Es ist erst die zweite Ausgabe der Helsinki Biennale. Ein so neuer Kunst-Event macht unglaublich neugierig, zumal in diesem Jahr keine der klassischen anderen Großausstellungen stattfinden.

Kuratiert wurde sie von Joasia Krysa aus dem UK mit polnischen Wurzeln, aber mit internationalen Erfahrungen schon seit sie 2012 kuratorisch bei der Documenta 13 tätig war. Ihr ist hier ein kleines Juwel geglückt.

Die Biennale findet vor allem auf der Hesinki vorgelagerten Insel Vallisaari statt mit seiner nahezu unberührten Natur. Die bewaldete felsig hügelige Insel war lange erst schwedisches und später bis 1917 russisches Militär-Territorium, wovon auch wie Hügel gestaltete und durch Bewachsung getarnte halb unterirdische Gebäude zeugen. Später übernahm nach der Unabhängigkeit das finnische Militär diesen Stützpunkt als Munitionslager. 1937 erschütterte eine ungewollte Explosion wahrscheinlich in einem Sprengstoff-Depot die Insel, weshalb die eine Hälfte immer noch nicht zugänglich ist. Niemand wisse genau, was wo aus welchen militärischen Episoden noch gelagert sei. Erst seit 2016 dürfen Zivilpersonen die – halbe – Insel besuchen.

Aktuell reihen sich hier auf dem etwa 3 km langen Rundweg mit viel Auf und Ab die Werke der Künstler wie Perlen an einer Schnur aneinander.


Sasha Huber and Petri Saarikko: „Remedies“

Mitten auf Vallisaari ist ein kleiner See. Ursprünglich von den russischen Besatzern ausgehoben als Süsswasserreservoir ist es jetzt ein idyllischer Ort mit klarem Wasser…… oder doch nicht? Da sprudelt etwas Unbekanntes Nebeliges bedrohlich aus der Tiefe und wabert über die Oberfläche. Niemand weiß genau, welche verbotenen russischen Stoffe noch zurückgelassen wurden. Die Fantasie bildet die Vorlage und das Konzept für dieses naturnahe Nebelkunstwerk der Schweizer Künstlerin Sasha und ihrem für die Technik zuständigen Partner Petri.
Alma Heikkilä (Helsinki): In einem kleinen Zelt steht eine weiße Pilz-artige Skulptur aus Gips, die aufgrund von Mikrobenbesiedlungen und Regenwasser während des Sommers ihre Farbe mehrfach verändern soll


Suzanne Treister (London): Futuristische Zeichnungen in einem kleinen Häuschen sollen Visionen zeigen, wie auch in einer unbestimmten Zukunft auf der Erde oder in einem anderen Universum ein alternatives Überleben gesichert werden könnte.

Adrián Villar Rojas (Argentinien): Bekannt ist er von der Documenta 13 und der Biennale 2011, wo er große und großartige Gips/Beton-Skulpturen im Weinberg bzw. Arsenale gebaut hatte. Seine Beiträge für Helsinki sind jedoch sehr klein und unauffällig. Er düpiert die Besucher, indem er die 15 Werke auf dem 3 km langen Wanderweg im Wald auf Vallisaari an Bäumen versteckt, wo sie sich fast symbiotisch mit den Stämmen verbinden, so dass es für BesucherInnen ein schwierige Suchaktion wird. Inspiriert sind sie von den Nestbauarbeiten der Hornero Vögel, die aus Schlamm ihre Nester wie kleine Ton-Öfen gestalten.



Emilija Škarnulytė (Littauen): präsentiert Unterwasser-Videos mit Schönheiten der Natur in einem halb unterirdischen Haus, womöglich einem ehemaligen Sprengstofflager.



Sie zeigt Phänomene, die üblicherweise nicht sichtbar sind, z.B. in der Tiefsee. Der Titel „Hypoxia“ bezieht sich auf die dort sauerstoff-freie Umgebung. Aber auch andere optisch beeindruckende Bilder wie die Wasserblühte nach der North-Stream-Explosion faszinieren! Und es sind keine Methan-bubbles!


KEIKEN: Künstlerkollektiv (London/Berlin). Die Gruppe baute ein Häuschen auf dem Steg, der Vallisaari mit seiner Nachbarinsel verbindet. Der besondere Ort bietet von hier einen Blick ins freie Meer. Es stellt ein Portal in eine andere spekulative Welt hinter jeder gesicherten Erfahrung dar.
Doch auch im Helsinki Art Museum und in der City finden sich Beiträge der Biennale.



Bita Razavi: (Estland/Finnland) hat ihre Spinnen-Druckmaschine aus dem Estland-Pavillon bei der Biennale in Venedig 2022 erneut aufgebaut. Der Titel „Kratt“ soll an eine mythologische Figur aus estländischer Folklore erinnern. Wunderschöne botanische Zeichnungen oben, sowie zerstörte Landschaftsbilder aus niederländisch Ost-Indien im unteren Bereich der kinetischen Skulptur betonen die zerstörerischen Folgen der Kolonialzeit.

Zhengh Mahler: (Künstlerpaar ausHongkong/China)hat ein riesiges Grafity-Bild gestaltet, das in dem tiefen Fahrrad-Kanal, der sich durch Helsinki zieht, montiert ist. Motive sind eine Fantasy-Bodengemeinschaft im Erdreich aus Kleinstlebewesen wie Bakterien oder Würmer, zusammen mit erfundenen Wirbeltieren; nein keine richtigen Ratten, doch eigentlich schon hässlich, wenn nicht alles in leuchtenden Farben dargestellt wäre.
Joasia Krysa berichtet bei der Eröffnung ebenfalls stolz, dass ihre „Lehrerin“, die Kuratorin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev wenige Tage vor Eröffnung diese Biennale besucht und sich sofort begeistert mehrere Künstlerkontakte notiert habe. Offensichtlich war sie sehr zufrieden mit der kuratorischen Leistung der jungen Kollegin.
Helsinki Biennale noch bis 17.September 2023.