
Über 200 Filme werden in den 10 Tagen der Berlinale gezeigt. Verständlich ist, dass auch Arthouse-Film-Begeisterte nur einen Bruchteil davon anschauen können. Hier sollen trotzdem noch einige davon mit ganz persönlichem Eindruck vorgestellt werden.
Der Kuss des Grashüpfers
Der georgische Autor und Regisseur Elmar Imanow erzählt die Geschichte von Bernard, dessen Vater im Lauf der Filmhandlung an einem Hirntumor stirbt. Die Beziehung der beiden ist einerseits sehr, fast zu eng, andererseits existiert auch eine innere Distanz.
In diesen Tagen des Abschieds erlebt Bernard multiple skurrile symbolträchtige Situationen. Da ist ein schrecklich hässlicher Mann, der den Vater zu Boden schubst: Symbol für den Krebs. Der Grashüpfer landet als echtes Tier auf der Wange von Bernhards Freundin, dann ist er 180 cm groß lebendig in dem Club, wo alle tanzen und rummachen und Bernard gibt dem unechten Wesen einen Zungenkuss. Etwas später liegt ein etwa 1 m großer Grashüpfer tot am Boden: Er symbolisiert das Sterben, vom Vorboten bis zum Tod. Ein Müllwagen sammelt nicht den Abfall, sondern verstreut ihn auf der Straße, darin viele Spielzeuge. Bernard findet eine Puppe, die erst pseudolebendig blinzelt, dann aber „stirbt“. “ Wenn Eltern sterben, verlieren wir den letzten Anteil unserer Kindheit.“ erklärt Regisseur und Autor Imanow beim anschließenden Q and A.
Die emotionalen Krisen in der durchgehend dunkelgrün/grauen Kulisse mit der permanent depressiven antriebslosen Hauptfigur sind schwer zu ertragen, zumal sie schon bestehen, während der Vater noch problemlos lebt.
Eine schizophrene Psychose mit Halluzinationen ist keine Erklärung für den Film, man fühlt sich eher in die Oberstufenzeit zurück versetzt und mit der Aufgabe der Interpretation eines Textes konfrontiert, der mehr an Franz Kafka oder Surrealismus erinnert. Künstlerisch herrlich skurril und anregend. Kinostart: noch offen.


Islands
Der junge sehr beliebte und gute Tennislehrer Tom auf Fuerteventura lebt vermeintlich frei und ungebunden im Paradies seinen Lebenstraum. Doch letztlich ohne feste Bindungen verbringt er seine Freizeit mit Alkohol und Koks im Club recht lieb- und sinnlos.
Dann fasziniert ihn die Touristin Anne, die ihren 7-jährigen Sohn Anton zum Tennisunterricht bringt. Tom kommt in intensiven Kontakt mit der ganzen Familie, der er die geheimen schönen Plätze der Insel zeigt. Doch dann ist der Ehemann Dave plötzlich verschwunden und es entspinnt sich eine komplizierte Suchaktion.
Ausgezeichnet gespielt und mit überraschendem Ende.
Regie: Jan-Ole Gerster
Kinostart: 8.Mai 2025

How to be normal and the Oddness of the other world
Wie kann man normal sein, wenn die ganze andere Welt völlig skurril und verworren ist?
Warum der englische Titel für den Film aus Österreich? Nun, womöglich war die dargestellte andere Welt, wie sie die Hauptfigur erlebt, den Machern so unerklärlich, dass sie auch eine andere Sprache hierfür brauchten.
Der Film stellt anschaulich dar, wie sich eine schizophren psychotische Phase mit den multiplen Fehlwahrnehmungen und optischen sowie akustischen Halluzinationen entwickelt, wobei dies aus der Sicht der Betroffenen mit schauspielerischen und kameratechnischen Mitteln grandios erfolgt. Außerdem wird die Perspektive von Familie und Freunden gezeigt, deren Leben ebenso heftig ins Wanken gerät, bis es zerbricht.
Pia wird erfolgreich medikamentös eingestellt aus der Psychiatrie nachhause entlassen, wo sie jedoch spürt, dass von ihrer eigenen Persönlichkeit kaum noch etwas übrig ist. Daher wirft sie die Psychopharmaka in die Toilette und die Katastrophe nimmt ihren Lauf, übrigens ein sehr typisches Verhalten!
Letztlich wird auch die Zerrissenheit der Eltern deutlich. Alles Bemühen, der Tochter mit Liebe und Verständnis (und auch Plastikgeschirr!) zu helfen, wird von der Krankheit zunichte gemacht. Sie wollen aber auch vermeiden, sie erneut in die Psychiatrie einweisen zu lassen.
Wie gehen solche Schicksale und damit auch so ein Film letztlich aus?
Ein Klinikaufenthalt könnte wieder eine hoffentlich längere Besserung bewirken.
Pia könnte sich womöglich auf einem Hochhausdach wiederfinden in der festen Überzeugung fliegen zu können und mit dem Befehl der inneren Stimme im Kopf, endlich zu springen?
Ein bewusster Suizid wäre auch eine Chance, den Film zu beenden.
Oder wird Pia in der kranheitsbedingten Überzeugung, verfolgt und bedroht zu sein zu einer Gefahr für eine andere Person? Vielleicht ein Kind? Mit folgendem spannungsgeladenen Polizeieinsatz?
Diese Fragen sollen hier offen bleiben, um den Filmgenuss nicht zu verderben.
Angesichts aktueller öffentlicher Diskussionen über psychisch kranke Attentäter könnte solch ein Film helfen, ein wenig die absolut chaotischen unerträglichen Gedankengänge der Erkrankten inklusiver unerträglicher Angstzustände ein wenig nachzuvollziehen, ohne selbstverständlich ihr Handeln gutzuheißen. Sehr empfehlenswert!
Regie: Florian Pochlatko; mit der großartigen Louisa-Celine Gaffron in der Hauptrolle. Kinostart: noch offen
Sir Isaac Julien
Der preisgekrönte Video Künstler zeigt mit „Looking for Langston“ eine ausgelassene Feier unter heterosexuellen jungen men of colour, die schwarzweiß besonders elegant in Szene gesetzt ist. Sie spielt in den 1920ger Jahren in der Harlem-Renaissace. Doch am Ende kommt eine weiße Schlägertruppe mit Baseballschlägern und zerstört alles. Es gibt sogar einen Toten.
Im zweiten Film „Once again“ gehen afroamerikanische Experten durch die Afrika Sammlungen der Museen in Oxford und Philadephia und diskutieren über den Wert der Kunst aus Afrika. Es sind keine volkstümliche Touristensouvenirs, sondern künstlerische Zeugnisse kulturellen Lebens.
Isaac Julien ist vor allem mit Multi-Leinwand Videoinstallationen über weltpolitische Themen wie den Kapitalismus und die Islandkrise bekannt geworden, hier macht er jedoch speziell auf Black-Gay-Probleme aufmerksam.
Leibniz (Chronik eines verschollenen Bildes)
Der große Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 -1716) dargestellt von Edgar Selge soll portraitiert werden für seine junge ehemalige Schülerin Charlotte, inzwischen Königin von Preußen. Der erste beauftragte Maler (Lars Eidinger) bricht seine Arbeit verärgert ab, weil Leibniz permanent dazwischen redet und nicht aufhören kann ihn mit seinen Sinnsprüchen zuzutexten.
Die junge holländische Malerin lässt sich auf die tiefen philosophischen Exkurse ein, doch die junge Königin stirbt vor Fertigstellung des Bildes. In der Rolle der Königin-Mutter Barbara Sukowa.
Ein hervorragend inszenierter Historienfilm mit großartigen Schauspielern Man sollte jedoch Freude an viel Philosophie mitbringen.

Heldin
Eine Intensivstation in der Schweiz und eine Krankenpflegerin, die jeden einzelnen Patienten emotional und fachlich kompetent hervorragend versorgt. Dabei haben Patienten und Angehörige total hohe Ansprüchlichkeiten: der Tee ist der falsche, die Brille der Oma soll von der anderen Station geholt werden und der OP ruft den Patienten ab, während kein Transportdienst zur Verfügung steht. Die Schmerzinfusion muss erneuert werden, was die Protagonistin Floria Lind perfekt im Eiltempo erledigt. Kaum ist eine Aufgabe fertig, klingelt das Telefon oder der Notknopf auf der Station. Eine Patientin atmet nicht mehr und wer beginnt die Herzdruckmassage, bis irgendwann ein Team mit Arzt kommt? Natürlich die Pflegefachkraft.
Es ist ein Wettrennen zwischen anspruchsvoller Versorgung und Krise ohne Chance auf eine Pause und es entspricht dem realen Alltag in Krankenhäusern. Bewundernswert professionell verrichtet die Hauptdarstellerin alle Tätigkeiten. Es ist fantastisch, wenn man bedenkt, dass Leonie Benesch Schauspielerin ist. Das ist ein Glücksfall, denn sie kann dementsprechend stets auch noch die richtige Emotion in ihrer Mimik und Gestik nachfühlbar darstellen.
Es bleibt der hohe Respekt vor den wirklichen Fachkräften! Spürbar bleibt stets, dass ein sehr befriedigender schöner Beruf ist, wenn nicht nur 2 Pflegerinnen das Pensum erfüllen sollen, sondern 4 bis 6 zur Verfügung stünden.
„Heldin“ mit Leonie Benisch von Petra Volpe (Buch und Regie)
Kinostart : 27.Februar 2025


Hot Milk
Eine Mutter, eine Tochter, (Fotos oben!) ein Psychosomatik-Arzt und eine verführerische aber verstörte junge Frau an einem idyllischen Strand…. und schon sind multiple Probleme vorprogrammiert.
Mutter und Tochter leben zusammen, die ältere ist auf den Rollstuhl angewiesen und vereinnahmt die Tochter diktatorisch als Pflegerin. Sie hat keine Chance auf ein eigenes Leben. Doch jetzt verliebt sie sich in die rätselhafte frei lebende junge Frau im Strandhaus. Dazu kommen die psychosozialen traumatischen Geheimnisse aller Personen. Ein Gespinst aus multiplen Beziehungsverwicklungen nimmt seinen Lauf in dieser Romanverfilmung von Deborah Levi.
Spannend und gefühlsintensiv inszeniert bis zum Schluss! Empfehlenswert!
Kinostart: 29.Mai 2025
Other People’s Money, Die Affäre Cum-Ex
In der 8-teiligen ZDF-Serie wird über die Cu-Ex-Geschäfte berichtet, bei denen sich reiche Investoren und Banken an deutschen Steuergeldern ungestraft und offenbar völlig legal bereichert haben. Verantwortlich dafür waren an deutschen Unis ausgebildete Anwälte, die eine Gesetzeslücke gesucht und gefunden haben. Auch wird im Rahmen einer Spielfilmhandlung erzählt, wie schwierig es war, die Machenschaften am Ende juristisch korrekt zu unterbinden und dass es bisher überhaupt nicht möglich war, das Geld für den Staat zurückzubekommen.
Zur Berlinale waren die ersten 4 Folgen zu sehen, die von Beginn an die Aufmerksamkeit fesselten. Hervorragende Schauspieler machen die Serie zu einem besonderen Genuss. Etwas störend war das Sprachen-Wirrwarr. Die Szenen, die Dänemark betreffen, werden auf Dänisch gesprochen mit lediglich englischen Untertiteln, was bei der komplexen Bankensprache und den schwer verständlichen Zusammenhängen dem Zuschauer kaum Erleichterung bot. Es bleibt jedoch große Freude auf die TV-Ausstrahlung im ZDF , zumal wir uns hoffentlich auf eine deutsch synchronisierte Fassung freuen können. Noch kein Ausstrahlungstermin bekannt.
La Tour de Glace
Jeanne läuft aus einem einsamen Haus in verschneiten Bergen weg und verläuft sich in einem Filmset für „Die Eiskönigin“. Darin verliert sie sich in ihrem Lieblingsmärchen und der Schwärmerei für die schöne Hauptdarstellerin. Es entsteht eine Mischung aus Träumen, Fantasie, Filmkulisse und real schwer gestörten Charakteren.
Völlig kranke Story mit sinnentleerten Längen.

Delicious
Nichts deutete in der Beschreibung des Films für die Berlinale auf das geschmacklose Ende hin. Doch wahrscheinlich gab es die Annahme, dass diese Netflix-Produktion ein Publikum erreichen soll, das so etwas von dem Streaming-Dienst erwartet. Mehr darüber zu berichten wäre absolutes Spoilern und auch zu viel unverdiente Ehre, deshalb hier kein weiteres Wort.
Bald auf NETFLIX für Unerschrockene.
Viel Spaß in den guten Programmkinos überall im Land!











