Versuch einer künstlerischen Einordnung

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt in seiner riesigen Haupthalle, die nach langen Monaten der Dunkelheit (Leandro Erlich, Utopia, Julian Charriere) wieder hell und lichtdurchflutet zum Strahlen gebracht wird, eine Zusammenstellung hervorragender Kunstwerke . Keine Frage, dass es ein Genuss ist, sich von Installationen, tollen Videos bis zum entspannenden Schaukeln auf diesen Besuch einzulassen.
„Tell Me Where Home Is“ wird von Künstler*Innen unterschiedlich dargestellt.

Den Empfang bildet Nevin Aladags „Resonator“, eine Skulptur, die aus Musikinstrumenten aller großen Kulturkreise zusammengesetzt ist. Nein, bitte nicht ausprobieren. Der Resonanzkörper entfaltet seinen komplezen vereinigenden Klang nur beim Zusammenspiel erfahrener Musiker.


Beeindruckend ist der Stapel von einer Million deutscher Reisepässe, die Alfredo Jaar wie ein Mahnmal aufgebaut hat: für die einen das Symbol deutscher Bürokratie, für andere jedoch ein Sehnsuchtsprodukt, von dem sie sich Sicherheit und Überleben versprechen. Der Künstler bezieht sich bewundernd auf Angela Merkel, die 2015 während des Bürgerkriegs in Syrien diese Zahl an Flüchtenden aufnahm.



Eine große Wand aus bunten Quadraten zieht in der Halle die Blicke auf sich. Tracy Snelling aus Oakland in den USA baute hier „One Thousand Shacks“, eine liebevoll mit kleinen Videoelementen gespickte bunte senkrechte Art von Favela. Das Museum veranstaltet auch Workshops, wo besonders Kinder angeregt werden, ähnliche Papphäuschen zu gestalten.

Kader Attia bringt mit kiloweisen Gewürzen, besonders Nelken die Erinnerung an seine Herkunft aus Algerien zu Ausstellung. In einem Betonmischer werden sie ständig gemischt und verbreiten so intensiv ihren Duft. Auch Kader Attia blieb nicht in seinem Geburtsland. Er wuchs in Paris auf, lebt viel in Berlin und ist in der Kunst-WELT weltweit neu „beheimatet“. Demnächst kuratiert er die Kochi-Biennale in Indien.

Yael Bartana möchte ihre Leuchtschrift „HOME SICK“ doppeldeutig verstanden wissen. Einerseits gebe es schon HEIMWEH, auch wenn sie Home nicht mehr an einen Ort gebunden fühlt. Auf der anderen Seite könne HOME auch krank = sick machen.
Ein wenig fremdeln läßt einen jedoch, dass unbedingt ein Thema eine Verbindung der Werke erzwingen soll. Gerade „Heimat“ ist in unserem Land ja höchst umstritten und wird teils nationalistisch missbraucht. Die Ausstellungsmacher weichen wohl deshalb auf eine andere Sprache aus und verwenden den englischen Titiel: „Tell me where Home is“. „Home“ kann man als „Zuhause“ übersetzen, was lange nicht dasselbe ist, eher : meine Wohnung, meine Familie, meine Nachbarschaft. Heimat jedoch hat etwas mit tiefer innerer Verwurzelung, mit „der Erde“ zu tun und ist geografisch fest verortet. Da dies jedoch unserer heutigen Lebenssituation global unendlich wenig entspricht, wird es von den Kuratoren einfach zum Plural abgewandelt und verwischt damit den eigentlichen Inhalt. Gesprochen wird plötzlich von „HEIMATEN“. Gemeint sei die Frage, ob sich nach Migration oder auch einfachem Umzug erneut ein Heimatgefühl an einem neuen Ort, in einer neuen Kultur entwickeln kann, ob ein Mensch zwei Heimaten haben könne. Selbst wenn hierzu eine gute Motivation besteht, ist andererseits auch der Clash unterschiedlicher Kulturen vorprogrammiert.
Zugegeben gibt es bei einigen Menschen auch das Phänomen der Traumatisierung durch Verlust von Heimat. Warum aber ist Heimat in Wolfsburg ein Thema? Niemand hier lebt über Jahrhunderte mit einem verwurzelten Heimatgefühl. Als die Stadt nach dem 2.Weltkrieg zur Blüte kam, waren es ehemalige Kriegsgefangene oder Menschen, die aus den Ostgebieten – nicht nur freiwillig – hierher kamen, weil es Arbeit gab. Bald darauf wurden Gastarbeiter aus Italien angeworben, um das VW-Werk und die Stadt aufzubauen. Für sie alle ist Wolfsburg ein Ort geworden, in dem sie gemeinsam gern leben. Es ist eine frische moderne lebendige Stadt mit herausragender zeitgenössischer Architektur und einem ebenso innovativen Kunstmuseum. Doch gerade deshalb ist „Heimat“ hier kein Thema und sollte auch in keinerlei Richtung ideologisch überfrachtet werden.

DDR geflohenen Vaters

Trotzdem: Nehmen Sie sich die Zeit und schauen sich die wunderbaren Werke einzeln an, die alle etwas zu sagen haben: über ihre Herkunft, ihr Lebensgefühl und auch die Chance, sich an unterschiedlichen Orten der Welt absolut wohl zu fühlen.
„Tell Me Where Home Is“ läuft im Kunstmuseum Wolfsburg noch bis 17.Januar 2027