Das Kunstwerk in dieser Ausstellung ist eine Arena um ein riesiges Video-Game. Auf zwei Sesseln sitzen die Leader, die das Spiel steuern, während von den Zuschauerplätzen in einer Art demokratischem Prozess Anweisungen gerufen werden sollen. Im knallbunten Computer-Design wird eine imaginäre Parallelwelt simuliert, in der 6 Charaktere gerettet werden sollen. Indem die Community dies anstrebt, sollen auch die eigenen Seelen gereinigt werden.
Das aktuelle Werk ist eine Auftragsarbeit der LAS-Stiftung, die den Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie fördert. Themen der Zeit wie künstliche Intelligenz, Gaming und Quantencomputering sollen künstlerisch gestaltet werden.
Ein Projekt genau dieser Art stellt die Installation von Danielle Brathwaite-Shirley dar. Das immersive Eintauchen in ein Parallel-Universum können ältere Kunstbegeisterte sicher auch bei Caspar David Friedrich oder Marc Rothko, doch für die junge Generation sind es die virtuellen Welten im Cyber-Raum. Für diese junge Zielgruppe ist die Location des Berghain, dem legendären Berliner Club die perfekte Umgebung.
Danielle Brathwaite-Shirley ist eine junge Künstlerin, die nach Abschluss des Studiums an einer London School of Fine Art in Berlin lebt und arbeitet. Eine Rolle spielen in ihren Werken die Erfahrungen Schwarzer und queerer Menschen und letztlich sei ihr wichtig, dass im Spiel ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Dass niemand alleinige Entscheidungen treffen muss, sondern stets mit allen zusammenarbeitet und gegebenenfalls auch der Leader abgewählt und ersetzt werden kann, ist ein wichtiges Anliegen. „Du bist nicht allein“ soll den Mitspielern vermittelt werden.
Ob dies jedoch durch eine virtuelle Situation in einem Videogame vermittelt werden kann, muss eigentlich offenbleiben. Für Menschen älterer Generationen ist ein zwischenmenschliches Wir-Gefühl ausschließlich im direkten Face-to-Face-Kontakt vorstellbar. Die weltweit intensiv spielende Community hat diesbezüglich wohl aber eine andere Perspektive. Doch auch dieser Bericht ist eine Aufforderung, es mal auszuprobieren!
In der großen Halle am Berghain sind zusätzlich weitere frühere Games der Künstlerin aufgebaut, die alle gespielt werden können.
LAS Art Foundation: Danielle Brathwaite-Shirley,Halle am Berghain, Am Wrietzener Bahnhof, 10243 Berlin, 12.Juli bis 13.Oktober 2024
Das KW-Institut für zeitgenössische Kunst hat für die Sommermonate drei aktuelle künstlerische Positionen ausgesucht, die sich mit Problemen von Menschen außerhalb des Normativen befassen.
Luiz Roque
Luiz Roque aus Brasilien präsentiert mehrere großartige Videos mit offenem Ende. In der großen Halle berichtet er darin über das Leben ausgewählter Beispiele der queeren Community, teils Reportage artig, teils skurril oder als Science-Fiction. Außerdem werden Filme ohne sexuellen Bezug gezeigt, die künstlerisch vielschichtig sind oder in faszinierender hochauflösender Technik gedreht wurden. Da fliegt beispielsweise ein Wolf völlig allein in einem Flugzeug über verschiedene Landschaften oder ein Stein zerschlägt eine Fensterscheibe, die malerisch in Einzelteile zerspringt.
Pia Arke: die Künstlerin lebte von 1958 bis 2007 in Grönland. Ihre Mutter war indigener Herkunft als Inuk, der Vater Däne. Pia Arke erzählt in Dokumenten Collagen, Filmsequenzen und Zeichnungen über ihr Leben mit einer inneren Zerrissenheit im Kampf um die eigene Identität und Anerkennung. „Arctic Hysteria“ ist zusätzlich eine feministische Anklage, weil gerade der indigene weibliche Körper so oft lächerlich gemacht und schlecht behandelt wurde. Bei all dem spielt Dänemark als ausbeutende Kolonialmacht in Grönland eine wichtige Rolle.
Im Obergeschoß sind Werke zweier Künstler ausgestellt mit Schwerpunkt auf unterschiedlichen Darstellungen von Portraits. Der US-Amerikaner Jimmy DeSana starb 1990 an AIDS. Ihm gegenübergestellt finden sich Bilder des Californiers Paul P. (geb. 1970). Thematisch beschäftigen sich beide Künstler mit der Darstellung homosexuellen Begehrens und ihrem Kampf um gleichberechtigte gesellschaftliche Anerkennung.
Ein besonderes Highlight des Ausstellungsortes ist immer der schönste Innenhof in Berlins City mit dem Café Bravo, wo es stets zu wunderbaren bereichernden Gesprächen mit anderen Ausstellungsbesuchern aus aller Welt kommt.
Foto: Frank Ossenbrink
KW Institut, Auguststr. 69, 10117 Berlin, 6.Juli bis 20.Oktober 2024
Venedig ist eine Insel der Glückseligkeit, wenn dort in den Stätten der Kunst die internationale Biennale stattfindet. Sie wird manchmal auch als Kunst-Olympiade bezeichnet, weil in Pavillons, die teilweise über die ganze Stadt verteilt sind, die unterschiedlichen Länder ihre aktuelle Kunst präsentieren und um den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon konkurrieren.
Hinzu kommt an den beiden großen Locations, den Giardini und dem Arsenale, die von einem Kurator – in diesem Jahr Adriano Pedrosa aus Brasilien – präsentierte Hauptausstellung.
Adriano Pedrosa will unserem eurozentrischen Kunstgeschmack die Kunst des sogenannten Globalen Südens, das Fremde, nahebringen. Als Titel wählte er: „Foreigners everywhere“: „Fremde überall“ oder inhaltlich besser „Überall Fremdsein“. Hierbei kann es um das Fremdsein in einer Gemeinschaft, einem fremden Land oder auch im eigenen Körper gehen.
Zur Veranschaulichung wählte Pedrosa für seine Hauptausstellung vorwiegend Künstler*Innen mit Außenseiterpositionen: Non-Hetero Sexualität oder anders ausgedrückt aus der Queer-Community, indigener Herkunft, Coloured People oder Menschen mit komplexer Migrationsgeschichte. Dadurch steht nicht unbedingt das extrem innovative Kunstwerk im Vordergrund, sondern das fremde, bisher noch nicht gesehene. In manchen Ausstellungsräumen hängen Bilder eher museal historisch und kontextual korrekt, doch wenig begeisternd. An anderer Stelle findet sich eher folkloristisches anmutendes Kunsthandwerk. Das lässt erneut die alte Diskussion aufblühen: „Was ist Kunst?“ Trifft das auch auf diese Werke zu? Wahrscheinlich Ja, nur benötigt es eine andere Betrachtungsweise. Auf jeden Fall sind letztlich wir als Besucher*Innen gefordert, aber auch berechtigt, unsere ganz persönlich spannenden „Perlen“ herauszusuchen. Doch keine Sorge, davon lassen sich unglaublich viele finden.
Die diesjährige Biennale empfängt und erfreut uns sofort mit einer farbenprächtig komplett bemalten Fassade des zentralen Biennale-Pavillons in den Giardini. Dort ist sofort zu erkennen, was in diesem Jahr gezeigt wird. In typisch südamerikanisch ornamentalen Stil hat die brasilianische Gruppe WAHKU eine Legende illustriert, die erzählt, dass die Kontinente der Erde an der Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien in früherer Zeit eine Verbindung hatten, die Menschen in beide Richtungen genutzt haben. Ein großer freundlicher Alligator bildete mit seinem Körper eine Brücke. Als Wegzoll bekam er von den Menschen Nahrung. Eines Tages jedoch töteten Menschen einen anderen Alligator, was den Großen so sehr verärgerte, dass er verschwand. Von da an blieben die Kontinente getrennt.
Im großen Mittelraum des Biennale-Pavillon wird diese ursprüngliche Verbundenheit der Menschen aus unterschiedlichen Erdregionen anhand von Bildern der modernen Abstraktion thematisiert. Hier hängen Werke aus Asien und Südamerika gegenüber und lassen vorwiegend Gemeinsamkeiten erkennen. Die geometrischen Muster entsprechen eher nicht unsere Art der Abstraktion, die wir seit dem Bauhaus kennen, sondern zeigen ihren eigenen Stil südlicher Kultur.
Innen beginnt der Biennale Pavillon mit einer neuen Aufstellung von Nil Yalters „Exile is a hard work“, die auch zuletzt im Berliner KW-Institut für zeitgenössische Kunst zu sehen war. Es bezieht sich auf die türkischen Gastarbeiter aus den 60ger Jahren, bleibt aber immer noch aktuell, weil sie universelle Bedeutung entfaltet. Nil Yalter wurde in diesem Jahr auf der Biennale mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.
Ganz subjektiv betrachtet sind zeitgenössisch spannende Werke mehr noch im Arsenale zu finden. In den riesigen ehemaligen Werftanlagen Venedigs wirken die Ausstellungsstücke besonders faszinierend. Gleich am Eingang empfängt die Besucher der „Refugee Astronaut“ von Yinka Shonibare, dem britisch-nigerianischen Künstler. In Deutschland ist er von der Documenta 11 (2002) bereits bekannt und somit kein unbekannter Außenseiter. Der Astronaut fordert uns auf, ihm auf dem Weg seiner „Flucht“ in die Ausstellung zu folgen.
In der ersten großen Halle schwebt an der Decke ein zeltförmiges Geflecht, das fantastische Schattenspiele ermöglicht. Dies wurde von der Biennale-Jury als bestes Kunstwerk der Ausstellung gekürt. Es stammt vom neuseeländischen MATAAHO Kollektiv, einer Gruppe Maori-Frauen und sei aus der Tradition von Geburtsmatten entstanden. Allerdings benötigte die massive Stahlkonstruktion mit der industriell perfekten Aufhängung sowie dem Flugzeug-Gurtmaterial sicher professionelle Ingenieure und Handwerker.
Ein weiteres Highlight ist „The mapping journey project“ von Bouchra Khalili. Die marokkanische Künstlerin lebt und arbeitet jetzt in Wien und ist ebenfalls keine Unbekannte im Kunstbereich. Beispielsweise bekam sie auf der Sharjah-Biennale 2023 den Preis für eins der 3 besten Werke. Bouchra Khalili hat für ihr Projekt Menschen in Cafes, auf öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen oder an Haltestellen angesprochen und sie über ihre Wege der Migration aus Afrika oder Asien nach Europa befragt. Gezeigt werden auf 8 großen Screens Landkarten-Videos, auf denen die Hände der Protagonisten mit einem Stift ihre Fluchtwege nachzeichnen und dazu berichten. Selbstverständlich gibt es eine englische Übersetzung. Diese Einzelschicksale sind bedrückend, weil sie ganz persönlich über durchgemachte Strapazen, Quälereien und Ausbeutung berichten.
Die Auszeichnung als beste Nachwuchskünstlerin bekam Karimah Ashadu, eine in Hamburg und Lagos lebende nigerianische Künstlerin für ihre Videoarbeit „Machine Boys“. Hier schildert sie anschaulich die Not junger Männer als Motorad-Taxifahrer in Lagos, die diesen Weg gefunden haben, um aus Armut und Kriminalität herauszukommen. Wenn man bedenkt, wie mächtig die nigerianische Mafia ist, dann ist vorstellbar, wie schwer es auch ist, dieses „legale“ Leben zu führen und auch weiterhin zu verteidigen.
Es sind hier nur einige wenige künstlerische Positionen aus der Fülle der Werke der Hauptausstellung der 60. Kunst-Biennale beschrieben, die jedoch allein schon den Besuch wert wären. Dazu verlockt aber immer auch Venedig als herrliche Kulisse u.a. mit der Via Garibaldi, dem Aperol Sprizz und den großartigen Plaudereinen und kontroversen Gesprächen mit vielen Kunstbegeisterten. Ein fantastisches Erlebnis!
60.Biennale di Venezia, 20.April 2024 bis 24.November 2024
Achtung:
Sehr bald wird an dieser Stelle weiter über die Biennale berichtet. Dann geht es um die LÄNDERPAVILLONS: Sind sie noch zeitgemäß? Welche Bedeutung hat der Gedanke des „olympischen“ Kunstwettbewerbs? Wer hat den Goldenen Löwen gewonnen und welches sind die „Gewinner“ der Herzen oder der Fachleute? Was zeigt speziell der Deutsche Pavillon? Welche besonderen Kunst-Entdeckungen gibt es aktuell noch in Venedig?……
Christina Quarles Gemälde lösen extrem kontrastierende Emotionen aus. Da sind Extase, vertraute Umarmungen, verstörende Berührungen, verzerrte Proportionen oder sogar Fußtritte, aber harmonisch miteinander verknotet, sowohl in pastellen als auch knall-bunten Farben oder collagiertem Materialmix.
Die 38 jährigen Künstlerin aus Chicago ist in den USA bereits ein Star, eins ihrer Bilder wurde für 4,5 Millionen Dollar ersteigert. Äußerlich imponiert sie zwar mit einer recht weißen Hautfarbe, doch ihr Vater ist Afroamerikaner. Thematisch setzt sie sich daher mit der aufgezwungenen gesellschaftlichen Klassifizierung unserer Körper auseinander: mixed rassifiziert, gegendert oder queer. Dass dies zu Verwirrungen führt, besonders in ihren Bildern, ist nachvollziehbar, aber unglaublich anziehend.
Gerade jetzt im Picasso-Jahr erinnert ihr Werk durchaus an ihn, der Frauenkörper in ihre Einzelkomponenten aufteilte und mit unterschiedlichen Perspektiven wieder zusammensetzte.
Nein, abstoßend sind Christina Quarles Bilder auf keinen Fall, sondern üben einen enormen optischen Sog aus, teils bedrohlich und gleichzeitig faszinierend.