Naomi Beckwith’ Antrittsrede über ihre kuratorische Grundhaltung


In Kassel stellte am letzten Dienstag die designierte Kuratorin der Documenta 16 in zwei Jahren, Naomi Beckwith ihr kuratorisches Konzept für die kommende Weltkunstschau vor. Nachdem der mediale Sturm politischer Kritik an der letzten documenta 15 deren großartigen komplett neuartigen Ideen für die Kunstwelt völlig überschattet hatte und sogar Bedenken an einer Neuauflage im Raum standen, gibt ein sogenannter Code of Conduct jetzt verbindlich für die neue künstlerische Leitung vor, dass sie sich zu Beginn über ihre Ausrichtung öffentlich äußert. So fragwürdig diese Pflichtaufgabe einer Art Gesinnungsprüfung auch sein mag, so deutlich konnte Naomi Beckwith jeglichen Zweifel an ihrer aufrichtigen und kompetenten Art ausräumen. Ihre Rede bewirkte viel Applaus bei den etwa 700 Zuhörern aus Fachleuten, Presse und Kassler Bevölkerung. Es war eine gelungene Vertrauensbildung.
Naomi Beckwith begann mit der Schilderung ihrer Herkunft, als sie sich in der schwarzen Community in Chicago familiär aufgehoben fühlte, weil sie hier auch einen kulturellen und sozialen Zusammenhalt erlebte, aus dem sich in Kunst und Musik immer Neues entwickeln konnte. So fühle sich sich auch weiterhin als Teil der weltweiten panafrikanischen Gemeinschaft, aber mit dem Ziel eines versöhnlichen Zusammenlebens aller Menschen in Respekt und auf Augenhöhe.
Naomi Beckwith sagte, sie könne nicht vorhersagen, was passieren werde, wenn die Künstlerlisten und Werke öffentlich werden. Diskurse seien aber grundsätzlich richtig, denn es sei wichtig über die jeweiligen Begriffe zu streiten, sie jedoch nicht als Waffen gegeneinander zu verwenden. Es brauche auf allen Seiten Verständnis für gegenteilige Perspektiven auf einen Sachverhalt, die beide gleichwertig akzeptiert werden müssten.

In ihrer bisherigen Arbeit als stellvertretende Direktorin und leitende Kuratorin am Guggenheim Museum in New York habe sie protestierenden Aktivistinnen wie z.B. der Gruppe P.A.I.N um Nan Goldin durchaus eine Bühne für ihre Aktion gegen die Pharmafamilie Sackler überlassen, jedoch sei immer oberstes Gebot, keinerlei physische, verbale oder systemische Gewalt zuzulassen.
Bei all dem sei sie eine Verfechterin von Redefreiheit. Kulturelle Diskurse müssten verständlich gemacht werden. Kontextualisieren ist der Begriff dafür, der eine Documenta mit viel Erklärungen und Diskussioen erwarten lässt. „Unterschiedliche Geografien erfordern unterschiedliche Lösungen“, heißt es bei ihr, was sich auf die Besonderheit der deutschen Geschichte und die dadurch geprägten öffentlichen Auswirkungen bei der damaligen D15 bezieht. Sie sei sich darüber bewußt, dass sie Verantwortung für die gegenseitigen Rücksichtnahmen habe.
Detaillierte kuratorische Themen oder Künstlernamen waren an dem Abend noch nicht zu erfahren.
Was brauche aber die D16?
Die Kunst der Documenta habe immer nach der Sinnstiftung gefragt und einen Blick auf die aktuelle Lage in der Welt geworfen. War es ursprünglich die Aufgabe, in den Jahren nach Ende des zweiten Weltkrieges Deutschland wieder eine aktuelle Positionierung in der Kunstwelt zu geben, so müsste heute ein anderer Blick auf den globalen Zustand beachtet werden. Es herrsche eine ZEIT DER ENTTÄUSCHTEN ERWARTUNGEN, ein Ausverkauf von Menschenrechten und Überwertung wirtschaftlicher Interessen.
KünstlerInnen hätten stets auf den Zeitgeist, auch gerade in Krisen reagiert und neue Welten visioniert und Utopien entwickelt, die Neuentwicklungen voranbringen können. Ihre Documenta biete in dem Sinn weiterhin ein Feld zum Experimentieren und transkulturellen Denken. „Dabei ist mir auch bewußt, welchen Blick die Welt gerade heute auf mein Land hat.“
Eine Besonderheit der Documenta sei stets, dass ein Kulturaustausch mit dem Ziel des Miteinander ermöglicht werden soll. Dies stehe im Gegensatz zur Biennale in Venedig, wo die Länderzugehörigkeit eine bedeutende Rolle spielt.



Die Kuratorin sieht sich auch in der Tradition ehemaliger Kuratoren wie Owui Enwesor (Documenta 11), von dem sie in der Zusammenarbeit viel gelernt habe. Es gehe darum, gemeinsam mit den Künstlern, den Kunstwerken und den BesucherInnen die Bedeutungen zu erarbeiten. „Eine Documenta funktioniert nicht, ohne dass jede/r Besucher/in hinterher irgendetwas verstanden hat.“ Die Kunstvermittlung nehme daher einen hohen Stellenwert ein und müsse gut vorbereitet werden.
Wird es bei all den Grundsätzen von Gerechtigkeit, Respekt, Rücksichtnahmen letztlich eine brave, konservative Documenta16? Der Kunstkritiker Carsten Probst erwartet in seinem Statement im DLF Kultur „eine mäßig innovative Documenta im abgesicherten Modus.“ Dies könnte aus der Rede von Naomi Beckwith durchaus gefolgert werden. Doch ist das schlimm? Könnte es für uns Kunstbegeisterte nicht auch besonders erleichternd und attraktiv sein, wenn wir uns wieder ausschließlich und störungsfrei spannenden ästhetischen Erlebnissen zuwenden können?
Naomi Beckwith vermittelt genau das und lässt uns zuversichtlich und vertrauensvoll auf die nächste Weltkunstschau in Kassel freuen. Sie erwies sich bei der Veranstaltung mit ihrer warmherzigen empathischen Ausstrahlung als große Sympathieträgerin für das Publikum.
Documenta 16 , Kassel, 12. Juni bis 19. September 2027





















