Es ist die Geschichte von Ernst Mo. Sie arbeitet für einen Lieferservice im fiktiven ultramodernen Seoul. Das wäre zunächst ein fast langweiliges Sujet, doch bei Ayoung Kim heißen die MitarbeiterInnen „Delivery Dancer“ und „tanzen“ auf ihren Highspeed-Motorrädern durch das Straßengewirr, gesteuert von einem unerbittlichen Algorithmus, der sie zu immer höherer Geschwindigkeit antreibt.
Ayoung Kim
In dem Universum, das die Künstlerin mit diesem Plot erschafft, ist das Raum-Zeit-Kontinuum aufgelöst. Es existieren mehrere Welten gleichzeitig nebeneinander. Ernst Mo gerät durch einen Fehler, einen Riss in ihrer Realität in eines der Paralleluniversen und trifft darin auf sich selbst mit dem Namen En Storm. Beide Namen sind Anagramme von MONSTER. Da die Verdoppelung nicht existieren darf, bekämpfen sich die beiden Dancer. Doch es entsteht auch eine Beziehung geprägt von Faszination füreinander.
Ayoung Kim nutzt für ihre Kunst alle zur Verfügung stehenden neuen Technologien. Sie involviert Videoinstallationen und benutzt Game-Engines, also Computerprogramme, mit denen Video-Games hergestellt werden. Zusätzlich arbeitet sie mit KI. Daraus resultiert eine Installation aus Skulpturen, Wandtapeten und einer Game-Variante, die die BesucherInnen steuern können.
Im Mittelpunkt stehen jedoch zwei Mehrkanal-Projektionen, die die Delivery Dancer auf ihren Wahnsinnsfahrten begleiten. Die Route verläuft auf Straßen, durch die Luft, teils überkopf in multiplen Szenarien vom Auslieferungslager bis in Fantasy-Räume oder altertümliche Pyramiden.
Es ist Sciences Fiction, Gaming-Welt zusammen mit einer Geschichte, die durchaus als Kritik an dem schlecht bezahlten überfordernden Job des Lieferservices gesehen werden kann. Auch die philosophische Idee, dass wir nicht Unikate sind, sondern in einer parallelen oder wenigsten weit entfernten Welt eine Doppelgängerin haben, ist ein bemerkenswerter Denkanstoß.
Der Hamburger Bahnhof überrascht immer wieder mit künstlerischen Positionen, die in ihrer Art einzigartig sind und mit nichts zuvor vergleichbar, so auch diesmal mit der Südkoreanerin Ayoung Kim. Neue Zeit – Neue Kunst! Spannend!
Dieses Web-Programm ermöglicht es leider nicht, doch das Wort SURVIVAL ist im offiziellen Titel der Gruppenausstellung in den Hamburger Deichtorhallen tatsächlich bewusst durchgestrichen. Der Direktor Dirk Luckow und die Kuratoren Georg Diez und Nicolaus Schafhausen erzählen, dass sie bereits 2018 auf die Idee mit der Ausstellung rund um die Überlebensfähigkeit der Menschheit gekommen seien. Damals wollten sie hierfür passende künstlerische Positionen über die wichtigen globalen Probleme sammeln, aber auch Lösungsideen aufzeigen. Zu jenem Zeitpukt war die drohende Klimakatastrophe das im wesentlichen einzige Problemfeld. Doch kurze Zeit später stand die Welt 2 Jahre ganz real fast still wegen der Pandemie. Im Anschluss schockierten bis heute die kriegerischen Angriffe Russlands auf die Ukraine und der unlösbare blutuge Konflikt in Gaza, so dass die Kuratoren die Idee, Lösungsvorschläge zeigen zu können aufgaben. Diese Resignation machen sie im Durchstreichen des Wortes Survival deutlich.
Die Ausstellung zeigt jedoch bei aller Widersprüchlichkeit des Titels hervoragende künstlerische Einzelpositionen.
Was bleibt also übrig vom Konzept? Kein Survival, keine Überlebenschance? Nur: „Im 21. Jahrhundert“. Das ist nicht besonders gehaltvoll und schon gar nicht inspirierend.
Die reale Ausstellung zeigt jedoch bei aller Widersprüchlichkeit des Titels hervoragende künstlerische Einzelpositionen.
Yalda Afsah trägt zwei Filme zur Ausstellung bei: in einem Fluss in Frankreich stehen junge Menschen und starren alle in eine Richtung, als warten sie auf etwas Besonderes. Doch was ist das? Jeder Beitrag in Hamburg bekommt eine Frage vorangestellt. In diesem Fall: Was ist eine Katastrophe? Kann man sie vorhersehen? Der zweite Film berichtet über den galicischen Brauch, dass junge Männer Wildpferde aus den Bergen einfangen, scheren und brandmarken, obwohl das überhaupt keinen Anspruch auf Eigentum nach sich zieht. Yalda Afsah hat alles selbst gefilmt, auch um den Emotionen nachzuspüren und sie einzufangen. Sie berichtet, dass es bei diesem Kampf um Macht und bei aller Übergriffigkeit auf die Pferde auch einen liebevollen Moment gab, wenn der Pferdekopf zwar festgehalten, aber auch umarmt worden sei. Doch wozu dienen solche Traditionen?
Abbas Akhavan baute für die Ausstellung einen Säulenhain aus Strohlehm. Die einzelnen Säulen sind Nachbauten des Tempels von Palmyra, der 2015 von der IS komplett zerstört wurde. Es gibt bereits einen Nachbau des Triumpfbogens der Anlage auf dem Trafalgar Square in London. Das britisch/amerikanische Institute of Digital Archaeology liess ihn vom bisher größten 3D-Drucker aus Marmor fräsen. Geplant sei sogar eine Aufstellung am historischen Ort in Syrien. Abbas Akhavan beschäftigt die beliebige Vervielfachung solcher antiker Bauten. So hat er seine Säulen vor einem Green Screen aufgebaut. Durch Projektion beliebiger Orte der Welt ist der Tempel somit überall auf der Erde erneut zu plazieren. Die Frage bleibt jedoch: Wozu dient solch eine Aktion? Wie gehen wir mit Kunstwerken unserer Zivilisationsgeschichte um? Kann Technologie wirklich Zerstörung rückgängig machen?
Ein andere brisante Thematik über unser Leben im 21. Jahrhundert behandelt ein Film von Cao Fei. Er handelt von der totalen Automatisierung und der Beziehung Mensch/Maschine. In der vollautomatischen Sortieranlage in der chinesischen Stadt Kunshan ist nur ein einziger Mensch als Aufsicht tätig, um die Maschinen zu überwachen. Er hat keinerlei menschlichen Ansprechpartner. Plötzlich tritt eine Fehlfunktion der Maschine auf. Sie wirft große gelbe Citrusfrüchte als fehlerhaft aus dem System. Diese kullern auf dem Boden der riesigen Halle ziellos umher. Der Mensch sucht jedoch nicht den Fehler, sondern tanzt um sie herum und mit ihnen bis zur ekstatischen Erschöpfung. Was bedeuten Maschinen für uns Menschen? Sind sie ein Grund für innere Isolierung und Beziehungslosigkeit?
Die polnische Künstlerin Goshka Macuga begeisterte bei der Documenta 13 (2012) mit einem großen Foto-Wandteppich in der Rotunde des Friedricianums. In der Hamburger Ausstellung ist von ihr erneut ein Wandteppich zu sehen, diesmal als 3D-Bild, passende Brillen liegen bereit. Das Motiv sind seltsame Meereslebewesen, Tiefseetiere in Anzug mit Aktentasche. Sie hat das Motiv als Anspielung auf die Weltklimakonferenz 2021 in Glasgow angefertigt. Eine ironische Aufforderung, bei den unbekannten Wesen vielleicht nach Lösungen für die Klimakrise zu forschen.
Thomas Struth visualisiert mit seiner wunderbaren Fotografie aus dem CERN (Europäisches Kernforschungslabor in Genf) exemplarisch die erstaunlichen Erkenntnisse und Chancen der Wissenschaft.
Empfehlenswert ist auch das KI-generierte Video von Emmanuel Van der Auwera, in dem eine Simulation des größten Bergwerks zur Gewinnung Seltener Erden gezeigt wird. Die Frage dazu lautet: Was ist Ausbeutung? Sprengungen, maximale Luftverschmutzung und im Kontrast ein Liebespaar sind zwar grausam, aber ein optischer Hochgenuss.
Die Ausstellung wird durch ein Fortbildungsangebot ergänzt: in der SCHOOL of SURVIVAL können Besucher an Workshops und Seminaren teilnehmen, bei denen die wichtigen Themen für menschliches Überleben erarbeitet werden können. Mit dem Eintrittsticket ist auf Wunsch ein Pass zu bekommen, mit dem der unbegrenzte Besuch dieses Angebotes möglich ist.
Programm: schoolofsurvival.de
Wahrscheinlich soll die Ausstellung verdeutlichen, welch furchtbare Katastrophen für uns Menschen bereits bestehen oder zeitnah drohen, aber auch welch großartige Errungenschaften diese Gesellschaft hervorgebracht hat. Es bleibt zu hoffen, das diese von intelligenten Leuten klug eingesetzt werden, um uns doch ein ÜBERLEBEN zu ermöglichen.
Survival in the 21st Century, Deichtorhallen Hamburg, 18.Mai bis 5.November 2024