Der Kunstgenuss in Zeiten der Biennale erscheint in Venedig unerschöpflich. Doch es ist einfach herrlich, durch die traumhafte Lagunenstadt zu schlendern und nebenbei bemerkenswerte und überraschende Ausstellungen anzusehen. Hier eine weitere Auswahl!


Jim Dine wird vom Göttinger Steidl-Verlag unter dem Titel: „Dog on the Forge“ präsentiert. Fantastisch sind nicht nur die Bronze-Statuen des 89jährigen US-Amerikaners. Er gestaltet einen Kopf, der ihn selbst zeigt, aber mit multiplen Werkzeugen bestückt ist. Jim Dines Großvater hatte einen Eisenwarenladen, in dem der Junge viel gespielt und ausgeholfen hat.



Im Obergeschoß hängen große abstrakte bunte Bilder in barocken Wandnischen, bei denen die Ölfarbe so dick aufgetragen ist, dass sie zusammen mit ebenfalls Metallutensilien für Handwerker zu einer 3-dimensionalen Assemblage werden. Mickey-mouse-Figuren daneben verstärken den großen optischen Genuss dieser Ausstellung.
Palazzo Rocca Contarini Corfu, Sestiere Dorsoduro 1057
Den Palazzo Diedo restauriert Nicolas Berggrün komplett und zeigt jetzt schon unter dem Titel „Janus“ eine erste Auswahl von Kunstwerken seines Museums. Der deutsch-US-amerikanische Unternehmer und Milliardär wurde 1962 als Sohn des Berliner Sammlers und Galeristen Heinz Berggruen in Paris geboren. Einige bekannte Künstlernamen kommen im Palazzo Diedo vor wie Urs Fischer, Lee Ufan oder Ai Weiwei.



Doch der schönste Raum wurde von Ibrahim Mahama gestaltet. Fotos von seinem Eisenbahnprojekt in Ghana zeigen, was mit Freunden und Mitstreitern geschafft werden kann. Außerdem modellierte Mahama dazu thematische Stuck-Elemente für die Raumdecke, die auch dauerhaft dort bleiben sollen.



Noch wirken viele Räume leer und Handwerker bevölkern das Haus, um große Räumlichkeiten fertigzustellen. Diskutiert werden könnte, warum das Gebäude ausschließlich in White Cubes umgestaltet wird. Gerade in Venedig liegt doch der besondere Charme in der Kombination zeitgenössischer Werke in vormals prunkvollen Räumlichkeiten.
Palazzo Diedo, Fondamenta Diedo, Cannaregio 2386, bis 24.11.2024


William Kentridge, der weiße südafrikanische Künstler aus Johannisburg ist inzwischen 69 Jahre alt. Waren seine Arbeiten früher, z.B. bei der Documenta 13 (2012) thematisch noch sehr vom Kampf gegen die Apartheit in Südafrika geprägt, so handeln sie jetzt von einer Selbstreflektion über sein Leben und seine Kunst. In „Selfportrait as a Coffee-Pot“ diskutiert er mit seinem Ebenbild kontrovers darüber, was sie für die Welt noch Sinnvolles schaffen sollten. Mehrere Animationsfilme seiner berühmten Kohlezeichnungen mit den zwei Williams als Schauspieler sind ein fröhliches, ironisches Erlebnis. Kuratiert wurde die Ausstellung von Carolyn Christov-Bakargiev, der Kuratorin der Dokumenta 2012.


Arsenale Institute for Politics of Representation, Riva del Sette Martiri, bis 24. November.
Wael Shawky ist nicht nur im heimatlichen ägyptischen Pavillon in den Giardini monumental vertreten, sondern auch im Museo Grimani in der Stadt.


Im ersten präsentiert er mehrere Installationen, die einen direkten Bezug zu seinem Film haben. Der Künstler bezeichnet dessen Inhalt als Oper. Recht monoton in historisch anmutenden Kostümen berichtet die Handlung von den Konflikten und Kämpfen um den Bau des Suez-Kanals, und zwar aus ägyptischer Sicht. Das Land hatte sich durch die Baukosten hoch verschuldet und wurde von den englischen Kolonialherren zusammen mit den ausländischen Geldgebern so unter Druck gesetzt, dass sie die Rechte am Kanal verkaufen mussten: „Drama 1882“


Im Museo Grimani spielen Menschen mit Puppen-Köpfen Geschichten aus der griechischen Mythologie unter dem Titel: „I Am Hymns of the New Temples“.


Wael Shawky ist bekannt und hochgelobt wegen seiner Puppenspiel-assoziierten Filme, weil er einfühlsam und trotzdem aus einer gewissen objektiven Distanz erzählt.
Beide Filme sind für einen Biennale-Besuch recht lang: 45 Minuten. Doch wenn man genügend Zeit mitbringt, entsteht keinerlei Langeweile.
Giardini di Biennale, Ägyptischer Pavillon und Museo di Palazzo Grimani, Castello



Robert Indiana: “The Sweet History- Life and Death”. Auch wer den Namen des Künstlers nicht kennt, hat sein sicher bekanntestes Kunstwerk im Kopf: die quadratische Skulptur des Wortes LOVE. Neben Andy Warhol oder James Rosenquist ist Robert Indiana zu einer weiteren Ikone der Pop-Art zu zählen.



Als Robert Clark wurde er 1928 in New Castle geboren und nahm später den Namen seines Bundesstaates Indiana als Künstlernamen an, als er in New York bereits berühmt geworden war. In der Ausstellung am Marcusplatz in Venedig ist ein Querschnitt aus allen 50 Jahren künstlerischen Outputs zu sehen. Anfang der 60ger Jahre malte er Bilder mit großen farbigen Buchstaben und Symbolen, oft mit der Message: EAT, LOVE oder DIE. Seine Mutter soll ihm oft zugerufen haben, er solle immer ausreichend essen. Später folgten auch die dreidimensionalen Skulpturen. Er starb 2018.
Die wilde Zeit der POP-Art spiegelt sich herrlich in den Werken von Robert Indiana wieder und erinnert fröhlich an Love, Peace, und Hippie-Bewegung in Amerika.
Procuratie Vecchie, Eingang vom Marcusplatz aus. Bis 24.11.2024
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