Die vergessene Ikone der POP-Art

Marisol: zu diesem klangvollen Namen gehört eine Künstlerin, die zunächst die Kunstwelt in den 1960ger Jahren begeisterte, aber bald vergessen wurde. Doch nicht auf ewig, denn aktuell werden die einzigartigen scharfsinnigen Kunstwerke der beachtenswerten Künstlerin erstmals in Europa, im Louisiana-Museum in Dänemark gezeigt.


Die Geschichte von Marisol Escobar begann mit ihrer Geburt 1930 in Paris. Ihre Eltern stammten aus Venezuela, doch die Famile zog mehrfach um, in andere Länder, andere Kontinente. Von Paris nach New York oder Caracas. Als Marisol 11 Jahre alt war, starb ihre Mutter durch Suizid. In der Folge sprach das Mädchen über mehrere Jahre kein Wort. Aber sie zeichnete gern und studierte später an mehreren Kunstschulen, ab 1950 in New York.


Die schöne junge Frau wurde von vielen damals renomierten Künstlern entdeckt und gefördert. Ja! Hier wird nicht gegendert, denn es waren ausschließlich Männer! Hans Hofmann war ihr Lehrer an seiner School of Fine Arts. Mit Willem de Kooning, dem Vorreiter des Abstrakten Expressionismus war sie befreundet. Sie entwickelte aber rasch ihren eigenen Stil, der auch von der Kunst der Indiokulturen Südamerikas beeinflusst war. Es entstanden die ersten Skulpturen aus Holz, Kunststoff und diversen Fundstücken aus dem Alltag. Nicht nur der einflussreiche Galerist Leo Castelli war begeistert und ermöglichte ihr Ausstellungen.


Marisol zog auch eine Zeit lang für neue Ideen nach Italien, doch sie kam 1960 wieder zurück nach New York. Dort wurde sie bald vom Freundeskreis der POP-Art-Künstler begeistert entdeckt: Robert Indiana, Claes Oldenburg, James Rosenquist und Andy Warhol. Er förderte sie besonders, indem er sie in eigene Projekte einband, nannte sie für einen Film „One of the 13 most beautiful women“. Glücklicherweise war Marisol eher schüchtern und ließ sich nicht in die Party-Szene der Factory hineinziehen. Sie arbeitete stattdessen!
Ein großer Erfolg war 1968 die Teilnahme an der Biennale in Venedig, wo sie Venezuela mit einer Soloshow repräsentierte. Auch ein Auftritt bei der Documenta 4 im gleichen Jahr krönte ihren Erfolg.

Marisol musste in der damaligen Männerwelt der Kunst oft für ihre Anerkennung kämpfen. Als Schönheit aus Südamerika bekam sie zwar viel Aufmerksamkeit, doch ihre künstlerische Leistung im Bereich der Pop-Art wurde von den Männern als folkloristisch abgewertet.
„If you call my work folk art, it is only, because you are prejudiced about my South American background. Folk you!“
In Humlebaek, in dem wunderbaren Louisiana-Museum für Moderne Kunst wird Marisol jetzt ein fulminantes Comeback bereitet, bei dem jedem deutlich wird, dass sie große Kunst mit ihrem eigenen POP-ART-Stil geschaffen hat. Viele Objekte sind eine ironisch humorvolle Persiflage auf den Zeitgeist der Pop-Generation der 60ger Jahre. Aus heutiger Sicht könnte man ihr vorwerfen, sie sei für Abholzung des tropischen Regenwaldes mitverantwortlich gewesen, doch andererseits ist es ein Glücksfall, weil die Edelhölzer ihrer Werke für die lange Haltbarkeit der hervorragenden Skulpturen verantwortlich sind.

Vielleicht war Marisol mit ihrer Kunst zu gut, weckte Neid bei den Kollegen und Skepsis bei Galeristen und potentiellen Käufern. Bis heute wird ja für Kunst von Männern deutlich mehr bezahlt. Jedenfalls wurde es stiller um sie, während Warhol für Millionen gehandelt wurde. Hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass ihre Schönheit mit zunehmendem Alter weniger aufregend für die patriarchale Gesellschaft wurde?
1995 gab es noch eine Retrospektive in Japan. Ab 2006 bemerkte sie selbst zunehmende Gedächtnisstörungen, eine Alzheimer-Erkrankung. Da war sie in der Kunstwelt schon fast vergessen. 2016 starb sie und vermachte ihr Werk dem Museum in Buffalo.

Der Weg nach Humlebaek lohnt sich wirklich, um die Kunstwerke von Marisol zu besuchen. Von Berlin sind es nur knapp 7 Stunden mit dem Auto über die Fähre von Rostock. Die Ausstellung wandert aber auch demnächst nach Zürich.
MARISOL: Louisiana-Museum, Humlebaek bei Kopenhagen: 1.Okt.2025 bis 22.Febr. 2026.
Kunsthaus Zürich: 17.April bis 23. August 2026


















