Trennung von Kunst und Politik: Fehlgeschlagen!
Soll das politische Statement einer Künstlerin höhere Wellen schlagen als ihre Kunstwerke? Das bleibt die große Frage.


Vor kurzem wurde die renommierte amerikanische Fotokünstlerin Nan Goldin in der Akademie der Künste mit dem Käthe Kollwitz-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet und eine Show zeigte ihre sehr bewegende Darstellung einer Community von Randgruppen der Gesellschaft in den USA der 70er bis 90ger Jahre. Ihre Fotos sind nie voyeuristisch, sondern voller Vertrautheit und liebevoller Beziehungen. Sex and Drugs and Rock n Roll; so erlebte Nan Goldin die Welt der Drag-Queens und der Trans-Menschen, bei denen sie in Boston ein besseres familiäres Zuhause als ihr eigenes fand.



Jetzt wurde ihre Retrospektive in 6 Kapiteln in der Neuen Nationalgalerie eröffnet. In je einem schwarzen Pavillon innerhalb des großen Ausstellungsraumes wird eine der ursprünglichen Dia-Shows als filmischer Zusammenschnitt präsentiert. Die Konzeption stammt aus dem Moderna Museet Stockholm, kuratiert von Fredrik Liew, dem dortigen Chefkurator, der die Videos gemeinsam mit Nan Goldin erstellte.


In Stockholm und später in Amsterdam gab es großes Lob für diese Ausstellung der Künstlerin mit Weltruhm. Fredrick Liew bekräftigt, dass er sie unbedingt einem größeren Publikum präsentieren wollte und deshalb sehr froh sei über Berlin und Deutschland mit der wesentlich größeren Bevölkerungszahl.
Diese Idee übernahm offensichtlich auch die Künstlerin. So nutzte sie Berlin, wohlwissend der komplexen historischen Verantwortung Deutschlands, um mit einer gesicherten lautstarken Öffentlichkeitswirksamkeit ihrem aktuellen Kampf für Palästina Gehör zu verschaffen.
Politischer Aktivismus ist Nan Goldin nicht unbekannt. Sie hat extrem erfolgreich und dankenswert den Kampf gegen die Pharmaindustriellen-Familie Sackler in den USA geführt. Diese hatte mit der werbewirksamen Verharmlosung des Schmerzmittels Oxicodin Milliarden verdient, aber viele Menschen opiatsüchtig gemacht. Inzwischen ist es der Verdienst von Nan Goldin, dass keins der großen Museen in der Welt noch Geld der ehemaligen Mäzene annimmt und alle ehrenhaften Namensschilder entfernt wurden.
War das erfolgreiche Ende dieses wirklich bewundernswerten Engagements, das sie ausschließlich mit künstlerischen Mitteln erreicht hatte, jetzt ein Grund, sich ein neues Thema für neue Aufmerksamkeit suchen zu müssen?
In keinem der 6 Pavillons der Ausstellung mit dem verheißungsvollen Titel „This will not end well.“ zeigt sich ein Zusammenhang mit dem israelisch/palästinensichen Konflikt.
Am Vormittag beim Pressegespräch sagte Nan Goldin, die Welt sei heute so schrecklich. Auf die Frage, was sie denn damit besonders meine, antwortete sie primär spontan: „Trump!“ Dann ergänzte sie eher leise: “Palästina, Libanon, Gaza, Sudan.“ Erst mit großem Publikum am Abend und propalästinensischen Demonstranten vor dem Museum wurde ihr Statement laut, wobei sie erneut den Überfall der Hamas auf Israel als Auslöser unerwähnt ließ.


Der Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach stellte sich deutlich gegen jegliche Cancel-Culture-Ideen und bekräftigt, dass er keine Künstlerin ausladen würde, die er schon vor mehreren Jahren eingeladen hatte. Vielmehr organisierte er ein Symposium, wo die politische Sicht der Künstlerin sachlich kontextualisiert werden soll. Er und das Team des Museums würden die Sicht der Künstlerin nicht teilen, aber er möchte sich jederzeit dafür einsetzen, dass jede Meinung frei geäußert werden dürfe. Damit fand er gestern wenig Gehör.


Individualpsychologisch könnte eine Erklärung sein, dass Nan Goldin in einem jüdischen konservativen, aber lieblosen Elternhaus aufgewachsen ist. Ihre ältere Schwester Barbara wurde von den Eltern in der Pubertät wegen unpassenden Verhaltens in einem Erziehungsheim und in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht. Als sie Suizid beging, war Nan Goldin 11 Jahre alt. Im Ausstellungs- Pavillon „Sisters, Saints and Sibyls“ thematisiert sie ihre Familiengeschichte. Zusammen mit ihrem weiteren schwierigen Lebenskampf ist diese frühe Traumatisierung bestimmt persönlichkeitsprägend. Auch über die Erlebnisse mit Drogenrausch und dem Verlust lieber Menschen durch AIDS gibt die Ausstellung einen einfühlsamen, teils verstörenden Einblick.


Hat Nan Goldin jetzt aber mit Ihrem Auftritt bei der Vernissage den bedrohten Bevölkerungen im Nahen Osten, der Kunst oder sich selbst mit ihrem Statement einen Gefallen getan?
Nan Goldin: „This will not end well“; Neue Nationalgalerie Berlin 23.November 2024 bis 6. April 2025
Weitere Beiträge über Nan Goldin in diesem Blog: https://inartberlin.com/2023/01/24/nan-goldin/