Farbenprächtige pure Lebensfreude überwindet koloniales Weltbild

Schon beim Eintritt in den ersten Saal entsteht angesichts der faszinierenden Farbenvielfalt sofort ein begeisterter Wow-Effekt beim Betrachten. Die fröhliche Pracht der Farben bringt karibisches Feeling und die hervorragende exakte Malerei entringt höchsten Respekt. Eine Flut wunderschöner Farbspiele beflügelt die Seelen sofort. Doch die Bilder der Künstlerin sind auch durchzogen von differenzierter soziopolitischer Kritik.
Firelei Baez wurde 1981 in der Dominikanischen Republik geboren. Sie wuchs an der Grenze zu Haiti auf. Die Familie zog nach Miami, als sie 9 Jahre alt war. 2010 erreichte sie den Master of Fine Arts am Hunter College in New York. Von Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit an beschäftigte sich Firelei Baez in ihrer Kunst mit dem historischen Rassismus in den USA und den Auswirkungen der Kolonialisierung in der Karibik.


Die Grundlage der Gemälde von Firelei Baez sind vergrößert auf Leinwände projizierte historische Landkarten oder Seiten ausrangierter historischer wissenschaftlicher Bücher. Die Karten stellen teils falsche geografische Verhältnisse dar. So wurde z.B Hispaniola, die Insel, auf der sie geboren wurde, mehrfach völlig unterschlagen. Heute ist Hispaniola in Haiti mit vorwiegend schwarzer Bevölkerung und die dominikanische Republik mit karibischer Bevölkerung streng geteilt.


Auf anderen Untergründen wird ein historisches Brettspiel von Pierre Duval aus dem Jahr 1645 erkennbar, bei dem man sich durch Würfeln aus dem Außenkreis damals unbedeutender Länder wie z.B. Hispaniola in das dem eurozentrischen Weltbild der Zeit Ludwigs des 14en entsprechende höchstentwickelte Zentrum der Welt, nämlich Frankreich vorarbeiten muss. Firelei Baez bedeckt mit ihren farbenprächtigen menschlichen Figuren dieses Zentrum und verlagert es so in die Bedeutungslosigkeit, aber ohne Gewalt, nur mit purer Lebensfreude.
Mit dem Titel “Trust Memory Over History” möchte die Künstlerin ausdrücken, dass nicht immer alte Behauptungen die Wahrheit beinhalten, nur weil sie schwarz auf weiß aufgeschrieben sind. Vielmehr soll auf mündliche Überlieferungen geachtet werde, die aus der Sicht der kolonial Beherrschten, nicht der Herrschenden stammen.

Die Faszination karibischer Farbenpracht springt auf die BetrachterInnen sofort über. Auffällig ist dabei, dass keine Gesichter in ihren Bildern vorkommen. Die Künstlerin sagt dazu, dass in ihrer Umgebung immer die genaue Hautnuance zwischen schwarz, braun, karamell oder weiß sofort zur Klassifizierung der Menschen missbraucht wurde. Zusätzlich würden alle Gesten, z.B. des Lächelns bewertet. Sie wehre sich gegen solche Kategorisierungen, indem sie Gesichter durch andere Materialien aus der Natur symbolträchtig ersetzt.

Wogende Palmen sind biegsam, flexibel und stark. Sie würden als Bräute bezeichnet, die auf ihren Bräutigam warten. Bei Firelei Baez sind sie als Karikatur und Symbol des feministischen Widerstandes gedacht.


Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind dicke glatte glänzende Haarknoten. Auch dies ist feministische Kritik. Die Künstlerin berichtet, dass ihr schon als kleines Mädchen die Afro-Haare streng gekämmt, geglättet und in dicke Zöpfe geflochten wurden, eine Idee, dem weißen Schönheitsideal nachzueifern. Heute trägt sie ihre wilden Naturlocken frei als Symbol der Befreiung und des Stolzes auf ihre Identität.

Wolfsburg geht mit dieser Ausstellung wieder konsequent den Weg, zunehmend weibliche Künstler zu zeigen und macht mit Firelei Baez Werken allen BesucherInnen damit eine bewundernswerte große Freude.
Firelei Baez „Trust Memory Over History”, bis 13.10.2024 im Kunstmuseum Wolfsburg