Der weltweit gefeierte Künstler war auch in Goslar

Dieser Artikel erschien bei INArtberlin anlässlich der Ausstellung „Rubber-Soul“ mit Gewinn des Kaiserrings in Goslar.
Jetzt 2025 wird Ibrahim Mahama bei den „Power 100“ der britischen ARTReview auf den absoluten Platz 1 der wichtigsten Menschen in der Kunst gesetzt. Außerdem erhielt er gleichzeitig den Goldenen Award der ART Basel. Grund genug, diesen Artikel noch einmal inklusive Interview hier prominent zu präsentieren.
Es sind die unscheinbaren Alltagsutensilien seiner Heimat Ghana, die Ibrahim Mahama zu seinen Kunstwerken inspirieren: kleine Holzkästen mit Schuhputzmaterialien, doch an erster Stelle sind es gebrauchte, zerschlissene Jutesäcke.


Ghana ist der weltgrößte Kakao-Produzent und Arbeiter tragen die wertvolle Ernte in genau diesen Jutesäcken zum weiteren Transport. Sie sind bedruckt mit Angaben zum Inhalt und dem Herkunftsland. Erst wenn sie alt, zerrissen, getränkt mit dem Schweiß der Träger und voller Gerüche der Produkte sind, tauscht Ibrahim Mahama sie bei den Besitzern gegen neuwertige. Die alten Säcke werden aufgetrennt und zu einem riesigen Stück Stoff wieder zusammengenäht gemeinsam mit vielen Helfern an den Orten in der Welt, wo sie Gebäude verhüllen: bei der Biennale in Venedig, der Documenta in Kassel, der Stadtfeier in Osnabrück, der Biennale in Sharjah in den Emiraten, in Berlin oder in London. Sie berichten von den Wegen und der Übermächtigkeit des Welthandels, der einerseits den Absatz sichert, jedoch durch Kontrolle der Preise die Armut in den Herkunftsländern niemals verbessert. Das ist die Message von Ibrahim Mahama.
Jetzt in Goslar sind ausgewählte textile Wandgemälde aus Jutesäcken, Abdeckplanen und Leinensäcken collageähnlich komponiert ausgestellt. Der Geruch bringt Afrika intensiv bis in den Harz. Solche dekorativen Vorhänge kann Mahama im Gegensatz zu den riesigen Gebäudeverhüllungen auf dem internationalen Markt gut kapitalisieren.


In einem Telefonat beantwortete der Künstler einige Fragen:
Frage: Für die Ausstellung in Goslar haben Sie den Titel RUBBER SOUL gewählt. Es gibt doch auch ein Beatles Album mit dem Titel. Hat es etwas damit zu tun?
Ibrahim Mahama: „Ja genau. Als ich neulich bei einer Freundin in Venedig zu Besuch war, sah ich dieses Album bei ihr. Das hat mich darauf gebracht. Soul kann Seele, Soul-Musik oder Schuhsohle bedeuten, also Gummi-Sohle. Da fiel mir ein, dass ja auch in anderen Gegenden der Welt, in Asien, Afrika oder Südamerika Arbeiter in der Gummi-Herstellung und -Verarbeitung schwer und unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Das ergab dann einen Bezug zu meinen Jutesack-Trägern. Auch ihre Seele leidet dabei. Der Titel passt zusätzlich zu meiner Serie der Schuhputzerinnen-Kisten, wenn man an Gummisohlen denkt.“


Arbeitslose Frauen sind in Ghana heimatlos auf Wanderschaft, nur mit einem Holzkasten, in dem sie Werkzeug oder Schuhputzutensilien bei sich tragen in der Hoffnung, hiermit etwas Geld zu verdienen. Mahama hat besonders ihre Arme fotografisch dokumentiert. Nur durch Tätowierungen dort sind die Frauen zu identifizieren, wenn sie den Kampf ums Überleben verlieren sollten. Die auf den ersten Blick unscheinbaren Kästen sammelt der Künstler seit vielen Jahren und hat bereits riesige skulpturale Regale daraus zusammengesetzt, die beispielsweise bei der ART Basel prominent ausgestellt waren. Auch sie sind ein Mahnmal für Armut und Ausbeutung auf dem afrikanischen Kontinent.


Frage: Welche Bedeutung haben die Farbe und das Material bei Ihren letzten Verhüllungs- Projekten in Osnabrück und London? Einmal blau und einmal pink?
https://wordpress.com/post/inartberlin.com/962
Ibrahim Mahama: „Die Stoffe sind alle in Handarbeit gewebt. Es sieht zwar wie Industrieware aus, ist es aber nicht. Die Stoffe werden sonst für Kleidung Höherer Leute produziert, für Uniformen oder festliche Kleidung. Sie werten deshalb das damit verhüllte Gebäude besonders auf. Die darauf applizierten traditionellen Kleider habe ich von den Familien mit viel Überredungskunst bekommen können, denn sie werden üblicherweise über Generationen weitergegeben und nur zu besonderen Anlässen getragen. Sie symbolisieren Familientradition und sind ein Beispiel für Nachhaltigkeit. Heutzutage wird in den reichen Ländern Kleidung kaum noch repariert und verursacht eine große Menge Textil-Müll auf der Welt.“


90% seiner Einnahmen investiert Ibrahim Mahama in seiner Heimat im Norden Ghanas sozial in Kulturzentren, die er zur Begegnung, für Diskussionen und für Kinder und Jugendliche aufbaut. Die Kinder sind für ihn die wichtigsten GestalterInnen einer gerechteren Zukunft für Ghana.
Inzwischen hat er auch ein altes Silogebäude gekauft. Die Silos dienten unter einem früheren Präsidenten als Speicher, um das Land möglichst unabhängig vom Weltmarkt aufzubauen. Diese Vision scheiterte und die Silos wurden mit Sand zugeschüttet. Als der Künstler sie mit Helfern jetzt freilegte, fanden sich dort große Populationen der in Ghana weit verbreiteten Flughunde, einer Art von Riesen-Fledermäusen. Sie sind als abstrahierte Muster auf den Papiercollagen in Goslar wieder zu entdecken neben Bestell- und Lieferscheinen. Ein Video über die Arbeit am Silo ist in der Goslarer Ausstellung zu sehen.


Frage: Sie haben bereits viele Projekte in Ihrer Heimat realisiert: Ihr Atelierhaus, das offen für Kinder und alle Interessierten ist. Die Kunstschule SCCA (Savannah Contemporary Art Centre), und jetzt das Silo. Sie fördern die jungen Leute hiermit und erweitern deren Bildungshorizont. Haben Sie das Gefühl, bereits etwas für ihr Land bewegt zu haben?
Ibrahim Mahama ändert das Handy auf Video-Modus, winkt uns mit fröhlichem Lachen und Stolz zu. Dann zeigt er uns seine Umgebung vor und im Atelierhaus. Zu sehen ist nebenan auch der angefangene Bau eines weiteren Versammlungshauses. Im Hof laufen kleine Kinder in Schuluniform um die Kunst herum. An einer Wandseite im Haus hängt ein großer Jute-Vorhang. Das sei aber keine Kunst, sondern einfach nur funktional.
„Ja, schauen Sie, wie gut es den Menschen bei uns geht. Und wenn die Kinder mal hier waren, erzählen sie es den Eltern. Die kommen dann auch her und es macht mich sehr stolz, dass viele ihre besondere Sonntagskleidung für den Besuch anziehen.“
Die Ausstellung belegt ein äußerst gelungenes Beispiel, wie Kunst und Künstler ihr Herkunftsland und die Menschen dort bereichern und verändern können, direkt und auf Eigeninitiative. Wir aber bekommen durch Ibrahim Mahama nicht nur neue Erkenntnisse, sondern dürfen uns auch an seinen einzigartig überwältigenden Kunstwerken erfreuen.
Ibrahim Mahama „Rubber Soul“, Mönchehaus Museum Goslar, 5.Mai bis 7. Juli 2024