Spielereien oder Tiefenpsychologie?



Das Werk des US-amerikanischen Künstlers, der 1954 in Detroit geboren wurde und vorwiegend in Los Angeles arbeitete, verwirrt und verstört auf den ersten Blick. Es erscheint keinen Roten Faden, keinen Wiedererkennungseffekt zu haben und doch ist es letztlich vor allem eins: amerikanisch.


Zum Beispiel erstaunte Mike Kelley Anfang der 90ger Jahre mit Kollagen aus Stofftieren. Er hatte sie auf Flohmärkten oder Müllbergen gesammelt. Sie sind alle selbstgemacht, gebraucht und irgendwie „zerliebt“. In einem Konglomerat auf eine Leinwand montiert erwecken sie eher den Eindruck einer Kindergarten-Gruppen-Gemeinschaftsarbeit. Der Titel lautet: „More love hours than can ever be repaid”.
Darin ist ein recht tiefer Sinn des Künstlers zu erkennen. Die Stofftiere beinhalten aus seiner Sicht besonders viel Liebe, beginnend mit der liebevollen Herstellung, aber auch durch das Kuscheln und Spielen des Kindes. So viel Liebe könne niemals zurückgezahlt werden. Ein kompliziertes Konzept, das eher etwas über die Persönlichkeit des Künstlers aussagt. Meist wurde die Arbeit mit den Kuscheltieren als Auseinandersetzung mit seiner konservativen, eher spießigen Erziehung im Elternhaus interpretiert. Doch es soll auch Betrachter gegeben haben, die es mit sexuellem Missbrauch von Kindern in Zusammenhang brachten.

Ein weiterer dominanter und herrlich bunter Ausstellungsteil widmet sich Kelleys fantasievoller Darstellung von KANDOR, die er zwischen 1999 und 2011gestaltete. Dies ist die „Festung der Einsamkeit“, die Heimatstadt von SUPERMAN auf seinem Planeten Krypton. Obwohl der Planet zerstört wurde, überlebte Kandor, da die Stadt zuvor zur Miniatur geschrumpft wurde. Echte Superman-Fans seien hier um Vergebung gebeten, wenn die gesamte komplexe Historie nur sehr grob zusammengefasst wurde. Der Künstler formt prächtige leuchtende unterschiedliche Modelle von Kandor, die unter gläsernen Kuppeln stehen, wodurch sie konserviert wurden.

Ob Kelley nur Fan des Comic-Helden war oder vor allem auch seine eigene Fantasie von ihm anregen ließ, muss offenbleiben. Auf jeden Fall bleibt Superman eine Ikone amerikanischer POP-Kultur, die Mike Kelley gern als Basis für mehrere seiner Kunstwerke verwendet hat. War dies als Konsum-Kritik gedacht? Oder als Bewunderung? Die Kandor-Modelle jedenfalls sind ästhetisch wunderschön, wie sie bunt im abgedunkelten Raum strahlen in einer Umgebung, die einem fiktionalen Labor ähnelt.



Mike Kelley starb 2012 durch Suizid.
Dieser Bericht entstand aus dem Besuch der Mike Kelley Retrospektive in Paris in der Bourse de Commerce, dem eindrucksvoll umgebauten ehemaligen Gebäude der Börse durch die Pinault-Stiftung.


Aktuell ist die Ausstellung jedoch nach Düsseldorf gewandert, wo es gilt, sich irritieren, aber auch begeistern zu lassen.
Mike Kelley „Ghost and Spirit”, K21 Düsseldorf 23.März bis 8.September 2024