Konzepte zur Transformation in Kunst, Architektur und Gesellschaft
In der Akademie der Künste im Hanseatenweg in Berlin eröffnete eine Ausstellung über „Die Grosse Reparatur“. Wer hier eine große Werkstatt vermutet, liegt eher falsch und leider erklärt sich das Ausstellungskonzept nicht von allein. Zum Beispiel trifft man beim Eintritt in den ersten Saal zuerst auf einen großen Stapel Reinigungsutensilien. Da sind schon die Ausführungen des Hauptkurators Anh-Linh Ngo notwendig.


Wir leben in einem Zeitalter der multiplen Transformationen. Alles befindet sich angesichts der akut drohenden Klimakatastophen in Umbruchstimmung. An erster Stelle wird über die Energieversorgung diskutiert, wobei an Sonnen-, Wind- , Wasserenergie und Wasserstoff niemand vorbei kommt.
Zusätzlich müssen wir auch unsere weiteren Ressourcen schützen, besonders vor Verschwendung. Für die Architektur, die in dieser Ausstellung vorrangig im Fokus steht, bedeutet dies: „reparieren, nicht abreißen.“ Es muss gelernt werden, mit den Bestandsgebäuden zu arbeiten. Die Produktion von Zement und Beton erzeugt große CO2-Emissionen und genau diese beiden Materialien sind augenblicklich die am häufigsten verwendeten Baustoffe.
Es wird auch der „Mythos Beton“ problematisiert. Er sei der Inbegriff von Langlebigkeit, doch sehen wir überall marode Brücken und Bauwerke, wo Beton zerfällt.
Zurück zum Putzmaterial: Für Langlebigkeit von Gebäuden ist neben regelmäßigen Wartungs- und Reparaturmaßnahmen auch ihre permanente Pflege essenziell. Die Installation soll dies ausdrücken und zu Wertschätzung des Reinigungspersonals anregen. Es handelt sich um „Care-Arbeit“ am Gebäude.
Ein zauberhaftes Landschaftsmodell der ETH Zürich begeistert als absoluter Blickfang im nächsten Saal unter dem Titel:



„Power to the People“.
Nachgebaut wurde das Rheinische Braunkohlen-Revier, das uns bereits in den Nachrichten bewegt hat. Der große Stromkonzern RWE besitzt das Schürfrecht für das Gelände und hat vor kurzem trotz des beschlossenen absehbaren Endes des Kohleabbaus neues Gebiet mit Polizeigewalt von Demonstranten räumen lassen. Der Hambacher Forst und der Weiler Lützerath sind Symbole für den Umgang mit Menschen geworden, die zivilen Ungehorsam gelebt haben zur Erhaltung von Natur und Pflicht zur Neuorientierung. RWE baut zwar auch Windenergieanlagen genau in dieser Region, doch steht hier die Profitmaximierung im Vordergrund, wenn das Geschäft mit dem Ende der Fossilien-Verbrennung kompensiert werden soll.


Thematisch möchten die Aussteller die Besitzfrage von Energiequellen in die Diskussion bringen und weiterhin den Mut der Menschen zum Widerspruch beflügeln.
„Wissenswelten dekolonialisieren“


Dieses Ausstellungskapitel enthält den Aufruf, weltweit bereits vorhandenes Wissen um alternative Baukunst und Lebensgestaltung auch in unsere industrielle Welt wieder einfließen zu lassen.
Künstlerisch ist Kader Attia in der Ausstellung vertreten mit einer Miniatur“Stadt“ aus Pappmache, deren Formen sehr an nordafrikanische Siedlungen aus vorwiegend Lehm erinnern. Die Installtion, die bereits auf der Sharjah-Biennale 2023 gezeigt wurde, soll nicht nur an diese Form und das natürliche Material erinnern. Vielmehr sagt der Künstler, dass jede Wand in jedem Bauwerk auch die Erinnerungen an die Bewohner und verschiedenen Reparaturen und Epochen enthält. Wir sollten vielleicht mal hinhören, was sie uns zu erzählen haben und respektvoll, nicht mit Baggern mit ihnen umgehen. Hier gilt symbolisch wieder: Reparieren und nicht abreißen.
Kader Attia ist in Berlin bekannt als Kurator der letzten Berlin-Biennale und unter den Künstlern der Urvater des Repair-Gedankens. Schon auf der Documenta 13 (2012) präsentierte er das Thema in einem fantastischen Saal, u.a. mit Fundstücken aus Nordafrika, die Alltagsgegenstände zeigten, die zur Weiterverwendung sichtbar repariert wurden: Schalen, Spiegel, Tücher, aber auch umgestaltete Stahlhelme oder Patronenhülsen. Zusätzlich waren Fotos und Holz-Büsten von versehrten Weltkriegssoldaten ausgestellt, die keine perfekt rekonstruierten Gesichter hatten.



In der jetzigen Ausstellung hat der Fotograf Michael Wolf das Sammeln übernommen und präsentiert mehrfach reparierte Stühle aus China.



Wie schon Kader Attia postulierte, so sagt auch die Ausstellung, dass nach jeder Reparatur Narben zurück bleiben.
„Die Narben sichtbar lassen“
ist auch ein Credo der Repair-Ausstellung. Allerdings wird eingeräumt, dass nicht alle Wunden, die der Menschheit zugefügt werden, reparierbar seien.
Unter dem Titel
„A City within a Building“


wird eine stark berührende Filmdokumentation über das Bombardement der russischen Armee am 16.März 2022 des Drama-Theaters in Mariupol in der Ukraine gezeigt. In dem Gebäude hielten sich zu dem Zeitpunkt nahezu 2000 ukrainische Zivilisten auf, die dort Zuflucht nach den massiven Angriffen auf ihre Stadt gesucht hatten. Kurz danach bauten die russischen Streitkräfte erst einen extrem hohen Zaun um die Ruinen und rissen dahinter alles ab. Sie behaupteten der Angriff sei durch die ukrainische Armee begangen worden. Hier sollten keinerlei Spuren, sprich Narben der Gewalt sichtbar bleiben.

Das Kiewer Forschungskollektiv Center for Spatial Technologies hat zusammen mit Forensic Architecture eine virtuelle 3D-Rekonstruktion des Theaters und der Geschichte der Zeit der Zuflucht und Bombadierung hergestellt, um dieses Vergessen zu verhindern und ggf. Beweise für eine spätere Kriegsgerichtsbarkeit zu sichern.
Aus Augenzeugen-Berichten im Sinn kollektiver Erinnerungen und Handyvideos von den wenigen Überlebenden wurde dies in mühsamer Kleinstarbeit möglich.


Forensic Architecture ist eine Gruppe mit Sitz in London, die in ihren Projekten Gegenbeweise zu staatlicher Desinformation suchen. In Deutschland wurden sie erstmals auf der Documenta 14 bewußt wahrgenommen. Sie zeigten die Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgat in einem Internet-Cafe in Kassel. Offiziell wurde es lange als Konflikt zwischen rivalisierenden Familien deklariert. Später stellte sich heraus das Halit Opfer der NSU-Täter war, einer rechtsradikalen Gruppe. In der Rekonstruktion konnte auch belegt werden, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme während der Schüsse in Nebenraum des Cafes anwesend war und seine Aussage, er habe nichts gehört und beim Hinausgehen auch nicht den Toten gesehen, unglaubwürdig war. Dieses Kunst-Projekt wurde im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gezeigt; ein Beispiel, dass Kunst auch Macht haben kann.


The Great Repair endet mit der Vorführung von Baustoffen und der Machbarkeit ökologischen Bauens. Hier spielen natürliche Materialien wie Holz, Lehm oder Reet eine Rolle. Ein Planungsprojekt eines Industriegebietes wird vorgestellt mit dem Ziel, versiegelte Flächen -wie besonders Parkplätze- zu öffnen und zu renaturieren. Auf die Frage, wo danach die Autos bleiben können, gab es allerdings noch kein befriedigendes Konzept. Dies wird aber wohl gebraucht, zumal nicht alle Menschen, besonders in unserem doch regenreichen Land zum Radfahren bereit oder in der Lage sind.
Wie bereits zu Beginn berichtet, erklärt sich die Ausstellung nicht wirklich von selbst. Wenn man jedoch Kurator*Innen und Mitwirkende direkt fragt, eine Führung bucht oder bereit ist, sich durch die Beschriftungen oder den Katalog zu arbeiten, ist es eine besonders wertvolle Darstellung unserer Aufgaben, die die kommende Transformation auf so vielen Ebenen nötig machen wird.
„The Great Repair“, Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg
vom 14.Oktober 2023 bis 14. Januar 2024