Der scharfe Zeichenstrich von Christoph Niemann



Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg präsentiert eine Fülle großartiger fröhlich eindringlicher Werke des Illustrators und Grafikers Christoph Niemann als Werkschau über 30 Jahre seiner künstlerischen Arbeit.


Schon die Fassade, die der Künstler vor zwei Jahren gestaltete, ist eine verlockende Einladung, der man unbedingt nachkommen sollte.
Christoph Niemann erzählt INArtberlin schmunzelnd: „Von meinen Galeristen hörte ich öfter, dass viele der Sammler meiner Arbeiten tatsächlich Psychologen und Psychiater sind. Warum das so ist, wissen wir aber nicht.“ Doch aus eigener Erfahrung der Autorin könnte es daran liegen, dass Christoph Niemans Zeichnungen und Illustrationen vorwiegend humorvoll und subtil ironisch sind, wodurch sie einfach Freude bereiten. Sie spiegeln Katastrophen der Welt nicht bedrohlich wider und Situationen aus dem normalen Alltag, wie wir ihn alle erleben, werden liebevoll karrikiert. Wenn sich ein Psychotherapeut täglich mit den verworrenen verknoteten Gedanken und Wahrnehmungen psychisch Kranker beschäftigen muss, ist es garantiert erholsam zu sehen, wie ein Künstler mit nur wenigen Strichen „den Nagel auf den Kopf“ treffen kann.


Seine große Bekanntheit gewinnt Christoph Niemann aus seinen vielfachen Covergestaltungen des „NEW YORKER“s. Auf dieser klassischen Print-Zeitschrift nimmt sie eine große weltweit verbreitete Community meist intellektueller Abonnenten wöchentlich wahr.


Ch.N.: „Meine hauptsächliche Tätigkeit ist wirklich die Magazinarbeit. Von Haus aus bin ich Kommunikationsdesigner, das habe ich studiert. Ich schaffe Überraschungsmomente. Meine Bilder sollen den Betrachtern in den wenigen Sekunden, die sie das Blatt anschauen, gleich etwas erzählen. -Printmedien sind ja nicht mehr von großer Bedeutung, doch zum Glück gibt es den NEW YORKER noch. Als Kult-Zeitschrift will er jede Woche mitteilen: So Leute, diese Woche unterhalten wir uns mal über dieses Thema.“


Doch auch für die „WELTKUNST“ gestaltete Niemann Cover in knalligen Farben. „Es sind Neuinterpretationen von bekannten Bildern, denen ich für das Extraheft einen Berlin-Bezug gab. Z. B. Frau am Fenster von Caspar David Friedrich. Oder das Bild von Friedrich dem Großen als Flötenspieler in Sancoussis von Adolf Menzel. Mein Flötist unterhält Reisende im Bahnhof von Potsdam. Für ein Kunstmagazin gehe ich halt davon aus, mit dem Wissen der Leser auch ein bisschen spielen zu können. Cover sind stets Auftragsarbeiten mit der Vorgabe eines Themas, was den Arbeitsprozess natürlich beeinflusst. „
Über seine Arbeitsweise sagt Christoph Niemann: „Zeichen-Sprache ist eine Sprache mit Bildern. Auch wenn es nicht Französisch oder Japanisch ist, muss ich darauf achten, für wen ich sie einsetze. Wenn ich beispielweise den Sisiphus als Metapher einsetze, dann geht das nicht in Thailand, weil ich nicht vorraussetzen kann, dass sie es dort verstehen.“


Die Zahnbürste war ein Cover für das amerikanische „Yearbook of Illustration“. „Das war eine riesengroße Ehre und erst hieß es, ich könne machen, was ich wolle. Da fiel mir zunächst überhaupt nichts ein, denn ich war es nicht gewohnt, etwas völlig ohne Auftrags-Thema zu entwerfen. Doch wenige Zeit später bekam ich einen Anruf, es sei für die 20. Ausgabe, also römisch „XX“ und deshalb solle das Cover doch „sanft“ sexuell sein. Und da fiel mein Blick auf meine Zahnbürste. Eigentlich eine völlig absurde Verknüpfung.“
„Mein Professor Edelmann hat mal etwas zu uns Studenten gesagt, was mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: Eine gute Idee dauert eine Stunde und dann dauert es noch mal 20 Stunden, bis es so aussieht, als ob sie in 2 Minuten entstanden ist.“
Mit 27 Jahren ging Niemann nach New York und blieb dort 11 Jahre, in denen er auch heiratete und Kinder bekam. „Später in Berlin habe ich öfter selbst ohne Auftrag Themen gewählt, die ich zeichnen wollte.“ So entstand beispielsweise die Serie von „Urlaubsbildern“. Sie zeigt die vielfältigen Techniken, die Christoph Niemann beherrscht. Er sammelte hierfür einfache Urlaubseindrücke und gab ihnen seine subtil ironisch humorvolle Attitüde.


Bei der Kombination von Zeichnung und Sprache sei ihm wichtig, dass Text und Bild komplementär sind. Es gehe nicht, dass Theo eine Leiter hinaufklettert und darunter steht „Fortschritt“. Für Cartoons bietet sich auch der New Yorker als passendes Medium an. „Das funktioniert, wenn das Wort für sich ebenso wenig Sinn macht wie das Bild allein. Nur zusammen sind sie zu 100% ein perfektes Team.“


Fotografie sei zwar nicht Niemanns primäre Technik, doch er musste sie im Studium erlernen. Er übermalte seine Fotos einfach auf seine spezielle Art, wodurch sie eine witzige Tiefe gewannen. Es ist seine Kunst des Erzählens mit wenigen Strichen, die das Werk einzigartig macht.
Ob es ein Unterschied sei, in der Weltmetropole New York zu arbeiten oder in Berlin?
„Eher nicht. New York ist zwar eine inspirierende Stadt, doch letztlich starrt man überall auf den Schreibtisch mit sehr viel Papier drauf. Da ist kein wirklicher Unterschied. Der Prozess meiner Arbeit ist unheimlich unspektakulär. Ich schau den ganzen Tag auf Zeichnungen, die ich schlecht finde. Ja, es ist schon anstrengend. Doch man kann das nur überwinden durch immer weiter zeichnen.“


Christoph Niemann ist heute einer der einflussreichsten Zeicher und Grafiker, weil er geschafft hat, sowohl dem Alltag als auch komplizierten Themen ein extrem leicht zu erfassendes Bild zu geben, das auch ohne Sprache in wenigen Sekunden verstanden wird. Die Ausstellung verführt trotzdem dazu, sich begeistert längere Zeit vor den Wänden aufzuhalten, weil es immer wieder neue amüsante Kleinigkeiten zu entdecken gibt.
Christoph Niemann „Randnotizen“ , Horst-Janssen-Museum Oldenburg/Niedersachsen, 14.11.2025 bis 17.Mai 2026




















