„Ich versuche immer, einfach schöne Fotos zu machen.“


Jeff Wall hat massgeblich zur Etablierung der Fotografie als eigenständige Kunstform beigetragen. Er hat schon in den 1970ger Jahren einprägsame Kompositionen für seine Bilder erstellt, indem er Räume mit Menschen ganz speziell inszeniert. Sein Markenzeichen ist, dass er diese Bilder als Großbild-Dias in riesigen Leuchtkästen zeigt, wie man sie zuvor nur aus der Werbung kannte. So strahlen sie von hinten beleuchtet aus dem Inneren heraus und hinterlassen unabhängig von den äußeren Lichtverhältnissen eine Strahlkraft, die sich bei den Betrachtern tief in die Erinnerung einprägt. Auch die fast Lebensgröße der Bilder mit der Möglichkeit des immersiven Eintauchens verstärkt diesen Effekt. Der Künstler nennt sie „Tableaus“, denn sie sind mehr als ein Foto, eher ein Gemälde in Form eines anderen technischen Mediums.


Seit Erfindung der Fotografie dient sie der authentischen Dokumentation. Dabei ist inzwischen der Wahrheitsgehalt von Fotos spätestens seit der Digitalisierung und KI fraglich geworden. Das spielt bei Jeff Wall jedoch keine Rolle. Es ist eine „cinematografische Fotografie“. Renaissance-Künstler wie Tintoretto erzählten auch schon in einem einzigen Gemälde ganze Geschichten. In dieser Tradition sind auch die Bilder von Jeff Wall Ausdruck einer imaginierten Filmhandlung. Als Betrachter fragt man sich, was vorher stattgefunden hat und was danach passieren könnte.
In der Fondation Beyeler in Basel werden aktuell 55 Meisterwerke des Künstlers präsentiert, die aus unterschiedlichen Schaffensperioden stammen und auch verschiedene Techniken zeigen.


Ein beispielhaftes Werk ist „Milk“, das bei der Documenta 10 (1997) in einer Fußgängerunterführung dort nicht nur die zahlenden Ausstellungsbesucher anstrahlte. Jeff Wall berichtet jetzt in Basel, dass er zufällig im Vorrübergehen einen Mann an einer Mauer sitzend total angespannt und verlassen gesehen hatte. Dies beeindruckte und inspirierte ihn, doch er suchte einen anderen farblich und graphisch kontrastierenden Hintergrund, aber ganz in der Nähe. Der Mann auf dem Bild war nicht der ursprüngliche aber auch kein Schauspieler. Es musste ein Zeitpunkt mit intensiver Sonneneinstrahlung gefunden werden, um die ultrakurzen Verschlusszeiten einzuhalten für die Darstellung der Milchfontäne. Wenn man den linken Arm des Mannes betrachtet, ist die muskuläre wutbedingte Anpannung inklusive der Faust zu erkennen, so dass nachvollziehbar wird, welche Kraft auch in der rechten Hand möglich wurde, um die Milchtüte zur Explosion zu bringen.
Zufällige Alltagserlebnisse seien Grundlage der Ideen für Inszenierungen eines neuen Bildes, erklärt Jeff Wall. „Ich habe den Zufall stets zu meinem Komplizen gemacht.“ Es entstehe dann eine Fotografie einer Situation, die auch wenn sie später inszeniert wurde, so real hätte stattfinden können.

Andere Inspirationsquellen sind laut Jeff Wall literarische Narrative. So entstand ein ebenfalls berühmtes Werk: „Invisible Man“ nach einer in den USA weitbekannten Novelle von Ralph Ellison (erschienen 1952). (Documenta 11, 2002). Hierin beschreibt der Autor einen afroamerikanischen erfolglosen Schriftsteller, der sich in einem Keller in Harlem einen Raum eingerichtet hat, den er mit 1036 Glühbirnen beleuchtete. Diese literarische Vorgabe war die Idee für die Installation des Tableaus.

Jeff Wall (Jg 1946) ist ausgebildeter Kunsthistoriker und Professor an der British Columbia University in seiner Heimatstadt Vancouver (Canada). So sind oft Anspielungen auf klassische Gemälde in seinen Inszenierungen zu entdecken. Ein Beispiel ist eine Szene links unten in „Storyteller“. Sie erinnert deutlich an das „Frühstück im Grünen“ von Edouard Manet, wobei der Ort unter der Autobahn bei Jeff Wall im Gegensatz zu Manet bewusst überhaupt nicht idyllisch gewählt wurde. Zeigen wollte er, dass die anwesenden indigenen Menschen an den Rand der Stadt und der Gesellschaft ausweichen mussten.


Der Katalog dieser Ausstellung in Basel ist besonders interessant, weil Jeff Wall selbst die Interpretationen zu seinen Bildern geschrieben hat und auch in einem Interview mit dem Kurator Martin Schwander über seine Arbeit autentisch berichtet.
Heute hat die künstlerische Fotographie ihren anerkannten Platz gewonnen, zu deren Siegeszug die Tableaus von Jeff Wall jedoch einen wesentlichen Grundstein gelegt haben. Seine Werke entwickeln bis heute noch eine ansteckende Strahlkraft und laden eindrucksvoll zum Erkunden aller Details und der dazugehörenden Storys ein.
Fondation Beyeler, Basel/Riehen 28.1. bis 21.4.2024