Eintauchen in ein wunderbares wildes lebendiges Zeitalter in der Bundeskunsthalle Bonn


„Völlig losgelöst von der Erde….. schwebt das Raumschiff… völlig schwerelo.. hohoho…oos“ So klingt es beim Eintritt in diese Ausstellung, nein, eher beim Eintreten in eine/unsere wunderbare frühere Zeit der Freude, Freiheit und des Aufbruchs. Singen Sie auch schon mit? Und haben Sie auch schon diesen Ohrwurm? Dann eröffnet sich Ihnen hinter dem nächsten Vorhang in der Bundeskunsthalle in Bonn ein buntes wildes Kaleidoskop eines Zeitdokumentes der 70er und 80er-Jahre (plus-minus ein bisschen): ein Meer von traumhaften Design-Möbeln , glänzenden Tee-Services, eines Fantasie-Design-Citroen-Rennwagen-Prototypen oder einer gewagten Modekollektion von Vivien Westwood mit Schulterpolstern und Plateauschuhen. Es ist berauschend, sich wieder in die Zeit der großen Clubs und Diskos zurück zu träumen und wenigstens innerlich hier hindurch zu tanzen.






Ja, was war sie nun, die sogenannte POSTMODERNE? Die Ausstellungsmacher definieren sie von 1967 bis 1992. Ein Zeitalter, in dem sich alles aus der sogenannten Moderne befreite: die Kunst, Literatur, Musik, Technik, Medien, das Design oder der Film.
Beispielhaft die Architektur! Ein kurzer Lehrfilm des Architekturmuseums Frankfurt erklärt es. Ursprünglich prangten Ornamente und Figuren als Nachahmung prunkvoller Schlösser der Monarchen als Schmuck an den Hausfassaden. Die Moderne verbannte all dies und etablierte z.B. in den Entwürfen des Bauhauses den Stil des White Cube. Die Schlichtheit sollte soziale Gerechtigkeit und Gleichheit demonstrieren, was auch in schmucklosen monotonen Mehrfamilienhäusern sichtbar wurde.



Doch dann kam DIE POSTMODERNE, die erneut eine Befreiung darstellte. Sie dekorierte wieder, aber ganz individuell, spielerisch, skurril, regellos und experimentell, zerstörte aber nicht alte Substanz, sondern verwandelte sie. Ein Beispiel ist das erste Wohnhaus von Frank O. Gehry. Er verkleidete eine alte kleine Villa mit Wellblech, Glas und Holzbalken kreativ gelockert ohne strenge rechte Winkel.

Am Beginn der Ausstellung startet die Apollo 11 Rakete, – völlig losgelöst von der Erde -, mit der die Menschheit auf dem Mond landete. Doch sie startete auch in dieses neue Zeitalter der Postmoderne. Mit dem Ereignis der Mondlandung wird von den Konzept-Verantwortlichen auch der Beginn der Epoche definiert, weil es den Anfang der modernen Medienverbreitung markiert. Der Fernseher machte die weltumspannende Life-Information möglich. Science fiction-Filme und TV-Serien folgten mit riesigem Erfolg.



Unbedingt ergänzt werden soll an dieser Stelle als Ursache für den Beginn eines neuen Zeitgeistes auch die Zugänglichkeit der Antibabypille für jede Frau. Sie machte das exzessive Partyleben, die Freiheit der Sexualität und damit den ausschweifenden Lebensstil der Postmoderne erst möglich.
Eine Ikone der neuen Kunst- und Party-Welle war das Studio 54 in New York mit Andy Warhol.


Sein Bild der „Diamond Shoes“ bezeichnete die Kritik damals als exemplarisch für die endgültige „Flachheit postmoderner Kunst“. Postmodernes war oberflächlich ohne Tiefgang. Nicht „Form follows Function“ sondern „Form follows Fun“.


Rainer Werner Faßbinders letzter Film „Querelle“ läuft beispielhaft in der Ausstellung; sexuell ebenso skurril wie von der Handlung und der Regie.

“Anything goes“, alles schien möglich und man überschlug sich mit immer schrilleren, unmöglichen, provokativen Aktionen und Designs. Die Memphis-Kollektion von Ettore Sottsas mit dem gemeinsamen Essen im Boxring statt an prunkvoller Tafelrunde als Beispiel. Sicher spielten aber auch Drogen eine wesentliche Rolle. LSD war die damalige Lieblingsdroge, die alles optisch in ein buntes Farbenmeer verwandelte.



1982 sendete Jenny Holzer auf einer Werbetafel zwischen Leuchtreklamen am Times Square subtil widersprüchliche Botschaften: „Bewahre mich vor dem, was ich will.“ Für die jetzige Ausstellung revitalisierte die Künstlerin selbst das Werk, das mit aktueller LED Technik in 6 Meter Höhe im Saal leuchtet. Die Vermischung von Kunst und Kommerz war bereits in vollem Gang.
Nigel Coates war bereits Architekt der Postmoderne. Er ist mit seinem Team der Ausstellungs-ARCHITEKT. Fast möchte man sagen, ER ist der künstlerische Star! Anordnung, Ausleuchtung, Farbigkeit der Objekte sind hervorragend präsentiert und hierduch ein eigenständiges postmodernes Architektur-Kunstwerk. Eine Kunstausstellung ist damit bewiesenermaßen schon lange keine reine „Hängung“ mehr. Auch das Kuratieren allein reicht nicht. Ausstellungs-Architektur bringt erst ein Gesamtkunstwerk zustande. Sie beinhaltet hier in Bonn eine Fülle unterschiedlichster Darstellungsarten: abgetrennte Nebenbereiche zeigen Videos neben Plakaten und Vitrinen zu einem Subthema. Erklärende Hör-Nischen stehen wie aufgeschlagene Bücher im Raum und laden ein zum Sitzen und Lauschen. Flache und hohe Bühnen aus sichtbaren Gerüststangen sowie runde und vieleckige Zwischenwände lassen die Objekte einzeln strahlen und trotzdem aufeinander eingehen. Sogar die Musik ist bewußt wahrnehmbar, vermischt sich auch nicht zu einem Lärmteppich.


Dabei soll die kuratorische Arbeit, die in der Postmoderne-Ausstellung steckt, keinesfalls weniger gewürdigt werden. Neben Eva Kraus hat insbesondere Kolja Reichert die hunderte einzelner Ausstellungsstücke mit nachhaltiger Recherche in ihren komplexen Bedeutungszusammenhängen recherchiert und in das Gesamtkonzept dieser Epochen-Geschichte eingepasst.

Hätten Sie z.B. gewusst, dass Modern Talking mit dem seichten gleichförmigen Elektrosound typisch für die Postmoderne war und ist? Kein Popmusiker sei häufiger im Kreml auf getreten als Thomas Anders. War er damit nicht ein verbindender Kulturbotschafter ?!
Auch historische Dokumente werden präsentiert wie die Urkunde, in der die Stadt New York Donald Trump das Gelände seines Towers überläßt.
Interessant ist auch die Bemerkung, dass für die Ausstellungsplanung ein ganze Kraft eingestellt wurde, die sich nur um die Urheber-Rechte der gezeigten Objekte und Zustimmungen zur Präsentation kümmerte. Übertrieben? Laut Kolja Reichert: überhaupt nicht!


Viele faszinierende Möbelstücke der Memphis Kollektion von Ettore Sottsass stehen dominant und elegant im Zentrum der Ausstellung. Wer hätte nicht das berühmte Regal damals allzu gern in der eigenen Wohnung aufgestellt? 1980 sorgten diese Wohnobjekte auf der Architektur-Biennale in Venedig für einen Eklat und lösten Proteste in der Fachwelt aus, weil z.B. die Wiederkehr von Schnörkeln in den barocken, aber ironischen Sesseln als Abkehr von den Regeln der Moderne interpretiert wurden. Damit seien sie eine bedrohliche Rückwendung, ein erneuter „Historismus“.


Dass in der Postmoderne trotzdem alle Schranken verlassen werden durften, davon zeugt auch ein Bild von David Hockney, in dem er seine typische klassische Perspektive verlassen hat.

Gegen Ende der 80er Jahre wird die Leichtigkeit des Lebens von Angst abgelöst. AIDS fordert viele Todesopfer. General Idea, eine kanadische Dreier-Künstlergruppe ändert die Buchstaben des Werkes LOVE von Robert Indiana in AIDS. Diese Grafik leuchtete auf der gleichen Werbewand am Times Square 1987 wie zuvor Jenny Holzers Werk. In der Ausstellung wird dem eine große Wand gewidmet. Zwei Mitglieder der Gruppe starben früh an AIDS. AA Bronsen überlebte und wurde in die Ausstellungsgestaltung eingebunden.


Das Ende der Postmoderne wird mit 1992 etwas wirkürlich von den Ausstellungsmachern gesetzt. Das letzte typische Bauwerk sei die Bundeskunsthalle in Bonn selbst, obwohl sich ihr Architekt Gustav Peichl nicht gern mit diesem Begriff bezeichnen lasse. Doch es wird auch das 30 jährige Jubiläum des Hauses gefeiert, nur wenig verspätet wegen der Pandemie.


Der Katalog zur Ausstellung ist adäquat zum fantastischen Ausstellungsraum eine Augenweide. In einem Remake postmoderner Grafik ein Stück Kunst für sich.



Das Ende der Geschichte? Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler schreibt 1992, dass nach Zusammenbruch des Ostblocks der Kalte Krieg vorbei sei, sich für immer liberale Demokratie und Kapitalismus als beste Staatsformen durchgesetzt hätten und ein ewiger Frieden einziehen werde. Dieses Zitat wurde in der Ausstellung für das Ende aufgegriffen.



Wo stehen wir aber heute in der Reihenfolge der Stil-Epochen? Noch mitten in der Postmoderne? Oder in einer Art Postpostmoderne? Oder muss erst noch eine weitere Generation abgewartet werden, bis von dort aus auf die Jetztzeit zurückgeblickt wird? Kunst wird inzwischen global gedacht, postkoloniale Einflüsse, das Einbeziehen des globalen Südens, die virtuelle Welt des Metaversums und auch die Klimazukunft sind heute evidente Bestandteile von Kunst, Architektur, Musik, Design, Film …… und Leben. Aber genießen wir doch die Ausstellung mit ihrem Blick in eine inspirierende fröhliche Lebensperiode und nehmen die Aufforderung mit:
„Back to the future“ „Zurück in die Zukunft!“



Bundeskunsthalle Bonn, 29.September 2023 bis 28. Januar 2024