Ein Dialog zwischen Kunst und Politik


Gerhard Richter, Christian Boltanski, Hans Haacke, Katharina Sieverding, Joseph Beuys, Georg Baselitz und Günther Uecker, aber auch Bernhard Heisig: großartige Kunstwerke von großartigen Künstlern sind im Deutschen Bundestag im Reichstagsgebäude ausgestellt, die von den meisten Besuchern des Plenarsaales und der Kuppel kaum wahrgenommen werden. Doch es gibt hierzu thematische Führungen für Kunstfreund*Innen.

Der Film „La Cache“ (Das Versteck) erzählt Familienerinnerungen von Christian Boltanski (1944 -2021) aus Sicht des Neffen und lief gerade auf der Berlinale, was große Neugier auslöste, sich mit dem französischen Künstler näher zu beschäftigen. In seinen konzeptlastigen Werken geht es oft um Verfälschung der Erinnerung, Zeit, Vergänglichkeit und Tod. Im Keller des Reichstagsgebäudes gestaltete er 1999 die Installation „Archiv der Deutschen Abgeordneten“. Für jeden demokratisch gewählten Abgeordneten von 1919 bis 1999 gibt es eine Blechschachtel mit Namen und dem Jahr des Eintritts in das Parlament. Ermordete Politiker sind mit einem schwarzen Schriftzug gekennzeichnet. Die Zeit des nicht demokratischen Nationalsozialismus symbolisiert eine schwarze Schachtel. Danach geht es weiter mit Konrad Adenauer. Die mauerartige Anordnung als schmaler Gang ist bedrückend, aber auch voller Ehrerbietung für diejenigen, die hier gearbeitet haben. Ein wirkliches Highlight.


Konzeptuell knüpft das Werk von Hans Haacke (geb. 1936) im Innenhof an. Das rechteckige Beet um den Schriftzug „Für die Bevölkerung“ wurde zum Einzug in das Gebäude mit Erde gefüllt, die jede/r Abgeordnete aus dem Wahlkreis mitgebracht hat. Symbolisch sollte nach der Wiedervereinigung das „Zusammenwachsen“ thematisiert werden. Außerdem schauen bis heute alle Abgeordneten nahezu täglich auf den Schriftzug und werden daran erinnert, für wen sie eigentlich arbeiten und richtige Entscheidungen treffen sollten.

Der deutsche Bundestag kauft regelmäßig Kunstwerke an, die sich thematisch mit Deutschland befassen, jedoch nicht nur von deutschen Künstlern, so dass bereits eine große Sammlung existiert.




Eine wunderschön harmonische komplette Raumgestaltung gelang Günter Uecker im sogenannten Andachtsraum des Bundestags. An den Wänden stehen sieben Holzbildtafeln, die er in der für ihn typischen Technik mit großen eingeschlagenen Nägeln zur Assemblage bearbeitete. Sie sind abstrakt und doch erahnt man teilweise ein Kreuz. Allerdings ist es ein multikonfessionelles Konzept, das zu Meditation und innerer Einkehr anregt. Gebetsstühle zum Knieen und Gebetsteppiche stehen im Vorraum ebenso wie normale schlichte Holzstühle zur individuellen Nutzung zur Verfügung. Ein Ruhe ausstrahlendes Ensemble trotz der stets von extremer Kraftanstrengung zeugenden Nagelkunst Günther Ueckers.




Auch die vielen Zeichnungen und Fotos der Reichstagsverhüllung von Christo und Jeanne Claude in den Gängen des obersten Stockwerkes sind eine passende Erinnerung genau an diesem Ort. Im Sommer 1995 glitzerte das alte Gebäude für 2 Wochen fest verschnürt in der Sonne. Nachdem der letzte Stoff entfernt war, begannen sofort die Umbauarbeiten zur jetzigen Form nach Plänen von Norman Foster (geb. 1936).




Die Kombination, hervorragende Kunstwerke anzusehen und dabei auch ständig den Blick auf den Saal zu haben, in dem die Geschicke unseres Landes verhandelt werden, ist ein absolut empfehlenswertes Erlebnis.
www.bundestag.de/besuch/anmeldung ; Kunst- und Architekturführungen: Sa, So und an Feiertagen 11.30 Uhr, aber NUR mit Anmeldung.