Etwa ein Viertel des weltweiten Goldes stammt aus Minen der Umgebung. In beiden Regionen findet jetzt jedoch kein aktiber Bergbau mehr statt, sondern eine Transformation von Arbeit und Gesellschaft. Die Kunstwerke haben sich dementsprechend von schweren Bedingungen für die Bergleute zu Landschaften und Kunst, auch aus Literatur und Theater verändert.


Ein zweiter Themenbereich sind die Auswirkungen des Kolonialismus in Afrika. Hierzu wird bespielsweise ein automatisches Theater mit Zeichnungen und Figuren gezeigt, das den Völkermord an den Herero durch die kaiserliche deutsche Armee in Süd-West-Afrika verübt hat.


Doch auch die Migrationsbewegungen, die bis heute folgten, sind künstlerisches Thema in der Ausstellung. Zu sehen ist u.a. ein riesiger Wandteppich mit einem Boot-Motiv. Gefragt wurde, wie und wer ihn hergestellt habe. William Kentridge erklärt:“Ich habe nie gedacht: Oh, ich will einen Teppich, dann suche ich mal in der Welt eine Fabrik. Nein, die Werkstätte für die Tappisserie gab es vorher schon ganz nah an Johannisburg. Wir hatten uns getroffen und gemeinsam überlegt, was wir zusammen machen könnten. Dann haben viele fleißige Hände aus Mohairwolle der Region das Bild gewebt.“ Auch die kleine Vorlage hierfür ist in der Ausstellung zu sehen.


Bei all diesen dramatischen Geschichten schwingt bei Kentridge oft auch eine heitere humorvolle Machart mit. Danach befragt erklärt der Künstler, dass er dies eher als Groteske meine. Massaker und Kriege seien letztlich doch unsinnig und grotesk.
Man braucht für die Freude an der Kunst von William Kentridge jedoch gar nicht alle Themen sofort zu verstehen, sondern kann von der feinen perfekten Art des Zeichnens und der Spannung in der Zusammensetzung von Linien und Kollagen einfach begeistert sein. Es sind grafische Meisterwerke und gleichzeitig Suchbilder.


Berühmt ist der multimediale Künstler auch für seine Animationsfilme, die er in Einzelbildern durch kleine Veränderungen von Kohlezeichnungen aufnimmt. Doch auch Theaterstücke oder Opern inszeniert er, meist mit KünstlerInnen aus Johannisburg inkusive Brass-Band.

Das ging plötzlich nicht mehr, als wir alle zur Tatenlosigkeit im Corona-Lockdown verpflichtet wurden. Kentridge ging allein in sein Atelier – seinen Lieblings-Lebensraum – und produzierte eine 9teilige Filmsequenz, in der er mit einem Doppelgänger über sein Leben und Schaffen philosophierte. Gleichzeitig gibt er hierin einen wunderbaren Einblick in seine Arbeitsweise. „Self-Portrait as a Coffee Pot“ ist genau das groteske und gerade deshalb das ehrlichste seiner Werke. (Fun-fact: Er möge den Kaffee aus dieser Zubereitung eigentlich gar nicht, sondern lieber French-Press!) Wer sich die 9×30 Minuten komplett anschauen möchte, findet sie nicht nur in der Ausstellung, sondern auch bei MUBI.

Ganz Deutschland scheint im Kentridge-Fieber zu sein: In Berlin wird sein Stück „The great YES and the great NO“ im November aufgeführt. In Weimar gibt es eine Wiederkehr von „Faustus in Africa!“, eine alternative Puppenspiel-Adaptation, die Kentridge vor 30 Jahren beim Kunstfest Weimar vorgestellt hatte.
Weiterhin präsentiert die Dresdner Kunstsammlung die zweite Hälfte von „Listen to the Echo“ in drei Häusern. Eröffnet wurde sie spektakulär mit einer Live-Prozession in der Art von Kentridge vorbei am berühmten Fürstenzug, dem Wandbild aus Meißner Porzellan-Kacheln. (Fotos: B. Rühl)



Kentridge mag Prozessionen. So wird auch „More Sweetly Play The Dance“ auf 9 Leinwänden im Albertinum gezeigt, ein Ablauf des Lebens und Sterbens. Es gebe multiple Arten von Prozessionen, nicht nur spirituelle, meint der Künstler. Auch Protestmärsche gehören dazu. Z.B. zogen am Dresdner Fürstenzug schon „Fridays for-Future“-Schüler vorbei, doch auch rechtsextremistische ausländerfeindliche Demos oder Trauerzüge von Polizisten für ihre getöteten Kollegen. Viele Analogien sprachen für das Werk von William Kentridge an diesem Ort.



Es gibt eine Fülle an fantastischen Kunstwerken des sympatischen und nachdenklichen William Kentridge momentan wiederzusehen oder neu zu entdecken. Ein absolutes Pflichtprogramm für leidenschaftliche Kunstliebhaber*Innen!





William Kentridge: „Listen to the ECHO“
Museum Folkwang, Essen: 4.September 2025 bis 18.Januar 2026
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum: 6. Sep.2025 -4. Jan. 2026 Puppentheatersammlung: 6.9.25 -28.6.2026, Kupferstich-Kabinett: 6.9.25 – 15.2.2026
















