Das Museum Hamburger Bahnhof stellt erneut einer junger Künstlerin eine großartige Ausstellungsarchitektur für die Vorstellung ihres vielfältigen Werkes zur Verfügung. In einer transparent, halboffenen Aufteilung kommen ihre 3 Videoarbeiten wunderbar zur Geltung. Annika Kahrs arbeitet mit Musik, jedoch konzeptuell an unterschiedlichen Orten. Im ersten Video musiziert eine Dorfkapelle eines kleinen italienisches Ortes. Besonders daran sei die soziale Funktion der Gruppe, die wie ein sozialer Klebstoff die Gemeinde zusammenhalte.
In einer entweihten Kirche in Lyon findet sich ein neuer Chor zusammen.
In dem weiteren, aktuell für diese Ausstellung produzierten Werk filmte Annika Kahrs in Berliner Kaufhäusern. Sie waren entweder im Nacht-Modus, schon endgültig geschlossen oder sogar ausgekernt. In diesen etwas unwirklichen Orten zeigt eine Sängerin ihr Können oder eine Techno-Queen füllt die leeren Räume mit rhytmischen Klängen. Ein Streichquartet wird im Kaufhof von einer Security-Kraft durch das Treppenhaus dirigiert. Die surreal entfremdeten Szenen lassen viel Raum für die Fantasie und das Einfühlen der Betrachter.
Es soll auch eine abendliche Lichtinstallation am Kudamm auf großer Werbeleinwand geben. Deshalb halten Sie die Augen offen beim Weihnachtseinkauf.
Und dann gibt es noch – angekündigt als etwas ganz Besonderes- eine Performance! Darüber lesen Sie bitte im nächsten Beitrag dieses Blogs.
Annika Kahrs: „Off Score“, Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, 14.Nov. 2025 bis 3.Mai 2026
Betritt man die großen Rieckhallen im Hamburger Bahnhof, wird man eingehüllt in eine Welt aus Fabelwesen, einer untergehenden Sonne und umhüllt von weicher farbiger Beleuchtung sowie von zarten Opernmelodien. Petrit Halilaj (Jg 1986) hat seine bunte Installation aufgebaut wie eine Theaterkulisse und tatsächlich ist sie auch die kleine immersive Welt, in der seine Oper spielt. Diese basiert auf einer Anekdote, die in seiner Heimat, dem Kosovo erzählt wird. Danach verliebten sich Fuchs und Hahn – absichtlich ein queeres Paar – und wanderten nach dem Verstoß aus dem Paradies in das uralte Dorf Syrigana, wo sie letztlich nach einigen Wirrungen von der Bevölkerung liebevoll aufgenommen und verheiratet wurden.
Nicht Adam und Eva, nicht die Schlange, sondern der Schneider, nicht der Apfel, sondern die Birne; es bleibt die eindeutige Anlehnung an die biblische Geschichte, die alle drei monotheistische Religionen vereint. Tatsächlich hat der Künstler die komplette Oper inzeniert und sie am Ursprungsort im Kosovo, in dessen Nähe er selbst an der Grenze zwischen Serbien und Albanien aufgewachsen ist, uraufgeführt: im Freien und durchaus gegen Widerstände in der vormaligen Kriegsregion. Ein Brandanschlag auf die Kulissencontainer musste überwunden werden. Die Zweisprachigkeit (serbisch und albanisch) wurde kompensiert, indem die meist vogelartigen Rollen mit zwitschernden Stimmen singen. Doch es wurde ein Riesenerfolg, an dem 1200 Menschen vor der Kulisse eines sagenumwobenen Felsens teilhaben konnten.
Die Ausstellungsversion in Berlin lässt dies erahnen, wenn man sich hineinziehen lässt. Doch auch einzelne Skulpturen wirken schon in ihrer verspielten Art magisch inspirierend. Symbolisch sind es Motten, Vögel oder Engel.
Halilajs Installation ist ein typisches Beispiel für ein Kunstwerk, das mit den Grenzen der verschiedenen Kunst-Genres spielt. Die Musik einer Oper, die Literatur eines Märchens, die bildende Kunst als skulpturale Installation und textile Arbeiten als Mode bzw. Kostüme: ein Crossover, wie es dem mega-aktuellen Trend in der Kunst entspricht. Diese multimediale Anregung aller Sinne lässt die Besucher in eine wundervolle eigene Traumwelt eintauchen, wenn sie sich darauf einlassen möchten.
Petrit Halilaj: „An Opera Out of Time”, 11.9.2025 – 31.5.2026 im Hamburger Bahnhof in Berlin.
Achtung: Geplant ist konsequenterweise eine reale live-Aufführung der Oper in den Ausstellungsräumen im April 2026. Deshalb sollte man regelmäßig schauen, wann es Tickets gibt.
Die riesige Installation in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs ist eine künstlerische Reminiszenz an die tschechische Heimat der Künstlerin Klara Hosnedlova. Der harten industriellen Architektur des Gebäudes setzt sie eine weiche schmeichelnde Atmosphäre entgegen, die aus dicken Strängen aus Flachs und Hanf geflochtenen skulpturalen Figuren entsteht.
Klara Hosnedlova wurde 1990 in einem kleinen Ort der damals noch Soviet-geprägten Tschechoslowakei geboren, der heute zur tschechischen Republik gehört. Sie lebt und arbeitet jedoch auch in Berlin.
In ihre Flachs-Tapisserien hinein sind fossilienartige Rahmen aus Sandstein eingelassen, in denen fotorealistische Bilder mit extrem feinen Stickereien beeindrucken. Ähnliche Reliefs hängen auch an Metalwänden, die die Bögen der Bahnhofshalle verschließen. Mit Sandstein seien viele Fassaden von Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden in der Heimat der Künstlerin verkleidet. Ebenso gebe es dort viele brutalistische Betonbauten. Auf diese deutet sie mit den Beton-Gehwegplatten hin, die den Boden großenteils bedecken.
Die Künstlerin arbeitet auch mit Performances, die jedoch keine öffentlichen Vorführungen sind, sondern ihr Motive für Fotos, aber auch für zukünftige Projekte bieten sollen. Hierzu gibt es Beispiele in dem aktuellen Katalog.
Beim Eintauchen in die Natursymbolik der Installation wird man zusätzlich vom speziellen Sound aus Frauenstimmen und der Komposition eines tschechischen Rappers akustisch eingehüllt. So entsteht ein Gefühl, „umarmt“ zu werden: EMBRACE.
Eine Besonderheit der neuen Gestaltung der Haupthalle ist, dass es sich um die erste Arbeit mit Unterstützung des CHANEL Culture Funds handelt, mit dem der Hamburger Bahnhof eine 3-jährige Zusammenarbeit eingeht. Dabei sieht es so aus, als würde das Sponsoring keinen direktiven Einfluss auf die künstlerische Arbeit ausüben. Hierauf sollte trotz schwindender Mittel für Museen weiterhin intensiv geachtet werden, um keine amerikanischen Verhältnisse entstehen zu lassen. Die Freiheit der Kunst bleibt eine besonders schützenswerte Errungenschaft.
Auffällig ist aktuell, dass offensichtlich die künstlerische Gestaltung der historischen Halle in den letzten Jahren Frauen vorbehalten bleibt: 2020 Katharina Grosse, später Sandra Mujinga, Eva Fabregas, Alexandra Pirici und jetzt Klara Hosnedlova.
Ayoung KimEva FabregasMarianna Simnett
Auch in anderen Räumen des Hamburger Bahnhofs stellten und stellen auffallend viele Künstlerinnen aus: Ayoung Kim, Marianna Simnett, Nadia Kaabi-Linke, Zineb Sedira, Christina Quarles, Semiha Berksoy, Naama Tsabar, Andrea Pichl. Müssen wir vielleicht für eine Ausgewogenheit langsam über eine Männerquote nachdenken? Dies soll bitte nur als kleine Anmerkung mit einem Schmunzeln gesehen werden, denn bisher zeigten die weiblichen Kunstwerke im Hamburger Bahnhof zugegeben sämtlich unglaublich spannende Positionen von hoher Qualität.
Klara Hosnedlova: „EMBRACE“, Hamburger Bahnhof Berlin, 1.Mai bis 26. Oktober 2025
Eröffnung. 1. Mai 2025, 19 Uhr, gleichzeitig zur Eröffnung des Gallery Weekends
Es ist die Geschichte von Ernst Mo. Sie arbeitet für einen Lieferservice im fiktiven ultramodernen Seoul. Das wäre zunächst ein fast langweiliges Sujet, doch bei Ayoung Kim heißen die MitarbeiterInnen „Delivery Dancer“ und „tanzen“ auf ihren Highspeed-Motorrädern durch das Straßengewirr, gesteuert von einem unerbittlichen Algorithmus, der sie zu immer höherer Geschwindigkeit antreibt.
Ayoung Kim
In dem Universum, das die Künstlerin mit diesem Plot erschafft, ist das Raum-Zeit-Kontinuum aufgelöst. Es existieren mehrere Welten gleichzeitig nebeneinander. Ernst Mo gerät durch einen Fehler, einen Riss in ihrer Realität in eines der Paralleluniversen und trifft darin auf sich selbst mit dem Namen En Storm. Beide Namen sind Anagramme von MONSTER. Da die Verdoppelung nicht existieren darf, bekämpfen sich die beiden Dancer. Doch es entsteht auch eine Beziehung geprägt von Faszination füreinander.
Ayoung Kim nutzt für ihre Kunst alle zur Verfügung stehenden neuen Technologien. Sie involviert Videoinstallationen und benutzt Game-Engines, also Computerprogramme, mit denen Video-Games hergestellt werden. Zusätzlich arbeitet sie mit KI. Daraus resultiert eine Installation aus Skulpturen, Wandtapeten und einer Game-Variante, die die BesucherInnen steuern können.
Im Mittelpunkt stehen jedoch zwei Mehrkanal-Projektionen, die die Delivery Dancer auf ihren Wahnsinnsfahrten begleiten. Die Route verläuft auf Straßen, durch die Luft, teils überkopf in multiplen Szenarien vom Auslieferungslager bis in Fantasy-Räume oder altertümliche Pyramiden.
Es ist Sciences Fiction, Gaming-Welt zusammen mit einer Geschichte, die durchaus als Kritik an dem schlecht bezahlten überfordernden Job des Lieferservices gesehen werden kann. Auch die philosophische Idee, dass wir nicht Unikate sind, sondern in einer parallelen oder wenigsten weit entfernten Welt eine Doppelgängerin haben, ist ein bemerkenswerter Denkanstoß.
Der Hamburger Bahnhof überrascht immer wieder mit künstlerischen Positionen, die in ihrer Art einzigartig sind und mit nichts zuvor vergleichbar, so auch diesmal mit der Südkoreanerin Ayoung Kim. Neue Zeit – Neue Kunst! Spannend!
Gespräch mit Till Fellrath, Kurator -nicht nur- am Hamburger Bahnhof Berlin
Viele öffentliche Diskussionen drehten sich in den letzten Jahren um die Aufgaben und die Verantwortung von Kuratoren bei Großausstellungen. Bei der aktuellen Venedig-Biennale und bei jeder Documenta finden sich Schlagzeilen über sie in der Presse. Vor 3 Tagen wurde sogar bundespolitisch über die Berufung des Kurators für die nächste Documenta debattiert.
Die 14. Taipeh Biennale 2025 hat bereits feste Kuratoren. Das sind Sam Bardaouil und Till Fellrath, die Leitern des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Beide kuratierten zuvor viele internationale Ausstellungen und sind auch in großem Umfang für das Kuratieren im eigenen Haus verantwortlich.
INArt Berlin: Herr Fellrath, ich möchte mit Ihnen über „Das Kuratieren“ sprechen, und zwar am Beispiel der Taipeh-Biennale, weil Sie hierfür mit Ihrem Kollegen Sam Bardaouil die beauftragten Kuratoren sind.
Es fällt auf, dass sich ganz viele Menschen im Kunstbereich Kurator nennen, auch wenn sie teils gerade erst von der Uni kommen. Kurator ist ja kein geschützter Begriff.
Aber die großen Ausstellungen leben inzwischen vom Kuratieren, wobei immer noch viele Menschen denken, es ginge dabei nur um das Aufhängen von Bildern.
Till Fellrath: Genau.
I.B.: Wie kam es, dass Sie 8953km entfernt gegen die Konkurrenz vieler Kuratoren dieser Welt für die Taipeh-Biennale ausgewählt wurden? Mussten Sie sich bewerben?
T.F.: Wir sind tatsächlich direkt angesprochen worden. Die Taipeh-Biennale hatte ein internes Auswahlverfahren und dann gemeint, wir wären die geeigneten Personen. Dann haben sie uns gefragt. Wir haben kurz nochmal nachgedacht, aber das dann doch angenommen, weil es ein spannendes Projekt ist.
I.B.: Absolut! Und mussten sie sich später noch irgendwo präsentieren und ein Konzept vorstellen?
T.B.: Nein, das mussten wir tatsächlich nicht. Da sind vielleicht andere Biennalen auch etwas anders, aber hier hat man uns einfach aufgrund der Erfahrung mit unserem kuratorischen Stil eingeladen.
Wir Kuratoren sind ein bisschen wie Dirigenten einer Ausstellung und dabei hat man eine künstlerische wiedererkennbare Handschrift entwickelt. Das ist so einen Stil, wie man mit Kunst bei den Ausstellungen auf Menschen zugeht. Und da ist es möglicherweise besser, den gestaltenden „Dirigenten“ auszuwählen als ein Konzept.
I.B.: Doch zum thematischen Inhalt: haben Sie jetzt schon einen Titel? Sie brauchen ihn noch nicht zu nennen, aber wie entwickeln Sie eine Thematik?
T.F.: Einen Titel konkret haben wir nicht, aber wir haben schon erste Grundideen für eine Thematik oder Grundkonzepte oder so eine Emotionalität. Wir werden sicherlich eine Ausstellung machen, die die Menschen direkt anspricht, wie wir das immer machen, also wo auch Reibungen vielleicht entstehen, wo die BesucherInnen irgendwas empfinden, sich freuen oder etwas spüren können. Wir möchten Empfindungen bewirken, für die man nicht erstmal stundenlang lesen muss, bis man das Werk versteht, sondern schnell einen gefühlten Zugang bekommt.
I.B.: Wie haben Sie sich vor Ort informiert?
T.F.: Wir waren in März in Taipeh und haben uns die Räumlichkeiten angeschaut. Wir haben selbst auch schon eine frühere Ausgabe der Taipeh-Biennale gesehen. Jetzt haben wir einfach auch ein bisschen Zeit in der Stadt verbracht, sind durch die Straßen gegangen, haben andere Ausstellungshäuser angeschaut und uns mit der Alltagsgeschichte beschäftigt, um eine Emotionalität mitzunehmen, von der wir das Gefühl haben, dass wir andocken können.
I.B.: Also wird es eine Mischung aus Ihren bisherigen künstlerischen Projekten und der örtlichen Situation, die sie vorfinden, der Stimmung dort im Land?
T.F.: Ganz klar so. Es wird einerseits sicherlich viele künstlerische Positionen geben, die wir kennen und am meisten auch solche, mit denen wir schon immer mal was machen wollten. Wir überlegen gerade gezielt und testen unsere ersten Ideen auf ihre Machbarkeit. Ein besonders wichtiger Faktor sind immer die lokalen Gegebenheiten. Das ist ganz ganz wichtig für eine Biennale oder auch jede andere Ausstellung. Es muss immer einen Grund haben, warum man was gerade an diesem Ort macht. Das ist wichtig, auch hier im Hamburger Bahnhof. Wie ist der Berlinbezug? Hängt es mit der Sammlung zusammen oder widerspricht es ihr? Wie setzt sich die Ausstellung mit der Architektur des Hauses auseinander?
I.B.: Wie waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?
T.F.: Irgendwie muss es einen Grund geben, warum ein Projekt genau an dieser Stelle stattfindet. Das wird in Taipeh ganz genau so sein. Dort ist es nur etwas komplizierter, auf die Räume einzugehen. Es muss auf jeden Fall ein lokales Gefühl entstehen.
Das ist dann auch wichtig in Bezug auf die lokale Presse oder auch für die Menschen vor Ort. Es werden halt nur wenige Besucher aus 9000 km Entfernung kommen, die international zu Ausstellungen jetsetten. Das Wichtigste ist immer das lokale Publikum, auf das man eingehen muss; übrigens auch in Berlin.
I.B.: Welche Einzelschritte des Kuratierens folgen jetzt? Sie haben eine Idee, um Emotionen zu wecken? Next steps, was schwebt Ihnen vor?
T.F.: Also das Wichtigste, glaube ich, ist erstmal festzuhalten, dass kuratieren nicht mit dem Moment anfängt, wenn man beginnt eine Ausstellung zu konzipieren. Es ist die gesamte Lebenserfahrung, die in die Arbeit einfließt. Außerdem sind es alle künstlerischen Positionen, mit denen man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Man fängt nie bei Null an, sondern bei etwa 70%. Dann fängt man an, Elemente zuammenzuziehen. An dem Punkt sind wir momentan dabei, mit unseren Grundideen erstmal eine lange Liste an künstlerischen Positionen aufzustellen. Das sind jetzt etwa 100 Künstler*Innen. Wir werden das reduzieren auf eine Größenordnung von 40 bis 50. Am Ende kommen dann sicherlich noch einige dazu. Im Weiteren werden wir mit den Elementen ein bisschen spielen und schauen, wie daraus eine interessante Ausstellung zusammengestellt werden kann. Wie sind die lokalen Bezüge und wo sagt das Bauchgefühl – da ist sehr viel Bauchgefühl dabei! -, dass wir gerade mit diesem Inhalt dort mit dem Publikum in Dialog treten können? Oder wo kann es spannend sein, ein Risiko einzugehen, wie sich eine künstlerische Position entwickelt? Da haben wir große Lust drauf. So wie bei Marianna Simnett, da wussten wir auch nicht, was passiert. Das ist eine ganz verrückte arrivierte Künstlerin, bei der wir dachten, das müssen wir mal ausprobieren und ihr eine Plattform geben. Das Ergebnis ist in unseren Augen ein aufregender Erfolg. So werden wir es in Taipeh auch machen: den Künstlern und Künstlerinnen eine große Plattform geben, auf der sie sich austoben können.
I.B.: Nochmal zu den künstlerischen Positionen: Ich stell mir immer vor, dass ein Kurator mit Erfahrung natürlich ein riesengroßes Adressbuch mit Künstlernamen hat, ein Repertoire, aus dem er dann gezielt aussucht.
T.F.: Das ist wirklich so, das passt auf jeden Fall und die Liste wird ständig erweitert. Die Welt ist unendlich groß, keiner kann alles erfassen, doch wir schauen ständig Ausstellungen an. Als wir in Taipeh waren, waren wir auch in Shanghai und Hongkong, wie wir auf jeder Reise versuchen andere Sachen anzuschauen, einfach weiter zu lernen. Unser Ansatz für diese Biennale ist auf jeden Fall: wir schauen wie immer eher nach vorne als nach hinten. Wir werden also nicht auf historische, sondern mehr auf jüngere Positionen setzen.
I.B.: Welche Message liegt Ihnen besonders am Herzen?
T.F.: Ich glaube, das ist ein wenig, was wir immer versuchen, nämlich Kunst für jeden zugänglich zu machen; dass man irgendwie ein stückweit Empathie mitnimmt, sich berührt fühlt, über etwas nachdenkt, in eigenen Erinnerungen plötzlich eine komische Querverbindung findet, die man gar nicht gleich versteht. Das ist so ein bisschen wie bei der Musik oder beim Essen: da denkt man manchmal auch an bestimmte Dinge und fühlt sich irgendwie berührt und weiß das gar nicht einzuschätzen. Kunst hat eigentlich auch diese Qualität und das ist auch ihre Stärke. Es macht einen ein Stück menschlicher, empathischer. Man hört auf, robotisch zu sein, sondern wird wieder sensibler. Kunst kann Menschen aus Vorurteilen rausreißen, auch wenn man sie nicht gleich versteht. Das ist dann viel wertvoller! Mehr als Politik!
I.B.: Wie suchen Sie die Künstler*Innen aus? Sie hatten vorhin bereits gesagt, es gehe nicht vorwiegend um eine Thematik, sondern darum, Menschen emotional zu berühren. Adriano Pedrosa hat für die Venedig Biennale vor allem die Künstlerbiografie in den Vordergrund gestellt. Spielt das bei Ihnen auch eine Rolle?
T.F.: Hintergründig würde ich sagen. Das ist sicher der zweite Grund. Wir würden jetzt generell nicht Künstler und Künstlerinnen aussuchen, weil sie Frauen sind oder aus Chile kommen. Es geht schon vorrangig um die für sie bekannte künstlerische Position. Für Taipeh haben wir ganz speziell mit dem Gebäude begonnen. Die Ausstellungsräume sind… schwer teilbar. Es gibt längere schmale Räume, manche haben Fenster nach draußen. Sie sind sehr unterschiedlich. Die Architektur, glaube ich, wird für eine gute Ausstellung eine große Rolle spielen. Wir müssen überlegen: Wie sind die einzelnen Werke? Wie können sie in den verschiedenen Räumen funktionieren? Wie kann man die einzelnen Räume bespielen? Alle haben eine andere Lichtqualität und differenzierte Architektur. Bei manchen muss man durchlaufen. Dann gibt es viele offene Räume und ein großes Atrium. Im Untergeschoss befinden sich große Bereiche, die mit Fenstern in einen Innenhof offen sind, aber auch viele große Hallen. Wir werden halt sehr stark darauf achten, dass sich die Werke sehr gut in die Architektur einpassen; das ist ein wichtiger Faktor.
I.B.: Welche äußeren Faktoren sind noch relevant?
T.F.: Ich glaube, dass es im Kontext von Taiwan sehr wichtig und gut ist daran zu denken, dass es eine Insel ist. Ich will jetzt nicht sagen, sie sei isoliert, denn es ist eine Insel mit einer guten Kunstszene, aber wir wollen schauen, dass es dort viele internationale Positionen gibt, die aus unserem Bauchgefühl heraus interessante Dialoge für die menschliche Annäherung mit der Bevölkerung vor Ort ermöglichen und thematisch auch in der großen politischen Situation eine Relevanz haben.
Dann schauen wir im zweiten Schritt ein wenig auf die Biografie der Künstler*Innen. In der Regel haben wir nie Probleme damit, eine Ausgewogenheit zu erreichen. Bisher hat sich das bei allen Projekten eigentlich fast automatisch eingestellt, wenn man wirklich inhaltlich genau schaut.
I.B.: Sie haben kurz das Politische angesprochen. Taiwan ist ja ein Brennpunkt zwischen China und der westlichen demokratischen Welt, und die Menschen kämpfen darum, ihre Eigenständigkeit zu behalten.
Haben Sie Sorgen, dass hierdurch irgendwelche Side Effects die Ausstellung stören könnten? Oder müssen Sie große Rücksicht nehmen auf die lokale politische Situation?
T.F.: Also Taiwan ist komplett frei, die Presse ist frei, die Kunst ist frei und Meinungsfreiheit ist dort komplett gewährleistet. Das haben wir in China und jetzt auch in Hongkong nicht so empfunden. In Taiwan ist die Freiheit den Verantwortlichen der Kunstwelt sehr wichtig. Es gibt schon viele Dinge, die auch sehr kritisch sind. Im großen Umfeld, auch in freien Gesellschaften bleiben immer die Fragen: Wenn man was sagen kann, was muss man sagen? Will man Menschen provozieren oder sie in einen Dialog überführen? Wenn man etwas sagen darf, heißt das nicht, dass man es auch sagen muss! Oder kann man Wege finden, um unterschiedliche Meinungen mit einzubringen?
I.B.: Es lauern ja überall Fettnäpfchen Haben Sie schon welche entdeckt?
T.F.: Unser Eindruck ist, dass es in Taipeh etwas entspannter ist als in Berlin. Und das ist die Herausforderung für uns und auch die Verantwortung in dem geopolitischen Umfeld, Spannung und Empathie zu fördern, und somit diese Offenheit nicht nur dem internationalen Publikum nahezubringen. Die Fettnäpfchen lauern immer und überall. Das ist Deutschland auch intensiv zu spüren, obwohl wir in Bezug auf Kunstfreiheit eigentlich alles haben.
I.B.: Herzlichen Dank!
Wir sind gespannt auf Ihre Arbeit, und hoffen, dass sich auch für die Kunstszene bei uns eine wichtige Brücke Taipeh Berlin durch Ihre Biennale festigt.
T.F.: Oh, ja, besuchen Sie doch unsere Biennale in Taipeh! Es ist sicher nicht einfach, denn der Flug ist wirklich sehr lang, zumal man nicht mehr über Russland fliegen darf! Aber es lohnt sich, auch für Berliner, weil man sicher mit vielen wunderbaren Eindrücken im Gepäck wieder in die Heimat zurückkommt.