Ein Kunstwerk erzählt die Geschichte des Maßregelvollzugs

Manchmal ist es ein Glücksfall, wenn nicht gleich alles im Müll oder beim Schrotthändler entsorgt wird. So kamen 3 schwere Zellentüren eines über hundert Jahre lang betriebenen „Verwahrhauses für verbrecherische Geisteskranke“ in Göttingen zu der späten Ehre, ein Kunstwerk und Mahnmal zu werden.
Am 25.10.2024 wurde das Kunstwerk „Drei Zellentüren“ eingeweiht. Es steht als „Site-specific sculpture“ neben dem Neubau des Maßregelvollzugszentrums für psychisch kranke Straftäter und nur wenige hundert Meter entfernt vom historischen Verwahrhaus.


„Diese Zellentüren erzählen die Geschichte des Wandels“, sagte der Künstler Andreas Spengler. „Sie sind auch eine Mahnung, die menschliche Würde in den Mittelpunkt zu stellen.“ Spengler, der neben seiner früheren Tätigkeit als Direktor der psychiatrischen Klinik in Wunstorf auch ein angesehener Künstler ist, schuf das Werk im Geiste des „Object trouvé“ oder „Ready made“ : alltägliche Gegenstände, denen durch neue Kontexte und Perspektiven eine tiefere Bedeutung verliehen wird.


Dr. A. Philippi (Mitte)
Foto: Ulrich Paeslack
Bis zum Umzug der Klinik in einen Neubau 2016 wurden die Zellentüren noch im alten Gebäude genutzt. Jetzt schauen sie als „Einäugige“ den Vorbeigehenden entgegen. Sie beugen sich in alle Richtungen, fallen aber nicht um. Welche Szenen spielten sich womöglich hinter diesen Türen ab? Sie haben nur auf einer Seite Bohrlöcher für eine Türklinke, auf der anderen gibt es keine Montagemöglichkeit, nicht einmal für einen Türknauf.



Kunst als Brücke zwischen der Gesellschaft und Ausgeschlossenen war beispielsweise auch auf der Venedig-Biennale eine künstlerischen Position. Der Vatikan hatte Künstler beauftragt, im Frauengefängnis von Venedig Werke, passend zum Ort und gemeinsam mit den Insassinnen zu installieren. Der Kontakt über die Kunstwerke war durch die folgenden öffentlichen Führungen für beide Seiten eine gelungene humane verständnisfördernde Annäherung.



Foto: Frank Ossenbrink
Auch die Installation in Göttingen bietet als Kunstwerk die Chance einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den Menschen im dortigen Maßregelvollzug, sowohl mit den Untergebrachten als auch den dort tätigen Pflegekräften und Therapeuten. Ein bewegendes Werk als „Denk mal!“
Hier noch Impressionen aus dem alten „Verwahrhaus“, später „Festem Haus“





Adresse des Standortes der „Drei Zellentüren“: Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen, Ulrich Venzlaff Str., 37081 Göttingen
Zum Pavillon des Vatikans auf der Venedig Biennale: