Phänomenale Malerin und Opern-Diva, eine Wiederentdeckung


Opern-Arien, Malerei, Schauspielerei, all das waren für Semiha Berksoy nur verschiedene Ausdrucksformen eines Gesamtkunstwerkes, das sie mit großer Leidenschaft und Durchsetzungskraft gestaltete. Sie war der geborene Star und die türkische Ikone des Feminismus.
Bei Betreten des Ausstellungsraumes im Hamburger Bahnhof erklingt die Opernstimme der Künstlerin und Filmsequenzen zeigen sie in der Rolle der Sängerin. Dieser Klang begleitet die Besucher*Innen in den Saal mit fantastischen Bildern.
Der Parcours führt bis zu einem dokumentarischen Schwarz-Weiß-Film, der historische Ereignisse während ihres Lebens zusammenfasst, und davon spielt vieles in Berlin.
Semiha Berksoy wurde 1910 in der Türkei geboren und wuchs in die Gesellschaft kompletter Erneuerung hinein, die Mustafa Kemal Atatürk mit seiner Regierungsübernahme 2023 initiierte. In seiner „Republik Türkei“ waren Frauen gleichberechtigt, der islamische Glaube durch letztliche Abschaffung der Kalifate deutlich entmachtet und ein demokratisches Staatsprinzip mit westlichen Werten wurde aufgebaut.
Semiha Berksoy fühlte sich seit ihrer Kindheit zum Star geboren; ihre Mutter war Malerin, ihr Vater Lyriker und sie wollte auf die großen Bühnen. Sie nahm Schauspiel- und Gesangsunterricht und ließ sich auf der Akademie zur bildenden Künstlerin ausbilden.


In dieser Zeit der gesellschaftlichen Transformation gab Mustafa Kemal Atatürk den Auftrag zur Produktion einer türkischen Oper: „Özsoy“ (1934). Semiha Berksoy sang und spielte in Anwesenheit von Atatürk eine Hauptrolle. Die Oper erzählt die Geschichte von Zwillingen, die durch den Zorn des Teufels getrennt werden, sich aber Jahrhunderte später wieder treffen und erkennen, dass sie Brüder sind. Berksoy sang nicht nur, sondern malte auch ihre Interpretation inklusive Schrift mit vielen Symbolen ausgeschmückt.
Ihr künstlerischer Stil ist keiner anderen Gattung zuzuordnen, sondern ihre ganz persönliche Art der Illustration eigener Erlebnisse oder Geschichten der Opern, die sie spielte. Die Bilder erzählen oft von Liebe, Leidenschaft oder Ungerechtigkeit und sind in der Lage, Emotionen nachfühlbar zu übertragen.


Sie sang die Arie der Tosca von Puccini, eine dramatische Story ähnlich Romeo und Julia. Auch die Oper von Stravinsky „Ödipus rex“ illustrierte sie.
Semiha Berksoy war eine Feministin ihrer Zeit, auch wenn sie dies nicht wie ein Schild vor sich trug. Ihre ganze Persönlichkeit und ihr Lebensstil waren personifizierter Feminismus.
Zur Ausstellungseröffnung in Berlin sind auch Kuratorinnen des Istanbul-Modern-Museums nach Berlin angereist. Dort wird die Ausstellung im kommenden Jahr übernommen. Eine junge Mitarbeiterin bestätigte, dass Semiha Berksoy auch heute noch als Vorbild für die Unabhängigkeit starker Frauen in der Türkei gilt.


Semiha Berksoy war ihre Karriere in Ankara und Istanbul nicht genug und deshalb zog sie nach Berlin, wo sie ebenfalls auf großen Bühnen erfolgreich war. 1932 musste sie jedoch wegen der Machtergreifung der Nazis wieder zurück. Doch auch das ließ sie sich nicht endgültig gefallen und kam immer wieder. 1942 mitten im Krieg durfte sie noch nicht bleiben, doch seit den 50ger Jahren begeisterte sie immer wieder auch das deutsche Publikum.
Kennt man ihre Geschichte ein wenig und liest man auch die Titel der Bilder, so ist deren Sensibilität und Empathie verständlich und bewundernswert.
Die Ausstellung vermittelt eine Verbundenheit zwischen türkischer und deutscher Kultur durch die Strahlkraft einer besonderen künstlerischen Persönlichkeit.
Semiha Berksoy: „Singing in Full Color”: Hamburger Bahnhof, Berlin; 6. Dezember 2024 bis 11. Mai 2025