Bildgewaltige surrealistische Explosion des Staatsballetts Berlin


Wer eine wirklich beeindruckende magisch unheimliche Performance erleben möchte, sollte dies zurzeit nicht in Kunstausstellungen suchen, sondern eine Aufführung des Staatsballetts Berlin im Schillertheater besuchen.
Der als „Chroreograpf of the Year“ ausgezeichnete Spanier Marcos Morau hat mit 30 großartigen Tanzenden eine mystisch gespenstische Inszenierung aufgebaut. Was zunächst mit einem einsamen, verloren auf die Bühne schreitenden Akkordeonspieler beginnt, mündet rasch in ein rhytmisch stampfendes Gruppenbild. Sofort wird klar, dass das Ensemble hier als Ganzes wie ein einziger Organismus lebt und Bewegungen grotesker Art völlig synchron auf die Bühne bringt.


Jede auch noch so skurrile Bewegung erinnert zwar fast an eine Chorea Huntington, wobei jedoch die Synchronizität des Ensembles beweist, dass es bewußt einstudierte Abläufe unter Kontrolle aller beteiligten auch noch so kleinen Muskeln sind.
In hautengen und hautfarbenen Ganzkörperanzügen, die mit Symbolen wie Tätowierungen bemalt sind verschwinden die Gender-Grenzen nahezu vollständig. Dazu werden Lederbänder oder schwarze Glitzer-Westen und Galoschen-ähnliche Stiefeletten getragen. eine Reminiszenz an die wilden 20ger Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin. Mit der Musik eines brachialen Elektrosounds in einer Art Gothic-Rock mit Dark-Wave-Elementen bilden die androgynen Körper stets neue faszinierende Bilder und vervollständigen sie durch gruselig abgehackte verfremdete Mimik und Gestik. Ja, es ist laut, aber eine perfekte Verschmelzung von Bewegung und Sound zu einem Ganzen.
Diese ganze unwirkliche traumhafte Welt zieht die Zuschauer in einen 70 minütigen ungetrübten Bann.

Foto: Christian Spuck
Auch wenn die Wunderkammer vorrangig als Ensembleleistung brilliert, ist Leroy Mokgatle hervorzuheben. Sie erhielt gerade als „Darsteller*In Tanz“ den Deutschen Theaterpreis „Faust“. Leroy Mokgatle tanzt sowohl burschikos als auch feminin außergewöhnlich und ist auch in der „Wunderkammer“ mit ihrer besondern nonbinären Körperausdrucksweise zeitweise solo im Vordergrund zu bewundern.
Marcos Morau bekam zuvor recht negative Kritiken aus der Tanzkritikergemeinde. Ausgebildet ist er in Fotografie, Bühnenbild, Kostüm- und Lichtdesign, bevor er zur Theater- und Tanzbühne kam. Daher präsentiert er nicht typische gängige Tanzchoreographien, sondern eher große bewegte Bilder mit bisher nie gesehenem Bewegungsrepertoire. Menschen, die gern Ausstellungen bildender Kunst besuchen, werden dies um so mehr lieben. Der fließende Übergang von künstlerischer Performance zu einem Gesamtkunstwerk aus Musik, tanzenden Menschen und kreativen Bühnenbild ist eher fließend und es wäre großartig, wenn eine gegenseitige Inspiration all diese Genres immer wieder zu so einem Hochgenuss wie der „Wunderkammer“ zusammenführen würde.
Staatsballett Berlin im Schillertheater: „Wunderkammer“ von Marcos Morau. Weitere Aufführungen: 30.Nov. 25 und 11., 17. und 23. April 2026