Ein modernes künstlerisches Juwel zum 375ten Jubiläum des Wesphälischen Friedens

Osnabrück feiert sich als Friedensstadt und hat den erst 36 jährigen Ibrahim Mahama aus Tamale im Norden Ghanas eingeladen, auch hier eines seiner weltweit berühmten Verhüllungskunstwerke zu installieren.



Das Ergebnis ist ein gigantischer Vorhang aus gebrauchten Jutesäcken und handgewebten Stoffen, der das verlassene ehemalige Kaufhaus am Neumarkt wunderschön und inhaltlich relevant verkleidet. Die Jutesäcke symbolisieren Handelswege zwischen der Heimat des Künstlers in Ghana und weit entfernten Ländern. Kakaobohnen, Kaffee oder Kohle wurden von Arbeitern schweißtreibend darin transportiert. Deren Spuren inklusive Aufdrucken sind Dokumente hiervon.
Die Materialien sind nachhaltig, weil sie schon so vielfältig genutzt wurden, erst für den Warentransfer, jetzt als Kunstwerke.


Erstmals kombiniert treffen sie in Osnabrück auf die strahlend blauen traditionell in Ghana gewebten Streifenstoffbahnen. Darauf appliziert erzählen traditionelle Kleider ebenfalls von der westafrikanischen Kultur. Das Kunstwerk verschönert den trostlosen Bau gegenüber dem Landgericht in eine prächtige Pralinenschachtel der europäisch-afrikanischen Verbundenheit.
Doch Kunst im öffentlichen Raum produziert offensichtlich auch hier sofort Kommentare in der Bevölkerung, die sich im Netz unter Anonymität als bösartige Hasstiraden verbreiten. Ist Osnabrück letztlich den Ruf als fröhliche offene Friedensstadt dabei zu verlieren?
Der Neumarkt ist seit langem ein Dorn im Auge der Stadt. Beispielhaft ist das Scheitern mehrerer Kaufhäuser seit 1955, dazu ein angeblicher Bauskandal um ein geplantes überflüssiges Shopping Center und das dortige permanente Verkehrschaos. Jetzt gibt es endlich ein Highlight an dem ungeliebten Ort.


Mehrere Teilflächen hingen schon bei der Kunstbiennale in Venedig 2015, auf der Dokumenta 14 in Kassel und Athen 2017 oder auf der diesjährigen Biennale in Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Somit sind sie auch reisende Botschafter der Kunst und Verständigung.


Auch in Berlin an der liebevoll genannten „Schwangeren Auster“, dem Haus der Kulturen der Welt ist gerade die Freitreppe von Ibrahim Mahama verhüllt worden. Allerdings wirkt die Installation im Vergleich lange nicht so strahlend und aussagestark wie das funkenlde Osnabrücker Pendant.



Spannend wird es bestimmt, wenn das Kunstwerk „Transit(s)“ in Osnabrück am 2. Oktober wieder abgehängt wird. Werden es dann womöglich auch die heutigen Kritiker schmerzlich vermissen, wenn sie wieder auf das alte darunter versteckte triste Bauwerk schauen müssen?

Doch bis dahin lohnt sich -gerade für Kunstliebhaber, die spätestens seit der Documenta 15 gemerkt haben, dass inzwischen faszinierende neue Kunst aus dem globalen Süden stammt, ein Ausflug in die niedersächsische kleine Großstadt absolut.