…und es kommt doch auf die Größe an


Der Schweizer Künstler Franz Gertsch (1930 – 2022) prägte als leidenschaftlicher Maler den europäischen Fotorealismus. Seine Bilder sehen von weitem wie echte Fotografien aus, doch von nahem erkennt man deutlich die Struktur des Pinselstrichs. Franz Gertsch liebte es, seine Motive auf riesige Stoffbahnen von meist 4 x 6 Metern stark vergrößert darzustellen, was sie zu monumentalen Meisterwerken macht.
1968 begann der Künstler ein Foto aus einer Zeitschrift abzufotografieren und auf Leinwand zu übertragen. Ein Reiter wird im Moment seines Kampf- und Todesschreis aufgenommen. Das Motiv stammt aus einem Antikriegsfilm von 1966, der Zeit, als die Proteste gegen den Vietnamkrieg auf ihrem Höhepunkt waren.

Nur wenig später entwickelte er die Idee, eigene Fotos als Vorlage für seine Gemälde zu nutzen; Schnappschüsse aus dem normalen Leben. Er projizierte Dias an die Leinwand und skizzierte zunächst akribisch die Konturen, die er später präzise farbig übermalte. Dieser Arbeitsprozess dauerte meist mehr als 1 Jahr pro Bild.


1971/72 entstand „Medici“. Dieses Bild durfte er 1972 auf der Documenta 5 präsentieren, was seinen internationalen Durchbruch brachte. Der Titel geht nicht auf die reiche Familie der Renaissance aus Florenz zurück, sondern ist der Name der Baufirma, die das Gerüst aufgebaut hatte, an das sich die 5 jungen Männer lehnten. Der Schriftzug ist deutlich zu erkennen.



Der zweite Mann von links ist Luciano Castelli, ein junger Künstler, der noch vielfach Franz Gertsch als Model diente. Er und sein Freundeskreis inspirierten den Maler oft zu Gemälden. Gertsch besuchte z.B. die deutlich jüngeren Leute nach Partys oder begleitete sie bei Wanderungen, die er fotografisch dokumentierte. Sie waren typische Vertreter der damaligen Hippie-Generation, was die Werke von Franz Gertsch später zu Symbolen des Zeitgeistes der siebziger Jahre machte.




In den 80ger Jahren wandte sich Gertsch der Holzschnitttechnik zu, die er ebenso präzise und in extra großem Format anfertigte. Jedoch kehrte er später glücklicherweise wieder zur Malerei zurück.

Die Deichtorhallen ergänzten die ursprüngliche Ausstellung des Louisiana Museums of Modern Art in Humblebaek, Dänemark um weitere 20 Gemälde, die in den riesigen Räumen in Hamburg hervorragend zur Geltung kommen. Besonders werden auch die Betrachter*Innen ihre Freude daran finden, die stets die Nase rümpfen, wenn sie bei Moderner Kunst das perfekte Handwerkliche vermissen. Hier können sie diese Qualität in Höchstkultur erleben.

Franz Gertsch: „Blow Up“, Deichtorhallen in Hamburg, 13. Dezember 2024 bis 4. Mai 2024